§ 21. Die verschiedenen Arten der geschlechtlichen Liebe.

[229] Wie der Liebesgenuß drei Stadien durchmacht, indem sein Anfang und sein Ende seine Glieder bildet, so wird er auch je nach der ursprünglichen Leidenschaft usw. unterschieden: daher werden jetzt »die verschiedenen Arten der geschlechtlichen Liebe« behandelt.


Die Liebe aus Leidenschaft, die zu erweckende, die künstliche, die übertragene, die mit Eunuchen, mit gemeinem Volke und die unbegrenzte Liebe: das sind die verschiedenen Arten der geschlechtlichen Liebe.


»Die Liebe aus Leidenschaft« usw.: danach gibt es eine ursprüngliche, erst zu erweckende, künstliche, aus Übermut und aus Vertrauen entstehende Leidenschaft und je nach diesen Arten die verschiedenen Arten der geschlechtlichen Liebe, die aus Leidenschaft usw.

Nun gibt (der Verfasser) deren Beschreibung und Anwendung:


Wenn beide vom (ersten) Sehen an in Leidenschaft erglühen, und ihre Zusammenkunft nur mit großer Mühe ermöglicht worden ist, oder bei der Rückkehr aus der Fremde oder bei einer Vereinigung nach der Trennung infolge eines Streites ergibt sich die »Liebe aus Leidenschaft«.


Ein Liebesgenuß, welcher stattfindet, wenn beide vom ersten Sehen an infolge all der Zustände oder Augenliebe usw.»in Leidenschaft erglühen und ihre Zusammenkunft nur mit großer Mühe«, durch Senden von Boten usw., »ermöglicht worden ist«; ferner »bei der Rückkehr aus der Fremde«, wenn die Getrennten voller Sehnsucht sind; ferner bei der Beendigung eines Liebesstreites, wenn sie sich versöhnt haben: »ergibt sich die Liebe aus Leidenschaft«, indem hierbei die ursprüngliche Leidenschaft außerordentlich zur Geltung kommt.


[229] Hierbei ist das Verhalten je nach Bedarf abhängig von dem eignen Gutdünken.


»Je nach Bedarf«: da die Leidenschaft gewachsen ist, so bescheidet man sich in nichts. Nur »von dem eigenen Gutdünken abhängig« ist ihr »Verhalten«, bis zum Eintritt des Wollustgenusses.


Wenn zwei Leute von mittlerer Leidenschaft beginnen und später zur Leidenschaft gelangen, so ist das die zu erweckende Leidenschaft.


»Zwei Leute von mittlerer Leidenschaft«: da nur erst das Verlangen entstanden ist, so ist das eine Augenliebe: nicht die anderen Zustände, Vereinigung im Herzen usw. Daher also ist die Leidenschaft nur eine mäßige. Wenn diese beiden »beginnen«, nach der für den Anfang geltenden Regel; »und später zur Leidenschaft gelangen«, dieser Anfang zur Leidenschaft verdichtet wird – wie denn der Liebesgenuß beschrieben wird als eine Begattung durch den aktiven Teil, unter Umwerben des passiven Teiles – so »ist das die zu erweckende Leidenschaft«, weil dabei die Leidenschaft erst zum Entstehen gebracht wird.


Hierbei verhalte man sich so, daß man die Leidenschaft immer erst durch die der Eigenart entsprechenden Ausführungen der Vierundsechzig anfacht. Das nennt man die künstliche Leidenschaft, wenn man einen bestimmten Zweck erreichen will oder beide an etwas anderem hängen.


»Die Ausführungen der Vierundsechzig«, Umarmungen usw. »Der Eigenart entsprechend«: was ein jeder für eine Gewohnheit hat, dieser gemäß. Man verhalte sich so, daß man die »Leidenschaft«, das bloße Verlangen bei sich und bei der Frau entflammt. – »Wenn man einen bestimmten Zweck erreichen will«: um eines Vorteils oder der Abwehr eines Nachteiles willen; nicht aus Leidenschaft. – »Oder wenn beide an etwas anderem hängen«: die Frau an einem anderen Manne und der Mann ebenso an einer anderen Frau. – Da bei den beiden die Liebe mit Rücksicht darauf stattfindet, so ist das »die künstliche Leidenschaft«, indem beide Male die ursprüngliche Leidenschaft nicht zur Geltung kommt.


Hierbei beachte man die Hilfsmittel alle zusammen nach dem Lehrbuche.
[230]

»Alle zusammen«, nicht mit Auswahl, da in einer jeden dieser beiden Vereinigungen die ursprüngliche Leidenschaft nicht zur Geltung kommt. Darum »beachte man« alle Ausführungen, Umarmungen usw., zur Zeit wo sie zur Anwendung kommen, alle zusammen. Auch hier »nach dem Lehrbuche«, d.h. nicht ohne Berücksichtigung der dort genannten Stellen, Zeigen und des Wesens.

