§ 4. Das Leben der Elegants.

[57] Der Verfasser nennt den Zusammenhang mit dem (vorigen) Paragraphen:


Nach Erlangung des Wissens und nach Gründung des Hausstandes für die Gelder, die man durch Geschenke, Siege, Handel oder Bezahlung erworben oder ererbt hat oder auch für beide, führe man das Leben eines Elegants.


»Nach Erlangung des Wissens«: weil dann die Führung des eleganten Lebens am Platze ist. Da aber ein Mann, auch wenn er das Wissen besitzt, die Führung eines eleganten Lebens nicht beginnen darf, solange die Verbindung mit einer Frau noch nicht stattgefunden hat, so sagt (der Verfasser): »Nach Gründung des Hausstandes«. Wenn nun aber auch der Hausstand, das häusliche Leben, in Verbindung mit einer Gattin, für den Elegant paßt, so ist das doch nicht ohne Vermögen denkbar.[57] So sagt denn (der Verfasser): »Für die Gelder«: und auch diese erlangt man nicht ohne Hilfsmittel; darum heißt es: »durch Geschenke«. Da erlangt es denn der Brahmane durch Geschenke, indem das so seine Art ist; der Krieger durch »Siege«, indem er vom Waffenhandwerke lebt; der Kaufmann durch »Handel«, was sein Gewerbe elliptisch bezeichnet; der Sūdra, Handwerker, Schauspieler usw. durch die Bezahlung, Löhnung für eine Arbeitsleistung: dadurch »erworben«. Die Vorschrift, daß der häusliche Herd gegründet sein müsse, ist (also) keine Sache für einen Habenichts. – »Ererbt«: vom Vater oder Großvater erlangt. In diesem Falle erfolgt unmittelbar auf die Verbindung mit einer Frau die Gründung des Hausstandes. – »Oder auch für beide«, das durch Geschenke usw. Erhaltene und das Ererbte. Das bedeutet: auch wenn ererbtes Geld vorhanden ist, soll man noch nicht vorhandenes zu erwerben suchen. – Der Elegant ist ein gebildeter Mensch; oder unter Berücksichtigung von dessen Lebensweise wird (auch ein Ungebildeter) durch die künftige Lebensweise zum Elegant. Dessen Leben führe man: so wird das gewöhnliche Leben zu einem durch den Elegant ausgezeichneten Leben oder Handeln. – Dieses Lehrbuch bezieht sich auf den Hausherrn unter den vier Kasten; und davon ist dies Kapitel das Haupt. Das ganze Lehrbuch nämlich betrifft die hier behandelte Person.

(Der Verfasser) gibt die Stätte an, wo er leben kann:


In einer Großstadt, einer Hauptstadt, einem Flecken oder einem großen (Orte) kann er leben, wo es treffliche Menschen gibt, oder (sonst wo) unter Berücksichtigung des Lebensunterhaltes.


Eine »Großstadt« liegt inmitten von achthundert Dörfern und bildet für diese die Handelsstätte. Eine »Hauptstadt«, wo die Residenz des Fürsten ist. Ein »Flecken« liegt inmitten von zweihundert Dörfern. »Oder einem großen (Orte)«: inmitten von vierhundert Dörfern, führt die Bezeichnung ›droṇamukha‹ und ist größer als ein Flecken. In einer von diesen ist der Aufenthalt passend. Warum? Darauf antwortet (der Verfasser): »Wo es treffliche Menschen gibt«. Dies gehört zu jedem einzelnen Gliede! – »Oder (sonst wo) unter Berücksichtigung des[58] Lebensunterhaltes«: oder wo es Lebensmittel gibt, die Erhaltung des Leibes ermöglicht ist; im Dorfe; da kann man auch wohnen. Das übrige Leben hängt ja davon ab.

Auch dort lebt er nicht, ohne ein Haus zu besitzen:


Dort lasse er, mit Wasser in der Nähe, eine Wohnung mit einem Baumgarten, einem geräumigen Hofe für die Arbeiten und zwei Schlafgemächern bauen.


»Dort«, in einer der genannten Stätten, Großstadt usw., »lasse er eine Wohnung bauen«, ein Haus, so ist die Verbindung. »Mit Wasser in der Nähe«: in der Nachbarschaft eines Flusses, Teiches usw. Wasser ist etwas Fröhliches und bildet einen Teil der Spiele. – »Mit einem Baumgarten«: wo Wasser ist, da ist es auch mit einem Baumgarten, Hausgarten verbunden. – »Mit einem geräumigen Hofe für die Arbeiten«; dessen eingeschlossene Räume, Plätze in der Nähe der Tore, für die Arbeiten geräumig genug sind. Wenn nämlich die häusliche Arbeit (im Hause selbst) verrichtet wird, die so verschieden ist, dürfte das Haus ungemütlich werden. – »Mit zwei Schlafgemächern«: versehen mit einem Gegenstande zum Lagern. – So weit die Herstellung eines zum Leben hinreichenden Hauses, das übrige ist aus der Baukunst zu ersehen.

Was da nun für Gegenstände hineinkommen, wenn es fertig ist, gibt (der Verfasser jetzt) an:


