§ 16. Die Ausführung des dabei gebräuchlichen[189] sīt-Machens.

Nachdem die Frau sich so niedergelegt hat, bilden bei der Vereinigung der Zeugungsglieder die Schläge die Hauptsache; und da das sīt-Machen infolge der Schläge entsteht, sobald diese ausgeführt werden, so wird hier das Verfahren bei dem dabei gebräuchlichen sīt-Machen angefügt. So ergeben sich in diesem Kapitel zwei Paragraphen. – Die Reihenfolge wird erwähnt, um anzudeuten, daß (erst) die Anwendung der Schläge erfolgt.

Schläge erzeugen Haß: wie können sie also dem Liebesgenusse förderlich sein? Darauf antwortet (der Verfasser):


Man sagt, der Liebesgenuß sei eine Art Streit, indem die Liebe ihrem Wesen nach ein Streiten und von schlechtem Charakter ist.


»Eine Art Streit«, d.h. einem Streite ähnlich. Wieso? Darauf entgegnet (der Verfasser): »Indem die Liebe ihrem Wesen nach ein Streiten ist«: ihr Wesen beruht im Streiten,[189] da sie behufs Erreichung des Zieles von Mann und Frau unter gegenseitigem Überwältigen zur Ausführung kommt. »Und von schlechtem Charakter ist«, indem die Liebe von Natur feindselig ist. Wenn auch die Liebe aus sehr zarten Anfängen ihren Ursprung herleitet, so geht sie doch im Koitus erbarmungslos zu Werke. So heißt es (im Kirātārjunīyam IX, 49): »Mit Nägelmalen sind die Umarmungen erwünscht, die Küsse mit dichten Zahnwunden: die Liebe, die ihren Ruhm durch den Vorzug der Zartheit erwarb, ist doch bei dem Koitus hart.« Hierbei steht das Wort ›doch‹ an der unrechten Stelle: es muß heißen: Die Liebe, die doch ihren Ruhm durch den Vorzug der Zartheit erwarb, ist bei dem Koitus hart. – Das Wesen der Liebe ist in ihrem Auftreten je nach Ursache und Wirkung von zweierlei Art: die eine ist gekennzeichnet durch das Verlangen nach der geschlechtlichen Vereinigung, die andere durch die Samenergießung.


Darum ist das Schlagen ein Teil desselben. Schultern, Kopf, Zwischenraum zwischen den Brüsten, Rücken, Schamgegend und Seiten sind die Stellen.


»Desselben«, des Liebesgenusses. »Das Schlagen ist ein Teil desselben«, ein Zubehör. – »Die Stellen«, für die Schläge.


Diese sind von viererlei Art: mit dem Handrücken, mit der ausgestreckten hohlen Hand, der Faust und der flachen Hand.


»Diese«, die Schläge, Stöße, »sind von viererlei Art«, da die Arten des Schlagens, mit dem Handrücken usw. vierfach sind. Schlag, mit dem Handrücken usw., weil damit eine Stelle geschlagen wird ... Darunter ist der »mit dem Handrücken«, der Rücken der Hand, wobei die Finger ausgestreckt sind. Den Schlag »mit der ausgestreckten hohlen Hand« wird (der Verfasser) noch beschreiben; der Schlag »mit der Faust ist bekannt; der Schlag ›mit der flachen Hand‹ ist der wobei die Handflächen unbewegt sind: er ist bekannt unter dem Namen mustakā.

Daß der andere Paragraph mit dem über die Schläge verschmolzen ist, zeigt (der Verfasser), indem er sagt:


Daraus entstehend ist das sīt-Machen, indem es einem Schmerze entspricht. Dieses ist vielgestaltig.
[190]

»Daraus entstehend«, weil es auf das Schlagen erfolgt. Woher das? Darauf antwortet (der Verfasser): »Indem es einem Schmerze entspricht«. Da das sīt-Machen aus dem Schmerze entsteht, so heißt es ›diesem entsprechend‹. Wie unter dem Verhältnis von Ursache und Wirkung bei dem Schmerze infolge des Schlages sīt geschrien wird, so ist hier von den alten Meistern der artikulierte Laut, der den Schmerz ausdrücken soll, gleichsam ein sīt-Machen, mit diesem Worte bezeichnet worden; nicht aber ist das sīt-Machen bloß dieses: was (der Verfasser) mit den Worten sagt: »Dieses«: das sīt-Machen, »ist vielgestaltig«, je nach der Unterscheidung in den Laut him usw.


