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[134] Größter Nutzen des Polytheismus. – Daß der einzelne sich sein eignes Ideal aufstelle und aus ihm sein Gesetz, seine Freuden und seine Rechte[134] ableite – das galt wohl bisher als die ungeheuerlichste aller menschlichen Verirrungen und als die Abgötterei an sich; in der Tat haben die wenigen, die dies wagten, immer vor sich selber eine Apologie nötig gehabt, und diese lautete gewöhnlich: »nicht ich! nicht ich! sondern ein Gott durch mich!« Die wundervolle Kunst und Kraft, Götter zu schaffen – der Polytheismus – war es, in der dieser Trieb sich entladen durfte, in der er sich reinigte, vervollkommnete, veredelte: denn ursprünglich war es ein gemeiner und unansehnlicher Trieb, verwandt dem Eigensinn, dem Ungehorsam und dem Neide. Diesem Triebe zum eignen Ideal feind sein: das war ehemals das Gesetz jeder Sittlichkeit. Da gab es nur eine Norm: »der Mensch« – und jedes Volk glaubte diese eine und letzte Norm zu haben. Aber über sich und außer sich, in einer fernen Überwelt, durfte man eine Mehrzahl von Normen sehen: der eine Gott war nicht die Leugnung oder Lästerung des anderen Gottes! Hier erlaubte man sich zuerst Individuen, hier ehrte man zuerst das Recht von Individuen. Die Erfindung von Göttern, Heroen und Übermenschen aller Art, sowie von Neben- und Untermenschen, von Zwergen, Feen, Zentauren, Satyrn, Dämonen und Teufeln war die unschätzbare Vorübung zur Rechtfertigung der Selbstsucht und Selbstherrlichkeit des einzelnen: die Freiheit, welche man dem Gotte gegen die andern Götter gewährte, gab man zuletzt sich selber gegen Gesetze und Sitten und Nachbarn. Der Monotheismus dagegen, diese starre Konsequenz der Lehre von einem Normalmenschen – also der Glaube an einen Normalgott, neben dem es nur noch falsche Lügengötter gibt – war vielleicht die größte Gefahr der bisherigen Menschheit: da drohte ihr jener vorzeitige Stillstand, welchen, soweit wir sehen können, die meisten andern Tiergattungen schon längst erreicht haben; als welche alle an ein Normaltier und Ideal in ihrer Gattung glauben und die Sittlichkeit der Sitte sich endgültig in Fleisch und Blut übersetzt haben. Im Polytheismus lag die Freigeisterei und Vielgeisterei des Menschen vorgebildet: die Kraft, sich neue und eigne Augen zu schaffen und immer wieder neue und noch eigenere: so daß es für den Menschen allein unter allen Tieren keine ewigen Horizonte und Perspektiven gibt.

Quelle:
Friedrich Nietzsche: Werke in drei Bänden. München 1954, Band 2, S. 134-135.
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