In dem äußeren Schlafgemache sei eine sehr weiche, beiderseits mit Kissen versehene, in der Mitte vertiefte Lagerstätte mit weißer Decke und ein Nebenlager. An deren Kopfende sei der Platz für das Grasbündel und die Opferbank. Dort seien die von der Nacht übriggebliebenen Salben und Kränze, ein Körbchen mit gekochtem Reis, ein Gefäß mit Parfums, Zitronenbaumrinde und Betel; auf dem Fußboden stehe ein Spucknapf; eine an einem Haken hängende Laute; ein Malbrett; eine Farbendose; irgendein Buch; Kränze aus gelbem Amaranth; nicht weit davon auf dem Erdboden ein Streulager, den Kopf aufzulegen; Würfelbrett und Spielbrett. Außerhalb desselben Käfige mit zahmen Vögeln; der Platz abseits für Zimmer- und Schnitzarbeiten und andere Spiele; in dem Baumgarten eine gut gepolsterte, beschattete Stoßschaukel und eine aus Erde bestehende, mit Blumen bestreute Bank. So ist die Anordnung der Wohnung.
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»In dem äußeren«: das innere Schlafgemach dient zum Ruhen für die Frauen d'rinnen. In dem äußeren, in der Nähe des Tores gebauten sei eine Lagerstätte für den Liebesgenuß. »Weich«, durch die auf der Bettstatt liegenden Decken, Baumwollenmatratzen usw., und wohlriechend. – »Beiderseits mit Kissen versehen«: indem am Kopf- und Fußende Kissen gelegt sind. – »In der Mitte vertieft«, bestiegen; d.h. mollig. – »Mit weißer Decke«: da weißes Bettzeug Tag für Tag oder alle zwei bis drei Tage gewaschen werden muß, so ist durchaus eine solche aufzulegen. – »Und ein Nebenlager«: in deren Nähe sei für den Liebesgenuß ein Ersatz derselben, dessen Höhe ein wenig geringer ist; ein Ruhebett. – So ist die Anordnung, und zwar so nur bei Leuten von tugendhaftem Wandel: Liebhaber einer Hetäre aber vereinigen beides in der Lagerstätte und haben kein Nebenlager. So heißt es denn: »Wo der Liebhaber weilend mit der Geliebten zusammen sich vereint, auf diesem besudelten Lager ruhe der Wissende, Reine nicht.« »An deren«, der – Lagerstätte, »Kopfende«, ab dem gegenüber den Seiten- und Rückenteilen bevorzugtesten, sei die Stätte für den Grassitz, der dem Gedenken an die Götter dient. So heißt es: »Nachdem der Reine auf dem lauteren, am Kopfende der Lagerstätte hingestreuten Grase mit seiner Schutzgottheit sich vereinigt hat, suche der sich selbst Beherrschende das Lager auf.« – »Und die Opferbank«: an die Wand sich anschließend, von gleicher Höhe mit dem Lager, in der Breite von nur einer Hand1, befinde sich ein viereckiger Platz aus Estrich. »Dort«, auf dieser Opferbank, befinden sich »die von der Nacht übriggebliebenen«, der Rest der in der Nacht benutzten »Salben«, Sandel u. dgl., zum Gebrauche am Morgen. – »Kränze«, ebenfalls von der Nacht übriggeblieben. – »Ein Körbchen mit gekochtem Reis«, eine runde Dose mit gekochtem Reis. – »Ein Gefäß mit Parfums«, gefüllt mit wohlriechenden Sachen, um den Schweiß zu vertreiben. Das Gefäß dazu besteht aus Blättern der Laurus cassia u.a. – »Zitronenbaumrinde«, um den schlechten Geschmack im Munde zu vertreiben und schlechten Geruch fernzuhalten. So heißt es denn: »Der Liebhaber, der abends eine[60] Paste aus Stückchen von mit Honig bestrichener Zitronenbaumrinde lutscht, kommt, in das Netz der Arme der Frau verstrickt, nicht in Verlegenheit über schlechten Geruch aus dem Munde.« – »Und Betel« liege bereit zum Genusse in der Nacht. – »Auf dem Fußboden stehe ein Spucknapf«; nicht auf der Opferbank: so ist es gemeint und so wird es genau bestimmt. Der Platz ist es, an welchem befindlich der Liebhaber den genossenen Betel usw. ausspeit und der das Ausgespiene auffängt. Da soll er stehen und nicht anderswo, weil sonst kein Platz für ihn ist. »Eine Laute« zum Musizieren, mit einem Futteral versehen. – »Ein Malbrett« zum Malen. – »Eine Farbendose«, notwendig bei Malarbeiten. – »Irgendein Buch«; wenn auch nur im allgemeinen gesprochen wird, so meint der tiefere Sinn doch ein Buch, welches das gerade neueste Dichterwerk enthält, zum Vorlesen. – »Kränze aus gelbem Amaranth«: da diese bloß schön aussehen sollen und selbst bei dem heftigen Drücken in der Wollust nicht unscheinbar werden. Bei dem Tragen derselben weist man besonders auf seinen Ruf der Beliebtheit hin. – Diese Gegenstände, Laute usw. hängen, um sie nicht zu beschädigen, an Pflöckchen in der Wand des Schlafgemaches und sind je nach Bedarf herunterzunehmen. Wiewohl das (nur) die entsprechende Art der Aufbewahrung ist, merkt man doch, daß sie auch einen wohnlichen Eindruck hervorbringt. – »Nicht weit davon«, von der Lagerstätte. – »Auf dem Erdboden«; nicht auf dem Ruhebette oder dem Rohrsitze, weil es da nicht schön aussehen würde; »ein Streulager«: das ist weltbekannt. »Den Kopf aufzulegen«: es diene als Sitz, indem man den Kopf darauflegt. Auf dem Graslager sitzt man nur zu gewissen Zeiten. – »Würfelbrett und Spielbrett« zum Spielen sollen auf der Erde, an die Wand gelehnt, stehen. Seiner Zeit hole man sie. – »Desselben«, des Schlafgemaches. Nicht zu weit »außerhalb«, in dem diesem benachbarten Raume seien an Wandhaken aufgehängte Käfige, besetzt mit Vögeln zum Spielen. Nicht drinnen, wegen der Unannehmlichkeit bei dem Entleeren des Unrates usw. – »In der Einsamkeit«, an einer Stelle, wo man zur unrechten Zeit nicht hinsieht. Dort ist die Stätte für die Zimmer- und Schnitzarbeiten. »Und anderer«, des Spieles halber, die Scham erregen. Stätte ist in der Einsamkeit.[61] – »Gut gepolstert«. Gut beschattet, indem dichte Zweige darüber hängen, um die Hitze abzuhalten. – »Stoßschaukel«, die durch Stoß geschaukelt wird. Sie dienen, als Vergnügen bereitend, zum Spielen. Nicht im Hause! Eine Radschaukel aber wird durch Umlaufen eines Rades bewegt. Jene heißt preṅkhā. »Beschattet«: da sie von oben durch Blumen und Lianen verdeckt ist, ist sie besonders gut mit Schatten versehen. – »Und eine aus Erde bestehende Bank«: ein aus Estrich gefertigter Sitz. – »Mit Blumen bestreut«: sie sei bedeckt mit den von den Lianen herabfallenden Blüten. In dem Baumgarten eben. Gemeint ist ein Lianenpavillon, indem man sich dort bei Gelagen usw. aufhält. – »Anordnung der Wohnung«: nach Einteilung und Ausstattung.

Seine Beschäftigungen in diesem Heime sind zweifacher Art: ständig und durch besondere Anlässe geboten. Mit Rücksicht auf die ersten sagt der Verfasser:


Nachdem er am Morgen aufgestanden ist, die ständigen Verrichtungen vollbracht, seine Zähne geputzt, mäßig Salben gebraucht, Räucherwerk und einen Kranz genommen, einen Mundvoll gekochten Reis genossen und Lack aufgelegt, sein Gesicht im Spiegel betrachtet und Mundkügelchen sowie Betel genommen hat, soll er seinen Beschäftigungen nachgehen.


