Technik und Verkehr, Waffen

[184] 242


[Die] Steinburg [ist] festgewurzelt – Beuteplatz der Inselräuber, Standort. Ebenso das Steingrab. Nordeurasische Festungen sind der Idee nach Lagerwälle, vorübergehende castra, für bewegliche Stämme, die ihre Heimat leicht verändern. Mykene. Chinesische ›Paläste‹ [wurden] aus der Landschaft, nicht gegen sie entwickelt. Tore und Mauern.

Das isolierte Privathaus, Wohnstätten als ›Ich‹, beweglich (Zelt, Jurte, Flechtwerk). Das Wesentliche ist, daß jeder pater familias sein eigenes Heim besitzt. Wohnwagen. Landzigeuner und Seezigeuner – jener hat einen beweglichen, dieser einen festen Standort.


243


Steinbau: Man hat gesagt, daß der Lehmziegelbau in Babylon und der Steinbau in Ägypten durch das vorhandene Material bedingt seien. Das ist eine Plattheit des 19. Jahrhunderts, welche den Stil großer Kunst aus dem Stoff erklären wollte. In Wirklichkeit besitzt das Nildelta ebensowenig Gestein als Sinear, und die Gebiete von Elam [besitzen] ebensoviel wie Oberägypten. Es ist das verschiedene Lebensgefühl und der Unterschied der Weltanschauung, die den einen Stoff herausheben.


244


Megaron: Die Bedeutung der Hausgrundrisse ist maßlos überschätzt worden. Es war eben das, was der Ausgräber sehr oft fand und was seinen systematischen Neigungen entgegenkam, wie die Form der Töpfe. Da wurde denn, ganz mathematisch, rund und viereckig unterschieden[184] und das Viereck bald Megaron, bald niedersächsisches Bauernhaus genannt, wobei weiteres Nachdenken erspart werden konnte, da diese beiden anheimelnden Ausdrücke tief genug klangen. Aber viereckig hat man überall und immer gebaut. Die ägyptischen Bauten schon des frühen 3. Jahrtausends zeigen eine Betonung des Rechtwinkligen, die gar nicht überboten werden konnte. Das westitalische Haus (Etrurien, Atrium) ebenso. China, Babylon.

Nur die Bautechnik! Man kennt im Norden – von der Nordsee bis Japan – Blockhaus, Fachwerk, Flechtwerk – eingetieft in den Boden, erhöht (Pfahl), Rund (Webhütte) = Zelt. Und: die Säle von Mykene etc. sind keine Wohnräume, sondern Versammlungsräume. Ebenso die Hallen nordeuropäischer Herrenhäuser. Im Bauernhaus aber sind Wohn- und Wirtschaftsräume wichtiger. Großbauernhäuser [sind] überall auf der Welt verwandt, ein Wohnraum, ein Vorraum (überall) und ringsherum andre [Räume].


245


[Eine] überlegene Waffe wird sofort ausgebreitet. Schwert, Bogen, Streitwagen. Wenn man [die Waffen] selbst nicht [anwenden] wollte oder konnte, stellte man die Unterworfenen ein: balearische Schleuderer, kretisch-karische Bogenschützen, Streitwagen, Reiterei (Kelten, Germanen), Schardana, Hyksos, Habiri.


246


›Häuser‹ gab es im Süden überhaupt nicht. Da lebten und arbeiteten die Leute im Freien. Es genügten Höhlen, Hütten, Dächer. Die ideale Form war der Hof, der von gedeckten Hallen, Zellen und Gängen umgeben war. Das ausgesprochene ›Haus‹, die Privatwohnung der Familie, ist nur nordisch. In Gurnia, Teil Amarna, Karun [gab es] nur enge Schlafzellen, kein ›Haus‹.


247


Bauen [ist] nur eine Tätigkeit, tierisch (Bienen, Biber). Der symbolisch bedeutungsvolle Bau – die eigentliche Architektur, Baukunst,[185] Bauen als Mittel des elementaren Ausdrucks von Weltgefühl [existiert] seit c. Grab – Tempel – Haus: Toter – Gott – Mann. Instinktiv (›genial‹) wie alle echte Kunst, Stil. Das bloße Wohnen (Haus, Burg) [ist] ohne Symbolik dieser Art, unmetaphysisch. Nur diese drei höheren Bezirke des metaphysischen Bauens: Grab – Stein ›ewig‹, Jenseits; Tempel – Ziegel: ›hoch‹, Sterne; Haus – d.h. Halle, privat, gegen die Welt abgeschlossen, Ich, Tür, Herd, Sitz, Schlaf. Draußen – Welt des Kampfes. Drinnen: Ich, Eigentum. Besitzanzeigende Fürwörter: Mein, Dein, Sein. Das Ich und das Mein. Eigentum [ist] überall, auch bei Tieren. Nest, Ort, Nahrung, Wasser, Junge. Hier aber metaphysisch betont. Teil des Ich.


248


Gegenstände der Sitte sind die besten Kennzeichen verschollener Geschichtsereignisse: Nicht Keramik und Sprache, sondern Sitte des Kämpfens (Art der Waffen), des Bestattens, der Personennamen.

Von der Verbreitung der germanischen Stämme in der Völkerwanderung berichten weder Keramik noch Sprache etwas: aber die Personennamen in Spanien, Italien, Frankreich. Ebenso spiegelt sich die Geschichte der christlichen Kirche in Personen (Altes Testament, nichtchristliche Namen etc.).