Dazu die Schreie gibt acht.


»Die Schreie«, das unter diesem Gesamtbegriffe Zusammengefaßte und in dem Paragraphen über das sīt-Machen Behandelte, welches seinem Wesen nach in Lauten besteht. Diese finden Anwendung bei Schlägen, da sie aus der Wollust entstehen, und auch da, wo keine Schläge stattfinden, da sie reizend sind. Das sīt-Machen aber erfolgt nur bei Schlägen; das ist der Unterschied.


Der Laut him; Donnern; Girren; Weinen; die Laute sūt, dūt und phūt.


Hierunter ist »der Laut him« der, welcher in dem nasaliert gesprochenen Worte ›hi‹ besteht: aus Kehle und Nase aufsteigend entsteht dieser sanfte Laut. »Donnern«, ein tiefer Ton wie der der Gewitterwolke. Dieser wird durch den gutturalen Ton ham hervorgebracht. »Weinen« ist bekannt; dieses soll herzerfreuend sein. »Der Laut sūt«, sūt-Machen ist ein anderer Name für Seufzer. Die Beschreibung des Girrens und der Laute dūt und phūt wird (der Verfasser) noch angeben. – Diese sieben bestehen aus undeutlichen Lauten.


Auch Worte, die ›Mutter‹, ein Verbot, ein Loslassen und ein ›genug‹ bedeuten; und diese und jene (andere), soweit sie einen ähnlichen Sinn haben.


Hierbei sind »die Worte, die ›Mutter‹ bedeuten« Mama, Mutter usw.; »die ein Verbot ausdrücken«: ›komm mir nicht zu nahe‹ usw.; »die ›genug!‹ ausdrücken«: »laß es damit genug[191] sein!« usw.; »die ein Loslassen ausdrücken«: ›Laß! Laß los!‹ usw. – »Und diese und jene (andere), soweit sie einen ähnlichen Sinn haben: auch noch anderer, die einen Schmerz ausdrücken: ›Ich bin tot!‹ – Hilfe!« usw.


Die Schreie der Turteltaube, des indischen Kuckucks, der Columba Hariola, des Papageien, der Biene, des dātyūha-Huhnes, der Gans, der Ente und des Reihers wende man verschiedentlich an als ganz besondere Arten des sīt-Machens.


»Die Schreie der Turteltaube«, gleichsam die Stimme der Turteltaube usw. – »Dātyūha-Huhn«, welches unter dem Namen ḍāūk bekannt ist. – »Ganz besondere Arten des sīt-Machens«, Abarten desselben. – Der Sinn ist: da das sīt-Machen zur Zeit des Schlagens die Hauptsache ist, so wende man es dazwischen an. Das sīt-Machen dürfte reizend sein, wenn es mit noch anderen Lauten verbunden ist; wie ein Gesang, der sich aus einzelnen Teilen zusammensetzt. – Auch hierbei »verschiedentlich«, bald die eine Art, bald die andere, d.h. jede einzeln.

Nun gibt (der Verfasser) beides an, an welcher Stelle und bei welcher Gelegenheit die Schläge und das sīt-Machen stattfinden:


Wenn sie auf dem Schoße sitzt, dann gibt es mit der Faust Schläge auf ihren Rücken.


»Wenn sie auf dem Schoße sitzt«, auf dem Schoße des Liebhabers, »dann gibt es mit der Faust Schläge auf ihren Rücken«: mit nichts anderem, da es nicht angemessen ist.


Dabei lasse sie gleichsam unwillig den Laut des Donnerns, Weinens und Girrens hören und teile einen Gegenschlag aus.


»Dabei«, bei dem Schlage mit der Faust, »lasse sie gleichsam unwillig«, als könne sie den Schlag nicht ertragen, als ausführender Teil, um ihren Schmerz auszudrücken, »den Laut des Donnerns, Girrens und Weinens hören«, weil sie diesem Schlage entsprechen; »und teile einen Gegenschlag aus«, ebenfalls mit der Faust auf seinen Rücken.


