Zu Geschichte und Geschichtsschreibung

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Historische Betrachtung ist faustische Skepsis. Es gibt Rassen und Kulturen des Erkennens. Auch als Naturwissenschaftler erkennt man nur in der Art von seinesgleichen und überzeugt nur Menschen der gleichen Art.


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Schicksal und Kausalität: Was Schicksal ist, läßt sich nicht definieren, nur sehend erleben. Die meisten Menschen [sind] zu dumm dazu. Da wird dann die Geschichte in Daten zerlegt und eins als Ursache,[20] das andre als Wirkung bezeichnet. Wer das tut, weiß nicht, was Geschichte ist.

Mussolini [ist] Schicksal. Keine Wirkung. Tragisch. Die ganze Menschheit ist eine Tragödie. Dem Tropf, der kausal denkt, erscheint die Geschichte sinnlos. Sie hat aber einen Sinn, an dem die kleinen menschlichen Maßstäbe und Wertungen – Recht, Unrecht – lächerlich werden. Die Geschichte hat noch nie auf dergleichen Rücksicht genommen.


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Was mit dem Menschen geschieht und wie der Mensch Geschichte macht (cd) – seine ›Weltgeschichte‹ –, indem er seines Horizonts, seiner Lage, Ziel [und] Mittel bewußt wird – und damit vom Schicksal in seiner Seele getrieben wird. Diese bewußte Geschichte beginnt mit der Sprache. Unterschied zwischen den großen Individuen und der Menge: die Großen haben den größeren physiognomischen Blick der Tatsache, aber sie stehen trotzdem im Dienste des Schicksals.


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Der echte Staatsmann und Historiker fühlt sich als Element des Stromes der Wandlung, der unabänderlich strömt. [Politik ist] Kunst des Möglichen. Sich selbst als Element fühlen (Napoleon). Bejahung des Schicksals, amor fati. Der Systematiker, der Ketten von Ursachen, Zahlen, Gesetzen konstruiert [und] statt zu schauen, kritisch zerlegt, glaubt die Kette der Ursachen ändern zu können – Ideologie, Utopie.


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Der große Geschichtsschauer bildet sich die ganze Systematik (Zahl, Daten, Theorie), ohne ihr zu erliegen. Als Mittel zur Verdeutlichung des Geschauten. Der Sammler und Ordner von Daten und Zahlen kommt nie aus dem kahlen Schema heraus zu einem Schauen des Wirklichen, des lebendigen Wandeins.[21]

Data des Raumes (Zahl, Statistik, Chronologie, Karte, Tabelle) sind nur Ausdrucksmittel, nicht Selbstzweck.

Man kann Geschichte des Lebens – biographisch oder welthistorisch – nur bildhaft schildern, im Nacheinander oder [in] künstlerischer Gruppierung (›Untergang des Abendlandes‹).


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Was ist Kultur? ›Leben‹ als Einheit, Menschenleben vor allem eine Einheit.

Kulturen [sind] die organischen Exemplare der Gesamtheit ›Menschenleben‹. Ihre innere Form: Jugend, Alter, Dauer (1000 Jahre), Tempo.

Die konkreten Formen dieser Schicksale [sind] nicht vorauszusehen, aber das Ende der inneren Gestalt ist sicher.


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Die Zahl tötet das Leben – aus Angst Berechnenwollen – Orakel, Prophezeiung, Horoskop. Chronologie darf nie Hauptsache, Schema werden. Der echte Historiker und Staatsmann sieht die Gestalt des Kommenden unwiderruflich voraus (Kunst des Möglichen), der Systematiker sieht nichts. Deshalb rechnet er, und immer falsch. Ihm fehlt die lebendige Zeit. Er spekuliert raumhaft, zeitlos, gesetzhaft.

Die Angst des Systematikers will Daten und Regeln entdecken, um dem Schicksal zu entgehen. Der Physiognomiker hat Ehrfurcht vor dem Schicksal. Er will es bildhaft andeuten, nicht umgehen.


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Kultur ist unbewußte Verwirklichung des Möglichen, Drang, nicht Entschluß. Alle Kulturformen entstehen unwillkürlich. Kein Volk schafft Kultur, sondern wird von der Kultur geschaffen. Die Volkstypen[22] sind wie Kunstwerke und Denkweisen Ausdruck der Kulturen, Symbole.

Wer denkt oder malt oder dichtet, will bewußt nur schaffen; wie es wird, tut eine Macht in ihm, die ihn treibt. ›Es‹ neben ›Ich‹.

Allzu großes Bewußtsein des Gewollten tötet das Schöpfertum. Es bleibt nur Kritik, Selbstkritik. Man weiß, wie es werden sollte, aber kann es nicht machen.


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Nachtrag: Wie in jeder Kultur das Denken sich analog entwickelt, indem der eigne und einzige Blick in die Welt sich sprachlich geistig in Formen herausstellt, die gleichartig ablaufen, am verborgensten in der jeweiligen Logik, die für den ersten Blick ›allgemein menschlich‹ ist. Was grundverschieden ist, ist das Entscheidende, wirklicher als alle Einsichten, nämlich die Methode des Sinnens, Forschens, Schauens: die antike, chinesische, ägyptische Methode sind das ›Urphänomen‹.


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Ein Mensch der großen Tat, wie Napoleon, der in Augenblicken einer schweren Entscheidung schwankt und Zweifel hat, erlebt den Punkt, wo das Denken von Ursache und Wirkung sich als wesenlos erweist und das Schicksal sich enthüllt. Dann hilft kein Denken mehr, nur der Instinkt, der Glaube an den Stern.


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Der Schaffende fühlt sich frei. In jeder Tat liegt Freiheit. Jede Tat, auch die mißlingende, ist dem Wesen nach ein Sieg des freien Willens. Nur der Tatenscheue, der Denker, Priester, Tüftler, kennt diese wirkliche Freiheit nicht. Ihm wird das Wort zum Problem, wie alle Wirklichkeit. Aber das spricht nur die Unnatur seiner Existenz aus.[23]


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›Seele‹ ist ein Stück Geschichte, ein Sichregen in Form: ›Charakter‹ heißt das. Aber Charakter gibt es von einzelnen, Völkern, Ständen, Kulturen und schließlich vom geschichtlichen Menschen überhaupt: Alles das [sind] seelengeschichtliche Ströme von Ort, Dauer, Tempo und Art.