249


Waffen: Die aristokratische Zeit in Hellas verachtet den Bogen; das war eine gemeine Waffe (Wilamowitz, Odysseus 166). Das ist der Geist der geometrischen Zeit, dorisch (Dorer, Speerträger). Vorher hatten die älteren Sagen den Bogen geschätzt (Odysseus, Herakles, Philoktet). Apollo hatte den Bogen. Hera, Herakles ›argivisch‹. Die Argeier (Argos = Ebene) [bestimmen] ursprünglich [den] Namen eines weiten Gebietes; später erst auf die Stadt übertragen. Heros und Hera [sind] also Numina einer verbreiteten Stammesgruppe. Der bogenführende Herakles [ist] also vordorisch, Seevölkerzeit.[186]


250


Jagd und Krieg [sind] identisch. Jagd- und Kriegswaffen. Jagdideale: Im Norden der tapfere Kampf mit dem Tier. Auf den Anstand gehen, mit Speer und Messer, in eigener Gefahr. So das Ideal der Herren von Mykene, Sparta, den Germanen. Hamiten: Töten ohne Gefahr. List, Hinterhalt. Pharaonenjagd ([anders die] Assyrer). Auf was für Tiere? Stierkampf hamitisch: Kreta, zusehen, wie die Knaben und Mädchen erliegen. Der göttliche Stier tötet sie, Minotaurus. Kultisch. In Spanien alt: Italien, im römischen Zirkus Gefangene mit Tieren. Kampfspiel am Grabe: Samniten, Etrusker, Gladiatoren, seit 300 v. Chr. Pöbelvergnügen wie heute. Bis dahin Opferfest. Bei der Jagd: Hamiten – Reiz des Tötens; Nord – Reiz der Gefahr. Hamiten: Jagdfallen, Versteck, Vergiften. Norden: Jagdspeer, Messer.


251


Bogen: Der Bogenschütze Apollo (Südwestkleinasien) [ist] ursprünglich vielleicht der Todesgott. Ἑκη – Ἑκατηβολος = Hekate. Ebenso [führt] Artemis [den] Bogen. Beide [sind] Fruchtbarkeits- und Todesgötter (ephesische Artemis, Pestsender). Alte, vorgriechische Artemiskulte im Peloponnes. [Sind] beide libysch? (Protochattisch?). Die Nordmenschen haben aus Artemis die Jägerin, Walküre, ποτνια θηρων gemacht, [die] Dämonin der großen Wälder.

Bogen des Philoktet: die alte Sage von Troja fordert, daß der Bogenschütze Paris durch einen Pfeil getötet wird. ›Philoktet‹ trat erst später hinzu. Teukros war Asiat, Meriones Kreter, Odysseus Bogenschuß ist vorgriechisch: In der Ilias [gebraucht Odysseus den Bogen] nicht, nur in der Odyssee! (nur wegen der Sage vom Freierkampf). Auch die mykenische Kriegervase [zeigt] Pfeilschützen, also ›Achäer‹. Philoktet [ist] Besitzer des Bogens des Herakles. Herakles, mit Keule und Bogen, libysch (Nimrod, der Jagdriese), [ist eine] berühmte Figur, bis ins Alte Testament (Meyer II, 1) hinein der Löwenjäger. [Es gibt] Vasenbilder, wo er als Hoplit auftritt, aber der Bogen muß irgendwo stehen[187] oder hängen. Er ist libyscher Achäer, deshalb in Argolis zu Hause. Den nemäischen Löwen tötet er mit der Keule. Vielleicht [ist] noch älter die Erwürgung des Löwen durch den Riesen, dessen nichtgriechischer Name durch Volksetymologie sinnlos an Hera gebunden wurde (Kalinka, Klio 22, S. 250 ff.).


252


Waffen: Nordisch – individualistisch ist die Trennung der Waffe gegen Tier und Mensch. Es ist feig und unvornehm, den Menschen zu überlisten; man kämpft Mann gegen Mann. Deshalb Kaufmann I Pfeil nur gegen Tiere. Gegen Menschen Streitaxt, Hiebschwert, Stoßlanze. Das ist Ethos. Im Süden (heute noch) hat der Kampf kein Ethos. Man will den Gegner gefahrlos forträumen – Gift, Pfeil, gedungene Mörder.


253


Verkehr: ›Wagen und Pferd‹ [ist] Unsinn. [Das] Pferd [wurde] zuerst gejagt (gegessen), sonst [war es] unbrauchbar. Lasten [trugen] zuerst die Saumtiere (Packesel), auf denen man auch seitlich saß. Nur [für] kurze Strecken, vom Feld zum Dorf. Ferntransport [war] eigentlich nur zu Wasser möglich! Floß, Boot. Karawane: Trägersklaven, Lasttiere. Dann [kam] der Begriff ›Straße‹ [auf], geglätteter Weg (wie die Schienen älter sind als die Lokomotive!). Dazu der Lastschlitten, [d.h. die] Schleife, ein Brett, das geschleift wird, kurze Strecke (z.B. Statuen, Steine). Radwagen: Vier Räder oder zwei Walzen unter die Schleife gesetzt, in einem gepflasterten Hof. Kurze Strecke, weil dieser Wagen weder starke Lasten noch weite Strecken vertrug und vor allem ein Pflaster voraussetzt. Dann [kam] erst der Streitwagen, der zweirädrige Karren, nur als Waffe in der Schlacht, auf dem Marsch dagegen Bagage. Das Pferd als Schnelläufer [kam] erst hier statt Esel und Ochse. Viel später das Reiten: Galopp. Wieder die Geschwindigkeit als Mittel.[188]


254


Daß sich ein Mensch auf einen Esel, [ein] Rind, Pferd setzt, macht noch keine Reiterstämme. Dazu gehört mehr. Wie im späten Ägypten und [in] Babylon die Streitwagen, so wird in der späten antiken, chinesischen, indischen Kultur die Reiterei als neue Waffe akzeptiert.


