§ 10. Die Arten der Nägelwunden.

[152] Nachdem so mit dem Küssen begonnen worden ist, werden nun, um mit dem Wichtigeren, den Nägelmalen, vorgehen zu können, die Arten der Nägelwunden beschrieben, d.h. die verschiedenen Weisen, mit den Nägeln zu kratzen.

Das beschreibt (der Verfasser) seinem Wesen nach, indem er sagt:


Wenn die Leidenschaft gewachsen ist, findet das Kratzen mit den Nägeln statt, welches im Reiben besteht.
[152]

»Welches im Reiben besteht«: ein gründliches Reiben einer bestimmten Stelle mit den Nägeln, ein Absondern eines Gliedes, das nennt man Kratzen mit den Nägeln, indem darin sein Wesen besteht; und dieses findet statt, »wenn die Leidenschaft gewachsen ist«. Ein Stoßen aber mit der Nagelspitze gibt es, wenn die Leidenschaft erschöpft ist, weil dann ein Verwunden nicht mehr stattfindet. Hier werden nur die Arten des Kratzens mit den Nägeln beschrieben.

Wo wird das angewendet und wann? Darauf antwortet (der Verfasser):


Es wird angewendet bei der ersten Vereinigung, bei der Rückkehr von der Reise, bei dem Antritt einer Reise, wenn die zürnende Geliebte versöhnt wird und wenn sie betrunken ist: bei nicht Feurigen nicht beständig.


»Es«, das Kratzen mit den Nägeln. – »Bei nicht Feurigen«, bei Leuten von mattem und mäßig feurigem Temperamente, »nicht beständig«. Wann denn? Darauf erwidert (der Verfasser): »Bei der ersten Vereinigung«, ferner »bei der Rückkehr von der Reise«, weil dann beide voller Sehnsucht sind und ihre Leidenschaft gewachsen ist; »bei dem Antritt einer Reise«, zum Andenken; »wenn die zürnende Geliebte versöhnt wird«; wenn sie von dem Liebhaber versöhnt wird und ihre Leidenschaft aus Freude darüber wächst: »und wenn sie betrunken ist«: indem durch einen Schnapsrausch die Leidenschaft überaus heftig wird. Ebendasselbe gilt für den zürnenden und versöhnten sowie für den betrunkenen Liebhaber; daß bei feurigen Liebenden und dann beständige Anwendung stattfindet: so ist der tiefere Sinn.


Ebenso das Verwunden mit den Zähnen; und zwar dem Wesen entsprechend.


»Ebenso« ist die Ausführung des Verwundens mit den Zähnen anzuwenden. Diese Übertragung findet statt, weil dasselbe soweit ähnlich ist. Danach ist die Definition einzurichten: Wenn die Leidenschaft gewachsen ist, findet das Beißen mit den Zähnen statt, welches im Reiben besteht. Wenn aber die Leidenschaft erschöpft ist, dann gibt es nur noch ein Greifen mit den Zähnen. – »Und zwar dem Wesen entsprechend«: d.h wenn das Beides angewendet wird, dürften zwei nicht[153] feurige Liebende, ihrem Temperamente entsprechend, sie nicht aushalten; darum findet in diesem Falle die Anwendung nicht statt.


Es ist der Gestalt nach achtfach: klingend, Halbmond, Kreis, Linie, Tigerkralle, Pfauenfuß, Hasensprung und Lotusblatt.


»Es«, das Kratzen mit den Nägeln. – »Der Gestalt nach«, dem Aussehen nach. Das ist nämlich von zweierlei Art: gestaltet und gestaltlos. Was dabei irgend etwas nachahmt, das ist gestaltet, bei dem sieht man das Äußere, wie bei dem »klingenden« usw. Die Beschreibung desselben gibt (der Verfasser) später. Was nichts (Gestaltetes) nachahmt, das ist gestaltlos und von dreierlei Art, je nachdem es zart, mittel- und übermäßig stark angewendet wird.


Die Stellen sind: Achseln, Brüste, Hals, Rücken, Schamgegend und Schenkel.