Die Geschichte selbst (die ›öffentliche‹, die Weltgeschichte) ist nichts als der sichtbare, fühlbare, erlebbare Ausdruck dieser ›geheimen‹ Geschichte. Seelengeschichte und Weltgeschichte verhalten sich wie Wollen und Tun, Drang zum Zeichen und Zeichnen, Zorn und Schlag.


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Aber wann beginnt in dieser Geschichte des Seelenanstiegs das Distanzgefühl? Unter Tieren von Rasse [ist es] vorhanden, aber als Trieb der Zugehörigkeit. Unter Menschen aber endlich bewußt, begriffen und deshalb in furchtbarer Tiefe wirksam.

In allen Hochkulturen [ist es] schon alt. Aber wann entsteht das? Die erlesenen Typen des herrischen und heiligen Bewußtseins, heute als soziale und geistige Überlegenheit empfunden – und nachgeäfft. Aber Kultur ist beinahe nichts andres als Distanz. Sie ist paucorum hominum. Die meisten müssen für die Ziele der wenigen arbeiten – in Politik, Religion, Kunst –, sonst entsteht nichts.


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Ideen, die nicht Interesse und Leidenschaften vitaler Art hinter sich haben, bleiben Literatur. Das Christentum kam nur auf, weil es das Feldzeichen der Armen, des Pöbels, der Rassefremden war, das Luthertum ebenso als Waffe der Bauern, Zünfte, Städte, Fürsten, die Idee von 1789, die von Marx ebenso.

Der Geist spielt in der Geschichte keine Rolle, nur die Triebe.[24]


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Die Geschichte schildert das menschliche Herz (Napoleon). Dagegen sind die Gedanken, auch die ewigen, alle Jahrhunderte anders. Und was eine Religion oder ein Denker als Sinn, Bestimmung ›des Menschen‹ und ›der‹ Geschichte hinstellt, ist bloß der Geschmack seiner Zeit.

Der Mensch als Sinn der Welt! Welche Überhebung! Dies zerbrechliche Geschöpf, das für 5000 Jahre ›Geist‹ hat und dann daran zugrunde geht! Der Mensch ist ein Teil, ein Element der Welt, wie Pflanze, Gesteine, Wolken. Daß er sich selbst wichtig vorkommt, ist begreiflich. Jeder Hund und Frosch tut das und sieht seine Welt in bezug auf sich. Das ist ein primitives Vorurteil. Der reife Mensch sieht, wie zufällig, überflüssig seine Art in der Welt ist.


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Zeitalter des keimenden, reifenden, herrischen Geistes. Also in den höchsten Fällen Unbewußtheit und Ahnung, Schauder der Schwermut und Angst, Orgien des lärmenden Triumphes und stillen Ekels.

Überhaupt [ist die] ›Geschichte der Menschheit‹ die Tragikomödie des Geistes, der den Menschen auf die Galeere der Ursachen und Zwecke schmiedet, im Morgengrauen wundervoll, Regungen eines schönen Kindes, Spiele des Geistes, dann versengend, Samum, unter den Sanddünen seiner ›Errungenschaften‹ das Leben begrabend.


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Einleitung: Es folgt aus dieser Art, Geschichte zu sehen, daß der Geist und die Ergebnisse seines Grübelns darin keinen Platz haben. Diese Ergebnisse sind praktisch wichtig genug, aber das hängt nicht davon ab, ob sie ›wahr‹ oder ›falsch‹ sind. Und in jedem Falle ändern sie nur die äußeren Formen des Geschehens, nicht seinen tieferen Sinn. Wenn der Dolch [des Brutus] danebengestoßen hätte, wäre die[25] Geschichte anders geworden. Wenn Newton nie gelebt hätte, hätte sich nichts geändert.


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Was an Größe in der Geschichte liegt, sind die mächtigen Leidenschaften von Rassen, von Völkern, Familien, Ständen, von einzelnen. Was sie kosten, Ströme von Blut, den Brand von Städten, Trümmer, ist nicht zu teuer. Und erst, wenn die öde Vernunft aus den Städten überquillt, wie eine schmutzige Flut, mit Menschlichkeit, Friede oder dem Streben, den Pöbelmenschen mit dem Glück der meisten: Bequemlichkeit, Vergnügen, Brot und Bier zu erfüllen, legt sich eine unermeßliche Langeweile über die Welt, so daß die Menschen von Leidenschaft in andre Erdteile fliehen, Verbrecher werden, Selbstmord begehen – oder diese Welt in Trümmer schlagen.


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Die ursprünglichste Form menschengeschichtlichen Denkens ist in Atlantis und Kasch die religiös-kalendarische Fixierung; groß gedacht hat erst die Heldenkultur: Der Ursprung echten Geschichtsdenkens ist der Ruhm. Berühmt sein, unvergessen sein, in der Geschichte fortleben. Und man lebt fort in Gestalt von Namen und Taten, mythologisch, in Form der Heldensage, die im strengen Gegensatz zu allem früheren (Gilgamesch) eine wirkliche Persönlichkeit meint. Und die älteste Form der ›Geschichtsschreibung‹ ist der Heldensang. Der Skalde ist die Vorform des Historikers: Über Geschichte soll man dichten. Und deshalb behält Geschichtsschreibung hohen Ranges immer etwas vom Heldensang. Weltgeschichte ist eine große Sage vom Glück und Ende des ikarischen Menschen.


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In c noch langer Atem. – ein Jahrhundert bedeutet nicht viel. Erst in d [ist] ein Jahrhundert schon viel.[26]

Daher das Wissen um die Flüchtigkeit der Zeit, die Angst vor dem Tode, daher das Bedürfnis die Zeit zu gebrauchen, den Kalender als Ausdruck der Angst vor der Kürze des Daseins, das Gefühl für Geschichte, Chronologie – Aufzeichnung des Geschehens als etwas Flüchtiges, Verlorenes. Der historische Sinn [ist] Ausdruck des schnellen Lebens auf eine Katastrophe zu.