Nachdem der Liebhaber »am Morgen« vom Lager »aufgestanden ist«, um das Aufgehen der Sonne über seinen Handlungen zu vermeiden. – »Die ständigen Verrichtungen vollbracht«, sein Wasser gelassen und den Leib entleert hat. – »Seine Zähne geputzt«: nachdem er das zum Reinigen der Zähne dienende Holz gekaut hat. Inzwischen hat er in gehöriger Weise frommer Zucht, der Morgenandacht usw., obgelegen. – »Mäßig«: wer viel Salben usw. anwendet, ist kein Elegant mehr! Das ist ja in der Praxis wohlbekannt. »Räucherwerk«, aus Aloeholz usw. »Kranz«, Diadem oder Krone. – »Lack«, um eine hervorragende Farbe zu erzielen. »Aufgelegt«, nämlich auf die Lippen. Die Reihenfolge ist dem Sinne nach diese: nachdem er die Lippen mit einem etwas feuchten Stück Lack gerieben und Betel hinzugefügt hat, treffe er sie mit einer Kugel aus gekochtem Reis. – »Sein Gesicht im Spiegel betrachtet«: weil das glückverheißend ist, und um die Schönheiten und Mängel[62] der Toilette zu erkennen. – »Mundkügelchen sowie Betel genommen hat.« Der Sinn ist: nachdem er ein wohlriechendes Mundkügelchen in die Backe gesteckt und wieder um des Genusses halber Betel in Pastenform genommen hat. – »Seinen Beschäftigungen«, die die Erreichung der drei Lebensziele bezwecken, »soll er nachgehen.«

Nachdem das ausgeführt ist, beschreibt (der Verfasser) den Inhalt der Körperpflege:


Beständig baden, alle zwei Tage einreiben, alle drei Tage Sepia, alle vier Tage Rasieren, alle fünf oder zehn Tage Glätten; ohne Ausnahme. Beständiges Entfernen des Schweißes an den verhüllten Höhlungen; am Vor- und Nachmittage Abhaltung der Mahlzeit, nach Cārāyaṇa am Abend; nach dem Essen Unterrichtserteilung an die Papageien und Predigerskrähen; Wachtel-, Hahnen- und Widderkämpfe; diese und jene Kunstspiele; Beschäftigungen, die dem Pīṭhamarda, Viṭa und Vidūṣaka zukommen; Mittagsschlaf; am Nachmittage, wenn er Toilette gemacht hat, belustigende Unterhaltungen; am Abend Musizieren; wenn das vorüber ist, zusammen mit den Freunden in dem zurechtgemachten, vom Dufte des Räucherwerks durchzogenen Schlafzimmer auf dem Lager Erwarten der zum Liebesbesuche kommenden Frauen; Absenden der Unterhändlerinnen oder persönliches Hingehen; zusammen mit den Freunden Begrüßung der Angekommenen mit freundlichen Reden und Höflichkeiten; eigenhändiges Wiederzurechtmachen der durch den Regen in Unordnung geratenen Toilette der bei schlechtem Wetter zum Liebesbesuche kommenden Frauen; oder Bedienen durch die Schar der Freunde: das ist das Treiben bei Tage und in der Nacht.


»Beständig«: Tag für Tag baden, weil es stärkt und reinlich ist. – »Alle zwei Tage«: es finde statt, um den Körper zu stählen, an dem Tage, der der zweite ist nach dem ersten, unmittelbar dem Tage folgenden, an welchem das Einreiben stattgefunden hat; d.h. indem ein Tag dazwischen liegt. – »Alle drei Tage«: am dritten Tage soll an den Schenkeln Sepia angewendet werden; d.h. indem zwei Tage dazwischen liegen; sonst werden die Schenkel in der Folge rauh. – »Alle vier Tage«: dreimal in einer Monatshälfte soll er Bart, Nägel und[63] Haar2 verschneiden, gemäß der Überlieferung. Hierbei findet bei einigen Elegants je nach dem Instrumente dazu auch ein Unterschied der Zeit statt, wo diese Handlungen vorgenommen werden: Danach soll das »Rasieren«, die Behandlung des Bartes mit dem Schermesser, am vierten Tage stattfinden, d.h. indem drei Tage dazwischen liegen; mit der Schere aber geschehe das Schneiden der Nägel. – »Glätten«, das Hantieren mit dem Schermesser an heimlichen Orten geschehe am fünften Tage; wobei aber die Haare gewaltsam ausgezogen werden, das soll am zehnten Tage stattfinden; so sagt (der Verfasser): »Oder alle zehn Tage«, weil dort die Haare langsam wachsen. So heißt es denn: »Das Rasieren, welches in dem Gebrauche des Schermessers besteht, geschehe am vierten Tage; das Glätten, welches in dem Ausrupfen der Haare besteht, am zehnten Tage.« So ist durch die allgemeine Angabe nicht gesagt, daß die Verschönerung dreimal im Halbmonat vorgenommen werden müsse. – »Ohne Ausnahme«: d.h. diese fünf Verrichtungen, Baden usw., sollen vollzählig stattfinden. – »Beständiges«: man soll immer die Achselgruben offen halten. Wenn man irgendwie arbeitet, dann bildet sich dort infolge der Berührung regelmäßig Schweiß, den man beständig mit einem Lappen entfernen soll; sonst verursacht er üblen Geruch und verrät Mangel an Bildung. – »Am Vor- und Nachmittage.« Indem man den Tag und die Nacht in acht Teile teilt, soll man am Vormittage drei Teile darauf verwenden, seinen Beschäftigungen obzuliegen. Im vierten Teile soll man essen, nachdem man gebadet hat usw. Am Nachmittage, im letzten Teile, soll man nochmals essen, um Kräfte zu bekommen. Dies muß man als die Meinung der Lehrer ansehen, wenn es auch nicht ausgesprochen wird, indem eine abweichende Ansicht gegeben wird: »am Abend«. Des Cārāyaṇa Meinung ist, man solle am Vormittage und abends essen, weil die zweite Mahlzeit, wenn sie am Nachmittage stattfindet, nicht so kräftigt als am Abend. So heißt es: »Durch das Essen, welches man bei schlechter Verdauung genießt; durch das, was man bei guter Verdauung nicht genießt und[64] durch das, welches man nicht nachts genießt: dadurch werden die Menschen hinfällig.« – »Nach dem Essen«: nach dem Essen am Vormittage sollen Beschäftigungen, wie das Unterrichten der Papageien und Predigerskrähen usw., stattfinden, die mit dem Mittagsschläfchen beschlossen werden. Diese Zeit paßt gerade dafür. – »Diese und jene«: die genannten Spiele, wie das Rätselspiel, Versespiel usw. – Von dem »Pīthamarda« usw. wird (der Verfasser) noch reden. Die diesen zukommenden »Beschäftigungen«, Vereinigung und Entzweiung (von Liebenden) usw. – »Mittagsschlaf«. Am Tage zu schlafen ist zwar unrecht, aber n der heißen, schwächenden Jahreszeit erlaubt, wegen der Stärkung des Körpers. Der Leib ist ja die Grundbedingung für die Ausübung des Dharma. – »Wenn er Toilette gemacht hat«: wenn er die genannten Beschäftigungen beendet und Gesellschaftskleider angelegt hat, finden am Nachmittage, im vierten Teile des Tages, »belustigende Unterhaltungen«, Spiele bei Unterhaltungen statt.

