Zur bisherigen Prähistorie

[44] 1


Die späte Magdalénienkunst Mitteleuropas hat die Vorliebe für Tiere aus dem nordatlantischen Gebiet übernommen, während das Hochcapsien Szenen mit Menschen, nicht die Tiergestalt an sich, Hebt. Die spätmagdalenische Altamirakunst ist durch den Sieg der Capsien in Westeuropa vernichtet worden (665), aber auch der spätcapsische Alperastil erhegt (von Süden her? Kasch?) der Geometrisierung. Ist das Zerstörung oder Evolution? Vielleicht zur See vom Orient? Das Solutréen in Osteuropa hat eine antinaturalistische, extrem schematische (›geometrische‹, aber noch nicht echt ornamentale) Kunst, Predmost, geringwertig.

Ich protestiere gegen den Hoernes-Vergleich: Geometrische [Kunst] = Ackerbau, Naturalismus = Viehzucht; das ist falsch! Nur im Magdalénien überwiegt die Westkunst stark, im Aurignac ist auch Mitteleuropa wesentlich beteiligt (Konzentration!). Menghin (670) [ist] mit Recht gegen die Annahme einer europäischen Buschmannrasse. Die Steatopygie der Figuren ist ›Idealisierung‹, Geschmack, nicht Realität; genau wie der übertrieben große Penis. Menghin glaubt, daß sowohl der Aurignac- wie der Capsien-Mensch aus Asien, Altpalästina, stamme. Ego: im Moustérien? Die Alpera- (und ›Buschmann‹)kunst [zeigt] fast stets Jagd- und Kampfszenen, also Freude an der Kraftentfaltung, nicht an der Form. Expressionistisch. Bilder von Waffen, Schmuck, Kleidung. Stets Reflexbogen als Waffe – also ist die erste Fernwaffe (statt Faustkeil) eine Erfindung des Capsien?[44]


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Steinzeit: Diese Einteilungen stammen von dem Material, das in Museen liegt, und sind also so ungenügend als möglich. Aber auch abgesehen davon würde es heute besser sein, den Begriff des Neolithikums einfach zu streichen, denn zwischen Endcapsien und Magdalénien einerseits und der Zeit, in welcher Kupfergerät, Bronze, Saat, Zucht vorhanden sind, bleibt so gut wie nichts übrig, weder zeitlich noch kulturell – wenn man nicht um 5000 ein großes Vakuum annehmen will, den berühmten Hiatus.

Neolithische Kunst (Menghin 681): im Atlantischen als dem Jungpaläolithikum fortentwickelt. Im Norden, nach Scheltema, indogermanisch, neu und machtvoll. Nach Scheltema ist der Donaustil das Ergebnis eines Ausgleichs zwischen nord- und vorderasiatischem Stil, Menghin nimmt ihn aber als Fortsetzung eines paläolithischen Stils (Solutréen).

Das ›ältere Neolithikum‹ fehlt auf der iberischen Halbinsel vollständig. Ausgedehnte geometrische Malerei (Menghin 682f) – Menhire, Knochen, Felsen in Ligurien, Irland – vom jüngsten Azilien (Mas-d' Azil, Beziehung zu Maglemose) bis zur Bronzezeit, vor allem Galizien und Sierra Morena. Ich glaube, daß hier kein Hiatus ist und daß das Azilien eben bis 5000 herunterreicht. S. 688 Irland: Keine skandinavischen, nur iberische Beziehungen. Dagegen in England nordskandinavischer Einfluß. Die südskandinavische Zeichnung Bronzezeit, Ackerbau. S. 694: Verwandtschaft der Galitscher Bronzen in Rußland mit Japan (1. Jahr tausend v. Chr.). 695 Maikop: der Schatz im 3. Jahrtausend v. Chr.: Enger Zusammenhang zwischen Kaukasus und Babylonien, Ägypten!