»Die Stellen«, indem die Nägelwunden bei Mann und Frau besonders an diesen sechs Stellen: Achseln, Brüsten, Hals, Rücken, Schamgegend und Schenkeln beigebracht werden. So ist die Ansicht der Lehrer, unter Hinweis auf die Repliken. – Hierbei bedeutet »Hals« (auch) seine Umgebung, da das nahe dabei liegt. Der Ausdruck »Schamgegend« steht zusammenfassend für Hüftgegend und einen Teil derselben, den Vorderteil. So weit geht hier die Zusammenfassung. Darum ist auch das Kratzen an den Hinterbacken gestattet. So heißt es denn: »An dem Halse und seiner Umgebung, den Schenkeln und Achseln, an Hüfte, Rücken und Brüsten der Frauen wende man während der geschlechtlichen Vereinigung die Nägelmale an.«


Suvarṇanābha sagt: »Wenn das Rad der Liebeslust ins Rollen gekommen ist, dann kennt man Stätte oder Nichtstätte nicht.«


»Wenn das Rad der Liebeslust ins Rollen gekommen ist«, wenn der Strom der Leidenschaft hervorgebrochen ist. – »Stätte oder Nichtstätte«: Glied oder Nebenglied, alles gilt als Stätte für die Nägelwunden. Wenn es auch so ist, wird der Verfasser doch die für die gestalttragenden Male geltenden Stellen noch angeben. Dort nämlich sind sie am gebräuchlichsten.

Da die Verwundung von den Nägeln abhängt, so gibt (der Verfasser) Regeln für ihren Standort, ihre Gestalt, Eigenschaften und Größe:


[154] Hierbei seien die Nägel der feurigen Liebenden, (und zwar) die der linken Hand, frisch geschnitten und mit zwei oder drei Spitzen versehen.


»Hierbei«, bei dem Arbeiten mit den Nägeln. »Die der linken Hand«, indem die linke Hand der Standort ist, an dem sie gewachsen sind. Da die rechte Hand gewöhnlich viel beschäftigt ist, so dürften sie hier bald abbrechen. »Frisch geschnitten«, indem neue Spitzen daran gemacht sind. – »Mit zwei Spitzen oder mit drei Spitzen versehen«: wie die Zähne einer Säge gestaltet. Wenn es drei Spitzen sind, brechen sie schnell ab, da ihre Fläche nicht allzu ausgedehnt ist. – Der tiefere Sinn ist: umgekehrt ist es bei Liebenden mit mäßig feurigem und von mattem Temperamente; und zwar haben die mäßig Feurigen Nägel mit ein wenig vernachlässigten Spitzen vom Aussehen eines Stachels; die Matten Nägel mit (ganz) vernachlässigten Spitzen vom Ansehen eines Halbmondes. Das sind die drei Gestalten der Nägel.


Mit einem verlöschenden Streifen versehen, gleichmäßig, glänzend, nicht unsauber, nicht zerrissen, nachwachsend, weich und von geschmeidigem Aussehen: das sind die guten Eigenschaften der Nägel.


»Mit einem verlöschenden Streifen versehen«, in deren Mitte eine verlöschende, farblose Linie ist. »Gleichmäßig«, weder mit vertieftem noch erhöhtem Rücken. »Glänzend«, da kein fremder Schmutz daran ist. »Nicht unsauber«, gemäß der guten Sitte. – »Nicht zerrissen«, nicht geborsten. »Nachwachsend«, auf Zunehmen bedacht. »Weich«, nicht holzartig. »Von geschmeidigem Aussehen«: wie etwas gesehen wird, das ist das Aussehen, die Gestalt ... Darum ist der Nagel weich.


Lange Nägel, die die Hand schmücken und die Herzen der Frauen bei ihrem Anblicke rauben, finden sich bei den Gauḍās.