Das ist das Leben am Tage: nun schil ert (der Verfasser) dasselbe in der Nacht: »am Abend«. Nach Eintritt der Dämmerung, bei Anbrach der Nacht finde ein »Musizieren« statt, Aufführungen von Tanz, Gesang und Instrumentalmusik. »Wenn das vorüber ist«, das Konzert. – »Zurechtgemacht«, durch Kehren, Aufstellen von Blumen, Ordnen des Lagers usw. – »In dem Schlafgemache«; dem äußeren. – »Durchzogen«: wo sich der »Duft des Räucherwerkes« verbreitet hat. Der Sinn ist, er hat das Schlafgemach durchdrungen und strömt nun nach außen. – »Zusammen mit den Freunden«. Über die Freunde wird (der Verfasser) noch reden. Sie haben hierbei auch zu tun. – »Auf dem Lager«: in der Nähe des Lagers befindlich. Er setze sich nicht eher auf das Lager, als bis er seine Hochachtung und Liebe bekundet hat. Manchmal findet auch »persönliches Hingehen« statt. – Die von Angesicht zu Angesicht dem Geliebten gegenübertreten, das sind die »zum Liebesbesuche kommenden Frauen«3. – »Erwarten« derselben, wenn sie nach Verabredung eintreffen. – »A senden der Unterhändlerinnen«. Wenn die Geliebte trotz des Absendens derselben nach Ablauf[65] der festgesetzten Zeit infolge ihres Schmollens nicht kommt, dann geht er wohl auch persönlich hin, um seine Hochachtung und Liebe zu bekunden. – »Mit freundlichen Worten«: ›Willkommen! Hier nimm Platz! Schön, daß du gekommen bist, Geliebte: mein Leben hängt an dir! Warum also hast du dich so verspätet?‹ Mit solchen und ähnlichen Worten. – »Begrüßung«: Entgegeneilen usw. – »Zusammen mit den Freunden«: auch die Freunde sollen dieselben Worte gebrauchen wie er und sie für ihr Teil begrüßen. »In Unordnung geraten«, zerstört. – »Bei schlechtem Wetter zum Liebesbesuche kommende Frauen« sind solche, die zur Zeit eines Unwetters sich zum Liebesbesuche begeben. – »Eigenhändiges«, nicht durch einen andern: um denen, die es betrifft, seine Hochachtung und Liebe kundzutun. – »Wiederzurechtmachen«, indem sie durch den Regen entstellt worden und die Zeit des Liebesgenusses gekommen ist. – »Durch die Schar der Freunde«, zum Unterschiede von sich selbst, »Wiederzurechtmachen«. »Bedienen« der Neulinge: so muß er das Massieren, Befächeln usw. aller durch seine Umgebung besorgen lassen. Das bezieht sich auf fremde Frauen, nicht auf die Gattinnen im Harem. – »Das Treiben bei Tage und in der Nacht«, was bei Tage und in der Nacht geschieht. Das, was bei der fleischlichen Vereinigung in der Nacht geschieht, wird (der Verfasser) in dem Abschnitte über den Liebesgenuß sagen.

Nun nennt der Verfasser die gelegentlichen Beschäftigungen:


Abhaltung von Prozessionen; gesellschaftliche Unterhaltungen; Zechgelage; Besuch der Gärten und gemeinschaftliche Spiele möge er unternehmen; an einem bekannten Tage des Halbmonates oder Vollmonates beständige Zusammenkunft der Aufgeforderten im Tempel der Sarasvatī. Ihnen sollen die fremden Künstler ein Schauspiel geben; am Tage darauf sollen sie von ihnen Ehrungen und ihre festgesetzte (Belohnung) empfangen. Darauf, je nachdem die Neigung ist, (abermaliges) Zusehen oder Entlassung; bei Unfällen und Festen derselben sollen sie gegenseitig die gleichen Rollen spielen. Ehrung und Schutz der Gäste, die in ihre Gesellschaft kommen. Das sind die gesellschaftlichen Sitten. – Damit sind auch die Prozessionen[66] abgetan, die bald dieser, bald jener besonderen Gottheit gelten und ihrem Wesen nach feststehen.