Wenn sie mit dem Penis versehen worden ist, schlage er sie mit dem Handrücken zwischen die Brüste.
[192]

»Wenn sie mit dem Penis versehen worden ist«, mit dem Gesichte nach oben liegt, »schlage er sie mit dem Handrücken zwischen die Brüste«, auf den Raum zwischen den Brüsten; nicht mit den anderen Schlagarten, da diese hier nicht angemessen sind.


Langsam beginnend, unter Steigerung der Leidenschaft bis zum Höhepunkte.


»Langsam beginnend, unter Steigerung der Leidenschaft« das ist adverbieller Ausdruck. Am Anfang geschieht das Schlagen in langsamer Weise, dann, wie die Leidenschaft wächst, so nimmt es auch zu. Das ist der Sinn. »Bis zum Höhepunkte«, bis zur Sättigung. In dem Raume zwischen den Brüsten befindet sich nämlich das Herz, ein Sitz der Leidenschaft. Die Frauen haben nämlich drei Stätten der Leidenschaft: Kopf, Scham und Herz: wenn diese geschlagen werden, wird selbst eine Langsame und Feurige ihre leidenschaftliche Erregung los.


Hierbei findet gerade zu dieser Zeit die unbeschränkte, eifrige und mannigfaltige Anwendung des Lautes hiṃ und der übrigen statt.


»Hierbei«, bei dem Schlage mit dem Handrücken. »Des Lautes hiṃ und der übrigen«, sieben. – »Unbeschränkt«: da das Herz sanft geschlagen wird, so sind hier alle möglich, die ein Unbehagen ausdrücken. »Mannigfaltigkeit«: zart, mittel und übermäßig. »Eifrig«, in immerwährender Wiederholung. »Gerade zu dieser Zeit eben«: zur Zeit des Schlagens mit dem Handrücken: ist dieses vollbracht, dann ist die Zeit nicht mehr dieselbe.


Das Schlagen mit der Hand, deren Finger etwas gebogen sind, auf den Kopf der Widerstrebenden unter dem Laute phūt ist das Schlagen mit der ausgestreckten hohlen Hand.


»Deren Finger etwas gebogen sind«, d.h. in der Gestalt einer Schlangenhaube. »Der Widerstrebenden«: wenn sie an dem Schlagen mit dem Handrücken kein Gefallen findet und das Verlangen nach einem anderen Schlage zeigt, dann ist auf ihrem Kopfe, der ersten Stätte der Leidenschaft, ein anderer Schlag, mit der diesem entsprechenden ausgestreckten hohlen Hand, auszuführen, ›langsam beginnend, unter Steigerung der[193] Leidenschaft bis zum Höhepunkte‹. »Unter dem Laute phūt« um die Leidenschaft zu entflammen.


Hierbei finde vermittelst des Innenmundes das Girren und das phūt-Machen statt.


»Hierbei«, bei dem Schlage mit der ausgestreckten hohlen Hand, »finde das Girren und das phūt-Machen statt«, seitens der Liebhaberin. Auf welche Weise? Darauf antwortet (der Verfasser): »Vermittelst des Innenmundes«: die Gegend im Munde ist der Innenmund: dort findet das Girren statt, und zwar mit geschlossener Kehle. Die Bezeichnung Girren deutet einen undeutlichen Laut an. Wenn es mit geöffneter Kehle und der Zungenwurzel hervorgebracht wird, dann entsteht das phūt-Machen. Was dies nachahmt, sagt (der Verfasser) weiter unten: gleichsam den Laut einer in das Wasser fallenden Brustbeere.


Am Ende des Liebesgenusses Seufzen und Weinen. Das dūt-Machen ahmt den Laut gleichsam von berstendem Bambusrohre nach.


»Am Ende des Liebesgenusses Seufzen und Weinen«, weil dann der Stoff erschöpft und Ermattung eingetreten ist. Seufzen und Weinen ist mit lieblicher Stimme auszuführen. – Das Nachahmen des Lautes »gleichsam von Bambusrohr«, welches unter den Fingern eines Mannes an einer Knotenstelle »berstet«, ist das dūt-Machen.