255


Waffen: Psychologie. Es ist falsch, überall von Pfeilspitzen zu reden. Zum großen Teil sind das Spitzen von Wurfspeeren. Die Stoßlanze ist nordisch. Das Schwert [wurde] im Süden erfunden, im Norden zur herrschenden Waffe erhoben.


256


Eroberer pflegen nicht höchsteigenhändig Töpfe zu formen und Inschriften zu meißeln – dazu sind die Unterworfenen da. Natürlich wenden diese den Stil an, den sie gelernt haben. Also können wir von Bildern selten auf Rasse schließen, von Ornamenten nicht auf die Herren. Deshalb läßt ein Eroberertrupp, je entschiedener er das ist, um so weniger Spuren in den ›Kulturschichten‹ zurück. [Wohl] aber in den Waffen, Geräten, politischen Einrichtungen, Titeln, Namen.


257


Die ältesten technischen theoretischen Züge sind ›vorreligiös‹. Von einer bestimmten Stufe an ist alles aus dem Kult abgeleitet: Saat, Züchtung, Metallguß etc. Wahrscheinlich auch das Feuer?


258


Theorie und Technik: Die eigentliche ›Erfindung‹ besteht nicht im Erfinden des Gerätes, sondern im geistigen Entdecken des Verfahrens. Der Begriff des ›Schneidens mit etwas Hartem und Scharfem‹ taucht[189] auf und kann außer dem Verstehen das währende Tun abändern. Das Gerät entsteht langsam durch unmerklichen Übergang – man sucht das natürliche Steingebilde besser aus, hilft etwas nach, wie jedes Tier, wenn es das andre fressen will, es hin- und herdreht, um richtig anzufassen –, aber das Verstehen des Aktes ist plötzlich da.


259


Tongefäße: Die Erklärung Schuchhardts ist viel zu einseitig, modern. Kneten von Schlamm zu allem möglichen Zweck: Lehmhütten, Lehmklumpen (später Ziegel!) aufeinander gepackt, Lehmgruben, in denen sich Wasser sammelt, mit erhöhtem Rand, Auslauf (Gefäße). Der Anfang ist nicht das Gefäß, sondern die geistige Tätigkeit des Formenwollens, die sich gleich auf mehrere Anwendungen erstreckt. Lehmkneten. Figurenkneten.

Hütte – Gefäß mit Deckel – geistiger Zusammenhang. [Es ist eine] Tatsache, daß sich nach dem Regen in jeder Vertiefung Wasser sammelt. Aufbauen des Gefäßes aus Tonwülsten = Hütte. Ebenso Korb mit Lehm gedichtet = Schilfhütte.


260


Handel: Karawanen – wir verbinden damit den Begriff von Wüste und Kamelen. Aber die Sicherheit zwang den Händler zu allen Zeiten (Gotik), zu mehreren mit Bewaffnung zu reisen, nie einzeln. Also Flotten und Züge von Saumtieren. Dazu gehört Sitte – gegenseitiges Ausdrücken, Tragen der Kisten, gemeinsames Lagern. Vor allem Sprachen mit technischen Ausdrücken für Handel, Verkehr, Sicherheit, Warenbezeichnung, Tausch. Bestimmte Lagerplätze, Vorratshäuser, Werkstätten, Reparaturen, von wo die Hausierer auf die Dörfer ziehen.


261


Die Oberpriester der keramischen Sekte! Sie haben zuletzt vergessen, daß Menschen diese Gefäße gebrauchen und herstellen. Sie lassen die[190] Töpfe sich verheiraten, Kinder bekommen, reden von Familien, Stammbäumen, Wanderungen; es ist, als wollte man die Bevölkerung von Europa von 1900 nach Zündholzschachteln einteilen oder [nach] Sardinenbüchsen. Aber es gab neben dem Hausbrand Töpferdörfer bei guten Tonlagern. Die Verbreitung kann Wanderung eines Stammes, Eroberung, Wandel des Geschmacks, Handel, Konkurrenz beweisen. Die Gefäße können als Verpackung dorthin gelangt sein. Sie können zum wesentlichen Schmuck des Lebens gehört haben oder ganz gleichgültig gewesen sein. Nachgeahmt oder längs der Handelsküsten durch Gebrauch der Händler verbreitet – wie Konservenbüchsen. Die Farbe kann Absicht oder Zufall sein, Folge von Beimengung, Brandweise. Da nicht bei jedem Dorf Ton vorkommt, so muß die Tonware eingetauscht werden, da wo man sie am besten und bequemsten bekommt.


262


Die Töpferscheibe (Reallexikon XIV, Vase) wird zunächst zur Herstellung von billiger Massenware benutzt. Also nur dort, wo Kürbisse etc. nicht zu haben waren. Das ist Berufshandwerk, keine ›Kunst‹. Töpfe [gab es] nur dort, wo andre Gefäße nicht billiger waren. Neben Holz, Kürbis, Schlauch, Korb.


263


Keramik: Zu unterscheiden [sind] Verzierung und Form. Dann Zweck: Trinken, Kochen, Essen – oder Verpackung (›Export‹). Dann Dorfware und Funde in Handelszentren, wo alles zusammenkommt. Zufall der Fundorte.

