Der Trojanische Krieg

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Trojanischer Krieg: Bin Blick auf die Ilias und die Berichte über die verlorengegangenen Epen hätte zeigen sollen, daß hier die Taten eines Seekriegs zugrunde liegen, die von Dichtern, welche nur Landkriege kannten, bearbeitet sind. Der große Auszug der Angreifer – Achäer – setzt Seeschlachten voraus. Wo aber ist die Flotte der Trojaner? Paris fährt doch zur See, um Helena zu rauben? Der Landkrieg schildert Streitwagenkämpfe – die Waffe der Binnenländer. Die Sage von Troja ist in einem Grade Erfindung von ganzen Dichtergerationen, wie man sich das noch nie klarzumachen gewagt hat. Die Achäerfahrt ging gegen die Kafti. Auf Kreta hegt der Ida, wo Aphrodite und Idaios sitzen. Ilios am Hellespont war eine Burg, keine Stadt. Sie hatte also kein ›Heer‹, aber eine Flotte. Die ›Zerstörung von Ilios‹ – heißt die Burg überhaupt so? – Vilusa. In der Nibelungensage ist aus dem geschichtlichen Hunnenzug zum Rhein, bei dem die Eroberung von Worms ein unbedeutendes Ereignis war, der Zug der Burgunden nach Attilas Lager geworden, den es nie gegeben hat. Hier haben griechisch sprechende Stämme aus ›Achaja‹ (dem im Peloponnes und dem in Phthia) die fremde Agamemnonsage, die Sage von Vilusa, die Achilleussage mitgebracht, und irgendein[410] Rhapsode besang den Überfall der Seeräuberfeste ›Troja‹ so gut, daß das Motiv der Mittelpunkt, der Magnet für alle anderen Gesänge wurde. Wer aber hat die Burg zerstört? Meiner Meinung nach wahrscheinlich Odysseus, der ›Burgenbrecher‹, von dem nun die Rede sein soll.


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Trojanischer Krieg: Wir reden von ›Homer‹, und selbst die Fachgelehrten werden von dem Namen immer wieder zur Vorstellung eines Einzeldichters verführt, sobald das Wort ihnen aus der Feder schlüpft. In ›epischen‹ Zeitaltern des Abendlandes gibt es ebenfalls Kristallisationspunkte des epischen Dichtens: nicht die Nibelungensage, die volkstümlich gewesen war bis nach Island hin, aber nicht als Thema für Standespoesie geltend wurde, sondern die ›Matière de Bretagne‹ – die Artussage (Erec, Iwein, Lanzelot und Ginevra), die Gralssage (Parzival) und zwischen ihnen Tristan. Lohengrin, Roland! So waren es die geschichtlichen Begebenheiten bei Theben und Troja (Aachen, Worms, Karl der Große) und reine Mythen (Paris, Helena, Gral, Nibelungen, Aphrodite). Im gotischen Abendland dichteten einzelne, in Nachahmung andrer, hier aber wurden die älteren Dichtungen von jüngeren mosaikhaft zusammengefaßt. Noch stärker in Indien (Mahabharata). Die ›homerischen‹ Epen – nie darf man vergessen, daß es sehr viele waren, von denen die Ilias und Odyssee als die beliebtesten langsam in den Vordergrund traten – sind Sammeldichtungen.


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Die frühe Geschichte seit etwa 1200 versucht man immer wieder durch zwei Sagenkreise aufzuhellen, die wir nur aus den Werken der epischen Dichtung kennen: den Trojanischen Krieg und Sieben gegen Theben. Der letztere wird mit Unrecht meist vernachlässigt, so daß ein schiefes Bild entsteht. Aber wieviel kann man überhaupt aus solchen Sagen entnehmen? Wohin kämen wir, wenn wir die Nibelungendichtungen vom deutschen Nibelungenlied bis zum[411] grönländischen Atlilied als einzige Quelle für die Geschichte der Völkerwanderung besäßen? Wir würden Siegfried und die Nibelungen für historische Größen nehmen. Aetius und Atli. Die Burgunder sind nicht untergegangen, sind nicht gegen Attila gezogen. Theoderich hat nichts mit ihnen zu tun. Was ist von den Zügen [gegen] Theben und Troja überhaupt wahr? Troja war keine Stadt, sondern eine Seeräuberburg.