Das phūt-Machen ist die Nachahmung des Lautes wie von einer in das Wasser fallenden Brustbeere.


Es wird zustande gebracht durch das Festdrücken des oberen Teiles der Zungenspitze an den Vordergaumen. »Wie von einer Brustbeere«, bedeutet elliptisch irgend einen kugelrunden Gegenstand. »Einer fallenden«. Es findet die Nachahmung eines Lautes statt. Was dieses Merkmal besitzt, den Klang des Geräusches zur Zeit des Fallens kleiner Kiesel in das Wasser.


Überall soll die mit Küssen usw. Bedachte unter sīt-Machen auf eben die Weise Vergeltung üben.


»Die mit Küssen usw. Bedachte«, von dem Manne unter Küssen, Nägel- und Zahnwunden Umworbene soll »unter sīt-Machen auf eben diese Weise Vergeltung üben«, auf die sie mit einem unter den Küssen usw. angegangen wird; d.h. sie soll[194] auf eben diese Weise, mit dem Laute hiṃ usw., vergelten. Damit erinnert (der Verfasser) an den Spruch: »Eine Tat vergelte man mit einer Tat«.


Bei dem eifrigen Austeilen von Schlägen infolge der Leidenschaft werden Worte, die ein Verbot, ein Loslassen, genug und Mutter bedeuten, und Schreie ausgestoßen, vermischt mit von erstickten Seufzern und Weinen begleitetem Donnern. Zur Zeit des Aufhörens des Liebesgenusses findet das Schlagen der Schamgegend und der Seiten statt, außerordentlich schnell bis zum Abschlusse.


»Bei dem eifrigen Austeilen von Schlägen infolge der Leidenschaft«: wenn im Übermaße der Leidenschaft der Liebhaber in fortwährender Wiederholung Schläge austeilt, dann ist die Anwendung von »Worten, die ein Verbot bedeuten«, angemessen. Welcher Art ist dieselbe? Darauf antwortet (der Verfasser): »Begleitet von«; d.h. mit Donnern begleitet, welches unter abgebrochenem Seufzen und Weinen vor sich geht. Ebenso ist auch die Anwendung der Schreie der Turteltaube, usw. – »Zur Zeit des Aufhörens des Liebesgenusses«: wenn man an dem Penis merkt, daß die Wollust auf dem Höhepunkte ist, findet an der Schamgegend, der dritten Stätte der Liebeslust, und an den beiden Seiten, unterhalb der Achseln, das Schlagen statt; mit der flachen Hand, ist zu ergänzen. Andere lesen: »Vermittelst des Schlages mit der flachen Hand«. »Außerordentlich schnell ...«1; bei dem Schlagen nämlich kehrt die in Gang gekommene Liebeslust wieder zurück.


Hierbei finde eilig das Schreien nach Art des Reihers und der Gans statt. – Soweit die Anwendung der Schreie und der Schläge.


»Hierbei«, bei dem Schlagen mit der flachen Hand finde ein »Schreien«, Ausstoßen eines Lautes, nach Art des Reihers und der Gans statt, weil es sanft und zart ist; und zwar »eilig«, da das Schlagen (auch) eilig ausgeführt wird. – »Anwendung der Schreie und Schläge«: somit ist die Anwendung des im sīt-Machen und in dem Schreien bestehenden Ausstoßens von Lauten und der Schläge abgehandelt worden.[195]

Welcher Ruhm ist nun mit dem sīt-Machen und Schlagen von Mann und Frau verknüpft und für wen? Darauf antwortet (der Verfasser):


Hier gibt es zwei Strophen:

Rauheit und Ungestüm nennt man die Zierde des Mannes, Unfähigkeit, Schmerzempfindung, Sichabwenden und Schwäche die der Frau.

Bisweilen finde in der Leidenschaft und der Praxis entsprechend auch ein Tausch statt: aber nicht lange; und bei Beendigung desselben finde wieder die Beachtung des natürlichen Verhältnisses statt.