»Abhaltung von Prozessionen«: eine Prozession ist ein Gang zu den Gottern. Dort finden sich die Elegants zusammen. Deren »Abhaltung«, Einrichtung nach der gesellschaftlichen Sitte. – »Gesellschaftliche Unterhaltungen«: die Zusammenkunft der Elegants zu Unterhaltungen über Dichtkunst und Künste soll die Überlegung fördern. Wenn es unter den ständigen Beschäftigungen heißt: »Am Nachmittage belustigende Unterhaltungen«, so ist dieses hier davon zu unterscheiden, da es nur ein Spiel sein soll. – »Zechgelage«: Zechgelage sind gemeinschaftliches, allseitiges Trinken. Wenn ein einzelner Mann mit der Geliebten zusammen trinkt, so heißt das Genuß berauschender Getränke und ist eine ständige Beschäftigung. – »Besuch der Gärten«: der Sinn ist, das Wandeln und die Belustigung in einem außerhalb gelegenen, selbst oder von einem anderen angelegten Garten. Das Wandeln in dem Hausgarten hingegen ist eine ständige Beschäftigung. – »Gemeinschaftliche Spiele«: diejenigen heißen gemeinschaftliche, bei denen die Elegants zusammenkommen, alle beisammen sind ... Der Sinn ist wie oben, Spiele in Gesellschaft. Diese sind von zweierlei Art: allgemein gebräuchliche und lokale. – Diese fünferlei Beschäftigungen »möge er«, der Liebhaber, »unternehmen«. Davon schildert (der Verfasser) die »Abhaltung der Prozessionen«: an dem Tage, da ein verflossener Halbmonat oder Vollmonat aufhört. »Bekannt«: jeder Tag, der als einer Gottheit heilig allgemein gehalten wird, ist ein bekannter: so ist der vierte dem Gaṇapati, der fünfte der Sarasvatī, der achte dem Siva heilig usw., weil dann die betreffende Gottheit gegenwärtig ist. Sarasvatī ist für die Elegants die Schutzgottheit für Wissen und Künste. In deren Tempel am fünften Tage. Die von dem Liebhaber ehrenhalber jeden Halbmonat und jeden Vollmonat zur Aufführung »Aufgeforderten«, Elegants, Schauspieler usw.; deren Zusammenkunft, Vereinigung in Ausführung ihrer Obliegenheiten. Bei dieser Gelegenheit finden sich die Elegants zusammen. – »Beständig«, bald an diesem, bald an jenem Tage. Je an diesen Tagen findet mit Räucherwerk und Salbungen die Prozession statt, deren Verlauf (der Verfasser) so schildert: »die[67] Künstler«. »Die fremden«, anderswoher kommenden Schauspieler und Tänzer »sollen ihnen ein Schauspiel geben«, aufführen, an dem bekannten Tage oder an einem anderen. Die Aufgeforderten, gegen Lohn Verpflichteten aber, die eben Prozessionskünstler sind, spielen nur an dem bekannten Tage. Damit soll gesagt werden, daß dieselben von den Preisrichtern sicherlich ohne Ansehen der Person zur Vorstellung gebracht werden. – »Am Tage darauf«: da am ersten Tage das Schauspiel alles in Anspruch nimmt. Am dritten usw. Tage finde die Beschenkung der Erschöpften statt. – »Von ihnen«, den Aufgeforderten, die die Belohnung austeilen. Die »Belohnung« ist der Preis für das Schauspiel. – »Festgesetzt«: sie sollen den vorher bestimmten Preis bekommen, der sich auf so undsoviel für das Spielen Fremder beläuft. Schauspieler, denen kein Preis gemacht wurde, können sogar am ersten Tage schon auf offener Szene, wenn sie hinreißend spielen, von den Elegants Belohnungen in Gestalt von Gewändern usw. bekommen. – »Darauf«, später. »Je nachdem die Neigung ist«, wenn Neigung vorhanden ist, die fremden Künstler abermals zu sehen, dann schaut man ihrem Spiele abermals zu; sonst erfolgt die »Entlassung«, Verabschiedung unter freundlichen Worten. Wenn der Wunsch rege wird, sie immer wieder zu sehen, für diesen Fall gibt (der Verfasser) die besonderen Fälle an: »Bei Unfällen und Festen derselben«. Von den fremden Künstlern befindet sich einer krank oder bekümmert, oder es trifft ihn ein Unfall, oder er ist auf einem Feste, wie Hochzeiten usw. beschäftigt: dann ist seine Rolle von dem fest angestellten Schauspieler zu übernehmen, um das Stück nicht zu gefährden. Oder einer der Festangestellten ist von einem Unfalle betroffen oder von einem Feste in Anspruch genommen: dann tritt für ihn ein Fremder ein: so »sollen sie gegenseitig die gleichen Rollen spielen«. – »Die in ihre Gesellschaft kommen.« Diejenigen, wel che zum Stande der Elegants gehörig anderswoher kommen, um die Prozession zu sehen, die finden »Ehrung« seitens der Preisrichter in Gestalt von Bekränzung, Salben usw. und seitens der der Gesellschaft angehörenden Elegants glückbringende Gegenstände, je nach dem Grade der Bekanntschaft. – »Und Schutz«, bei Mißgeschick Beistand durch Abwehr desselben. – »Das sind[68] die gesellschaftlichen Sitten«: die Pflichten jedes einzelnen gegen die ansässigen und fremden Schauspieler und Elegants sind dadurch angegeben. – »Damit«: durch die Anordnung der Sarasvatī-Feier usw. – »Bald dieser, bald jener«: die in der Welt wegen ihrer Anwesenheit sichtbarlich überwiegt. – »Ihrem Wesen nach feststehen«: unter Berücksichtigung von Ort und Zeit festgesetzt sind.

(Der Verfasser) schildert (jetzt) die gesellschaftlichen Unterhaltungen:


Wenn in der Wohnung einer Hetäre, im Saale oder in der Behausung des einen oder anderen die an Wissen, Verstand, Charakter, Vermögen und Alter Gleichen unter entsprechenden Unterhaltungen mit den Hetären zusammen Platz nehmen, so ist das eine Gesellschaft. Dabei findet unter ihnen ein Gedankenaustausch über Gedichte und über die Künste statt. Währenddem sind die glänzenden, Weltgeliebten zu verehren, und an Liebe gleiche Frauen werden herbeigeholt.


»Im Saale«, in der Halle. – »Oder in der Behausung«, dem Hause, »des einen oder anderen«, Elegants. Die Elegants von gleichem Wissen usw. dürfen sich an diesen Orten ungehindert zusammenfinden, ferner solche, die in außerordentlichem Wohlstande leben und nicht gleich an Wissen usw. sind. »Verstand«, Erkenntnis oder Überzeugung. – »Mit den Hetären«: um die den (ehrbaren) Frauen verbotenen Künste vorzuführen, nehmen jene an der Unterhaltung teil. – »Mit entsprechenden«, begleitet von gegenseitigen Komplimenten, Freundlichkeiten und Scherzen. – »Nehmen Platz«, setzen sich auf die Sitze, wie es sich gebührt. Es geschehe an einem bekannten Tage im Halb- oder Vollmonate, da es sich da geziemt. – Nun schildert (der Verfasser) ihre Unterhaltung daselbst: »Gedankenaustausch über Gedichte und über die Künste«: gemeinschaftliches Betrachten, Untersuchen, ist Gedankenaustausch, d.h. Unterredung .... Es finde eine Unterredung statt über Dichterwerke, wie das Bhāratam, oder über Kunst, wie das Tanzen usw. Davon verschieden ist das früher genannte Ergänzen eines gegebenen Teiles eines Gedichtes, und wird wie die Unterredung über die Kunst hier mit einbegriffen. – »Währenddem«, während der Unterhaltung. Wenn jene Unterredung zu Ende ist,[69] soll, um die Liebe zu festigen, unter Beschenkungen mit Gewändern usw. eine Anerkennung der gegenseitigen Kunstfertigkeit stattfinden. – »Glänzende«, nicht bäuerische. »Weltgeliebten«, Welterfreuenden. »An Liebe gleiche«, an Liebe entsprechende. »Werden herbeigeholt«, von Dienern geleitet.

Nun schildert (der Verfasser) das Zechgelage:


Zechgelage (sollen) gegenseitig in den Wohnungen (stattfinden).


»Gegenseitig in den Wohnungen«: einmal in der Wohnung des einen, ein andermal in der eines anderen; an einem bekannten Tage des Halb- oder Vollmonates, weil es sich da paßt. – »Zechgelage«, Unterhaltungen beim Trinken, sollen stattfinden.

Das Treiben bei den Gelagen schildert (der Verfasser nun):


Hierbei sollen die Hetären zutrinken und mittrinken: madhu, maireya, Branntwein und Likör, mit verschiedenen Reizmitteln, Salzigem, Früchten, Grünem, Gemüse, Bitterem, Scharfem und Sauerem. Damit wird der Besuch der Gärten angedeutet.