Der Größe nach sind sie dreifach. Hier also »lange, die die Hand schmücken«, deren Eigenschaft es ist, nur die Hand zu verschönern, indem sie nicht geeignet sind, die Nägelwunden zuschlagen. »Bei ihrem Anblicke«, wenn sie sie sehen. »Rauben die Herzen«: wenn sie von den Frauen erblickt werden, nehmen sie deren Herzen gefangen. So besitzen sie also zwei Vorzüge.[155] Gewöhnlich finden sie sich »bei den Gauḍās«, indem diese damit nur berühren.


Kurze, die Tätigkeit aushaltende und nach Belieben bei der Anwendung der verschiedenen Arten dienende finden sich bei den Bewohnern des Südlandes.


»Kurze, die Tätigkeit aushaltende«, die die Tätigkeit des Kratzens und andere aushalten; während lange abbrechen. – »Bei der Anwendung der verschiedenen Arten«, der besonderen Arten wie »Halbmond« usw.; bei deren Ausführungen »nach Belieben dienend«; bei ihnen findet sich nach dem Wunsche des Ausführenden ein Fliegen nach der betreffenden Stelle; nicht aber bei den langen. – Das sind die beiden Vorzuge. »Sie finden sich bei den Bewohnern des Südlandes«, da diese heiße Leidenschaften haben.


Mittlere, an beiden teilnehmende besitzen die Mahārāṣṭra-Bewohner.


»Mittlere«, weder lange noch übermäßig kurze. »An beiden teilnehmende«; an den Vorzügen der langen und kurzen teilnehmende. Solche besitzen in der Regel die Mahratten, infolge ihrer Erfahrenheit.

Nun gibt (der Verfasser) die Beschreibung des »Klingenden« usw. und gibt die hauptsächlichsten Stellen ihrer Anwendung:


Wenn mit diesen gut zusammengefügten (Nägeln) in der Gegend des Kinnes, an den Brüsten oder der Unterlippe eine leichte Bewegung ausgeführt wird, ohne daß dabei eine Spur entsteht, und nur am Ende infolge der bloßen Berührung ein Sträuben der Härchen stattfindet und aus dem Zusammenprallen ein Ton erwächst, so ist das das klingende Mal.


»Mit diesen«, allen fünf Nägeln der mittleren Art, »gut zusammengefügten«; fest zusammengedrückten. Mit Rücksicht auf die mittlere Stufe gilt die Bezeichnung. – Vorher sind die Nägel nicht fest zusammengedrückt; sie werden aber »gut zusammengefügt«, wenn sie auf eine Stelle vereinigt und dann langsam angezogen werden. Vorher sind sie nicht »gut zusammengefügt«, indem man ja im gewöhnlichen Leben diese Anordnung sehen kann. – »Eine leichte Bewegung«, wobei eine leichte Handhabung stattfindet, damit keine Verwundung[156] vorkommt. Das sagt (der Verfasser) mit den Worten: »Ohne daß dabei eine Spur entsteht«. Wozu das also? Darauf antwortet (der Verfasser): »Und nur am Ende infolge der bloßen Berührung ein Sträuben der Härchen stattfindet«: durch die Ausführung der Berührung, durch das Anschlagen der Nägel usw.; indem durch den Daumennagel infolge Anprallens an die gegenüberstehenden Nägel ein knisternder Ton entsteht; eine solche Tätigkeit nennt man das klingende Mal, infolge des Erklingens der Nägel. Indem nun so keine Verwundung mit den Nägeln stattfindet, so wird die Gegend des Kinnes und die Unterlippe erwähnt, um zu zeigen, daß es bei allen Liebhaberinnen dort außer dem »klingenden« keine andere Tätigkeit der Nägel gibt. Die Brüste sind erwähnt, um anzudeuten, daß hier die Anwendung ganz besonders stattfindet, indem auch hier nur von Berührung die Rede ist.

Nun sagt (der Verfasser), daß die Ausführung bei Berücksichtigung besonderer Gelegenheiten auch noch an anderen Stellen zulässig ist:


Dieses wird bei der zu Gewinnenden angewendet während des Frottierens, des Kopfkratzens, des Aufdrückens von Beulen und des Ängstlichmachens durch Erschrecken.