›Verbreitung‹ über ein Land – von Dorf zu Dorf oder längs der Straßen? Luxus- und gemeine Ware. In Ägypten, [im] Alten und Neuen Reich anfangs nur letztere. Die Luxusware ist Fayence. Das Ornament [ist] ganz unabhängig von der Formgeschichte (Zweck), Zierform, Gebrauchsform. Art der Verbreitung: massenhaft, zerstreut, vereinzelt – Einwanderung, Handel, Zufall.[191]


264


Die Keramik ist vom Ziegelbau nicht zu trennen. Die Härtung durch Brand oder Lufttrocknung für Ziegel ist sicherlich sogar das ältere. Also erst Bauten, dann feste, dann bewegliche Gefäße aus ›Ton‹. Eine Kascherfindung! Schon die Idee, aus Lehm gleichartige Stücke (›Ziegel‹) zu formen, ist großartig! Es ist das früheste Beispiel mechanischen Gleich-denkens. Von dort die etruskisch-römische Ziegeltechnik mit Stempel. Ziegel sind etwas Künstlich-Abstraktes.


265


[Der] Wagen [ist] in [Alt-]Amerika unbekannt: das Rad muß an einem Punkte der alten Welt erfunden sein. Der Wagen ist, solange es keine Straße gibt, unpraktisch. Sänfte, Saumtier und Boot leisten mehr.

Heiliger Himmelswagen. Ursprünglich ist er gar nicht für die Praxis bestimmt, sondern im Kult rollt das Götterbild seine Prozessionsbahn entlang: Sonnensymbol. Also auf glatter Straße. Aus dem Götterwagen ist ein Lastwagen geworden. Die ältesten Wagen treten mit der Pflugkultur auf, die priesterlichen Ursprungs ist. [Das] Zugtier [ist] heilig! Also kamen die Elemente: rollendes Rad, heilige Bahn und dienender Stier zusammen. Das älteste Rad [ist] also eine Holzscheibe. Radsymbole mit Speichen [leben] in allen Ornamenten.


266


Lanzen: Aus Feuerstein (Lorbeerblatt) im Solutréen. Unabhängig davon, älter, aus Knochen oder Holz im Aurignacien und Magdalénien. Diese [sind] wohl Wurfspieße, jene Stoßlanzen. (Nahkampf, Mut, Person.) Wurfspieße [taugen für den] Hinterhalt. Dann im Endpaläolithikum – Neolithikum treten Silexlanzen ganz zurück: wie die Malereien bezeugen, [werden sie] verdrängt durch pfeilartige Wurfspeere! Dann im nordischen Kreis im Endneolithikum eine hochentwickelte[192] Industrie von Lanzenspitzen feinsten Typs aus Silex, zum Teil geschliffen. Sie verbreiten sich mit dem nordischen Zug: Ägäischer Obsidian als Material bis ins Donaugebiet (3. Jahrtausend).


267


Wie im jungen Neolithikum, so [besitzt] auch in der Bronzezeit der Norden den größeren Reichtum an Lanzenformen, zunächst als Nachahmung der Silexblattspitze. Vom nordischen Kreis aus [dringt er] nach Westeuropa, vor allem Britannien, unter dessen Einfluß Nordfrankreich steht; Spanien selten; Lanzenspitze mit Ausschnitt im Blatt in Britannien erfunden, von da bis [in die] Schweiz, [nach] Italien, Ungarn, Albanien, [in die] Ukraine [gedrungen]. Andre Formen [finden sich in] Troja II, Cypern, noch andre seit der älteren Bronzezeit (2200–1700) in Osteuropa, Sibirien. Im vorgeschichtlichen Ägypten (Jagdbilder der Schieferplatte) lange Wurflanze. Der Wurfspeer [ist] altsemitisch, häufig (ägyptisches Abbild). Juda und Gad haben Stoßlanzen (1. Chronika oft), also unter nordischem Einfluß, Naphtali Wurfspeere. Ennadu Wurfspeer vom Streitwagen herab. Naramsin pfeilartig kurzer Speer. Also: Der aus oder neben dem Pfeil entwickelte Speer [ist] atlantisch. Die mannhafte Stoßlanze des offenen Nahkampfes nordisch.


268


Pfeil und Bogen [kommen] nur [in] Atlantis [vor]. Von Sumer bis Peru Speerschleudern. Dazu gehören die gefundenen ›Pfeilspitzen‹ (ein kleiner Wurfspeer). Das Schwert [ist] nordisch.


269


Die Kriege: Wie Homer und die Vasenmalerei zeigen, war dem frühhellenischen Menschen Pfeil und Bogen durchaus bekannt. Um so bezeichnender ist es, daß diese Waffe allmählich immer mehr zurücktritt, obwohl gerade die gefährlichsten Gegner sie von Haus aus mit[193] Vorliebe verwenden. Es ist geradezu erstaunlich, daß der spartanische und athenische Hoplit wie der römische Legionär die Lanze als Hauptwaffe neben dem Schwert führt und daß die Kavallerie wie die Bogenschützen, die, wie zahllose schwere Niederlagen zeigen, unentbehrlich waren, aus fremden Völkern angeworben wurden. Welch ein symbolischer Instinkt spricht aus dieser Tatsache!


270


Bauen: Die Psychologie des Bauens ist bisher noch unentdeckt. Das bloße Herstellen von Schlaf-, Regen-, Vorratsstellen ist noch nicht Bauen im bedeutenden Sinne. Bauen als Verfahren des Ausdrucks richtet sich nicht auf die bloße Wohngelegenheit. Es kommt hinzu, daß das Südklima der Atlantis- und Kasch-Kulturen diese Frage nicht als wichtig erscheinen ließ: Erdgrube, Schutzdach, Zelt genügen. Man lebt im Freien. Man schläft nur [unter Dach]. Schutz! ›Architektur‹ als Symbol ist Kultur: Grab und Tempel: Ahnen und Götter werden da an heilige Stätten gebannt.