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Was ist Kultur? Man hat darunter, je nach dem Gewicht der eignen Persönlichkeit, sehr Verschiedenes verstanden: eine Summe von Bequemlichkeiten vom Pfeil bis zum Telefon – Abstraktionen von Museumsbeständen. Ich sehe in einer Kultur ein geschichtliches Ereignis, einmalig, unwiderruflich, und in ihm verwirklicht, vollzogen das Schicksal einer Wesenheit, die Geschichte einer Seele. Kultur ist nicht, sondern geschieht, vollendet sich in und durch Menschen, welche Elemente ihres Ausdrucks sind.


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Gegen Kulturkreise: Ist die prähistorische Art des Ordnens oberflächlich [weil materialistisch], so ist es [auch] die ethnographische der Kulturkreislehre aus einem anderen Grunde: ihr fehlt der Instinkt für die Tiefe der Zeit. Man wird an jedem Orte ›ältere‹ und ›jüngere‹ Schichten von Kulturzügen auffinden, aber das bedeutet noch nicht ›alt‹ und ›jung‹. Es fehlt das Maß für die Größe des Abstandes.

Wenn in Polynesien um 1900 n. Chr. etwas ›alt‹ ist, diese Inseln aber erst in später Zeit überhaupt besiedelt worden sind, so ist 1600 uralt, aber das wäre für Japan sehr jung, und für das Verhältnis zu Babylon fehlt ein ausreichender Wert. Tatsächlich ist aber Madagaskar erst um 600 von Malaien besiedelt worden.

Hier wird es deutlich: die Ideen Tempo und Dauer fehlen der Kulturkreisvorstellung. Sie setzt Heute und Gestern mit Urzeit und Gegenwart gleich – es ist, als ob man die Bildung der Alpen und einer[27] Sanddüne vergleichen wollte. Der Bogen z.B. soll in Polynesien Schichten beweisen: aber der zusammengesetzte Bogen kommt im Jungpaläolithikum Spaniens als Waffe vor, 5000 vor Chr. – demgegenüber sind die Bogenformen Polynesiens nicht Zeitalter, sondern flüchtig.


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Gegenseele: Der Kampf, die Kultur als Schlacht, findet den symbolischen Ausdruck in dieser Zweiheit. In Ägypten und Babylonien, wo mehr Mischung als Unterwerfung ist, ist der Gegensatz nicht so schroff. Beide Elemente bilden ›Bauerntum‹ und ›Gesellschaft‹. In den Nordkulturen dagegen sehr schroff: Unter- und Oberseele.

Vorsicht: Die Gegenseele ist nicht identisch mit Bauerntum, die Oberseele nicht mit Gesellschaft. Sondern überall da, wo der Sieg fraglich blieb, bildet sich ein Sitz der Gegenseele heraus: Sparta – Rom oder Florenz – Paris. Die Siegesseele formt die Gegenseele als ihren Pol.


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Elemente des Geschehens: Kulturen als Organismen. Beschränkung des Themas auf die c- und d-Kulturen. Ablehnung der Einteilung in Neolithikum, Bronzezeit usw. Ablehnung der Kulturkreislehre.

Überblick über die c-Kulturen, heute noch dauernd (daneben noch Reste von Menschentum, die in a-b-Kulturen erstarrt sind, am Südende [der Kontinente] z.B.). Hier noch nicht die Seele dieser c-Kulturen schildern, sondern nur Zeit, Ort und äußere Form. Sie liegen in ihren Uramöben alle in der alten Welt, nördlich des Äquators, und bilden eine Gruppe.

Also Gruppe der Amöben und Gruppe der Pflanzen. Vergleich aus der Biologie: der Urformen des Lebens sind wenige: in der Tiefe immer wieder dieselben. Es gibt nur ein ›Leben‹.

Warum ich mit dem 5. Jahrtausend beginne. Typus und Schicksale, Zahl, Vorkultur, Ort und Zeit der c- und d-Kulturen. Vorläufiges Gesamtbild der Kulturvegetation, deren Oberschicht ›Weltgeschichte‹,[28] deren Unterschicht ›Völkerkunde‹, deren Humus ›Prähistorie‹ ist. So ordnen sich die Fachwissenschaften.

Haupt- und Nebenamöben, Plasma mit vielen Nuclei. Namengebung, Wortschatz, Grammatik, Form und Ziel. Capsien sinnlich symbolisch, Solutréen Sein und Tat, Kasch abstrakt.


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Gegen Kulturkreise und Prähistorie: Es handelt sich in der gesamten Deutung der Kultur noch darum, die Erbschaft des vorigen Jahrhunderts endgültig loszuwerden, die alle heutigen Systeme noch beherrscht: nämlich die Sucht, statt von der Seele von Stoff und Werkzeug auszugehen; und statt die Erzeugnisse fühlend zu begreifen, sie als Ergebnisse modern-intellektueller Zweckmäßigkeitssucht zu werten. Die Geschichte der Urzeit erscheint modernen Gehirnen als Geschichte der Technik, die ›Bronzezeit‹ ist ein Begriff wie die ›Zeit der Dampfmaschine‹. Und die Kulturkreislehre (zit[iere] Frobenius!) ist, wenn man über bloße Worte zu gedanklichen Grundlagen dringt, nichts als die Ansicht, daß technische Methoden – Bogen, Keramik, Ackerbau – den Charakter der ›Völker‹ entscheiden.


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Neue Begriffe: Es gibt etwas, das ich prähistorische Tradition nennen will. Das ist eine Macht, die sich jeder reifen Kultur überlegen erweist und sie in ihren Bann zieht. Diese Tradition stammt aus den c-Kulturen, die als Bauerntum, ›Volk‹, ›Land‹ das Fundament aller Hochkulturen bilden, welche nur ihre Städte darüber und darauf gründen. Dazu gehören die ewigen Bewegungstendenzen. Wenn z.B. eine solche von Tunis nach Molfetta, Kreta, Karien, Etrurien, Sardinien, Spanien besteht, so unterlagen ihr geistig die Karthager.

