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[1241] Zwei Deutsche. – Vergleicht man Kant und Schopenhauer mit Plato, Spinoza, Pascal, Rousseau, Goethe in Absehung auf ihre Seele und nicht auf ihren Geist: so sind die erstgenannten Denker im Nachteil: ihre Gedanken machen nicht eine leidenschaftliche Seelen-Geschichte aus, es gibt da keinen Roman, keine Krisen, Katastrophen und Todesstunden zu erraten, ihr Denken ist nicht zugleich eine unwillkürliche Biographie einer Seele, sondern, im Falle Kants, eines Kopfes, im Falle Schopenhauers, die Beschreibung und Spiegelung eines Charakters (»des unveränderlichen«) und die Freude am »Spiegel« selber, das heißt an einem vorzüglichen Intellekte. Kant erscheint, wenn er durch seine Gedanken hindurchschimmert, als wacker und ehrenwert im besten Sinne, aber als unbedeutend: es fehlt ihm an Breite und Macht; er hat nicht zu viel erlebt, und seine Art zu arbeiten nimmt ihm die Zeit, etwas zu erleben, – ich denke, wie billig, nicht an grobe »Ereignisse« von außen, sondern an die Schicksale und Zuckungen, denen das einsamste und das stillste Leben verfällt, welches Muße hat und in der Leidenschaft des Denkens verbrennt. Schopenhauer hat einen Vorsprung vor ihm: er besitzt wenigstens eine gewisse heftige Häßlichkeit der Natur, in Haß, Begierde, Eitelkeit, Mißtrauen, er ist etwas wilder angelegt und hatte Zeit und Muße für diese Wildheit. Aber ihm fehlte die »Entwicklung«: wie sie in seinem Gedankenumkreise fehlte; er hatte keine »Geschichte«.

Quelle:
Friedrich Nietzsche: Werke in drei Bänden. München 1954, Band 1, S. 1241.
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