»Madhu«, Honigmeth. »Maireya« und »Likör« sind zwei bestimmte Sorten berauschender Getränke. So heißt es: »maireya ist ein Branntwein, der aus einer Abkochung der Rinde von Odina pinnata besteht, in welche Melasse gegossen wird, eine gehörige Menge Piper longum und Strychnos potatorum unter Beifügung von Muskatnuß, Arekanuß und Gewürznelken; ein Maß Blätter von Feronia elefantum und Sirup sowie Honig gibt Likör.« – »Branntwein« (surā) wird aus Cassiarinde und Reis hergestellt und Melasse dazu getan. Während man (allgemein) von »berauschendem Getränke« (madya) sprechen sollte, steht die besondere Bezeichnung, um anzudeuten, daß es drei Sorten gibt. So heißt es denn: »Rum aus Zucker, Kornbranntwein und Honigschnaps soll man kennen als die drei Arten des Branntweins (surā).« Hier ist also das Wort »Branntwein« als allgemein gebraucht anzusehen. – So findet das Gelage mit mannigfachen Getränken statt. Zu diesen gehören noch Reizmittel: mannigfaltige, besonders salzig und bitter schmeckende, Grünes und Beißendes, Moringa pterygosperma, Betelblätter usw. Derlei »sollen die Hetären zutrinken« und auf vorausgegangene Aufforderung »mittrinken«. Wenn sie zum ersten[70] Male trinken, dürften sie ihre Hochachtung und Zuneigung noch nicht kundgetan haben. Hierbei muß die lokale Sitte beobachtet werden, ob gemeinsam oder einzeln getrunken wird. – »Damit«, durch das Treiben bei dem Gelage. Der Sinn ist, daß auch die in die öffentlichen Gärten Gegangenen solche Gelage in derselben Weise veranstalten können.

Nun nennt (der Verfasser) das Besondere beim Besuch der Gärten:


Am Vormittage sollen sie schön geschmückt und zu Pferde mit den Hetären und begleitet von Dienern sich (dorthin) begeben; und nachdem sie dort die täglichen Festlichkeiten genossen und mit Hahnenkämpfen und Spielen, Schauspielbesuch und gefälligen Unternehmungen die Zeit hingebracht haben, sollen sie am Nachmittag mit den Beweisen des Gartengenusses ebenso zurückkehren. Damit ist das Aufsuchen des Wasserspieles in der heißen Jahreszeit seitens derjenigen, die sich von Raubtieren freie Wasserbehälter gebaut haben, angedeutet.


Dann nämlich beginnt, wenn sie dorthin gegangen sind, die tägliche Festlichkeit. »Schön geschmückt«, nachdem sie festliche Gewänder angelegt haben. »Zu Pferde«, weil die Rosse einen anmutigen Gang haben. – »Mit den Hetären«: diese sind ebenfalls, hinten oder vorn, auf das Pferd zu setzen. – »Diener«, die jeder für sich mit bestimmten Leistungen aufwarten. Von diesen »begleitet«. An einem bekannten Tage des Halb- und Vollmonates »sollen sie hingehen«, weil der sich für den Besuch eignet. – »Die täglichen Festlichkeiten«, die Tag für Tag stattfindenden Unterhaltungen des Leibes. Nachdem sie diese »dort«, in dem Garten, »genossen« und »mit Hahnenkämpfen und Spielen«, Spielen mit lebenden und leblosen Wesen, durch »Besuch« von Dramen u.a. »Schauspielen« und »gefälligen Unternehmungen«, jeder für sich in Gesellschaft mit den Hetären »die Zeit hingebracht haben«. »Am Nachmittage«, wenn die Zeit vorüber ist, »ebenso«: schön geschmückt und zu Pferde mit den Hetären und begleitet von Dienern. Ein Unterschied ist hierbei: »mit den Beweisen des Gartengenusses«, was da andeutet, daß sie jenen Garten genossen haben, Blumenbüschel, junge Zweige usw.; das sollen sie mitnehmen[71] und Kopf, Ohren und Hals damit schmucken. »Sollen zurückkehren«, den Heimweg antreten. – »Damit«, durch die Regeln für den Besuch der Gärten. Das Hingehen, das Genießen der täglichen Festlichkeiten und die Rückkehr bilden ein Ganzes. Aber auch mit dem Ausdrucke: »mit den Beweisen des Gartengenusses«, was ja gewöhnlich dabei mit eingeschlossen ist, wird zu der Zahl der zufälligen Beschäftigungen nichts Neues hinzugefügt: was hier Besonderes hinzukommt, sagt (jetzt der Verfasser): von Raubtieren freie »Wasserbehälter«: eine Wasserstätte, deren Wasser »von Raubtieren frei ist«, wo sich keine Krokodile usw. finden, das nennt man Wasser, frei von Raubtieren; Teich, länglicher See usw. Gemeint sind diejenigen Elegants, die sich durch Anlegen von Badeplätzen usw. Wasser, welches von Raubtieren frei ist, verschafft haben. – »In der heißen Jahreszeit«: indem zu anderen Zeiten das Spiel, welches in immer wiederholtem Untertauchen, Auftauchen, Wassermusik, Schlagen mit Wasser usw. besteht, nicht stattfinden kann.

Nun nennt (der Verfasser) die gemeinschaftlichen Spiele:


Yakṣa-Nacht, Erwachen der kaumudī, das Fest des Liebesgottes.


»Yakṣa-Nacht«: eine durch Lampen erhellte Neumondsnacht, indem dort die Yakṣās gegenwärtig sind. Dabei findet hauptsächlich unter dem Volke Würfelspiel statt. – »Erwachen der kaumudī«, indem nämlich an dem Vollmondstage im Monat Āśvina die kaumudī, der Vollmond, besonders hell scheint. Dabei bestehen die Belustigungen zum größten Teile aus dem Schaukelspiele. – »Das Fest des Liebesgottes«: das Frühlingsfest. Dabei sind die Belustigungen der Hauptsache nach aus Tanz, Gesang und Instrumentalmusik zusammengesetzt.

Das sind die allgemeinen Spiele: nun nennt der Verfasser die lokalen:


Das Brechen von Mangofrüchten; das Essen von gerösteten Körnern; das Essen von Lotuswurzelfasern; Jungblattspiel; Wasserspritzspiel; Nachahmung mit Puppen; Wollbaumspiel; Kadamba-Kämpfe; diese und andere allgemeine und lokale[72] Spiele sollen sie im Gegensatz zu den übrigen Leuten spielen. – Das sind die Gesellschaftsspiele.