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Trojanischer Krieg: (v.d. Leyen, Deutsche Heldensagen.) Mehrere Motive:

1. Die typische Geschichte, daß ein Wikinger einem Häuptling Weib und Schätze stiehlt: ebenso germanisch, keltisch, indisch, Fabliaux. Dazu gehört wahrscheinlich der Name Paris/Priamus. Mykene, Ida.

2. Tatsache eines großen Seekrieges gegen Kafti: Agamemnon, historischer Name.

3. Äolische Fahrten gegen die Trojas: Achilleus.

4. Zerstörung einer Seeräuberburg durch List (Odysseus).

Wie in den germanischen Sagen wechseln Namen (Personen, Völker), Tatsachen, Motive den Zusammenhang.


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Ein Epos ›vom Trojanischen Krieg‹ hat es überhaupt nicht gegeben so wenig als eines vom Krieg der Hunnen gegen die Burgunden. Dergleichen behandeln die Rhapsoden und Skalden nicht. Es gab eine Dichtung vom Zorn eines Helden, der seinen liebsten Freund verliert und rächt; daß dieses Schicksal auf den Namen des Achill getauft wurde, ist gar nicht so wichtig. Eine andre Dichtung handelt von der Heimkehr eines Seefahrers – ob dies nun Odysseus oder Iason war, ist Nebensache. Kyprien etc. Auch an die Argossage hätte sie sich haften können. Hagen stand im Dienste Attilas (Walthers? Thidrek). Kriemhild rächt Siegfried oder Günther. Atli, der Nichtgermane, ist überall Mittelpunkt. Das ›Hunnenland‹ hatte verschiedene Lager.[412]


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Zuletzt ist so gut wie alles, was die Herrenschicht der hellenischen Stämme etwa seit dem 10. Jahrhundert über ihre Herkunft, ihre Taten und ihre Eroberungen glaubte, in die Geschichte vom ›Trojanischen Kriege‹ zusammengeflossen (hineingetragen worden). Wenn man deshalb alles abzieht, was sicherlich nichts mit Troja zu tun hat, so bleibt überhaupt nichts übrig als die Tatsache von Landungsversuchen in der Troas, die vielleicht mit der Zerstörung der Seeräuberburg Ilion gar nichts zu tun hatten. Ilios war keine Stadt, Priamus gehört in den Peloponnes, ebenso wie Paris und Helena. Der Ida liegt in Kreta. Agamemnon, Achill waren keine ›Hellenen‹.


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Der ›Trojanische Krieg‹ ist im Epos nicht deshalb vorherrschend, weil er der wichtigste war, sondern weil er dem jonischen Dichter am nächsten stand. Es ist nicht wahr, daß er ein großes Ereignis gewesen wäre –, das wurde er erst in der Dichtung. Es wurden andre Motive, Gestalten, Namen hinzugezogen. Die Odyssee war nur das Gefäß, um die jonischen Schiffersagen zu sammeln, und nicht, weil Odysseus tatsächlich etwas mit der Burg am Hellespont zu tun hatte. Die Epik des Abendlandes verlor die germanische Völkerwanderung aus den Augen. Die abendländisch-christliche, keltisch-germanische Ritterschaft begeisterte sich eher für die Kreuzzüge und die Kämpfe in Spanien; Tristan, Artus, Gral, Roland. Das Nibelungenlied steht einsam dazwischen, unausgeglichen zwischen Völkerwanderung und höfischen Sitten. Es gab keine Epiker in Italien, am Rhein. Es waren bairische, schwäbische, bretonische, provenzalische Dichter. Aus der Cidromanze ist kein Epos geworden.


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Die Thebais war in ihrem alten Teil älter als die Ilias, wilder, blutiger: Schädeltrinken, Gemetzel, kulturlos. Das muß dem jonischen[413] Adel mißfallen haben – wie die Stoffe der Völkerwanderung dem Adel Deutschlands. Aber eben deshalb sind die Kämpfe um Theben historisch ernster zu nehmen als die um Troja. Es muß wirklich einen Krieg zwischen den Achäern in Theben und Mykene gegeben haben, in dem Theben unterlag. Deshalb ist der Name Achäer von Theben nach Norden verdrängt worden. Von da aus kommen die griechisch sprechenden Eroberer der Lokris und Ätoliens, deren Großväter vielleicht noch diese Kämpfe durchgekämpft hatten. Die Ilias ist für Streitwagenkämpfer, die Odyssee für Seefahrer gedichtet. Es ist der Unterschied zwischen Nibelungen- und Gudrunsage.


