Unter Töchtern der Wüste
1

[539] »Gehe nicht davon!« sagte da der Wanderer, der sich den Schatten Zarathustras nannte, »bleibe bei uns, es möchte uns sonst die alte dumpfe Trübsal wieder anfallen.

Schon gab uns jener alte Zauberer von seinem Schlimmsten zum besten, und siehe doch, der gute fromme Papst da hat Tränen in den Augen und sich ganz wieder aufs Meer der Schwermut eingeschifft.

Diese Könige mögen wohl vor uns noch gute Miene machen: das lernten die nämlich von uns allen heute am besten! Hätten sie aber keine Zeugen, ich wette, auch bei ihnen finge das böse Spiel wieder an –

– das böse Spiel der ziehenden Wolken, der feuchten Schwermut, der verhängten Himmel, der gestohlenen Sonnen, der heulenden Herbst-Winde!

– das böse Spiel unsres Heulens und Notschreiens: bleibe bei uns, o Zarathustra! Hier ist viel verborgenes Elend, das reden will, viel Abend, viel Wolke, viel dumpfe Luft!

Du nährtest uns mit starker Manns-Kost und kräftigen Sprüchen: laß es nicht zu, daß uns zum Nachtisch die weichlichen weiblichen Geister wieder anfallen!

Du allein machst die Luft um dich herum stark und klar! Fand ich je auf Erden so gute Luft als bei dir in deiner Höhle?

Viele Länder sah ich doch, meine Nase lernte vielerlei Luft prüfen und abschätzen: aber bei dir schmecken meine Nüstern ihre größte Lust!

Es sei denn, – es sei denn –, o vergib eine alte Erinnerung! Vergib mir ein altes Nachtisch-Lied, das ich einst unter Töchtern der Wüste dichtete: –[539]

– bei denen nämlich gab es gleich gute helle morgenländische Luft; dort war ich am fernsten vom wolkigen feuchten schwermütigen Alt-Europa!

Damals liebte ich solcherlei Morgenland-Mädchen und andres blaues Himmelreich, über dem keine Wolken und keine Gedanken hängen.

Ihr glaubt es nicht, wie artig sie dasaßen, wenn sie nicht tanzten, tief, aber ohne Gedanken, wie kleine Geheimnisse, wie bebänderte Rätsel, wie Nachtisch-Nüsse –

bunt und fremd fürwahr! aber ohne Wolken: Rätsel, die sich raten lassen: solchen Mädchen zu Liebe erdachte ich damals einen Nachtisch-Psalm.«

Also sprach der Wanderer und Schatten; und ehe jemand ihm antwortete, hatte er schon die Harfe des alten Zauberers ergriffen, die Beine gekreuzt und blickte gelassen und weise um sich: – mit den Nüstern aber zog er langsam und fragend die Luft ein, wie einer, der in neuen Ländern neue fremde Luft kostet. Darauf hob er mit einer Art Gebrüll zu singen an.


2

Die Wüste wächst: weh Dem, der Wüsten birgt!


– Ha! Feierlich!

In der Tat feierlich!

Ein würdiger Anfang!

Afrikanisch feierlich!

Eines Löwen würdig

Oder eines moralischen Brüllaffen –

– aber nichts für euch,

Ihr allerliebsten Freundinnen,

Zu deren Füßen mir

Zum ersten Male,

Einem Europäer unter Palmen,

Zu sitzen vergönnt ist. Sela.


Wunderbar wahrlich!

Da sitze ich nun,[540]

Der Wüste nahe, und bereits

So ferne wieder der Wüste,

Auch in nichts noch verwüstet:

Nämlich hinabgeschluckt

Von dieser kleinsten Oasis –:

– sie sperrte gerade gähnend

Ihr liebliches Maul auf,

Das wohlriechendste aller Mäulchen:

Da fiel ich hinein,

Hinab, hindurch – unter euch,

Ihr allerliebsten Freundinnen! Sela.


Heil, Heil jenem Walfische,

Wenn er also es seinem Gaste

Wohl sein ließ! – ihr versteht

Meine gelehrte Anspielung?

Heil seinem Bauche,

Wenn er also

Ein so lieblicher Oasis-Bauch war

Gleich diesem: was ich aber in Zweifel ziehe,

– dafür komme ich aus Europa,

Das zweifelsüchtiger ist als alle

Ältlichen Eheweibchen.