»Rauheit«, Festigkeit des Geistes und des Leibes. »Ungestüm«, Handeln ohne Überlegung und mit Frechheit. Dies Beides ist »die Zierde des Mannes«, d.h. seine Art. Unter deren Anwendung führt der Mann seine Schläge aus. – »Unfähigkeit«, die Unmöglichkeit, zu schlagen. Infolge der Zartheit der Hände »Schmerzempfindung«, Qualen. »Sichabwenden« der Schlagenden. Wenn die Frau von dem Manne zum Schlagen aufgefordert wird, zeigt sich bei ihr »Schwäche«, völlige Erschöpfung, indem sie nur wenig ausrichten kann. Das ist die Art der Frauen, indem es ihnen so angemessen ist: kein Schlagen, wohl aber das daraus entstehende sīt-Machen. So sind also sīt-Machen und Schlagen je nach dem Objekte anders bestimmt. – »Bisweilen«, nicht durchgehends, finde bei dem Koitus ein »Tausch« statt. (Der Verfasser) gibt den Grund dafür an: »In der Leidenschaft und der Praxis entsprechend«: in der übermäßigen Aufwallung der Leidenschaft und je nach dem Gebrauche des Landes läßt die Frau von ihrer Art und teilt, die Eigenart des Mannes annehmend, Schläge aus, während dann der Mann, weil die Frau die Schläge ausführt, seine Art aufgibt, ihre Art annimmt und den Laut sīt und die übrigen Schreie ausstoßen soll. Dies jedoch »nicht lange«. Nur eine gewisse kleine Spanne Zeit daure der Tausch. Was folgt dann? Darauf antwortet (der Verfasser): »Bei Beendigung desselben«, am Ende dieses Tausches »finde wieder die Beachtung des natürlichen Verhältnisses statt«: d.h. so daß dann Mann und Frau nach ihrer Eigenart handeln. So währt die Anwendung des Tauschens und des natürlichen Wesens bis zum Abschlusse.[196] Wo aber kein der Leidenschaft und einer besonderen Sitte entsprechendes Handeln stattfindet, da gilt die alte Regel, indem dann kein Tausch zur Anwendung kommt.

Das Schlagen ist in vierfacher Weise behandelt worden: wie es zu einem achtfachen wird, zeigt (der Verfasser), indem er sagt:


Den Keil auf der Brust, die Schere an dem Kopfe, die Nadel an den Wangen und die Zange an den Brüsten und den Seiten: so wird mit den vorigen zu sammen die Zahl der Schläge achtfach bei den Bewohnern des Südens. Bei den jungen Frauen derselben sieht man an der Brust die Keile und ihre Wirkung. Das ist eine lokale Gepflogenheit.


»Den Keil auf der Brust«. Hierbei ist der »Keil« die Faust, wobei der Zeige- und Mittelfinger nach außen mit der Rückseite stehen, und der Daumen daran gesetzt wird. Damit findet ein Schlagen nach unten gerichtet statt. »Die Schere« ist zweifach, je nachdem die Finger ausgestreckt oder gekrümmt sind. Hierbei ist die Schere mit gekrümmten Fingern von zweierlei Art: mit einer Hand dargestellt ist es die schöne Schere, sind beide Hände vereinigt, so ist es die Zwillingsschere. Wenn der gekrümmte Zeigefinger auf die Spitze des Daumens gesetzt wird, dessen Glieder gekrümmt sind, so ergibt sich die tönende Schere, die bei der Anwendung, infolge der Schlaffheit der Finger, unermeßliche Töne von sich gibt. Bei einigen heißt sie »Lotusblatt«. Mit beiden schlägt man vermittelst der Spitze des kleinen Fingers den Kopf. – Die geballte Faust, bei der man zwischen dem Zeige- und dem Mittelfinger oder zwischen dem Mittel- und Ringfinger den Daumen herausstreckt, gibt »die Nadel«. Mit dieser, in der Gestalt des Daumens, sticht, schlägt man die Wangen. Die Faust bildet »die Zange« vermittelst zangenartigen Zufassens mit dem Zeigefinger und Daumen oder dem Zeige-und Mittelfinger. Damit findet an den Brüsten und den Seiten unter Quetschen ein Ausreißen des Fleisches als Schlagen statt. – »Mit dem vorigen zusammen«, dem Schlagen mit dem Handrücken usw. »Achtfach bei den Bewohnern des Südens«; bei den Meistern jedoch nur vierfach. – (Der Verfasser) beweist es durch den Augenschein, indem er sagt: »Die Keile«. »Bei den jungen Frauen[197] derselben«, den Schönen der Südländer. »An der Brust« ist eine elliptische Bezeichnung: an der Brust sieht man die Wirkung des Keiles; am Kopfe, der Scheitelspitze, die Wirkung der Schere; an den Wangen die der Nadel. – »Das ist eine lokale Gepflogenheit«, indem ein solches in der Leidenschaft beigebrachtes Mal, auch wenn es Entstellung hervorruft, dort gerühmt wird.