Erst die Heldenkultur denkt auch an sich, schon des Klimas wegen. Da ist das reiche Privathaus als Stil zuerst gebannt.

Grab und Tempel sind Ornament, sind Symbole. Burgen, Hütten werden nur ›verziert‹.


271


Feuertechnik: Das Wesentliche ist die zielbewußte Konstruktion des Ofens: Schmelzöfen für Erz, Brandöfen für Keramik. Ofen: Gebläse, Zug, Steigerung und Abschluß der Wärme. Herd und Altar sind was anderes.

Es versteht sich von selbst, daß das Brennen von Tongefäßen feinerer Art nicht in jedem Hause, sondern nur in den größeren betrieben wurde (›Werkstatt‹), während das Schmieden ein exklusives Handwerk ist. Das künstliche Formen von Töpfen im Campignien ist vielleicht folgenloser Zufall. Der Begriff ›Export‹ für Tongefäße ist unklar. Die kostbaren Vasen hellenischer Werkstätten [wurden] wohl [exportiert].[194] Aber sonst sind Tongefäße Packmaterial auf Schiffen (Kjökkenmöddinger) und Lastwagen und wurden als solche weithin verschleppt. Sorten: geringere zum bloßen Verpacken, bessere zum Kochen, Trinken, Vorrat.


272


Bedeutung der Keramik, Ornamentik, Weberei: Es ist falsch, die ›Keramik‹ einfach so zu werten wie es geschieht, wo Technik, Form und Zier zusammengebracht werden. Man darf die Keramik nicht von Hausbau, Kleidung, Gerät etc. trennen. Kunstform und -technik sind zweierlei: Ritzen und Malen das gleiche. Gefäße haben sehr verschiedenen Sinn.

1. Der Tonbrand (Ziegel, Gefäß) ist kaschitisch. Kürbis, Holzschale, Muschel etc. sind andre Stoffe. Holz geschnitzt, gerade im Norden.

2. Gefäße: Trinkgefäß, Vorratsgefäß (Wasser, Speise), Graburne, ferner: an den Mund setzen, auslöffeln, ausgießen, mit Rohren aussaugen: Wellen verschiedener Formgebung.

3. Rasseform: Gefäß und Haus, Gefühl für die bauchige, schlanke etc. Form. Hüttenurne, Birnen-, Kugel-, Kuppelform etc. Längs- und Querschnitt: Rassegefühl.

4. Lebensgefühl auch im Gebrauch: Henkel, auf dem Kopf tragen, an Ösen aufhängen, an die Wand lehnen, Untersatz, Fuß, ›Architektonik‹ der Form.

5. Ziertechnik: Fingertupfen, mit Stift Linien ziehen (Ritzen), Aufmalen, Aussparen. Unendlich wichtig! Nichts davon ist dem Tonkrug eigentümlich! Web- und Flechtmuster, einfarbig – ornamental oder mehrfarbig – teppichhaft (Weidenrute, Binsen, Wolle, Flachs), an Holzbauten Balkenmuster. Dann Kerbschnitzen am Haus, Holzgerät. Dann bemalen (Körper, Stoffe, Wände, Haus und Gefäß).

6. Wo hat das Tongefäß überhaupt eine Rolle gespielt? Nicht in Atlantis, wo es gemeines Möbel blieb und das Ausdrucksbedürfnis am Steinbau und Relief gesättigt wurde.

Sakrale Würde von Tongefäßen [gibt es] eigentlich nur in Kasch: feierlich bemalt. Eine eigentliche Tonkunst, für die es Berufskünstler[195] gab: Gipfel in Hellas. Turan betont den Schmuck, die Kulte entstanden, die hüllende Kleidung, die intimen Wohnräume, das Hausgerät.


273


Erfinden: Bis jetzt hat sich die Wissenschaft alles das viel zu einfach vorgestellt: ›Erfinden des Metallgusses‹, ›Entstehung des Megalithbaus‹, ›Entdeckung des Seeweges‹. Das sind jedesmal sehr viele Erfindungen, von denen einzelne hier und dort immer wieder gemacht sein können, ohne zu wirken; die aber alle zu sammen da sein müssen, mit einem entsprechenden Vorausbedenken und Wollen dazu, um allmählich das äußere Leben umzugestalten.

Zum Seeweg gehört das Erfinden des schwimmenden tragfähigen Etwas (Floß), das absichtliche Fortbewegen (Rudern), Entdeckung regelmäßiger Windrichtungen und Meeresströmungen, das Fällen von Holz, Abdichten, die Werft, das Tau, der Anker, der Begriff des Landeplatzes (Hafen).

Zum Metallguß gehört Schmelzen, Ausschlacken, Gießen, Hämmern, Bergbau, Suchen der Vorkommen, Transportmittel. Es ist sehr wohl möglich, daß in Almeria das Erzschmelzen, in Sinear der Reinmetallguß erfunden wurde. Kupfer Almeria, Bronze Kasch – jenes Instinkt, dieses Geschäft.

Zum ›Bauen‹ gehört Behauen, Transport, Auf richten, Abschließen, Plan entwerfen (mündlich).