»Das Brechen von Mangofrüchten«; ein Spiel, bei welchem die Früchte des Mango gebrochen werden. – »Das Essen von gerösteten Körnern«: wobei man am Feuer gebratene Früchte von (gewissen) Sträuchern verzehrt. – »Das Essen von Lotuswurzelfasern«: wobei man Lotuswurzelfasern, die röhrigen, an den Knoten mit Fasern besetzten Wurzeln der Lotusarten verzehrt. Bei den Anwohnern von Wasserbecken. Diese beiden Spiele sieht man hier und da. – »Jungblattspiel«: ein Spiel, welches in Waldgegenden stattfindet, wenn nach dem ersten Regen die jungen Blätter hervorsprossen; es findet sich meist bei Leuten, die in der Nähe eines Waldes oder im Walde selbst wohnen. – »Das Wasserspritzspiel« (kṣvedā): »kṣvedā bedeutet Bambusrohr und heißt auch Gebrüll des Löwen«. Ein Spiel, wobei ein mit Wasser gefülltes Bambusrohr gebraucht wird; bei den Bewohnern des Mittellandes. Es ist bekannt unter dem Namen ›śṛṅgakrīdā‹. – »Nachahmung mit Puppen«, Puppenspiel mit Verwendung von verstellter Aussprache und verstellten Gebärden; z.B. in Mithilā. – »Wollbaumspie«: ein Spiel, wobei man einen einzelnen, großen, von Blüten bedeckten Wollbaum aufsucht und mit den dort befindlichen Blumen sich schmückt; z.B. bei den Vidarbhās. – »Kadamba-Kämpfe«: Kämpfe mit Kadamba-Blüten, die als Schlagwaffen dienen, wobei die Gesellschaft in zwei Parteien geteilt wird. Das Wort Kadamba soll die blütenzarten Schläge andeuten. Kämpfe mit Keulen, Backsteinen usw. dagegen sollen nicht ausgefochten werden. Jenen Kampf sieht man hier und da, z.B. bei den Pauṇḍrās. – »Diese und andere«, alle, so viele in der Welt vorkommen. – »Allgemeine«: bei denen sich Fülle, große Ausdehnung findet ... Der Sinn ist, die sich über alle Lande verbreiten. Die in einer bestimmten Gegend gebräuchlichen sind die »lokalen«, d.h. auf einen Landstrich beschränkte. – »Im Gegensatz zu den übrigen Leuten«: So gehören die Prozessionen usw. nur den Elegants an, während die allgemeinen Spiele gemeinsam sind: da spielt das gewöhnliche Volk und die Elegants. Darum sollen sie im Gegensatze zu diesen spielen, damit der Stand des Elegants recht zur Geltung kommt. –[73] »Das sind die Gesellschaftsspiele«: weil bei diesen die Elegants gemeinschaftlich spielen, nachdem sie die Gelder zusammengeschossen haben.


Damit ist zugleich das seinem Vermögen entsprechende Treiben eines Alleinstehenden sowie der gaṇikā und der Liebhaberinnen mit den Freundinnen und den Elegants gekennzeichnet.


Wer wegen des Mangels an Elegants oder wegen eines unbekannten Übelstandes allein lebt, der soll seinem Vermögen entsprechend mit seinen Dienern zusammen die gemeinsamen Feste, Yaṣka-Nacht usw., feiern. – »Damit«, mit der Untersuchung über den Wohnort, die Anordnung des Hauses, die beständigen und die besonderen Verrichtungen, ist »das Treiben« der gaṇikā und Liebhaberin »gekennzeichnet«, wie sich eins zum anderen fügt. Dabei treten an die Stelle der Elegants die Freundinnen, an die Stelle der Hetären die Elegants.

Nun schildert (der Verfasser) das Treiben der unechten Elegants, indem er ihre Kennzeichen angibt:


Einer aber, der kein Vermögen hat, nichts als seinen eigenen Leib besitzt, dessen ganze Habe in einem Klappstuhl, Sepia und einem braunroten Gewande besteht, der aus einer ehrenwerten Gegend stammt, in den Künsten erfahren ist und durch Unterrichten in denselben sich selbst in der Gesellschaft und den zur Hetärenwirtschaft gehörenden Geschäften bewegt, der heiß Pīṭhamarda.


Das Wort »aber« deutet den Gegensatz an: wer aber ein Habenichts und unfähig ist, das Leben eines Elegants, wie geschildert, zu führen, »nichts als seinen eignen Leib besitzt«, indem Kinder, Frauen usw. nicht da sind. Da er ein, gleichviel wie, erworbenes Vermögen nicht besitzt, zieht er, von einem Diener begleitet, in dem Lande umher. – Der »Klappstuhl«, ein kleiner Sitz aus Stäben, ist als Stütze für den Leib von den alten Meistern, die über die Elegants geschrieben haben, festgesetzt worden ... Dieser baumelt auf seinem Rücken als Sitz umher. – Um die Schenkel abzureiben, wenn ihn die Begierde nach sinnlichen Genüssen ankommt, »Sepia«, und ein »braunrotes Gewand«. Darin besteht seine ganze »Habe«,[74] Besitz. Auf eine Bank usw. aber sich setzen darf er nicht. – »Aus einer ehrenwerten Gegend«, die von Kennern des Lehrbuches und der Künste bewohnt wird. Von dort gebürtig kommt er gewandert, in dem Verlangen, die Länder zu sehen. – »In den Künsten erfahren«: er hat in seiner Heimat die vierundsechzig Künste, Gesang usw., sowie die des Pāñcāla studiert. – »Durch Unterrichten in denselben«: durch Unterrichten in den Künsten. – »In der Gesellschaft«, der Elegants. »In den zur Hetärenwirtschaft«, zu dem Volke der Hetären »gehörenden Geschäften sich selbst bewegt«, d.h. zum Lehrer aufspielt. – »Der heißt Pīṭhamarda« (Bankdrücker), und zwar davon, weil er, beschäftigt mit dem Unterrichterteilen, die »Klappstuhl« genannte Bank drückt. Danach ist sein Leben das eines Lehrers.


Wer aber sein Vermögen durchgebracht hat. Einheimischer ist4, die Eigenschaften besitzt, verheiratet ist, in den Hetärenkreisen sowie in der Gesellschaft gut angeschrieben steht und davon lebt, der heißt Viṭa.


Wer aber in der Jugend durch elegante Lebensführung seine ganze Habe vollständig verzehrt, aber doch noch nicht den Sinnesgenüssen entsagt hat. Hätte er dagegen Vermögen, so wäre er eben Elegant! Er ist »Einheimischer«, nicht aus einer anderen Gegend zugezogen. Wäre er ein Fremder, der sein Vermögen durchgebracht hat, so gehörte er eben unter die Pīṭhamardās. »Der die Eigenschaften besitzt«, mit den Eigenschaften eines Elegants versehen, indem er früher den Elegant gespielt hat. – »Verheiratet«: da er Anhang hat, kann er seine Heimat nicht verlassen. – »Gut angeschrieben«, er besitzt Ansehen, da er hervorragende Kenntnisse besitzt. – »Davon lebt«: der von der Gesellschaft als Viṭa lebt. Ohne eine andere Lebensweise zu wünschen, schmarotzt er bei den Hetären und den Elegants; und weil er bei diesem Schmarotzen die beiderseitigen Botschaften jener überbringt, mitteilt (viṭati), darum heißt er Viṭa ... (Der Verfasser) sagt auch weiter unten (S. 322; nicht richtig zitiert!): »Der Viṭa soll jede aktuelle Liebschaft in Gang bringen.« – Danach ist sein Amt das Schmarotzen bei jenen beiden.