Eine Besonderheit des Zustandes, »wenn beide an etwas anderem hängen«, nennt (der Verfasser) jetzt:


Wenn der Mann jedoch eine andere Herzallerliebste im Sinne hat und so handelt, von der Vereinigung an bis zur Wollustempfindung, so ist das die übertragene Leidenschaft.


»Der Mann«, der, auch wenn er der einen anhängt, auch zu einer anderen Liebe empfindet, indem die Dauer keine ununterbrochene ist, dessen Liebe heißt künstlich, da das nichts Ursprüngliches ist; wer aber ununterbrochen treu bleibt, liebt keine andere, da die Leidenschaft fehlt. Wenn er jedoch diese als »Herzallerliebste«, Ersehnte im Sinne hat und im Herzen Leidenschaft verspürend »von der Vereinigung an bis zur Wollustempfindung so handelt«, so tut, so heißt das die »übertragene Leidenschaft«, indem die Leidenschaft auf die Herzallerliebste übertragen wird. – Ebenso ist es auch auf die Frau anzuwenden, daß sie den Herzallerliebsten im Sinne hat usw. – Hierbei gilt dieselbe Ausführung, daß man nämlich die Hilfsmittel alle zusammen anwendet.

Je nach der ursprünglichen, erst zu erweckenden und künstlichen Leidenschaft gibt es drei Liebhaber und drei Liebhaberinnen. Da ergeben sich bei der entsprechenden Vereinigung drei reine und bei der Vertauschung sechs gemischte Liebesgenüsse. Hierbei wende man die Arten des Umwerbens gemischt an. – Das alles bezieht sich auf Männer und Frauen von gleicher Stufe; für tiefer oder höher Stehende gibt (nun der Verfasser) die verschiedenen Arten der aus Übermut usw. entstehenden Liebe an:


Die bis zur Befriedigung gehende Vereinigung mit einer niedriger stehenden Wasserträgerin oder Dienerin bildet die Eunuchenliebe.
[231]

»Mit einer niedriger stehenden Wasserträgerin«: mit einer tief stehenden Wasserträgerin »oder einer niedriger stehenden Dienerin«, einer nicht ebenbürtigen, wie es bei Candrāpīḍa mit der Pattralekhā der Fall war. »Bis zur Befriedigung«, bis zur Wollust. – »Eunuchenliebe«, die Eunuchen, die Nichtmänner, die für beide Geschlechter gelten können.


Hierbei kümmere man sich nicht um das Aufwarten.


Bei einer solchen »kümmere man sich nicht um das Aufwarten«, Umarmungen usw., da es nicht auf das Ergötzen ankommt, sondern nur die aus Übermut entstandene Leidenschaft zu befriedigen ist.


Ebenso seitens einer Hetäre mit einem Bauern bis zur Befriedigung: das ist die Liebe mit dem gemeinen Volke.


»Ebenso« wie die unebenbürtige Vereinigung seitens des Liebhabers. »Hetäre«, gaṇikā oder rūpājīvā; nicht kumbhadāsī. Wenn sie den Ersehnten nicht bekommt und aus Übermut »mit einem Bauern«, Landmann usw. sich vereinigt, so ist das »die Liebe mit gemeinem Volke«, indem sie durch das Gewöhnliche eine Bloßstellung bewirkt.


Seitens des Elegants mit Frauen vom Dorfe, von Hirtenstationen und der Grenzländer.


Ebenso ist die aus Übermut geschehende Vereinigung mit Frauen vom Dorfe usw. »seitens des Elegants«, des Stadtbewohners, bis zur Befriedigung eine Liebe mit gemeinem Volke, keine Eunuchenliebe, indem auch hier eine Bloßstellung stattfindet. Hierbei sind die »Frauen vom Dorfe« die Weiber der Ackerbauern usw.; die »Frauen von Hirtenstationen« Hirtinnen, und die »Frauen der Grenzländer«, Frauen der Sabarās usw.

Nun nennt der Verfasser die besondere Art, die aus einer Leidenschaft auf Grund des Vertrauens entspringt:


Die unbegrenzte Liebe entsteht bei Liebenden, die miteinander vertraut sind, indem sie einander willfährig sind. – Soweit die Liebesgenüsse.


»Bei Liebenden, die miteinander vertraut sind«, die Vertrauen gefaßt haben, da sie seit langer Zeit vereint sind; »indem sie einander willfährig sind«: der Mann beginne mit Willfährigkeit, und die Frau mit Willfährigkeit gegen ihn. – »Die unbegrenzte[232] Liebe«, weil es da keine Grenzen gibt. Daß dieser absonderliche Liebesgenuß, je nach den verschiedenen Ausführungen als umgekehrter Liebesgenuß usw. von mannigfaltiger Art ist, zeigt (der Verfasser) durch den Gebrauch der Mehrzahl »Liebesgenüsse«.

Quelle:
Das Kāmasūtram des Vātsyāyana. Berlin 71922, S. 229-233.
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