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Alle großen antiken Sagenkreise haften an Hauptorten der mykenischen Zeit: 1) Tiryns, Mykene, Pylos, Athen. 2) Theben, Archomenos, Jolkos (Volo). 3) Sparta. Nur die kalydonische Jagd nicht. (Odysseus ist eine Seesage, hat mit Ithaka nichts zu tun.) Also muß ein historischer Zusammenhang zwischen den Sagen und den Schicksalen der Herrschersitze bestehen. In Lakonien sind die Kulte zum großen Teil vordorisch, zum Teil vorachäisch. Homer [ist] ionisch, was die Dorer ([denen die] Heraklessage eigen [ist]) als fremdartig empfanden; Herakles [wiederum ist] seefremd! Urachäisch: Trojafahrt und Argofahrt. Troja VI wurde in langen mühseligen Kämpfen angegriffen: In der Ilias ist vom Plan einer Eroberung ursprünglich kaum die Rede gewesen. Auch Züge des Achilleus gegen Lesbos, Chrysa usw. in der Ilias deuten auf lange kleine Fehden. Der Äoler Achill ist denn auch der Held der ältesten Ilias. In Aulis sammelt sich die Flotte.

1) Argonauten. Homer kennt sie schon (urachäisch). 2) Theseus.


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Psychologie der Waffe: Streitwagen bei Homer. Es ist unendlich viel mit unendlicher Naivität über ›homerische Waffen‹[414] zusammengeschrieben worden. Meist war das ein Gerede über den Schild des Achill. Die wichtigste Waffe ist stets vergessen worden: das Schiff. Wo waren die Schiffe der Trojaner? Dann der Streitwagen.


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Nicht die ›Griechen‹ haben Troja zerstört, sondern die Seevölker. Die Gestalten wurden dann populär. Aber die ›homerischen‹ Dichter der Äolier dichteten anders, denn der Zug des Agamemnon war erfolglos. Die Persis ist viel jünger. Die Tatsache der Ruinen wirkte dann auf die Dichtung ein und verschmolz mit der Sage von den Atriden. Der Raub der Helena ist wieder ein ganz andres Motiv, Mythologie kleinasiatischer Art. Wilamowitz, Odyssee 180 ff. Dann sind also Sänge von Odysseus bei Pelasgern und Turscha überall zuhause gewesen und nicht erst durch die uns bekannte Odyssee nach Italien gelangt!


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Ilias: Ein historischer Zug liegt in dem Streit zwischen Achill und Agamemnon; es handelt sich ohne Zweifel um zwei historische, sagenhaft gewordene Stammesfürsten, beide Achäer und Eroberer (die Ilias enthält noch Reste von Zügen des Achill gegen Lesbos und thessalische Orte, wie Lyrnessos, Pedasos, Theben), die in Streit geraten um Beute, in Wirklichkeit vermutlich um Lesbos. Briseis aus Lyrnessos – wo?, eigentlich ›die aus Brisa‹. [Heißt] Chryseis also ›die aus Krissa‹?


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Homer: Was man in Nordwestkleinasien an Mythen aus dem Achäerland wußte, stammt 1. von den Kafti (Minos), 2. von den Seevölkern (Odysseus), 3. von den Äolern (Achill). Aber 4. muß auch von den Danaern und Achäern viel bekannt gewesen sein. Folglich haben die Achaivascha und Danaer viel mitgebracht. Aber was taten die in Kleinasien? Agamemnon ist libysch. Die Helden[415] stammen überall daher, wo es Kuppelgräber gibt (Nilsson). Die große Macht der Achäer, viele Einzelstämme, zum Teil griechischer Sprache, 1400 ff., von den Danaern angeeignet.

Die äolische Begabung war das Lied – Einzellied von Helden, Göttern. Von den Urliedern vor Homer zu Sappho. Die Jonier waren Erzähler, vom Epos zu der Prosa der Historiker (Schmidt-Stähelin 74). Milesische Märchen. Die Urlieder enthielten Taten einzelner Helden oder Einzeltaten aus der Zerstörung Trojas, kurz, gesungen. Die Epik wird gesanglos vorgetragen. Der Odysseusstoff [ist] echt jonisch. Der Argonautenstoff [ist] thessalisch, aber erst in Jonien zur Fahrt nach dem Pontus (statt [nach dem] mythischen Westen) gestaltet.