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Altsteinzeit (Menghin 657 ff): Die französischen Stufen des Altpaläolithikums (existieren) nur [in] Westeuropa, fehlen schon in Mitteleuropa (keine Faustkeile). Erst das Acheuléen dringt dorthin flüchtig vor, dann aber [dringt] das Moustérien aus dem Osten nach Westeuropa ein.[45]

Beginn des Jungpaläolithikums: Aurignac herrscht von Nordspanien bis zum Nordbalkan, gleichzeitig Altcapsien in Südspanien, Italien, Nordafrika, Syrien. Das Solutréen ist fernöstlich und dringt nur spät und schwach bis Frankreich, nirgends in das Capsiengebiet vor, fehlt in Nordfrankreich, England. Also ist es asiatisch, als Präsolutréen schon früh bis Ungarn, später Schwaben [gelangt], nur in Spuren, spät, [nach] Nordspanien, während das Aurignac sich hier im Westen ins Magdalénien verwandelt. Dieses führt einen Rückschlag gegen das Solutréen bis Osteuropa (Ungarn). Sein Ausgang, das Azilien, ist östlich von Bayern nicht mehr nachweisbar. Das Capsien entwickelt sich ebenso in sich fort, wachsende mikrolithische Tendenz, die endlich (Tardenoisien) siegt und so die alte Grenze südlich der Pyrenäen durchbricht, nach Nordosten ins Azilien sich mischt bis zur Maglemosekultur!


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Wenn Bayer nachweist, daß im östlichen Mittelmeer Altpaläolithikum in Neolithikum (Campignien) übergeht, wenn in Spanien das Jungneolithikum fehlt und das Jungpaläolithikum in die Kupferzeit übergeht, so stimmt etwas nicht in diesem Stufensystem, das aufgestellt wurde, als man an eine einheitliche ›Evolution der Menschheit‹ glaubte. Aber schon im Anfang war, wie wir heute sehen, die Entwicklung aristokratisch, nicht demokratisch: die überlegenen Schläge der Menschen führen. Abgesehen davon sind diese Unterschiede lediglich auf die Form des Steingeräts aufgebaut – etwas sehr Unwichtiges im Dasein jener Zeit! Was wissen wir aber von den Arbeiten mit gespitztem Holz, Stöcken, Pfeil und Bogen, vom Essen und Trinken, vom Leben der Geschlechter, der Horde, von Tracht im weitesten Sinne, von der Art des Hausens, vom Seelenleben?


5


Das Holzgerät war immer wichtiger als der Stein! Die ältesten typischen Geräte sind Holzformen (Holzfaustkeil. Deshalb fehlt der[46] Steinkeil in Mitteleuropa). Zuerst Jagd, Fischfang, Sammeln von Früchten. Dann daneben, weniger wichtig, etwas Gartenanbau (Hacke, Frau). Neben beiden etwas lose Viehhaltung. (Die Gewöhnung der Tiere an einen Futterplatz.) Endlich neben diesen allen in ›Kasch‹ (Kaukasus-Indus-Sansibar) Bezirke des kultischen Ackerbaus und der Viehzucht. Hölzerne Ackergeräte! Der heilige Ackerboden ist ursprünglich Gemeinbesitz des Gaus, Tempelgut. Um 4000 aber gibt es den Ackerbau schon als Wirtschaftsform (Bauerntum!). Alle Hochkulturen ruhen auf diesem Bauerntum. Die ›Erfindung‹ des Ackerbaus ist also älter (5. Jahrtausend).

Steinzeit‹ ist Unsinn. Das typische Gerät ist aus Holz, nur in einzelnen Gebieten wird es in ›Stein‹ nachgeahmt. Pfeil und Bogen [sind aus] Holz.

›Jungpaläolithikum‹. Im Norden Menschenbildnis (Venus, Bewegungstypen, Einzelfiguren). [Im] Süden Tiere, Kompositionsbilder, Ruhe, Chthon?

Capsien: Pygmäen, ebenso [ist] das Capsien von Afrika her nach Norden gedrängt. Die Wanderung der Idee, nicht der Menschen. Die Stelle der fruchtbaren Kreuzung ist Westküste Europas (Magdalénien). Aurignacien und Altcapsien verwandt (äquatorial, noch keine Sahara!).

Ausgang des Jungpaläolithikums – Norden lunar, Süden äquatorial. Lunar: Die 3. Vollidee der ›Kräfte‹. Macht des Mondes. Echtes Ornament. Totem. Clan (Geschlechterstaat). Herrschaft über Bereiche. Maskenjagd und -spiele, noch vorkultisch. Vorstöße von Clanen ins Südreich (Ägypten [und] Babylon). Helle Rassen. Aino bis Cro Magnon.

Ende des Jungpaläolithikums: Entstehen von Gartenbaukulturen, Hacken, Weben, Töpfern. Ornament vom Körper ausgehend (Grübeln über den Sinn des Leibes), Idee des Tabu nordisch, ebenso die Idee des Numen.