»Dieses wird bei der zu Gewinnenden«, einem Mädchen, »angewendet«, um das Vertrauen zu gewinnen. Keine andere Handlung (wird zu diesem Zwecke vorgenommen). »Während des Frottierens«, an all den Stellen, an denen das Reiben stattfindet. »Während des Kopfkratzens«, auf dem Kopfe. »Während des Aufdrückens von Beulen«, bei dem Aufdrücken kleiner, am Leibe befindlicher Beulen. In Verbindung damit (?) »während des Ängstlichmachens durch Erschrecken«: d.h., um Furcht zu erwecken, wenn sie irgend etwas nicht geschehen lassen will. Diese gelegentlichen Dinge während des Frottierens usw. finden bei allen Liebhaberinnen statt. Da es von gelegentlichen Handlungen abhängt, so kann hierbei auch die Liebhaberin der ausführende Teil sein.


Am Halse und an der Wölbung der Brüste ein krummes Eintreiben der Nägelspur ergibt den Halbmond.


»Am Halse«, an der Seite des Halses, mit der Öffnung nach außen, »an der Wölbung der Brüste«, mit der Öffnung nach[157] oben. Krumm wie ein Halbmond, daher »Halbmond«. Er ist herzustellen mit der nadelspitzen Spitze des kleinen oder der halbmondförmigen Spitze des mittleren Fingers.


Zwei solche, einander zugekehrt, bilden den Kreis.


»Zwei solche«, Halbmonde, in Gestalt einer Höhlung »einander zugekehrt«, bilden »den Kreis«, indem sie dessen Gestalt haben.


In der Gegend unter dem Nabel, in den Lendenhöhlen und den Weichen wird dieser angewendet.


»In der Gegend unter dem Nabel«, wie ein Liebhaber des Gürtels dastehend. »In den Lendenhöhlen«; in den oberen Hüfteinschnitten befindet er sich als reizende Vertiefung. »Den Weichen«, der Verbindungsstelle der Schenkel; wie ein Ohrschmuck für die Schamgegend.


An allen Stellen die nicht gar zu lange »Linie«.


»An allen Stellen«. Da die »Linie« keine besonders eigenartige Gestalt zeigt1, so gibt es für sie keinen Unterschied der Stelle. Darum ist sie am Halse, den Hüften, dem Rücken, den Seiten, der Schenkelgegend und an den Armen in nicht zu langer Ausdehnung, zwei oder drei Daumenbreiten lang, mit den frisch geschnittenen Nägeln auszuführen.


Diese gekrümmt bis an die Brustwarze ist die »Tigerkralle«.


»Diese«, die »Linie«, von der Brustwarze anhebend und vorn gekrümmt gleich einem Teile der Tigerkralle, schmückt die Spitze der Brust.


Eine mit den fünf einander gegenüberstehenden Nägeln gezogene, auf die Brustwarze gerichtete Linie ist der »Pfauenfuß«.


»Mit allen fünf Nägeln«, deren Spitzen nadelscharf sind. »Auf die Brustwarze gerichtet«: unterhalb der Brustwarze setze man den Daumennagel ein und ziehe nach oben, auf die Brustwarze gerichtet, die zusammengedrückten Nägel der übrigen Finger heran. »Pfauenfuß«, weil er dessen Aussehen hat.


[158] Dasselbe an der Brustwarze der durch die geschlechtliche Vereinigung Ruhmreichen, die engzusammengesetzten fünf Nägelspuren bildet den »Hasensprung«.


»Dasselbe«, der Pfauenfuß. – »Der durch die geschlechtliche Vereinigung Ruhmreichen«, deren Ruhm die geschlechtliche Vereinigung mit dem Liebhaber ausmacht; bei einer solchen ist das auszuführen. Alle Frauen nämlich schätzen es hoch, wenn ihre Brustwarze von allen Nägeln zerkratzt ist. So heißt es denn: »In deinem Herzen, zartgliedrige Freundin, wohnt er gleichsam vorn, da deine Brustwarze, du Langäugige, mit dem Pfauenfuße gezeichnet ist«. – »An der Brustwarze«: ›an‹ drückt die Nähe aus. – »Eng zusammengesetzt«; indem man die fünf Nagelspitzen fest zu einem Ganzen vereinigt, niedersetzt, bilden die fünf fest zusammengesetzten Spuren den »Hasensprung«, (so genannt), weil es dessen Aussehen hat.