274


Es ist eine der vielen rationalistischen Torheiten zu glauben, daß ›der Mensch‹ damals sich ›die Metalle‹ dienstbar gemacht hat. ›Der‹ Mensch hat überhaupt nichts getan, und ›das Kupfer‹ ist ein moderner Begriff. In Wirklichkeit haben einige Kreise der kaschitischen Kultur – Priesterschaften irgendwelcher Tempel – gesehen, daß diese schönen, schweren, glänzend roten Stoffe beim Opfern etwa von Malachit entstanden. Von da ist es weit bis zur profanen Herstellung in Schmieden, noch weiter zur Verbreitung der Kenntnis des Gesamtverfahrens bis[196] in entlegene Bedarfsorte und Erzegegenden (Spanien, Zypern, Irland). Es ist Unsinn, von Kupferzeit zu reden, wenn man irgendwo ein paar Äxte findet: als seltene Ware oder Beute kamen sie schließlich überall hin, vielleicht abergläubisch verehrt, oft gar nicht gebraucht, sondern als Schatz bewahrt, Kuriosität. Wenn der Häuptling eines Stammes drei Äxte verwahrt, lebt der Stamm nicht in der ›Kupferzeit‹.


275


Technisches Erfinden: Das Neue, Sprachbedingte ist nicht die technische Erfindung selbst – die Erfindung von Tontöpfen und Pfeilspitzen etwa, sondern der technische Gedanke, daß nämlich etwas Künstliches möglich sei. Deshalb gibt es 1. keine isolierte Erfindung, sondern stets wird das ganze Leben im gleichen Stil durchdacht: Keramik, Ackerbau, Viehzucht, Karren, Boot, Stadt, Opfer – aus demselben Denken heraus. Der Handel als Geschäft gedacht, so wie Viehzucht, Bootsfahrt etc. Krieg. 2. Das Denken dieser Art auf derselben Stufe an verschiedenen Stellen der Menschenerde (c), aber der Stil der Werke [ist] sehr verschieden. Hier mehr Pflanzenzucht, dort mehr Handel.


276


Schiffahrt: Die Hochseefahrt hat sich allenthalben an den Flußmündungen aus der Binnenschiffahrt entwickelt. Häfen gab es nicht. Man lief in die Flüsse ein. Deshalb haben sich allenthalben die Schiffstypen aus Flußschiffen entwickelt: Nil, Euphrat, Loire, Wolga. Und zwar erst als Küstenfahrer. Der ›atlantische‹ Typ ist kein Typ des Schiffsbaus, sondern der Seefahrt selbst. Erst aus der Idee der Seefahrt entwickeln sich überall Schiffsformen des Baues und der Fahrt.


278


Technik: ›Erfindung des Wagens‹ – falsche Vorstellung. Die Idee des Fahrens – darauf kommt es an. Es gehört dazu nicht nur der Gedanke[197] des ›Rollens‹ (Rad), sondern auch des Ziehens und vor allem der Straße. Schon deshalb muß die Erfindung für einen kleinen Raum – Tempelhof – geschehen sein. Denn ›Straßen‹ gab es noch gar nicht. Das Rollen statt des Schleifern.

Ebenso ist ›Schiffahrt‹ ein ganzer Komplex von Erfindungen: Boot, Ruder, Anlegeplatz. Man denkt heute zu flach nur an die Konstruktion des Transportmittels, aber der tiefe Gedanke ist der der Ortsbewegung (Straße, Bahn, Ankerstelle).


279


Handel: Ältestes Fahrzeug [ist] das Floß (Binsen, Stämme, Schläuche). Jünger [sind] Rindenboote und Einbäume. Das meertüchtige Langboot [ist der] Gipfel der gebauten Plankenrippenboote. Das Segeln ist polynesisch: ursprünglich wohl Doppeleinbäume mit einem Mast. Zu Land Tragen (in Körben, Kiepen); das Tragtier [gibt es] nur in Viehzuchtkulturen. Schneeschuh, daraus Schlitten. Der Wagen ist indogermanisch-nordisch (Ägypten und Babylon kennen ihn nicht, nur untergelegte Walzen!). Die Sänfte. Der Personenwagen [ist] eine Verbindung von Sänfte und Lastwagen.


280


VerkehrundLebenshorizont‹: Wandern ist instinktives Vorwärtsbewegen, ohne Wissen des Woher, Wohin, Warum. Tierwanderungen. Verkehr ist Organisation der Fortbewegung: Wissen des Zwekkes, des Ziels (Ziel ist ein Ort, ein Land, kein abstrakter Zweck, also nicht ›Reichtum‹, sondern ›Rom‹).

Verkehr: Bahnen und Punkte, Handelsstraßen, Sitte des Verkehrs, Gastrecht, Marktfriede, Kundschaften, Vertrag. Lebenshorizont ist nicht Weltanschauung abstrakter Art, Kausalsystem, sondern Kenntnis der Berge, Länder, Menschen, Klimata etc. bis zu einer gewissen Ferne. Ein Wissen, mit dem man lebt und das der Hintergrund der Erlebnisse des Tages ist: der eigne Stamm ist nicht mehr die Welt, sondern etwas in der Welt.[198]


281


Verkehr‹: Der Gesichtskreis des Urmenschen reicht so weit wie seine Beine: und er geht nur, soweit es nötig ist. Wandern bedeutet hier, daß die Enkel weiter sitzen als die Söhne und diese weiter als die Väter. Es kommt aber eine Zeit, wo viele oder einzelne zwischen andren hindurch oder über sie hinaus streifen: für die ist dann ›die Welt‹ ein immerwährendes Neues. Indessen, man kommt nicht weit mit Viehherden und Acker. Wandern ist etwas anderes als Sichverbreiten.