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Im Jungpaläolithikum der großen Menschenströmungen [gab es bei] dünner Verbreitung viel Raum, also menschenleere [Ausweich]gebiete.[47]

[Der] Beginn der Steppen [und] der späteren Wüstenzonen [bringt] Verdrängung durch Urwald und Trockenheit.

[Dazu die] Ausprägung starrer Rassen: hellnordische: Aino-Muschik und ›indogermanische‹ Typen etc. Schwarzsüdländische: Die Neger, [die] von Australien her einströmen und in Afrika zum neuen Typus werden? Das Rind wurde nicht wegen Fleisch und Milch, sondern als Zugtier und noch früher als Opfer wichtig; dem Monde heilig: Gehörn [ist] Mondsichel. Der Ackerbau ist männlich, nur der Hackbau [weiblich]. Es ist Unsinn, so tiefe Dinge wie Patriarchat und Matriarchat auf Wirtschaftsformen zurückzuführen. Die Lebensidee ist das Ursprüngliche. Das entbehrende, sehnsüchtige, harte, dunkle Leben im Norden und Binnenland macht die Mannesstärke, das gesättigte träge Leben im Süden den Frauenschoß zum Sinn des Daseins. Das war vor aller komplizierten Wirtschaft. Das Rind ist für Wandertriebe unbrauchbar: nur Alp-, [also] Saisonwanderung. Das Schaf [ist] erst auf Wolle gezüchtet. In der Natur nicht zu brauchen, ebenso die Ziege. Das Rind [ist] in Afrika Import, erst mit Opfer und Pflug wichtig geworden. Die eigentlichen Wandertiere sind Esel und Dromedar (Afrika) und Pferd (Asien).


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Steinzeit‹: Es wäre besser, die Zeitalter statt nach dem Stoff nach der Technik zu teilen in Schlag-, Hämmer- und Schmiedezeit. Gehämmertes Kupfer ist genauso behandelt wie Stein, aber das Schmieden setzt ein andres Denken voraus: es ist organisierte Technik wie das Bauen mit geformtem Stein (Haustein, Ziegel). Das ist also eine Revolution nicht des Stoffes, sondern des Denkens.


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Neolithikum‹ kann man allenfalls für eine seelische Stufe gelten lassen (als Bezeichnung). Bronzezeit aber nicht. In Spanien, wahrscheinlich auch in Teilen von Asien, ist Metallguß schon am Anfang des[48] Neolithikums bekannt. Durch Handel war dann die Technik des Erzbaus, der Verhüttung und des Schmiedens verbreitet. Und Eisenzeit ist eine rein militärische Epoche: Es dringt da eine überlegene Art von Kampfführung ein, nichts ›Wirtschaftliches‹. Das geht schon daraus hervor, daß die Seevölker (Etrusker gegen Römer, Philister gegen Juden) den Besiegten die Schmiede fortnahmen.


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In Europa ist das Altpaläolithikum nicht ins Jungpaläolithikum ›übergegangen‹, sondern verwittert, worauf das Jungpaläolithikum hereinstrahlt. Ebenso ist dieses erloschen, worauf [das] Neolithikum amöboid sich hereinschiebt. Zwischen Azilien und Campignien [besteht] kein Zusammenhang, [sondern ein] plötzlicher Bruch. [Das] Neolithikum [kommt] plötzlich, [durch] Klimabesserung in Westeuropa. Außerhalb Europas muß [das] Zentrum liegen, wo [das] Altpaläolithikum ins Neolithikum übergeht und beide eng verwandt sind.

Nach Bayer ist die ›Askalonkultur‹ (eine Identität von jüngstem Altpaläolithikum und ältestem Neolithikum) über ganz Afrika, enorm stark in Somali, Ägypten, Tunis, ferner bis Vorderindien verbreitet. Demnach [besteht] nach Bayer

1. eine älteste Kultur, Altpaläolithikum frühester Art, nur am Westrand Südeuropas, von dort seit Acheuléen, nach Osteuropa, vielleicht bis Asien, Mittelafrika, Indien strahlend.

2. Das Aurignacien sei hochnordisch und habe vom Acheuléen an das Altpaläolithikum zersetzt, als hochentwickeltes Jungpaläolithikum hier eindringend, zerfallend im Azilien. [Der] Faustkeil [herrschte] also [in] Südwesteuropa vom Altpaläolithikum bis Neolithikum, Campignien, die Klinge [in] Nordeuropa, vom Uraurignacien bis Azilien.