Es gibt also Erben dieser Tradition. Und alle Hochkulturen treten da eine uralte Erbschaft an. So die Perserkönige, als sie den keramischen Diminiweg aufnahmen, wie vorher Sargon. Ein andres ist die[29] Tendenz, die Ausdruckssprache in gewisser Richtung – Ausdrucksrichtung – zu entwickeln: in Mythen, Stein, Staat.


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Eine Folge der Aufteilung in materialistische Stufen von Stein- und Metallgebrauch ist, daß man eine ganze Reihe von Werkzeugformen aufstellte und für alle Länder einordnete; fand man irgendwo nichts, war in Spanien kein Neolithikum, so glaubt man an eine Zeit, wo die Bevölkerung abgewandert war. Tatsächlich aber hat es nie eine menschliche Kultur überhaupt gegeben, sondern nur Einzelkulturen von individueller Form, folglich auch stets Sonderentwicklungen. Das Capsien z.B. ist ein Stück des äußeren Ausdrucks der Atlantis, und es bildet mit der spanischen Kupferzeit ein organisches Ganzes.

Damit löst sich die Stufenfolge nach dem Material in die Zeitfolge organischer Kulturen auf, und zwar primitiver Kulturen verschiedenen Ranges. Der Grad der Primitivität hängt aber, wie alles Menschliche, nicht von der Zeit, sondern vor allem vom Menschentum ab. Schon im ›Jungpaläolithikum‹ heben sich deutlich Gebiete höherer und niederer Primitivität ab, und zur Zeit der Keramik sind die Rangunterschiede bereits unermeßlich.


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Was Kultur überhaupt und hohe Kultur unterscheidet, ist die Menschengröße, die Höhe und Tiefe von Seele, die am Wollen und am Leiden wächst bis zur Sonnenhöhe der Weltgeschichte im Anbruch des Heldentums. Die großen Kulturen sind ihre Schlachten: die Siege bis zum Abendrot und dann der Blick in das furchtbare Umsonst über der Walstatt.


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Der rein zufällige Umstand, daß im ›Neolithikum‹ gar nicht die Steingeräte, sondern die Tongefäße zuerst ins Auge fallen, weil sie[30] sich am massenhaftesten erhalten, bringt es mit sich, daß nun auf einmal die Einteilung ganz äußerlich nach Gefäßformen und Verzierungen erfolgt, obwohl beides ganz verschiedene Bedeutung besitzt. Und es ist nur Zufall, daß diese Merkmale trotzdem auf richtige Wege – teilweise – leiten.

Die Gefäßformen sind Formen der Lebenshaltung, also der Körperhaltung, der Rasse und ihres bewegten Stils, ihrer Geste. Sie gehören also zusammen mit den Formen der Waffen, Geräte, Gräber, Hütten, Kleidung; das ist Sitte im weitesten Sinne. Die Gefäßverzierung dagegen ist ein Ausdruck des Weltgefühls und gehört zur Religion, zu Kult, Mythus, Ritus, Schmuck. Jene, Rasseform, Gebrauchsform, läßt auch auf die politische Struktur schließen: Struktur von Familie, Stamm, Sippe. Zu dieser muß auch die verlorengegangene Kunst gehören: Tanz, Sang. Siedlungsformen.


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Kann man Metaphysik überhaupt in gelehrter wissenschaftlicher Form einfangen? Sicher ist, daß sie in den großen Kunstwerken – Bauten, der Musik, der Malerei, den Dramen lebt. Und in der Darstellung der großen Geschichte. Denn Geschichtsschreibung ist Gestaltung, Schöpfung, ist Dichtung im höchsten Sinne. Nur durch geschichtliche, nicht durch systematische Darstellung läßt sich außerhalb der Kunst mitteilen, was an Geheimnis in der Welt und im Menschen schläft.


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Was nötig ist, die eigentliche große Aufgabe des 20. Jahrhunderts in der ›psychologischen‹ Forschung, ist nicht irgendeine Psychologie (Klages), sondern die Geschichte der menschlichen Seele, ihrer Entstehung, Entwicklung, [ihres] Niedergang[es]; wie sie Leid auf Leid häuft, denn dem Tier gegenüber ist das menschliche Leiden, weil innerlich und über Gegenwart und Körper hinaus, ins Unendliche gesteigert. Der Mensch ist das seelisch leidende Tier. Das ist seine[31] Tiefe, seine Größe. Deshalb ist die Weltgeschichte des Menschen eine Tragödie. Denn alles, was er ausdrückt, seine gesamte Kultur, sein Wollen und Kämpfen, Kunst, Religion, Staat, Krieg, ist aus dem Leiden an dem Dasein der Seele entstanden.


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Was ist denn Philosophie, so wie man bei dem Worte fühlt, ohne es definieren zu wollen oder [zu] können? Keine Wissenschaft, wenn auch, wie beim physiognomischen Schauen der Weltgeschichte, das Wissen Voraussetzung ist, sondern Tiefe, Ahnen des Unaussprechlichen. Nicht die kritische Intelligenz [entscheidet], sondern das weltenferne Schauen und Grauen, die Ehrfurcht vor nicht lösbaren Rätseln. Glühende Weisheit, letzte Schauer eines Ahnens im selben Augenblick.


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Was und wie ein Denker denkt – das ist die eine Frage. Aber warum gerade er so denkt, ist wichtiger. Zieht man von seinen Gedanken alles ab, was durch die Sprache, die Wortgebundenheit seines Denkens bestimmt ist – die Urteile z.B. –, was er anderen nachspricht, weil es ihm nicht möglich ist, sich von der Schematik seiner Lehrer in der Kirche, der Schule, der Umgebung, der Fachwissenschaft zu befreien, so bleibt seine Persönlichkeit, soweit sie sich in Gedanken ausdrückt. Philosophisch reden – dozieren z.B. – ist gefährlich. Noch gefährlicher die schriftliche, schriftgebundene Philosophie, das Buch, das System. Was man in tiefen Augenblicken wirklich denkt, kommt nie unverändert in die Folge von sprachlichen Sätzen. Und wer nicht zwischen den Zeilen lesen kann, der erfährt oft das Entscheidende nicht.


