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[1196] Verdunkelung des Himmels. – Kennt ihr die Rache der schüchternen Menschen, welche sich in der Gesellschaft benehmen, als hätten sie ihre Gliedmaßen gestohlen? Die Rache der demütigen christenmäßigen Seelen, welche sich auf Erden überall nur durchschleichen? Die Rache derer, die immer sogleich urteilen und immer sogleich Unrecht bekommen? Die Rache der Trunkenbolde aller Gattungen, denen der Morgen das Unheimlichste am Tage ist? Desgleichen der Krankenbolde aller Gattungen, der Kränkelnden und Gedrückten, welche nicht mehr den Mut haben, gesund zu werden? Die Zahl dieser kleinen Rachsüchtigen und gar die ihrer kleinen Rache-Akte ist ungeheuer; die ganze Luft schwirrt fortwährend von den abgeschossenen Pfeilen und Pfeilchen ihrer Bosheit, so daß die Sonne und der Himmel des Lebens dadurch verdunkelt werden – nicht nur ihnen, sondern noch mehr uns, den anderen, übrigen: was schlimmer ist, als daß sie uns allzu oft Haut und Herz ritzen. Leugnen wir nicht mitunter Sonne und Himmel, bloß weil wir sie so lange nicht gesehen haben? – Also: Einsamkeit! Auch darum Einsamkeit!

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Friedrich Nietzsche: Werke in drei Bänden. München 1954, Band 1, S. 1196.
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Morgenröte. Gedanken über die moralischen Vorurteile.
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