Disposition II zur ›Weltgeschichte‹

[496] Kurz, tief, durchsichtig, klar, unendlich überlegen.

Wesen des Geschichtskennens (gegen Kant). Schauen, Physiognomie, Gestalt, Schicksal.

Was ist Zeit, Chronologie, Richtung? Tatsachen, Wahrheiten, Zeit – Raum.

Geschichte schreiben, dichten. Geschichtsdenken. Welt als Geschichte.

Gegen Altertum – Mittelalter – Neuzeit, Bronzezeit, Kulturkreis.

Was ist Geschichte, Geschichtsschreibung, Geschichtserkenntnis?

Wenig Metaphysik, nur ein paar große Linien. Kurz! Mehr psychologisch. Gegen ›Steinzeit‹.

1. Was ist der Mensch?

Von innen erlebt: Freiheit, Wille. Raubtier, Jäger. ›Leben‹, Pflanze, Tier, Flamme. Aneignen, kämpfen. ab-cd. Zwang der Gattung. Hand. Individuum und Schar, Exemplar. Seltenes Tier unter massenhaften andren. (Wie ein Genie unter der Masse von Minderwertigen.) Fragwürdiges Leben unter späteren Arten. Durch Härte erzogen zur List. Waffenlos, kraftlos, daher ›Geist‹ als Waffe. Instinktiv, erfinderisch. Feuer. Infantil. Bête incompréhensible (Pascal), edle Bestie. Erdverbundenes Leben. Zu Erde sollst du wer den!

2. Wann beginnt die Weltgeschichte?

Fünftes Jahrtausend. Sprechen – Denken. Unternehmen. Organisieren, Ziel. Verhängnisvolle Anlage. Idee und Ideal. Vertiefung des Lebens. Von Süd nach Nord. a-b geschichtslos. Wieso? c-d bewußte Gemeinschaft. Reflektierende Seele. Schrift, Krieg, Waffe, Gerät. Daseinsströme – Wachseinsverbindungen. Trieb. Sprechend denken über verstehend empfinden. Macht des Menschen. Herr der Welt – Sklave der Welt. Stolz, Verzagtheit. Neue Seelentiefen.

[497] 3. Was ist Weltgeschichte?

Organisiertes, sprachgebundenes, zielbewußtes Tun zu mehreren: politisch-soziologisch-wirtschaftlich. Lebensströme im geistigen Zwang. Geschehen, Geschichte. Tief, Sinn. Mächte und Tendenzen. Bewußt, instinktiv. Tatsachen, nicht Wahrheiten. Einmalig, Datum. Stil, Ethos. Chronologie. Generationen. Macht organisieren, Ziele. Innerer Zwiespalt. Macht und Beute. Krieg [als] Unternehmen zu mehreren.

4. Was ist Kultur?

Innere Form der Geschichte. Kultur ein Lebensstrom in Generationen. Erbart. Ausdruck. Seele. Lebensstrom höherer Ordnung wie Sippe, Schule (Kunst), Stil. Gewächs, wurzelnd. Gestalt. Früh- und Spätkulturen. Darunter, nicht danach. Tempo, Dauer. Gruppe der Kulturen: 3–8. Ursymbol. Stil innen/außen. Werke, Taten, Personen. Weg zum Norden. Geburt, Zivilisation. Verfall (›Naturvölker‹). Zivilisation ist Vorherrschen großstädtischer ›Intelligenz‹. Bauerntum, Gesellschaft. Dorf, Stadt. Stamm – Staat, Stand, Nation. Adel, Priester. Bürger. Haus (wurzelnd), Haustier, Käfig. Bauern: Viehzucht, Ackerbau. Kultur – innere Form eines Kampfes bis zur Vernichtung.

5. Kultur gegen Natur:

Blut gegen Boden. Seele, Macht der Landschaft. Klima. Wald, Wüste. Eiszeit. Trocknung. Meer, Gebirge. Süd, Nord. Rasse, Zahl. Im Menschen, im Willen blieben die zwei Mächte kämpfend: erdverbunden (von Erde bist du) und erbverbunden.

6. Drei Frühkulturen:

Idee, Metaphysik. Gräber – Tempel – Haus. Genealogisch – kosmologisch. Stil der Seele, des Lebens. Pantheismus, Polytheismus. Schicksal, Gott. Süden früher auf, Kunst (Imitation, Ornament), Religion, Denken. Adlig – priesterlich: Nord – Süd.

7. Drei Frühkulturen:

Taten. Politisch-wirtschaftlich-soziale Geschichte. Stamm, Macht, Besitz, Krieg, Waffen (Bogen – Axt), Recht, Herrschaft. Haus, Dorf. Rasse haben. Wille. Geschichtliche Mächte. Grenzen, Heimat. Verkehr, Handel, Vieh- und Pflanzenzucht. Adlig – priesterlich: Nord-Süd.