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Wendung durch Schopenhauer, 19. Jahrhundert. Trotz seiner Kantischen Halbheiten. Welt als Vorstellung. Das ist das Neue. Nietzsche[32] lehnte sich gegen seine eigne kritische Einsicht auf, weil er als Pastor Zukunftsideale nötig hatte: [den] Übermenschen, [die] Wiederkunft, an die er selbst nicht glaubte.


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Das 19. Jahrhundert, materialistisch gesinnt und darwinistisch begeistert über die Steinzeittheorie, außerdem im Glauben der Fortschrittphilister befangen, stellte an Hand des Stoffes der Funde, was bezeichnend ist für die Plattheit des Denkens, ein Schema auf, das für die ›Menschheit‹ gültig sein sollte und in das nun nach Form und Stoff alles Gefundene eingeordnet wurde. Wir sind im Begriff, diese Art der Betrachtung aufzugeben: es gab keinen ›Fortschritt‹, und es gab keine Stufen der Menschheitsentwicklung. Es gab nur Kulturen, organische, örtlich und zeitlich begrenzt, mit einer individuellen Ausdruckssprache. Wenn in einem Lande eine solche ›Stufe‹ ›fehlt‹, so heißt das nicht, daß die Menschen fehlten, sondern daß eine Kultur, zu deren Ausdruck diese nicht allgemein menschliche Stufe gehörte, dieses Land nicht berührt hat. Es gibt keinen ›Hiatus‹.

Gegen die Kulturkreislehre aber ist ihr Mangel an Verständnis für Dauer und Tempo einzuwenden. Es versteht sich von selbst, daß in heutigen Zuständen ältere und jüngere Formen zu[sammen] sind: aber das gilt nur relativ, für diese Völker, nicht für die Geschichte. Es ist Unfug, in Australien und Polynesien von einer ›Urkultur‹ zu sprechen, wenn die Besiedlung erst nach 1000 nach Chr. beginnt. Alles, was diese Schule an ältesten und tiefsten Schichten auf Grund lebendiger Gegenwartsbeobachtung entwickelt hat, ist allerjüngste Form, gemessen an dem, was die Geschichte Ägyptens und Babyloniens lehrt. Es handelt sich dort um die letzten Jahrhunderte, hier um Jahrtausende.


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Die abendländische Kultur [ist] die sonnenärmste. Diese winterlichen Städte, diese frierenden Menschen, die Not nicht nur des Hungers, sondern der Kälte, die Weltanschauung der langen Winternächte, das[33] Denken in düsteren Stuben, das Dasein in verschlossenen Häusern – das alles hebt den Stil der faustischen Kultur aus allen andren heraus.


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Hier muß eine Lücke des ›Untergang des Abendlandes‹ ausgefüllt werden: Das Allgemein-Menschliche. Das Phänomen ›Mensch‹ auf der Erdrinde. Das Ewig-Urmenschliche: Instinkte, Liebe, Hunger, Angst, Krieg, Haß. ›Leben‹ [ist] ein Urphänomen dieses Planeten. Sinn des Lebens in sich selbst. Der ›ungeschichtliche‹ Mensch als Augenblick des Erdschicksals. Aber inmitten dieses Ereignisses das Wunder der hohen Kulturen. Nun herausarbeiten, wie sich das vom Ewig-Primitiven abhebt und doch wieder ihm gleich ist. Wie im höchsten Kultursymbol doch nur eine Sublimation des Urmenschlichen steckt, so in der Wissenschaft die Urangst.

Wie aber die Reflexion hierüber, die Mechanisation des Weltbildes, nur Episode ist. Und nun die Gruppe der Kulturen als Ganzes, ihre Beziehungen, Zwischenstufen. Aufbau dieses nicht organischen Gemenges, das selbst keine Entwicklung hat, sondern nur eine Handvoll Einzelentwicklungen darstellt.

›Das Leben‹ ist die allmächtige Urtatsache. Alles andre, Kultur, Erkennen, Lieben, Hassen, sind nur Arten der Lebensäußerung. Cogito ergo sum ist Unsinn.


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Die winzige Menschenzahl der Urzeit, die das Bild ganz verändert. Daß Germanien zur Zeit des Tacitus 2.3 Millionen Einwohner hatte, muß der Urzeit gegenüber schon unermeßlich gewesen sein. Da waren es vielleicht 10000. Wie wird es in Zukunft sein, wenn die letzte Kultur verblüht ist? Wieder eine Reduktion auf winzige Zahlen?

König Gudea (um 2340), einer der mächtigsten Herrscher in der babylonischen Kultur, gibt stolz die Zahl seiner Untertanen mit 216000 an. Unter Urukagina seien es nur 36000 gewesen. Ebenso müssen die Zahlen in den alten ägyptischen, chinesischen und indischen[34] Kulturen gewesen sein. Die späteren Kulturen rechnen schon mit ganz andren Zahlen auch bei feindlichen primitiven Völkern. Das ändert aber alles. Das Weltgefühl wird anders, sobald man statt unendlichen Flächen Nachbarn hat. Krieg, Intelligenz als Waffe, die Waffe selbst, die jetzt gegen Menschen nötig ist, die Konkurrenz um physische, geistige, t[echnische] Überlegenheit – um sich zu halten. Man muß sich übertreffen. Unter diesem Aspekt steht der Mensch seit 10000 Jahren; infolgedessen [findet man] gegen[über] früher eine rapide Änderung aller Bedingungen, aller Lagen, Stimmungen, Meinungen, Eindrücke (von andern, von der Natur, von den relativ seltener werdenden Tieren). Bis die hohen Kulturen blitzartig auftreten. Man denke an die tragische Vernichtung der Maya durch die abendländische Spätzeit. Ursprünglich [hat man] gar kein Gefühl für die andren Menschen, die man gelegentlich sieht. Dann aber, sobald sie ›Nachbarn‹ werden, [erwacht] der Urgegensatz Feind und Freund, Haß und Vertrag. Ursprung des Rechts?