282


Handel: Es ist zu unterscheiden zwischen dem Grenzhandel der sich berührenden Stämme, durch den sich Objekte und Verfahren regellos verstreuen können, also (ego) Nachbarhandel und Warenstreuung, und (ego) gebahnter Handel, der Schiff, Lasttier, Wagen voraussetzt und wohl zuerst Metall- und Steinhandel war: Obsidian. Also seltene Dinge, Elfenbein, Bernstein, Nephrit. Die Handelsbahn wird Nachrichtenstraße; längs dieser die Umschlagplätze als Stützen von Handelssprache und technischem Wortschatz, der in Nachbarsprachen eindringt. Die Händler, eine ›internationale Gilde‹ eigner Nationalität, mit Standessitten, Kult, Sprache, oft Rasse (Assyrer). Aus diesen Bahnen werden Völkerstraßen, Römerstraßen, Chinesische Mauer, Monsunstraße, Eisenbahn- und Dampferlinien.


283


Schiffahrt im Mittelmeer: Das Buch von Köster könnte zu einem Irrtum führen, daß nämlich die ägyptische Schiffahrt hier die ›älteste‹ sei. Sie ist aber nur die älteste, von der die ägyptischen Denkmäler reden, und wir können bei der Natur dieser Inschriften Zeichnungen und Reliefs nur von solchen Dingen Kunde erwarten, die ägyptische Beamte unmittelbar angingen, von Schiffen also nur, wenn sie ägyptisch waren oder mit Ägyptern zusammentrafen, etwa in einer Seeschlacht.[199]

Daß die Schiffahrt aber unendlich viel älter ist, obwohl wir von diesen Schiffen nicht die geringste Vorstellung haben, ist dadurch bewiesen, daß schon im Jungpaläolithikum sich Kulturformen über das Meer hin ungehindert ausbreiten. Diese Zeugnisse sind heute durch Verbreitungskarten so deutlich geordnet, daß es möglich wäre – ein Thema für eine Habilitationsschrift! –, sogar die Verkehrslinien festzustellen, die vielleicht ebenso ewig sind wie die Handelsbahnen des Festlandes: z.B. von Tunis nach Aquileia, Kreta, Sardinien, von Marokko nach Ostspanien.


284


Wirtschaft: Die entscheidende Umgestaltung in der c-Kultur besteht darin, daß die Ergebnisse heiliger Kausalität profan werden; die Kausalität der Angst (hohe Kräfte, böse, gütige) wird zur Kausalität des Nutzens: Abwehr nicht von Dämonen, sondern Unbehagen, Bannung nicht von Geistern, sondern Kräften vor dem Pflug.


285


Keramik:

a) atlantisch bis ägyptisch: Syrien.

b) Kasch: Susa, Anau, Chäronea, überlagert vom echt Sumerischen. Ego: offenbar Euphrat – Südkleinasien – Adria, vielleicht Katalonien, viel zur See, dem Atlantischen ausweichend.

c) bandkeramisch: Lengyel, Cucuteni, Tripolje, Dimini – liegt in Thessalien über Kasch, ist also jünger. Hierzu gehört die Hoanghokeramik und ein Element der japanischen Ko-Keramik.

Malender Stil! Hakenkreuz, Knopfsiegel, Malerei.

d) Binsenmattenkeramik (Kamm-): Havel, Finnland, Ural, Sibirien, Japan, China (zurückgebliebene Rassen), Muschelhaufen! (in Japan) als Ko-Typus, auch auf den Riu-Kiu-Inseln.

c-d) in Japan eng vergesellschaftet [mit dem] Quadratstempel.

Andrerseits dänische Kjökkenmöddinger, westeuropäisches Campignien, [in] Urägypten vielleicht nur Schiffbruchbeute.[200]

Ferner gibt es in Japan Sileximport aus der nordischen Megalithkultur. Das ist wohl der Nachhall des Solutréen. Ferner Maglemoseharpunen.

c) hat den Schwerpunkt in Zentralasien, steht in Osteuropa unter Einfluß von b) und stammt aus dem Solutréen von ca. 8000–5000 v. Chr.

Ich unterscheide also folgende Formenkreise:

a) Atlantis: bis Orkney, Dänemark, Syrien, Ostafrika (Capsien), Nordarabien, Punt.

b) Kasch: bis Indien, Anau, Kaukasus, Chäronea, vorsumerisch, Schweiz, Nordkleinasien.

c) Altaisch: westlich bis Lengyel, Dimini, östlich bis Hoangho, Sahara, Südsee (Solutréen).

d) Arktisch: von Ostsee bis Japan, Zentralchina, Südsee (Alpen?), Aino, Bärenkult.

e) Nordisch (tektonisch [siehe] Scheltema), jünger.


286


[Die] Entstehung der Metallbearbeitung ist nur so möglich, daß leuchtende Erzstufen ihrer Schönheit wegen (Malachit, Kupfer!!!) geschätzt, geschliffen, als Stein bearbeitet worden sind, auch geopfert, bis man merkte, daß im Feuer ›Kupfer‹ ›entstand‹ und in Formen leuchtend erstarrte. Das Geheimnis der Priester. Dies ist der geistige Ausgangspunkt.