Derlei ist anderswo nicht anzuwenden: so sagt (der Verfasser):


Das ist bösartig, barbarisches Treiben und verwerflich, sagt Vātsyāyana.


»Bösartig«, bringt Unheil; da es eine erbarmungslose Handlung ist; »barbarisches Treiben«, nicht das Benehmen Trefflicher; (und) »verwerflich«, nicht zu billigen, da es Sünde mit sich bringt.


So soll man auch anderes, was nach der Sitte eines Landes angewendet wird, anderswo nicht anwenden.


»So soll man auch anderes«, das Schlagen mit Steinen usw., »was nach der Sitte eines Landes angewendet wird«, von den Südländern, »nicht anwenden«


Etwas aber, was Gefahr bringt, soll man auch dort meiden.


»Etwas, was Gefahr bringt«, was Gebrechen und Lebensgefahr verursacht, »soll man auch dort meiden«, wo es auch immer im Gebrauche ist.

Diese Gefahr zeigt (der Verfasser), wenn er sagt:


Bei der Lustvereinigung tötete der König von Cola mit dem Keile die Hetäre Citrasenā.


»Bei der Lustvereinigung«, einer Vereinigung, die zum Zwecke den Koitus hatte: bei der fleischlichen Vereinigung. »Der König von Cola«, der König im Lande Cola. Von diesem nämlich wurde zu Beginn des Beischlafes die Hetäre Citrasenā so fest umarmt, daß sie bei ihrer Zartheit körperliche Schmerzen empfand. Wiewohl er nun ihren Zustand erkannte, tötete er die zart zu Behandelnde in der Blindheit der Leidenschaft mit einem Keile, den er in ihre Brust trieb, ohne dessen Kraft zu bedenken.


Vermittelst der Schere tötete der Kuntala Sātakarni Sātavāhana die Königin Malayavatī.
[198]

»Der Kuntala«, benannt nach dem Lande Kuntala, in dem er geboren war. »Sātakarṇi«, der Sohn des Satakarṇa. »Sātavāhana« ist der Name. Als dieser nämlich die Königin Malayavatī, die erst vor kurzem eine Krankheit durchgemacht und ihre Kräfte noch nicht wieder erlangt hatte, am Frühlingsfeste im Schmucke der Kleider sah, erwachte seine Leidenschaft; und als er sie beschlief, wurde sein Geist von der Leidenschaft verdunkelt, so daß er sie mit einem übermäßig schweren Scherenhiebe auf die Brust tötete.


Naradeva, der eine lahme Hand hatte, machte durch einen unglücklich geführten Nadelhieb eine Tänzerin einäugig.


»Naradeva«, der General des Königs der Pāṇḍya, »der eine lahme Hand hatte«, dessen Hand infolge eines Schwerthiebes gelähmt war. Als dieser nämlich an dem Hofe des Königs eine Tänzerin Citralekhā tanzen sah, erwachte seine Leidenschaft; und bei dem Beischlafe machte er sie, blind vor Leidenschaft, durch einen infolge der Lähmung seiner Hand »unglücklich geführten Nadelhieb«, der nicht die Wangenfläche, sondern das Auge traf, einäugig. – Der Zangenhieb ist nicht erwähnt, weil dabei seinem Wesen entsprechend keine Gefahr vorhanden ist.

(Der Verfasser) zeigt, auf Grund welcher Beweggründe man Unpassendes vermeidet, indem er sagt:


Hier gibt es einige Verse:

Hierbei gibt es weder irgendein Bedenken noch ein Innehalten des Lehrbuches: wenn es zur Vereinigung in Liebeslust gekommen ist, ist dabei die Leidenschaft allein die treibende Kraft.