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Die ›große Persönlichkeit in der Geschichte‹ ist fast eine Phrase. Man denkt nicht darüber nach, daß [ihre] Bedeutung in keinem Verhältnis zur Wirklichkeit steht, daß hier der Zufall entscheidet, ob die großen Menschen einer Zeit an die Spitze treten – was eine ganze Reihe ganz unwahrscheinlicher Zufälle voraussetzt und außerdem eine große Epoche –, ob sie nur mitwirken oder ganz unentwickelt bleiben, auch für sich selber, während wenig oder gar nicht bedeutende Menschen die Tatsache mit ihrem Namen krönen. Wenn eine große Situation gegeben ist, nimmt der erstbeste den Platz ein: wenn sie es nicht ist, kann auch der größte Mensch seinen Platz nicht finden. Große Männer sind also etwas anderes als welthistorische Persönlichkeiten.


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Genie, Zufall: Hier ist doch zu unterscheiden, ob der berühmte Name der eines Mannes wie Hannibal oder Cäsar ist, der einer Zeit[35] die Gestalt seines Wesens gibt, oder ein Danton oder [Robespierre], der nur aus Mangel an großen Personen einem anonymen Ereignis einen Zufallsnamen aufdrückt, selbst nur geschoben, nicht schiebend.

Unter den weltbewegenden Personen sind nur sehr wenige Genies, und nur wenige der Genies haben die Welt bewegt: meist waren es viel geringere Personen, die der Zufall an ihren Platz stellte. Auch Cäsar und Napoleon sind durch Zufälle an ihren Platz gekommen – wieviele Genies sind durch den negativen Zufall unentfaltet geblieben! Selten ist eine welthistorische Entscheidung zwischen zwei so unbedeutenden Personen wie Oktavianus und Antonius bei Aktium getroffen worden: die Pseudomorphose der arabischen Kultur, das Schicksal des Abendlandes, das nun nicht weiter organisiert wurde – aus Mangel an Energie bei Augustus –, die Form des Prinzipats: das alles war hier Zufall zwischen mittelmäßigen Leuten, während so bedeutende Köpfe wie Sulla und Cäsar wenig nachgewirkt haben. Aber andrerseits Hannibal! Nur durch ihn ist Rom groß geworden. Und wieder die Belanglosigkeit der Diadochen!


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Mythus und Geschichte: Der Mythus ist das Ursprüngliche. Primitive Menschen und Kinder empfinden ahistorisch. Vergangenheit ist ihnen ein wenig perspektivisches Bild, das dicht hinter der Gegenwart abschließt und keineswegs etwas ›andres‹ bietet. Auch der atheistische Mensch der Frühzeit sah wesentlich mythisch, obgleich schon die einzelnen weiten Perspektiven das Bild durchbrechen. Man beachte die Kostüme der Bilder aus der biblischen Geschichte, die heutig sind (Uhde ist natürlich Lüge). Ganz frei machen kann sich niemand. Selbst wir deuten uns die Seele des antiken Menschen, der Tragödie, der Kunst sehr ›gegenwärtig‹. Man denke an unsre Urteile über hellenische Plastik. Trotzdem gehört der historische Sinn in einer dynamischperspektivischen Weise zu den stets wachsenden Elementen der faustischen Seele. Ein geistiger Ruck ist 1500, dann wieder 1800. Heute das[36] Maximum: die Wirkung sub specie der gesamten Weltgeschichte sehen! Das wird bald abnehmen.

Der Ahnenkult hat etwas Mystisches; er denkt nur an das Bleibende. Der antike Geschichtsdenker (Thukydides) ist statisch; alles ist und wird sein wie es gewesen ist, abgegrenzt durch den Mythus. Geschichte als universale Entwicklung ist einfaustisches Postulat. Die antike Biographie ist eine statische Zusammenstellung von Anekdoten, die faustische [ist] Entwicklung, die nur durch Anekdoten bewiesen wird. Man unterscheide also die bloße Dimension (Umfang) und die funktionale Variabilität des Geschichtsbildes.


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Mythus und Historie: Zum abendländisch zivilisierten Aspekt gehört ein Blick auf die (allerdings nebelhafte) ›Zukunft der Menschheit‹ mit einer Dimension von Jahrtausenden, ebenso wie uns ein Anfang, sei er homerisch oder biblisch, rein als Ganzes, peinlich würde. Einem Griechen wären derartige Vorstellungen nie eingefallen.

Zwei mächtige Endaspekte sind möglich und beide aufgestellt worden: Einen endlich zu erreichenden Idealzustand oder eine unbegrenzt fortschreitende Entwicklung zu ungeahnten Möglichkeiten. Antik ist nur die Vorstellung, daß der augenblickliche Zustand durch einen andren, auch möglichen, ersetzt werden könnte – statisch. Der Skeptiker erkennt diese [unsre ›unendliche‹] Vorstellung als Form, als Symbol.


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Hier sorgfältig Eduard Meyer I, 1.2 studieren über die allgemeine Verwandtschaft des Seelentums der drei indogermanischen Kulturen, z.B. Weltdenken, Göttertum, und der drei südlichen: Ägypten, Babylonien, Arabien. Dann das Verhältnis der hohen Kulturen zur Prähistorie (Diluvium, Steinzeit), ihre Gruppe und ihr Schicksal als ephemeres Phänomen der Erdoberfläche. Die vielen Einzelprobleme der Ursprachen, Urreligion, Ursitte, überhaupt der genetischen Voraussetzungen aller hohen Kulturen.[37]

So [erscheint] z.B. im arischen Urdenken stets der Himmelsvater und die Mutter Erde, der Monismus des Weltseins, das Universale der Idee, bei den drei andren dagegen der Gegensatz von totem Stoff und lebender Kraft, Dualismus, lokal abgegrenzt, Götter als Gegensatz zur Welt, der Mensch geformt, nicht gezeugt etc.

Erst aus diesem Gemeinsamen der Urzeit ergibt sich die großartige Symbolik der antiken, abendländischen, indischen Sonderentwicklung. So aus indogermanischem Weltdenken zunächst vedischer, apollinischer, faustischer Mythos – dann Physik: Statik, Dynamik. Aus dem ursemitischen Denken ägyptischer, arabischer, babylonischer Mythos.


