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[1175] Gespräch über Musik. – A: Was sagen Sie zu dieser Musik? – B: Sie hat mich überwältigt, ich habe gar nichts zu sagen. Horch! Da beginnt sie von neuem! – A: Um so besser! Sehen wir zu, daß wir sie diesmal[1175] überwältigen. Darf ich einige Worte zu dieser Musik machen? Und Ihnen auch ein Drama zeigen, welches Sie vielleicht beim ersten Hören nicht sehen wollten? – B: Wohlan! ich habe zwei Ohren und mehr, wenn es nötig ist. Rücken Sie dicht an mich heran! – A: Dies ist es noch nicht, was er uns sagen will, er verspricht bisher nur, daß er etwas sagen werde, etwas Unerhörtes, wie er mit diesen Gebärden zu verstehen gibt. Denn Gebärden sind es. Wie er winkt! sich hoch aufrichtet! die Arme wirft! Und jetzt scheint ihm der höchste Augenblick der Spannung gekommen: noch zwei Fanfaren, und er führt sein Thema vor, prächtig und geputzt, wie klirrend von edlen Steinen. Ist es eine schöne Frau? Oder ein schönes Pferd? Genug, er sieht entzückt um sich, denn er hat Blicke des Entzückens zu sammeln, – jetzt erst gefällt ihm sein Thema ganz, jetzt wird er erfindsam, wagt neue und kühne Züge. Wie er sein Thema heraustreibt! Ah! Geben Sie acht – er versteht nicht nur es zu schmücken, sondern auch zu schminken! Ja, er weiß, was Farbe der Gesundheit ist, er versteht sich darauf, sie erscheinen zu lassen, – er ist feiner in seiner Selbsterkenntnis, als ich dachte. Und jetzt ist er überzeugt, daß er seine Hörer überzeugt hat, er gibt seine Einfälle, als seien es die wichtigsten Dinge unter der Sonne, er hat unverschämte Fingerzeige auf sein Thema, als sei es zu gut für diese Welt. – Ha, wie mißtrauisch er ist! Daß wir nur nicht müde werden! So verschüttet er seine Melodien unter Süßigkeiten – jetzt ruft er sogar unsre gröberen Sinne an, um uns aufzuregen und so wieder unter seine Gewalt zu bringen. Hören Sie, wie er das Elementarische stürmischer und donnernder Rhythmen beschwört! Und jetzt, da er merkt, daß diese uns fassen, würgen und beinahe zerdrücken, wagt er es, sein Thema wieder ins Spiel der Elemente zu mischen und uns Halbbetäubte und Erschütterte zu überreden, unsre Betäubung und Erschütterung sei die Wirkung seines Wunder-Themas. Und fürderhin glauben es ihm die Zuhörer: sobald es erklingt, entsteht in ihnen eine Erinnerung an jene erschütternde Elementarwirkung – diese Erinnerung kommt jetzt dem Thema zugute, es ist nun »dämonisch« geworden! Was für ein Kenner der Seele er ist! Er gebietet mit den Künsten eines Volksredners über uns. – Aber die Musik verstummt! – B: Und gut, daß sie es tut! Denn ich kann es nicht mehr ertragen, Sie zu hören! Zehnmal lieber will ich doch mich täuschen lassen, als einmal in Ihrer Art die Wahrheit zu wissen! – A: Dies[1176] ist es, was ich von Ihnen hören wollte. So wie Sie sind die Besten jetzt: ihr seid zufrieden damit, euch täuschen zu lassen! Ihr kommt mit groben und lüsternen Ohren, ihr bringt das Gewissen der Kunst zum Hören nicht mit, ihr habt euere feinste Redlichkeit unterwegs weggeworfen! Und damit verderbt ihr die Kunst und die Künstler! Immer, wenn ihr klatscht und jubelt, habt ihr das Gewissen der Künstler in den Händen – und wehe, wenn sie merken, daß ihr zwischen unschuldiger und schuldiger Musik nicht unterscheiden könnt! Ich meine wahrlich nicht »gute« und »schlechte« Musik – von dieser und jener gibt es in beiden Arten! Aber ich nenne eine unschuldige Musik jene, welche ganz und gar nur an sich denkt, an sich glaubt und über sich die Welt vergessen hat, – das Von-selber-Ertönen der tiefsten Einsamkeit, die über sich mit sich redet und nicht mehr weiß, daß es Hörer und Lauscher und Wirkungen und Mißverständnisse und Mißerfolge da draußen gibt. – Zuletzt: die Musik, welche wir eben hörten, ist gerade von dieser edlen und seltnen Art, und alles, was ich von ihr sagte, war erlogen, – verzeihen Sie meine Bosheit, wenn Sie Lust haben! – B: Oh, Sie lieben also diese Musik auch? Dann sind Ihnen viele Sünden vergeben!

Quelle:
Friedrich Nietzsche: Werke in drei Bänden. München 1954, Band 1, S. 1175-1177.
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