Möge Gott es bessern!

Amen!


Da sitze ich nun,

In dieser kleinsten Oasis,

Einer Dattel gleich,

Braun, durchsüßt, goldschwürig, lüstern

Nach einem runden Mädchenmunde,

Mehr noch aber nach mädchenhaften

Eiskalten schneeweißen schneidigen

Beißzähnen: nach denen nämlich

Lechzt das Herz allen heißen Datteln. Sela.
[541]

Den genannten Südfrüchten

Ähnlich, allzuähnlich

Liege ich hier, von kleinen

Flügelkäfern

Umschnüffelt und umspielt,

Insgleichen von noch kleineren

Törichteren sündhafteren

Wünschen und Einfällen, –

Umlagert von euch,

Ihr stummen, ihr ahnungsvollen

Mädchen-Katzen,

Dudu und Suleika,

umsphinxt, daß ich in ein Wort

Viel Gefühle stopfe:

(Vergebe mir Gott

Diese Sprach-Sünde!)

– sitze hier, die beste Luft schnüffelnd,

Paradieses-Luft wahrlich,

Lichte leichte Luft, goldgestreifte,

So gute Luft nur je

Vom Monde herabfiel –

Sei es aus Zufall,

Oder geschah es aus Übermute?

Wie die alten Dichter erzählen.

Ich Zweifler aber ziehe es

In Zweifel, dafür aber komme ich

Aus Europa,

Das zweifelsüchtiger ist als alle

Ältlichen Eheweibchen.

Möge Gott es bessern!

Amen!


Diese schönste Luft trinkend,

Mit Nüstern geschwellt gleich Bechern,

Ohne Zukunft, ohne Erinnerungen,

So sitze ich hier, ihr[542]

Allerliebsten Freundinnen,

Und sehe der Palme zu,

Wie sie, einer Tänzerin gleich,

Sich biegt und schmiegt und in der Hüfte wiegt,

– man tut es mit, sieht man lange zu!

Einer Tänzerin gleich, die, wie mir scheinen will,

Zu lange schon, gefährlich lange

Immer, immer nur auf einem Beine stand?

– da vergaß sie darob, wie mir scheinen will,

Das andre Bein?

Vergebens wenigstens

Suchte ich das vermißte

Zwillings-Kleinod

– nämlich das andre Bein –

In der heiligen Nähe

Ihres allerliebsten, allerzierlichsten

Fächer- und Flatter- und Flitterröckchens.

Ja, wenn ihr mir, ihr schönen Freundinnen,

Ganz glauben wollt:

Sie hat es verloren!

Es ist dahin!

Auf ewig dahin!

Das andre Bein!

O schade um das liebliche andere Bein!

Wo – mag es wohl weilen und verlassen trauern?

Das einsame Bein?

In Furcht vielleicht vor einem

Grimmen blondgelockten

Löwen-Untiere? Oder gar schon

Abgenagt, abgeknabbert –

Erbärmlich, wehe! wehe! abgeknabbert! Sela.


O weint mir nicht,

Weiche Herzen!

Weint mir nicht, ihr

Dattel-Herzen! Milch-Busen![543]

Ihr Süßholz-Herz–

Beutelchen!

Weine nicht mehr,

Bleiche Dudu!

Sei ein Mann, Suleika! Mut! Mut!

– Oder sollte vielleicht

Etwas Stärkendes, Herz-Stärkendes

Hier am Platze sein?

Ein gesalbter Spruch?

Ein feierlicher Zuspruch? –


Ha! Herauf, Würde!

Tugend-Würde! Europäer-Würde!

Blase, blase wieder,

Blasebalg der Tugend!

Ha!

Noch einmal brüllen,

Moralisch brüllen!

Als moralischer Löwe

Vor den Töchtern der Wüste brüllen!

– Denn Tugend-Geheul,

Ihr allerliebsten Mädchen,

Ist mehr als alles

Europäer-Inbrunst, Europäer-Heißhunger!

Und da stehe ich schon,

Als Europäer,

Ich kann nicht anders, Gott helfe mir!

Amen!


Die Wüste wächst: weh Dem, der Wüsten birgt!

Quelle:
Friedrich Nietzsche: Werke in drei Bänden. München 1954, Band 2, S. 539-544.
Lizenz:
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