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Genie und Privatschicksal: Zum Unterschied und Widerstreit von allgemeinem und privatem Schicksal: z.B. Nietzsche, der die Epoche von 1880 zum großen Teil philosophisch repräsentiert. Wie Epikur. An seiner Stelle konnte es auch eine Art Leibniz sein, ein philosophischer Mommsen, ruhig, kalt, mit immenser Gelehrsamkeit auf allen Gebieten und mit einer langen Reihe gründlicher Bände. So war es der gewaltsame, dilettantische, ewig selbstquälerische, der Künstler ohne Gestaltungskraft. Oder Kunstepochen, die durch eine große Gestalt (Aischylos, Sophokles, Shakespeare) oder viele kleine repräsentiert werden.

Ursachenin der Geschichte: Die Französische Revolution sei auf die ›Zustände‹ der sozialen Lage, die Reformation sogar auf wirtschaftliche Verhältnisse ›zurückzuführen‹. Das heißt Physik am unrechten Platz treiben. Daß das eine auf das andre, nicht aus dem andren folgt, wird verwechselt. Die bloße organische Entwicklung wird mit einem Kausalnexus verwechselt. Andrenfalls müßte eine Regel gelten: weil Zustände so sind, muß eine solche Revolution folgen. In der Naturwissenschaft gehört zu einer Wirkung eine Ursache. In der Historie gehen einer Tatsache unendlich viele andre voraus. Es ist Physik, hier jedesmal dasselbe Motiv, z.B. Wirtschaft, anzunehmen.[38]


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Genie: Das antike Denken besitzt diesen Begriff nicht. Er liegt auch nicht im Wesen antiker Menschen, von einer [Person] so distanzierende Eindrücke zu haben, die dem Begriff zugrunde liegen. Im Abendland aber gibt es zwei Begriffe von Genie. Der eine ist faustisch. Nach diesem Gefühl ist nur eine sehr kleine Anzahl rein faustischer Naturen so zu nennen, z.B. Dante, Michelangelo, Shakespeare, Goethe, Beethoven, Napoleon. Das Dynamische der Tendenz ins Unendliche, zum Raum hin, vom Körper fort – das ist ›genial‹. Schon das bloße Streben ohne Wirkung ist ›genial‹ – Jean Paul.

Andrerseits der sadistische Begriff des homme de genie, Menschen in großer Anzahl, die Geist, Raffinement, Freiheit besitzen: Voltaire, Larochefoucauld.


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Schicksal. Genie: Mehrfacher Sinn des Wortes:

1. Genie als faustische Seele in höchster Potenz. Also keine antiken Genies.

2. Aber Genie als urmenschliche Unmittelbarkeit innerhalb einer Kultur. Also die genialen Momente, deren jeder Mensch fähig ist (Momente höchster Erregung): Zorn, Liebe, Leidenschaft, wo der ›Geist‹ dem Vitalen unterhegt, wo man Prophet, Dichter, Maler wird, wo selbst der schlichte Mensch Worte findet, die hoch über seinem intellektuellen Niveau liegen. Das Genie von der Gotik bis zur Zivilisation seltener und matter werdend: Dante – Goethe – Wagner. Nur bei Männern, Städtern, aber in so hoher Potenz, daß ›Unsterbliches‹ entsteht, weil eben der Unterschied zwischen dem bloßen Moment (Möglichkeit) und der Produktion (Wirklichkeit) liier entscheidet. Jene Menschen mit leidenschaftlich genialen Momenten sind nur potentiell.

3. Endlich Genie und Schicksal: die relativ äußerst seltenen Momente, wo geniale Möglichkeit wirklich zur epochemachenden Realität wird. Goethe z.B. hätte Diplomat werden können, Napoleon Journalist – und ihr ›Genie‹ wäre nicht epochal geworden.[39]


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Schicksal, Zufall, Genie: Ich sehe das so: Ausdruck einer seelischen Daseinsart bleibt alles, was bewirkt wird – staatliche, religiöse, malerische, praktische, industrielle, militärische Formen. Der Forminstinkt, der in einem Shakespeareschen Dramenentwurf und in einer Napoleonischen Schlacht zutage tritt, ist ein und dasselbe. In den Geist eines Naturbildes eindringen, wie Goethe, und in unzähligen Vermerken eine Form vor Augen zu stellen, oder in den Geist eines politischen Bildes, um einen Staat zu leiten – das ist ein und dasselbe. Konstruiert eine Dampfturbine oder entwerft eine Sinfonie – ihr tut ein und dasselbe.

Und wenn ich den eben werdenden Menschen setze, das Kind – so ist er entweder solcher Dinge fähig oder nicht. Im letzteren Falle ist es gleichgültig, wohin ihn das Schicksal wirft. Wir haben Tausende von unfähigen Königen, Generälen, Dichtern gesehen. Im ersten Falle kommt es darauf an, in welcher der realen Formen, der praktischen Möglichkeiten der Zeit, sich die inneren Möglichkeiten erziehen. Im schlimmsten Fall in gar keiner – und ich glaube, daß das die ungeheure Mehrzahl der Fälle ist. Die Natur ist verschwenderisch. Man sehe das Schicksal der Keime aller Pflanzen und [der] Tierwelt. Kant als verbissener Steuerbeamter, der seine Vorgesetzten mit seiner kniffligen Rechthaberei ärgert, Beethoven als verrückter Schulmeister und Trunkenbold, Friedrich der Große als Abbe, Napoleon als Winkelbankier ...