[75] Einer aber, der nur einen Teil des Wissens besitzt, eine lustige Person und der Vertraute ist, heißt Vidūsaka oder Spaßmacher. – Diese sind für die Hetären und Elegants die Minister, die über Krieg und Frieden gesetzt sind.


Wer aber von Gesang usw. nur einen Teil kennt, ohne Vermögen ist oder sein Vermögen durchgebracht hat, nichts als seinen eignen Leib besitzt, verheiratet und Einheimischer oder Fremder ist und den früheren Lebenswandel nicht mehr führen kann; »eine lustige Person und der Vertraute ist«: der Sinn ist, da er bei den Hetären und in der Gesellschaft eine Vertrauensstellung einnimmt und gern Späße macht. Er tadelt die Hetäre oder den Liebhaber, wenn sie einmal unbedacht handeln, kraft seiner Vertrautheit und heißt Vidūsaka; und da er als lustige Person bei den Hetären und in der Gesellschaft mannigfache Späße macht, so führt er noch einen zweiten Namen, nämlich den des Spaßmachers. – »Diese« an der Seite der Elegants lebenden unechten Elegants sind »die Minister, die über Krieg und Frieden gesetzt sind«. Allgemein ist die Handhabung von Krieg und Frieden, die Kenntnis davon aber kommt den Ministern zu, die in der Praxis über Krieg und Frieden gesetzt sind. So ist es nämlich: Nachdem sie unter Berücksichtigung von Ort, Zeit und Pflicht, Krieg und Frieden, ihre hauptsächlichste Stärke, theoretisch betrachtet haben, leben sie in den praktischen Geschäften derselben. So sind Krieg und Frieden aus Theorie und Praxis zusammengesetzt.


Mit diesen sind in den Künsten erfahrene Bettlerinnen, Kahlköpfige, gemeine Weiber und alte Hetären angedeutet.


»Mit diesen«, den beides beherrschenden (»Ministern«). Die Frau eines Bettlers. »Kahlköpfige«, Frauen, die die Eigenschaft der Kahlköpfigkeit haben, »Gemeine Weiber«, lüderliche Frauenzimmer. Das »in den Künsten erfahrene« ist überallhin zu beziehen. Auch diese Frauen sind in der Theorie und Praxis von Krieg und Frieden zu gebrauchen; und da sie für Krieg und Frieden den Anstoß (kuṭṭana) und die Bewegung geben, heißen sie Kupplerinnen (kuṭṭanī).

Nun schildert (der Verfasser) das Treiben des Mannes, der wegen des Lebensunterhaltes auf dem Lande wohnt:


[76] Nachdem der auf dem Lande wohnende seine gewandten, Interesse, zeigenden Angehörigen in Spannung versetzt hat, indem er das Treiben der Elegants schildert und (dadurch) Verlangen erweckt, soll er dasselbe nachmachen und Gesellschaften abhalten, die Leute durch den Verkehr mit ihnen entzücken, durch Beistehen in ihren Unternehmungen gewinnen und ihnen Dienste leisten. – Das ist das Leben des Elegants.


»Die Angehörigen«, die von gleicher Herkunft sind. Auch in diesem Falle sind sie »gewandt«, erfahren. – »Interesse zeigend«, neugierig. »In Spannung versetzt hat«: wie so? »Indem er das Treiben der Elegants schildert«: ›Dort in der Stadt hört man so und so von dem welterfreuenden Auftreten der vornehmen Elegants: auch euch ziemt es, entsprechend eurer Gewandtheit, diese Krone des Lebens nacheifernd zu erstreben!‹ – »Und dadurch Verlangen erweckt, soll er« auch eine Prozession zum Beweise dessen und »Gesellschaften abhalten«. – Mit jenen zusammen soll er »die Leute durch den Verkehr mit ihnen entzücken«, d.h. indem er mit ihnen verkehrt und Freundschaft schließt; »durch Beistehen gewinnen«; und indem er den an Prozessionsfesten usw. Beteiligten unterstützt, soll er gegenseitige »Dienste leisten«.

Nachdem (der Verfasser) so ihre gemeinschaftlichen Unterhaltungen mit Dichterwerken und Künsten geschildert hat, zeigt er dabei einen Unterschied auf:


Hier folgen einige Verse:

Wer nicht mit allzu gekünstelter, aber auch nicht gar zu gewöhnlicher Sprache in den Gesellschaften die Unterhaltung führt, der ist bei den Menschen hoch angesehen.

In eine Gesellschaft, die mit der Welt im Widerspruche steht, in Zügellosigkeit sich ergeht und nur mit dem Beklatschen anderer sich befaßt; in eine solche gehe ein Kluger nicht.

Der Wissende, der in einer Gesellschaft verkehrt, welche den Herzen der Menschen willfährt und sich einzig und allein mit Spielen befaßt, erlangt gutes Gelingen in der Welt.


»Nicht allzu«: mancher versteht Sanskrit und zugleich die Sprache des gewöhnlichen Volkes. – »Die Unterhaltung«, Gedankenaustausch, der sich auf Dichtungen und Kunst bezieht. – »In eine Gesellschaft«: wenn er selbst keine Gesellschaft[77] gibt, soll er in die von anderen veranstalteten gehen. Und hierhin gehe »ein Kluger nicht«, wenn sie »mit der Welt im Widerspruche steht«, die Billigung der Welt nicht findet; »in Zügellosigkeit sich ergeht«, ungebunden abgehalten wird, d.h. ohne Schranken, »und nur mit dem Beklatschen anderer sich befaßt«, ganz darin aufgeht, andere zu besudeln. In eine solche sich zu begeben, zeugt nämlich von Unklugheit. – In welche soll man denn gehen? Darauf antwortet der Verfasser: »Welche den Herzen der Menschen willfährt«: das Ergötzen der Herzen der Menschen und Speie sind der Zweck der Gesellschaft. – »Erlangt«, findet, »gutes Gelingen«. Der Sinn ist: Er ist in der Welt glücklich; nun vollends bei den Frauen! – Wenn man selbst eine Gesellschaft gibt, ist die Sache geradeso.

Fußnoten

1 18 Zoll.


2 So nach der Lesart 0romāṇi der Mss.: Notices XI, p. 25; Peterson II, 108 und IV, 25. Die englische Übersetzung hat: »(He should ....) get his head (including face) shaved every four days«.


3 ābhimukhyena kāntaṃ sarantīty abhisārikāḥ!


4 Ich schiebe mit mehreren Mss. (Berlin, Oxford usw.) tatratya eva ein.

Quelle:
Das Kāmasūtram des Vātsyāyana. Berlin 71922, S. 57-78.
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