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Troja: Wie hieß überhaupt diese Piratenburg? Von Troja II ganz abgesehen, dessen Name – wenn es einen hatte – schon zur Zeit von Troja VI verschollen gewesen sein muß, wissen wir auch von diesem nichts. Das Bild der Stadt Ilios in der Dichtung ist eine freie Schöpfung nach dem Muster jonischer Städte des 8. Jahrhunderts. Ein Blick auf die Trümmer hätte lehren sollen, daß in dieser Burg von Straßen, Tempeln, Palästen gar keine Rede war. Der Name Ida ist von den Dichtern hierher verpflanzt worden, aus Kreta, also vermutlich mit einer Geschichte von einem Achäerzug gegen Kreta. Die Namen Paris, Perrhamos, Hekabe sind nicht von hier, denn ›Könige‹ hat es nicht gegeben. Also wird auch der Name Ilios als Bestandteil einer andren Sage einer eroberten Stadt hierher verpflanzt worden sein. Vilusa. Die ursprüngliche Tatsache, die den Kern der ganzen später zusammenwachsenden Masse der Einzelsagen bildet, wird der Überfall und [die] Zerstörung der Burg gewesen sein – durch List (hölzernes Pferd!). Odysseus, der Seeräuber, heißt πτολιπορθος weil sein Name im Zusammenhang mit der Zerstörung [steht]. Wahrscheinlich eine glänzende List, die zu einem unwahrscheinlich großen Erfolg führte. Von da aus lange überall erzählt.[416]


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Im Stoff der Ilias schimmert ein geschichtliches Ereignis durch, auch wenn man von Troja absieht, etwas, das die Welt der Ägäis tief bewegt haben muß: ein flüchtiges Großreich eines Achäerhelden, wie Theoderich und Alarich, dem die Häupter zahlloser Stämme huldigen, der aber aus der Eifersucht eines andren Achäerstammes fast oder ganz zugrunde geht.


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Sagenwelt: ›Odysseus‹ [ist] ein homerischer Name. Ursprünglich Olykos. Erst von Hanseaten 900 in Ithaka lokalisiert, als man die Wikingerzeit vergessen hatte? Danaiden. Untergang der Aigyptossöhne, ein typisches Motiv (gleichzeitig der Pharao im Schilfmeer).

Zwei Philistersagen: Simson [ist] (während Goliath [die] Schilderung einer historischen Person [ist]) eine Märchenfigur, in ihrer Art ganz unisraelitisch. Man erkennt noch den Weg. Zuletzt [ist er] ein ›Richter‹, vorher Da[niter], vorher ganz religionslos, noch früher ein Feind. Es ist [eine Form des] Herakles. Die ›Krethi und Plethi‹ Davids mögen die Geschichte erzählt haben. Das Richterbuch ist erst um 600 dem Kern nach zusammengestellt und noch viel später in die heutige Fassung gekommen. Die analoge Nissossage aus Gaza! Äneas?

Die Epen sind erst seit [dem] 6. Jahrhundert verbreitet. Bis dahin [waren sie] nur kleinen örtlichen Adelskreisen bekannt, während die Vasenmaler die mündlich [tradierten] Sagen verwenden (Gruppe 609 f.). Erst die Kyprien, noch später Ilias und Odyssee. Älteste Teile der Trojasage: Aias (historische Person wie Goliath?), Achilleus (Heilgott), Epeiros (hölzernes Pferd), Helena. Odysseus ist sehr spät eingeführt (Gruppe 624 ff.).


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Bethe, Sage vom Trojanischen Kriege, Rezension [Deutsche] Literatur-Zeitung 1927, 43, 2343 ff. Ego: Die echte Form der ›Kriege‹[417] der Trojazeit leuchtet in der Ilias in den Heerzügen Achills durch, typische Wikingerfahrten mit kleinen Trupps. Eine solche ist auch der ›Zug gegen Troja‹ gewesen, in dessen Heldensang allmählich die ganze Heldendichtung aufgenommen wurde. Achill und Agamemnon gehören so wenig zusammen wie Günther und Dietrich von Bern.