[498] 8. Seßhaftes und bewegliches Leben:

Instinkt des freien Raubtiers gegen Kultur. Kerker. Bauern. Seefahrer und Landnomaden. Schiff (viertes Jahrtausend), Zelt. Nomaden uralt (a-b). Schiff neu. Stämme. Stil. Herrenleben. Raub, Handel. Protest gegen die Bindung des Lebens: gegen Dorf, Bauerntum c; Stadt, Gesellschaft der Anarchisten, Boheme, Abenteurer, Reisen.

9. Ägypten und Babylonien. Drittes Jahrtausend:

Gegensätze des Südens. Hamitosemiten und Drawidas. Art der Schichtung. Frühzeit, Spätzeit, Zivilisation. Stände, Revolutionen. Seegeschichte des Mittelmeeres. Akkader. Ur, Guti. Wüste.

10. Erwachen des Nordens zur Tat: Streitwagen. Zweites Jahrtausend:

Indogermanen, Turk. Wüste. Binnenland gegen Meer. Seevölker, Kafti, Hyksos, Kassiten, Israel. Ägyptisch-babylonische Zivilisation. Hethiter. Aramäer.

11. Drei Kulturen: China, Indien, Antike. Erstes Jahrtausend.

Vollkommene strengste Form der ›Kultur‹, klarer Bau, strenger als Babylon-Ägypten. Entstehung, Ort, Zeit, Arten. Versüdlicht, ritterlich, Priesterstand, See – Land, sozial, wirtschaftlich. Eigen – fremd.

12. Inzwischen Reiterstämme:

Perser, Skythen, Kelten, Malaien, Seefahrt in Südasien. Drei Imperien. Barbarenangriff. Innere Krisen. Hunnen, Germanen, Indoskythen. Zarathustra. Israel.

13. Arabische Kultur. [Erstes Jahrtausend:]

Byzanz, Sassaniden, Islam (Reiter). See: Wikinger, Japan. Pazifik: Polynesien, Mexiko, Peru. Christentum, Nationen. Magyaren, Türken.

14. Abendland. Zweites Jahrtausend:

Islam, Russen, Dschingiskhan: Farbige ringsum. Japaner, Türken. Seemacht, Expansion. Kolumbus. Amerika, Kolonien. Kirche, Staat, Kreuzzüge. Osten, Nationen.

13. Lage im 19./20. Jahrhundert:

Zivilisation: Krise. Technik. Neue Waffen. Land und Meer. Farbige. Russen. Japan, Afrika. Ende der c-Kultur: ›Ethnologie‹.[499]


Der Club zu BremenBremen, den 16.

Lenzing (März) 1935

Atlantis-Haus,

Böttcherstraße 2


Einladung Nr. 32


Donnerstag, den 21. Lenzing, abends 8.30 Uhr,

spricht im Vortragssaal des Atlantis-Hauses, Böttcherstraße 2:


Dr. Oswald Spengler:


›Die Schiffahrt und ihr Einfluss auf die Weltgeschichte‹


Übergang vom Paläolithicum zum Neolithicum: Entstehung der Sprache. Stämme als sprachverbundene Organisationen. Sprachgeleitete Unternehmungen: Steinbau, Bergbau, Schiffbau usw. Schiffbau und Schiffahrt an der atlantischen Küste im fünften Jahrtausend entstehend. Idee der Seefahrt, Befreiung vom Land. Typus der Schiffe. Gefahren. Entstehung der frühgeschichtlichen Kulturen. Seßhaftigkeit. Viehhaltung und Pflanzenbau. Drei frühgeschichtliche Kulturen: Im Westen (Schiffbau, Grabbau, Totenkult usw.). Im Süden (Tempelbau, Pflug). Im Norden (Holzbau, Haus, Ornament).

Gegen die seßhaften Stämme Auflehnung der ursprünglichen menschlichen Seele. Bewegliche Stämme: Jäger-, Räuber-, Seefahrerstämme. Entstehung der Seestämme: Seefahrt in Flotten, Seemächte, Küstenmonopole.

Um 2000 ist der andere große Gedanke der Bewegung entstanden: Im Innern Asiens der Streitwagen. Grundgedanke. Das Pferd. Um 1000 Reiterstämme. Tempo als Waffe. Aus den Bewegungen dieser beweglichen Stämme gegen die seßhaften sind die Hochkulturen entstanden, seßhafte Stämme überschichtet von Herrenstämmen.

Überblick über die Weltgeschichte vom fünften Jahrtausend bis zur Gegenwart, wo die alten Bewegungsmittel Ruder, Segel und Pferd durch mechanische Kräfte ersetzt werden, wozu die Bewegung in der Luft kommt. Umwertung von See und Land im gegenwärtigen Zeitalter.[500]

Quelle:
Oswald Spengler: Frühzeit der Weltgeschichte. München 1966, S. 496-501.
Lizenz:

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