Dabei ist gar keine Frage, daß der Ort der Ideen der Altar war; die Erze konnten weither kommen, je seltener, desto kostbarer. Also Kasch als Ursprung der Schmelzidee; die Findung irgendwo in der Ferne, durch Handel zugänglich. Was sich von dort verbreitete, war erst das seltene fertige Kupfergerät (Axt), dann der ausgeschmolzene Kupferbarren, der voraussetzt, daß es anderswo schon Orte [mit gelernten Schmieden] gibt, endlich die Kenntnis vom Verlauf des Gesamtverfahrens. Neolithisch ist das Hämmern, kaschitisch das Gießen.[201]


287


Wirtschaft und Kochkunst: Es ist bisher der Fehler gemacht worden, nur die Gewinnung der Rohstoffe für die Ernährung zu beachten: Fische, Wild, Haustiere, Früchte – und nicht die Kultur der Küche, die auch ihre c- und d-Stufe hat. Ursprünglich ist das Verzehren der Nahrung im natürlichen Zustande: Milch, Blut, Eier, rohes Fleisch, mehlige Früchte. Dann erst beginnt der Stil des Zubereitens, erstens des bequemeren Zerkleinerns wegen: Aufweichen, Kochen, Wärmen, Brei, Zermalmen, dann aber als ›Kunst‹, nämlich mit Rücksicht auf den Genuß daran. Essen aus Freude am Gutschmecken. Auch da rächt sich die Natur, vergewaltigt: schlechte Zähne, Magenleiden. Die Kunst des Bratens, Würzens. Rauschgetränk, süß, sauer, Honig. Es beginnt das Suchen nach neuen Genußmitteln und Kochmethoden. Die Idee der Küche.

Und von nun an ist die Landwirtschaft unter dem Einfluß der Freude an kulinarischen Feinheiten: Man wählt aus, pflanzt, züchtet. Es kommt die ›Götterspeise‹, das Bratopfer hinzu. Die entwickelte Landwirtschaft setzt eine entwickelte Kochkunst voraus. Es gibt einen Barockstil der Küche etc.: Beefsteak. Geschichte der Kochkunst [ist ein] Erfordernis.


288


Bronze: Die älteste babylonische Bronze, vorsargonisch, [besteht aus] Kupfer und Antimon. In Ägypten scheint Arsen absichtlich beigemischt. Die ältesten europäischen Bronzen haben Antimon, Arsen, Blei, Nickel in sehr verschiedenen Mengen: Es scheint, daß man erst allmählich zum Zinn mit bestimmtem Prozentgehalt gelangt.

Dann wäre also der Ausgang die Beobachtung, daß beim Schmelzen unreines Kupfer Vorzüge habe, und die Entwicklung (nicht ›Erfindung‹) der Zinnbronze erst eine langsame, nicht kultische, sondern handwerkliche (Schmiede) Verfeinerung. Denn die profane Metallverwertung ist identisch mit der Ausbildung des Schmiedehandwerks mit geheimgehaltenen Gewohnheiten. Wichtig ist, daß Bronze leichter[202] schmilzt: das ist am Anfang wesentlicher als die Beobachtung, daß sie härter ist als Kupfer. Man darf da aber kaum internationale ›Erfahrung‹ voraussetzen, sondern eher lokalen Brauch, eigensinnig, selbstbewußt, verschmitzt.

Troja II zinnreiche, VI zinnarme Bronze. In der Aunjetitzer Kultur [wurde] für verschiedene Zwecke verschiedener Zinngehalt nachgewiesen – und zwar nach dem Grade der leichten Bearbeitung komplizierter Dinge (Ketten). Man schmolz nicht Erze zusammen (die außer in Cornwall nirgends zusammen vorkommen), das ergibt kein brauchbares Resultat, sondern die Reinmetalle selbst, und zwar wird das Zinn am Ende des Prozesses zugesetzt.[203]

Quelle:
Oswald Spengler: Frühzeit der Weltgeschichte. München 1966, S. 184-204.
Lizenz:

Buchempfehlung

Grabbe, Christian Dietrich

Scherz, Satire, Ironie und tiefere Bedeutung. Ein Lustspiel in drei Aufzügen

Scherz, Satire, Ironie und tiefere Bedeutung. Ein Lustspiel in drei Aufzügen

Der Teufel kommt auf die Erde weil die Hölle geputzt wird, er kauft junge Frauen, stiftet junge Männer zum Mord an und fällt auf eine mit Kondomen als Köder gefüllte Falle rein. Grabbes von ihm selbst als Gegenstück zu seinem nihilistischen Herzog von Gothland empfundenes Lustspiel widersetzt sich jeder konventionellen Schemeneinteilung. Es ist rüpelhafte Groteske, drastische Satire und komischer Scherz gleichermaßen.

58 Seiten, 4.80 Euro

Im Buch blättern
Ansehen bei Amazon

Buchempfehlung

Geschichten aus dem Biedermeier. Neun Erzählungen

Geschichten aus dem Biedermeier. Neun Erzählungen

Biedermeier - das klingt in heutigen Ohren nach langweiligem Spießertum, nach geschmacklosen rosa Teetässchen in Wohnzimmern, die aussehen wie Puppenstuben und in denen es irgendwie nach »Omma« riecht. Zu Recht. Aber nicht nur. Biedermeier ist auch die Zeit einer zarten Literatur der Flucht ins Idyll, des Rückzuges ins private Glück und der Tugenden. Die Menschen im Europa nach Napoleon hatten die Nase voll von großen neuen Ideen, das aufstrebende Bürgertum forderte und entwickelte eine eigene Kunst und Kultur für sich, die unabhängig von feudaler Großmannssucht bestehen sollte. Dass das gelungen ist, zeigt Michael Holzingers Auswahl von neun Meistererzählungen aus der sogenannten Biedermeierzeit.

434 Seiten, 19.80 Euro

Ansehen bei Amazon