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Odysseus, der Sagenheld der Seevölkerzeit, [ist] listig, gewissenlos. Deshalb [wurde er] von nordischen Stämmen später verachtet. Man erzählte sich dort gemeine Geschichten von ihm (Wilamowitz: Odyssee 184). Er war schon der Listenreiche, bevor es eine Ilias gab. Vermutlich hat er Troja überrumpelt. Er war ein berühmter Bogenschütze – deshalb heißt sein Sohn Telemach, schon in der Ilias. In der Odyssee gebraucht [Odysseus] den Bogen nur beim Probeschuß. Aber das war die Waffe der vorantiken Ägäis. Seine Schiffe stehen in der Mitte des Lagers. Die Ithaker werden sich zuletzt auf den Inseln festgesetzt haben, von denen irgendeine den Namen behielt. Ursprünglich hatten sie keine Heimat. Ithaka hieß eigentlich Kranae. Ithas [ist] ein Titane. Prometheus zuweilen Ithax. War das in einer unbekannten Sprache ein ›redender‹ Name?


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Hat der Name Odessos (Odessa) die Form ›Odysseus‹ beeinflußt, als man [des Helden] Abenteuer zum Teil ans Schwarze Meer verlegte?


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Städtezerstörer Odysseus: Diese nordischen Völker – auch Galater, Kelten, Germanen – verstanden nichts von Belagerungen. Sie verwüsteten das Gebiet und suchten dadurch die Bevölkerung zu einem Vertrag zu zwingen. Hier ist Odysseus ein Mann, dem es einmal geglückt ist [eine Festung einzunehmen]. Aber wo?[418]


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Ilias II: Unter Hektor stehen die Einzelstämme. Dardaner (Skamandertal, Ida). II, 821–7 Andre Troer unter Pandaros, Sohn des Lykaon (Ilias V, 105; 73 heißt das Lykien). Diese Lykier sind andre als die des Sarpedon. Also wieder ein ›Heername‹. Apollo ist der Stammesgott der südwestkleinasiatischen Stämme. Der Heerruf von Troja war ›Ihr Troer, Lykier und Dardaner‹. Der Katalog nennt weiter Pelasger (Larissa), Leleger (Pedasos), Kiliker (Theben), Myser, Phryger vom askanischen See, Maionen (Tonolos). Das ist eine geographische Linie um Troja herum: Troer, Dardaner, Lykier, Pelasger, Leleger Kiliker, Myser, Phryger, Maionen. Daraus geht hervor, daß wie bei den Germanen auch zwei ›hellenische‹, wenigstens indogermanische Stämme auf der fremden Seite standen (Attila!) [und] daß die ›Kiliker‹ vielleicht ein aus Arzawa gekommener Schwärm waren, der dort die indischen Namen hatte, daß die Phryger damals auf dem Galaterwege nach Osten waren, daß vielleicht der Name Theben von dort nach Böotien kam (Sparten, Saparda). Man muß hier wie überall unterscheiden zwischen dem Namen des größeren Stammverbandes, dem Heernamen, der nur noch mythisch-heroischen Sinn hatte (Achäer, Tyrrhener), und dem Namen des kleinen Einzelstammes, oft identisch mit dem Flurnamen seiner damaligen Siedlung (›Rutuler von Ardea, Quiriten von Rom, Pelasger von Larissa, Kiliker von Theben, ebenso Etrusker von [Caere]‹). Die Siegesberichte Ramses' [wie] Homers führen den Namen auf, der ihnen zufällig am stärksten bei der Verhandlung ins Ohr fiel.


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Priamos (Perrhamos): Der Name scheint mir verdächtig. Er verhält sich [mit] Paris [verglichen] wie Lygdamos, Imbramos, Pergamos. Welcher von beiden war also der ursprüngliche, der einmal irgendwo an der Westküste einen Ruf hatte? Perrhamos, Perrhäer in Thessalien. Äolische Aussprache also.[419]


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Trojanischer Krieg‹: Die meisten solcher Ereignisse, auch sehr bedeutende, sind bald vergessen. Wenn aber ein Lied, das ein unbedeutendes Treffen schildert, durch seine Drastik oder bloß durch den belebenden Rhythmus und Tonfall populär bleibt, dann wächst das Ereignis in der Erinnerung zuletzt zu einer ungeheuren Tat. So war es mit den Mauern von Jericho, dem Tod Rolands, und so ist es auch mit dem Fall Ilions gewesen. Dabei können sich Ort und Zeit völlig verschieben, der Name an ein ganz andres Ereignis geknüpft werden. Es ist gar nicht gesagt, daß die Burg, welche Odysseus zerstörte (ein berühmter Pirat und Häuptling der Ithaker), identisch ist mit den zwei Burgen an den Dardanellen und dem Ort, der Vilusa hieß.


