174.
An Franz Overbeck

[1202] [Poststempel: Rapallo, 22. Februar 1883]


Lieber Freund, es geht recht übel. Meine Gesundheit ist jetzt auf dem Punkte wie vor drei Jahren. Alles ist kaput, und der Magen nachgerade so sehr, daß er auch die Schlafmittel nicht mehr erträgt – was schlaflose, äußerst gequälte Nächte zur Folge hat, und in weiterer Folge eine gründliche Nervosität. – Ah, ich bin fürchterlich von der Natur zum »Selbstquäler« ausge–rüstet. Es versteht sich von selber daß, von außen her gesehn, ich das vernünftigste Leben führe. Aber meine Phantasie et hoc genus omne von Geist sind stärker als meine Vernunft.

Was Rom betrifft, so habe ich gestern abgeschrieben; ich will niemanden jetzt sprechen. Auch habe ich auf einem Umwege gehört, daß meine Schwester in Rom erwartet wird, und daß sie über Venedig reisen will.

Sonnabend siedle ich nach Genua über; meine Adresse ist von jetzt ab (und ich bitte darum, sie nicht mitzuteilen!):

Genova (Italia) salita delle Battestine 8 (interno 6).

Ich will auf dem schon gegangenen Wege in größter Zurückgezogenheit meine Gesundheit suchen. Mein Fehler im vorigen Jahre war, daß ich die Einsamkeit aufgab. Ich bin durch das ausschließliche Zusammensein mit idealischen Bildern und Vorgängen so reizbar geworden, daß ich im Verkehr mit den jetzigen Menschen unglaublich leide und entbehre; zuletzt werde ich dabei hart und ungerecht, kurz, es bekommt mir schlecht.

Wagner war bei weitem der vollste Mensch, den ich kennenlernte, und in diesem Sinne habe ich seit sechs Jahren eine große Entbehrung[1202] gelitten. Aber es gibt etwas zwischen uns beiden wie eine tödliche Beleidigung; und es hätte furchtbar kommen können, wenn er noch länger gelebt haben würde.

Lou ist bei weitem der klügste Mensch, den ich kennenlernte. Aber usw. usw.

Mein »Zarathustra« wird schon im Druck sein.

Ich habe an Cosima geschrieben, sobald ich konnte. Das heißt: nach einigen der allerschlimmsten Tage, die ich zu Bett zubrachte.

Nein! Dieses Leben! Und ich bin der Fürsprecher des Lebens!!

Sobald die Jahreszeit es erlaubt, will ich in die Berge, zu den Südabhängen des Montblanc.

Es hilft alles nichts: ich muß mir helfen, oder es ist aus. –

Was macht bei Dir und Deiner lieben Frau die Gesundheit?

Dein Freund F. N.

Quelle:
Friedrich Nietzsche: Werke in drei Bänden. München 1954, Band 3, S. 1202-1203.
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Briefwechsel, Kritische Gesamtausgabe, Abt.1, Bd.1, Briefe von Nietzsche, Juni 1850 - September 1864. Briefe an Nietzsche Oktober 1849 - September 1864.
Briefwechsel, Kritische Gesamtausgabe, Abt.2, Bd.2, Briefe an Nietzsche, April 1869 - Mai 1872
Sämtliche Briefe. Kritische Studienausgabe in 8 Bänden.
Sämtliche Briefe, 8 Bde.
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