Auf der Wölbung der Brüste und auf dem Pfade des Gürtels eine Art Lotusblatt: das ist das »Lotusblatt«.


»Eine Art Lotusblatt«: dem Aussehen nach ein Lotusblatt. Das wird einzeln »auf der Wölbung der Brüste und auf dem Pfade des Gürtels« angebracht. Wie ein Gürtel wird es angebracht, und zwar, wie aus der Wahl des Wortes »Pfad« hervorgeht, bringt man nicht ein einzelnes an, sondern wagrecht gleichsam einen Kranz von Lotusblättern, des schönen Aussehens wegen. Das prangt auf ihrer Nabelgegend und dem Brüsterunde wie eine Perle von Liebhaber.


Auf die Schenkel und die Wölbung der Brüste werfen zur Erinnerung an den in die Fremde Gehenden vier oder drei zusammenhängende Linien eingedrückt. – Das sind die Taten der Nägel.


»Zur Erinnerung«: eine Nagelwunde mit Namen »Linie«, welche an den Verreisten erinnern soll ... Hierbei bezieht sich das Mal auf den Schenkeln der Geliebten auf einen in die Fremde gehenden heimlichen Liebhaber, der es beigebracht hat, das auf der Wölbung der Brust auf einen aller Welt bekannten. – »Zusammenhängend«, ununterbrochen, als Gürtel. Daß die Trennung nicht lange dauere, dienen die Linien als Zählmitel: vier bei einer langen Reise, drei bei einer kurzen. – Bei diesen (Nägelmalen), dem Halbmonde usw., kann je nach dem Lande,[159] der Zeit und dem Zwecke auch die Liebhaberin der ausübende Teil sein. – »Das sind die Taten der Nägel«: d.h., das sind die gestalttragenden Nägelmale. Die ohne Gestalt sind auf diese Stellen nicht beschränkt, da sie keine bestimmte Form besitzen. Überall findet die Anwendung an dem genannten Orte statt.

(Der Verfasser) überträgt das Gesagte nun auch auf andere (Male):


Auch noch andere, mit verschiedenen Formen versehene soll man ausführen.


»Mit verschiedenen Formen versehene«, mit besonderem Aussehen versehene. »Auch noch andere«, Vogel-, Blumen-, Topf-, Blatt-, Ranken- u.a. Nägelmale sind anzuwenden. Damit deutet (der Verfasser) die große Masse von Abarten an.


Wegen der Zahllosigkeit der Abarten, der Endlosigkeit des Erfahrungssammelns, der Allverbreitung des Studiums und der Zugehörigkeit der Male zur Leidenschaft – wer kann da die verschiedenen Weisen übersehen? So sagen die Lehrer.


Es ist die Ansicht der Lehrer über die »Abarten«. Achtfach verschieden sollen sie sein, nicht mehr. Wer kann diese Abarten von Malen, wenn sie einzeln aufgezählt werden, bei der Endlosigkeit derselben übersehen? So ist der Zusammenhang. Wer das übersehen will, muß Erfahrung sammeln. Die Unterarten dieser wieder sind endlos, wegen der Mannigfaltigkeit: darum sagt (der Verfasser): »wegen der Endlosigkeit«. »Erfahrungssammeln«, Erfahrungen machen. Dieses kommt nicht ohne Studium: so muß da also dieses dritte bedacht werden! Wird dieses auf die eine Stelle verwendet, so erlangt man an der andern keine Erfahrung: darum muß es sich überall hin erstrecken: so sagt (der Verfasser): »wegen der Allverbreitung des Studiums«. So ergibt sich da eine lange Kette: »wer also kann die verschiedenen Weisen« übersehen? Und ferner: »wegen der Zugehörigkeit der Male zur Leidenschaft«: da die Nägelmale aus der Leidenschaft hervorgehen, so bilden sie deren Zubehör; denn bei dem Wachsen der Leidenschaft findet das Kratzen mit den Nägeln statt: so wendet man das dann in der Blindheit der Leidenschaft gestaltlos an. Wer kann da bei dem Stoffe der Male eine (richtige) Weise anwenden?! So kann man auch nicht von einer achtfachen Verschiedenheit reden.