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Später Seeraub: Die Seeräuberburg von Troja (II, VI), die die Schiffahrt in den Dardanellen unsicher machte, hat natürlich ›Metallschätze‹ geliefert. Sie bezeugen nichts weiter als die Tatsache, daß diese Sachen dort vorübergefahren wurden. Unter Umständen raubte man auch einen kunstreichen Schmied (Wieland) oder Töpfer, der die Sachen in der Burg selbst herstellen mußte. Daraus entstand dann in den Augen der Prähistoriker eine ›Trojanische Kultur‹ von weiter Verbreitung. Wie würden diese Piraten über die Verwendung ihrer Beute zu wissenschaftlichen Schlüssen gelacht haben!


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Die Sagen vom Trojanischen Krieg [sind] aus sehr verschiedenen Elementen entstanden. 1. Der glückliche Überfall des Odysseus, des Seevölkerhelden, auf Troja. 2. Die Ausfahrt des Agamemnon zu einem gewaltigen Zug nach Kleinasien. 3. Fahrt des Menelaos. 4. Zug nach Aulis.

Die Argonautensage knüpft an uralte Kafti- und Kretifahrten ins Schwarze Meer. Milet, die Kaftistadt, kannte Kolchis und nahm in[420] der Zwischenzeit (›lydische Seeherrschaft‹) die Fahrten wieder auf (-essos). Die Urform der Sage (Robert II, 709) richtet die Fahrt nach Aiaia nach Westen. Die Rückfahrt durch den Okeanos und Pontus Euxeinos. Die Abfahrt von Aulis (Böotien) verrät, daß noch ein andrer Zug damit verschmolzen wurde.

›Achills‹ Zug gegen Lesbos. Zug gegen Lykien (Sarpedon) und Rhodier gegen das Festland. Zug gegen Theben von Argos her nach Kypros. Zug gegen Kalydon.

Aus diesen massenhaften Kämpfen sind nur ein paar Sagenkreise geblieben, die die andern an sich zogen (Burgunden).


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Was war denn der Trojanische Krieg! Wenn die Tatsache des Falles von Ilion feststeht, so muß man sich doch ganz vom Bilde der Ilias frei machen. Diese kleine Burg, in der ein paar Hundert wetterfeste Kerle hausten, mordgewohnt, von jeder Herkunft, Flüchtlinge, ehemalige Gegner, mit einer Handvoll Sklavinnen und Sklaven und dem Prunk eines erfolgreichen Piraten – Gold, Weiber, Wein, Blut und Marter –, vielleicht 10 bis 20 schnelle Schiffe – das war damals eine große Macht! – [wurde] überfallen, während die Bande fort war, oder diese im Feld überfallen und niedergemetzelt. Was sich hielt, war nur das Gefühl der Befreiung an allen Küsten, als das Nest niedergebrannt war. Das Bild des Trojanischen Krieges ist Dichterschöpfung wie das Ende der Burgunden in Attilas Halle. So führte man im 9. Jahrhundert Krieg und nicht einmal da, denn die phantastischen Zahlen – tausend Schiffe, 10000 Männer – sind Phantasie.


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Gibt es in der Ilias Priestertum? Es gibt den Seher, den Goden, wie den Arzt und Sänger als Gewerbe. Das ist nordisch. Wie steht es bei Hesiod? Das griechische Epos ist wie das indische durch fortgesetztes Hineinarbeiten angeschwollen. In der Ilias spielt der Streitwagen im aktiven Kampf schon keine Rolle mehr. Er ist den Javones fremd.[421]


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Die Dichter der homerischen Epen nennen die Angreifer im ›Trojanischen Krieg‹ vor allem Achäer – daneben seltener Danaer, Argeier, Panhellenen (spät). Seit dem 8. Jahrhundert etwa – wo die Ilias vielleicht, die Odyssee noch lange nicht die heutige Form erhalten hatte – waren die Gebildeten überzeugt, daß diese Achäer ihre Ahnen waren. Damals bildete sich der Gebrauch aus, die griechisch sprechende Bevölkerung als Hellenen zu bezeichnen. Es ist durchaus nicht gesagt, daß die Dichter der Einzelgesänge, aus denen dann die schriftliche Literatur entstand, das auch geglaubt haben.[422]

Quelle:
Oswald Spengler: Frühzeit der Weltgeschichte. München 1966, S. 410-423.
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