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Schicksal, Zufall, Genie: Ich sehe in jedem Augenblick Menschen, die große Menschen hätten werden können. Genie liegt als Möglichkeit in beinahe jedem. Ich glaube, daß es zur Zeit Goethes, Kants, Napoleons in Europa Hunderttausende gab, aus denen Dichter, Denker, Täter ersten Ranges werden konnten. Das Schicksal griff einzelne heraus und machte ihre private Art zur Form der Zeit. Die deutsche Literatur ist Goethe. Man streiche ihn und denke sich die Epoche mit[40] einem oder einigen anderen Namen besetzt, und das 19. Jahrhundert sähe anders aus. Napoleon war nicht, als er 10 Jahre war, der erste P[olitiker] seiner Zeit. Sicher nicht. Der Zufall hob ihn heraus, entfaltet seine genialen Züge bis zur äußersten Wirklichkeit, bis zur historischen Tatsache des ›großen Menschen‹ – das stellte tausend andre dafür in den Schatten, die zum Teil nie ahnten, was unter andren Umständen aus ihnen hätte werden können. Als Napoleon 20 Jahre war, ahnte ihm nichts von seiner großen Zukunft. Das haben er und andre erst nachher gesagt. Als Nietzsche 25 war, ahnte er nicht, daß er der Philosoph seiner Zeit werden würde. Es kam über ihn. Gewisse seiner Anlagen reiften zu gewissen R[ealitäten]. Ich kann mir Shakespeare sehr [wohl] als englischen Admiral oder als üblen Zänker in einem Provinzwinkel denken.

Daß man von geborenen großen Menschen redet und daran glaubt, daß sie infolge ihres Geistes es zu irgend etwas bringen werden, ist Kausalitätswahn. Nicht der große Mensch macht die Zeit, nicht die große Zeit den großen Menschen – alles das ist kausal [gedacht]. Ich kann mir Napoleon sehr wohl als Pariser Geldmenschen mit zweifelhafter Vergangenheit um 1820 denken – Offizier, Spekulant, Jobber. Ich kann mir Goethe als Bürgermeister von Frankfurt denken, allseitig geschätzt als geistreicher Mann, Gelegenheitspoet und etwas belächelt wegen seiner Schwäche für Damen. Wieviel fehlte und er hätte Götz und Werther nicht geschrieben! Es hätten nur andre Anregungen kommen müssen, statt Herder ein Fürst, und er hätte gar nicht daran gedacht, aus seiner Gelegenheitspoesie etwas Ernsteres zu machen.


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Prolegomena zur Geschichte: Das große Umsonst aller Kulturen. Keine ›ewigen Wahrheiten‹, keine unsterbliche Kunst. Gewordene Historie ist tote Historie. Die Antike ist tot. Was wir ihr Fortleben nennen – in uns, den ›Erben‹ –, ist die Geschichte eines planmäßigen Mißverständnisses eines endgültig Vergangenen: dadurch wird es Maske und Stoff für unsre eigne Symbolik.[41]

Raum, Kausalität, System, Naturgesetz, Denknotwendigkeit – die starre Form des Verstandes und seines alter ego, der Welt als Natur. Nun aber der Mensch, insofern er nicht nur Verstand ist, mithin das ›Übernatürliche‹. Ist die Welt Vorstellung, dann sind die Naturgesetze aufgehoben, sobald das Wort Vorstellung nicht mehr den Zustand bezeichnet. Die Historie als das ewig Übernatürliche, das Wunder (z.B. große Gedanken, Erleuchtungen). Ein Wunder ist die Idee des Faust.

Hier gilt nicht die Intelligenz, sondern der große Mensch. Geschichte, Religion, Ethik, Kunst sind der Bereich des Wunders. Hier gibt es keine Kausalität, kein Naturgesetz. Das Wunder als das Zufällige. Alle großen Menschen sind Zufälle: Die Geschichte nimmt die Physiognomie eines Privatschicksals an.


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Zufall‹: Napoleons Gesuch, zur Organisation der türkischen Artillerie nach dem Orient gehen zu dürfen, wird 15. September 1795 genehmigt. Am selben Tage aber hatte ihn der Zentralausschuß wegen Gehorsamsverweigerung aus der Offiziersliste gestrichen. Drei Wochen danach wird er General der Armee des Innern.


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Das tiefste Wort über Geschichte steht im Hamlet, in der Schauspielerszene: Die Geschichte ist der ›Körper der Zeit‹, und das Drama soll ihm den Abdruck seiner Gestalt zeigen.


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Keine Landschaft wird zum zweiten Male Mutter einer Kultur. Es waltet ein tiefer Sinn in dieser Beziehung zwischen dem Inbegriff der Welt, die wir die gestaltet wirkende Fl[äche] der Erde (Natur) nennen, und jener andren gefühlten, die Einheit der Kultur ist. [Kultur ist ein] Kind, an dem seine Mutter stirbt.[42]

Auch das Abendland wird mit dem meilenweiten Raum seiner Weltstädte, seinen verfallenen Bahnen, Bergwerken, Fabriken, seiner stumpfen Restmenschheit ein ausgebrannter Krater werden und auf neue Menschen harren.


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Zum Problem derWillensfreiheit‹: Es hätte nicht leicht eine schlechtere Bezeichnung für diese Frage gewählt werden können: die Formulierung allein schließt schon den methodischen Fehler in sich, den es aufzudecken galt. Es handelt sich um den Gegensatz der Menschen als Glied des Weltbildes der Natur oder der Geschichte. Wenn jemand sagt: Ich erkenne, daß Willensfreiheit unmöglich ist, aber ich fühle mich frei, so hat er das Rätsel bereits gelöst. Denn ›Freiheit‹ ist hier wie immer ein Gegenbegriff; das Wort soll die Nichtgültigkeit des Kausalitätsprinzips bezeichnen. Und in der Tat: da Kausalität die Form des intellektuellen Denkens und also die Logik des Ausgedehnten ist, so ist ›der Mensch‹ (gleichviel welchen Komplex von Tatsachen man gerade unter diesem Wort sich vorstellt) unfrei, solange man exakt über ihn nachdenkt, solange er ›Denkobjekt‹, alter ego eines Begriffs ist. Die kausale Färbung entschwindet dem Bilde, sobald es intuitiv sich wandelt. Die innere Gewißheit des Werdens kennt die kausale Form nicht. Das Schicksal ist eine Logik andrer Art.[43]

Quelle:
Oswald Spengler: Frühzeit der Weltgeschichte. München 1966, S. 20-44.
Lizenz:

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