[160] Auch in der Leidenschaft verlangt man ja nach Mannigfaltigkeit; und vermittelst der Mannigfaltigkeit muß gegenseitig die Leidenschaft erzeugt werden. Mannigfaltigkeit besitzende gaṇikās und deren Liebhaber sind füreinander erstrebenswert. Denn auch in dem Dhanurveda und anderen Lehrbüchern über den Gebrauch der Waffen verlangt man Mannigfaltigkeit; wie viel mehr hier! – So sagt Vātsyāyana.


»Auch in der Leidenschaft verlangt man ja«: das Wort ›ja‹ dient zur Bekräftigung. Sogar zur Zeit der Leidenschaft verlangen manche die Mannigfaltigkeit, trotz der bestehenden Endlosigkeit. Das Wort ›sogar‹ soll andeuten: »auch wenn keine Leidenschaft vorhanden ist«. Dazu sagt (der Verfasser): »Vermittelst der Mannigfaltigkeit«. Bei einem Koitus, bei dem die Leidenschaft erst zu erwecken oder erkünstelt ist, entsteht die Leidenschaft nicht ohne Mannigfaltigkeit: daher ist ihr Urquell das Erfordernis der Mannigfaltigkeit. Welche sind das nun aber, die bei dem Vorhandensein oder Fehlen der Leidenschaft Mannigfaltigkeit verlangen? Darauf antwortet (der Verfasser): »Mannigfaltigkeit besitzende«: die mit deren Kenntnis ausgestatteten, der Devadattā ähnlichen »gaṇikās und deren Liebhaber«, die dem Mūladeva gleichen. Diese, nach auserlesenem Koitus Verlangenden, »sind füreinander erstrebenswert«, verstehen sich darauf: »Daß nur nicht anderswo ein schlechter Koitus stattfindet!« So erzeugt nun ihre Mannigfaltigkeit gerade die Leidenschaft. – Mit den Worten: »Auch in dem Dhanurveda« deutet (der Verfasser) auch mit einem anderen Lehrbuche die Richtigkeit dieser Sache an. Das Wort ›und andere‹ faßt die Lehrbücher über die Speere, Schwerter usw. zusammen. – »Lehrbücher über den Gebrauch der Waffen«: Das Wissen ist ein zweifaches: ein theoretisches und ein praktisches. In dem Dhanurveda nämlich findet sich eine Mannigfaltigkeit von praktischen Regeln: wie man mit seinen Pfeilen die heranfliegenden feindlichen Pfeile unschädlich machen, bei dem Auflegen eines Pfeiles mehrere abschießen kann usw. »Wie viel mehr hier«, in dem Lehrbuche der Liebe, wo gerade die Mannigfaltigkeit als die Hauptsache anerkannt ist! Was für ein Unterschied wäre sonst zwischen einem Elegant und einem Nichtelegant?[161]

Nun gibt (der Verfasser) für die überall mit Gewandtheit Ausgestatteten ein Verbot der Mannigfaltigkeit:


Nicht aber soll man so tun bei Frauen, die einen andern geheiratet haben. An den versteckten Stellen derselben soll man zur Erinnerung und weil es die Leidenschaft mehrt, besondere Male anbringen.