3. Askalonkultur im ›Orient‹ im weitesten Sinne wäre demnach vom Nordstoß unberührt, das vom Westen dorthin verbreitete und entwickelte Altpaläolithikum, das nun als Neolithikum in seine Heimat zurück[kehrend ein]bricht.[49]


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Neolithikum: Hier muß ich eine Anzahl neuer Begriffe klar und prägnant einführen, damit sie die Ausdrücke Bronzezeit, Brennerleute etc. ersetzen. Ich unterscheide fließende und wurzelnde Kultur. Sie unterscheiden sich nicht nur durch ihr Alter, sondern durch alles.

Um von den Resten auszugehen: Dome und Pyramiden haben ihre Geschichte im Lande ihrer Geburt. Megalithbauten dagegen wandern mit ihrer Entwicklung.


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Hoernes. Vorgeschichte der Kultur. Drei Perioden:

1. Paläolithikum: Parasitisch, Jäger. Naturalismus, männlich, aristokratisch, weltlich (sehr wichtig!), vor allem Südfrankreich und Nordspanien. Männerhandwerk. Kunst als forza di levare (Weghauen, Wegschnitzen, Gravieren).

2. Neolithikum – Bronze: Symbiotisch, Bauern. Geometrisch, weiblich, demokratisch, religiös, vor allem Mittel- und Nordeuropa. Weiblich, via di porre, aufbauen, zusammensetzen: Weben, Flechten, Töpfern, Guß.

3. Krieger. Herrentum, Verschmelzung, Südeuropa, forza di levare, Schmieden. Unterschied zwischen künstlicher Gestaltung und Ausdruck und religiösen Zweckbildungen.


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Eiszeit: Das Wort ist geläufig. Der tiefere Sinn des elementaren Geschehens, wovon ›Eiszeit‹ nur ein sichtbares Zeichen ist, ist ins geschichtliche Denken kaum eingedrungen. Unterliegt die Rotationsachse der Erde periodischen oder unregelmäßigen Schwankungen – ein Zittern und Schleudern – während die [Verteilung] von Wärme und Druck dieselbe bleibt? Oder schwankt das Gesamtklima der Erde zwischen warm und kalt, naß und trocken, bei starrer Achse? Im ersten Fall würden heiße und kalte Zone ihre Lage, nicht ihre Größe[50] ändern. Im zweiten [Fall] würde die ›gemäßigte‹ Zone von heute bald eisig, bald heiß gewesen sein.


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Gegen die Kulturkreislehre: Sie fangen alle in der Südsee an, wo sich ›Schichten‹ beobachten lassen, weil sie ganz jung sind – ganz Polynesien ist ein Problem des 2. Jahrtausends v. Chr. Von da aus ordnen sie, ohne Rücksicht auf Zeiträume, ›ähnliche‹ Erscheinungen andrer Erdteile ein. Und durch diese Methode, wobei die Südsee die Norm bleibt, entsteht in ihren Köpfen der Gedanke, daß die Urkultur hier hege: so wie die Indogermanistik-Forscher das Sanskrit, weil sie davon ausgingen, zuletzt für die indogermanische Ursprache hielten.


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Steinzeit – Bronzezeit: Das sind keine Zeiten. Ebenso wenig, als ob es Eisenbahn- und Autozeiten gäbe: es ist für England und Libyen etwas ganz Verschiedenes.

Bergbau ist älter als Metallbereitung: Feuersteinalter in Irland, Belgien. Wo viel Metall ist, kommt man von selbst darauf, statt harter Steinsorten es mit Erzen zu probieren. In metallarmer Gegend hängt der Grad der Verwendung von Metallwerkzeug vom Handel, [also] vom Preis ab.

Erfinden: Z.B. bei der ›Erfindung‹ des Rundbogenbaus zu unterscheiden die bloße technische Konstruktion, die überall und sicher sehr oft von nachdenklichen Bauleitern erfunden wurde: In Sakkara, in Ur um 3000, immer wieder vergessen – und der symbolische Wert in der magischen Kultur, wo das Technische Tradition und Hauptthema des technischen Nachdenkens die Vervollkommnung wurde. In Ägypten und Babylon war es eine gänzlich bedeutungslose Sonderkonstruktion, denn der Stil ging ganz andre Wege.

Quelle:
Oswald Spengler: Frühzeit der Weltgeschichte. München 1966, S. 44-51.
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