»Nicht aber« ist »bei Frauen, die einen andern geheiratet haben«, auch wenn sie mit Gewandtheit ausgestattet sind, »so« Mannigfaltigkeit am Platze, da jene von heimlichen Liebhabern genossen werden. – »An den versteckten Stellen«, den Schenkeln, der Schamgegend, den Weichen usw. »Zur Erinnerung«: wenn sie die betreffenden besonderen Male sehen, erinnern sie sich (wenigstens): da beständiger Verkehr schwer zu ermöglichen ist. – »Und weil es die Leidenschaft mehrt«. Da das Wesen (der Male) nur große Freude ist, so erzeugen sie ein heftiges Lustgefühl wie bei der Samenergießung.

Mit Bezug auf die Erinnerung singt (nun der Verfasser) das Lob der Nägelmale, das eine Mal positiv, das andere Mal negativ:


Wenn eine Frau an den geheimen Stellen die Nägelmale sieht, wird bei ihr selbst eine seit langer Zeit aufgegebene Liebe wieder ungekünstelt jung.


»An den geheimen Stellen« usw. – »Jung«, wie bei der ersten Vereinigung. – »Liebe«, Leidenschaft. – »Ungekünstelt«; nicht erheuchelt.


Wenn die Leidenschaften seit langer Zeit erstickt worden sind, würde die Liebe den Untergang finden, falls nicht das Nägelmal da wäre, welches an die Stätte der Leidenschaft erinnert.


»Seit langer Zeit erstickt«, seit langer Zeit aufgegeben, nachdem man sie genossen hatte. »Untergang«, Tod. – »Welches an die Stätte der Leidenschaft erinnert«; Schönheit, Jugend und Vorzüge sind die Stätte der Leidenschaft. Das Nägelmal, dessen Wesen es ist, daran zu erinnern. Infolge des Anblickes der Nägelwunden entsteht Erinnerung an jene Schönheit usw. und darauf Erwachen der Liebe, indem diese vor Augen tritt.

Im allgemeinen sie lobend, sagt (der Verfasser):


Selbst bei einem Fremden, der von weitem die junge Frau sieht, deren Brüste von der Nägeln hart mitgenommen sind, entsteht Achtung und Eintritt der Leidenschaft.
[162]

»Von weitem«, sogar ohne ihre Art und Weise richtig erfaßt zu haben. »Hart mitgenommen«, genossen. – »Achtung«, außerordentliche Ehrfurcht. – »Selbst bei einem Fremden«, mit dem sie nichts zu tun gehabt hat. – »Eintritt der Leidenschaft«, d.h., er wird von Leidenschaft ergriffen.


Ein Mann, der an den Stellen mit den Nägelzeichen gezeichnet ist, bringt in der Regel selbst ein festes Frauenherz zum Gleiten.


»Ein Mann«: so gut wie bei dem Manne Leidenschaft entsteht, ebensogut auch bei der Frau, wenn sie einen Mann erblickt. – »An den Stellen«: den entsprechenden. – »Gezeichnet«, zerkratzt. – Selbst ein mit Bußübungen usw. ernst beschäftigtes (Herz) »bringt er in der Regel zum Gleiten«, aus seiner Verfassung nämlich.


Kein anderes geeigneteres Mittel, die Leidenschaft wachsen zu machen, gibt es, als die Ausführungen der Taten, die mit Nägeln und Zähnen vollbracht werden.


»Kein anderes«, gegenüber den Praktiken der Leidenschaft. »Geeigneteres«, für das Wachsen der Leidenschaft passenderes. Die Erwähnung der Zähne geschieht gelegentlich, um anzudeuten, daß der Erfolg hierbei ein ähnlicher ist. »Ausführungen der Taten«: die Handhabungen der Verwundungen. Wenn sie dem Leibe beigebracht werden, dann gibt es in der Welt kein anderes Mittel, bei der geschlechtlichen Vereinigung sogar »die Leidenschaft wachsen zu machen«. – (Der Verfasser) wird darüber noch reden, wie eins dem andern vorangeht.

Fußnoten

1 Ich lese mit dem Berliner Ms. und Peterson IV, 25 (Nr. 665) saṃsthānaviśeṣābhāvān na ....

Quelle:
Das Kāmasūtram des Vātsyāyana. Berlin 71922, S. 152-163.
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