Der Liebhaber ist nämlich von zweifacher Art: ein Kenner des Inhaltes des Lehrbuches oder das Gegenteil. Da gibt es denn »hierbei«, in der Ausführung der Schläge, für den Kenner des Inhaltes des Lehrbuches von dem Standpunkte seiner Natur aus kein »Bedenken«: einerlei, ob etwas Gefahr bringt oder nicht, d.h. keine Rücksicht. »Noch ein Innehalten des Lehrbuches«, indem das im Lehrbuche Gesagte nicht ausgeführt wird. Darum ist für ihn, »wenn es zur Vereinigung in Liebeslust gekommen ist, dabei«, bei der Ausführung der Regeln über die Schläge, »die Leidenschaft allein die treibende Kraft«, nicht[199] seine umfangreiche Kenntnis. Allerdings ist für den Kenner des Wesens des Lehrbuches, wenn auch die Leidenschaft die erste treibende Kraft zum Handeln ist, die Kenntnis die zweite. Danach gibt es für einen, der mit Überlegung handelt, beides: Bedenken und Innehalten des Lehrbuches. Darum ist für die Handlungsweise jener beiden die Leidenschaft die treibende Kraft. Hierbei ist nur der Unterschied, daß der eine den Schmuck des Wissens besitzt, der andere dessen ermangelt.

Wenn nun bei beiden die Leidenschaft außerordentlich angewachsen ist, dann gibt es infolgedessen selbst unerhörte und ungesehene Praktiken. Das zeigt (der Verfasser), indem er sagt:


Selbst im Traume sieht man jene Zustände und jene Scherze nicht, die bei den Unterhaltungen des Liebesgenusses den Augenblick zur Anwendung kommen.


»Selbst im Traume«, der doch dazu angetan ist, die unmöglichsten Dinge zur Erscheinung zu bringen. »Zustände«, das scherzende Treiben der Geliebten. – »Die bei den Unterhaltungen des Liebesgenusses«, dem gegenseitigen Küssen, Aufsuchen und ähnlichen Beschäftigungen, diesen Augenblick geschaffen werden, zu der Zeit zur Anwendung kommen: d.h. nicht im Lehrbuche stehen.

Hier entstehen diese dem einen, da er mit dem Schmucke des Wissens versehen ist, aus der Erzeugung der Leidenschaft; dem andern, da er des Wissens ermangelt, werden sie verderblich. Darum sieht dieser Wissensarme, der gemäß seiner außerordentlich angewachsenen Leidenschaft zu Werke geht, das Verderben nicht. Das zeigt (der Verfasser) in einem Gleichnisse, indem er sagt:


Wie nämlich ein Pferd auf seinem Wege, wenn es in die fünfte Gangart verfallen ist, blind vor Eile weder Pfosten noch Löcher noch Höhlen sieht, so handeln auch die beiden vor Leidenschaft blinden, feurigen Liebenden in dem Wollustkampfe und beachten keine Gefahr.


Als die fünf Gangarten des Pferdes werden in der Turagaśikṣā genannt: Schritt, Sprung, Trab, Galopp und Karriere. Hier also, »wenn es in die fünfte Gangart verfallen ist«, namens Karriere, die vorzüglichste; d.h. wenn es sich darin befindet.[200] In diesem Zustande nämlich besitzt das Pferd die Schnelligkeit des Windes. »Löcher«, von Menschenhand gefertigte Gruben; »Höhlen«, von den Göttern hergestellte. »So«: dies bildet die Verbindung mit dem Verglichenen. »In dem Wollustkampfe«, dem überaus heftigen. »Die beiden Liebenden«, Mann und Frau ...

Weil infolge mangels an Wissen Ungehöriges zutage tritt, so muß man mit ganz besonderem Wissen zu Werke gehen. Das zeigt (der Verfasser), indem er sagt:


Darum gebrauche der Kenner des Lehrbuches die Mittel so, nachdem er die Zartheit, Feurigkeit und Kraft der Jungfrau sowie seine eigene Kraft kennen gelernt hat.


»Zartheit, Feurigkeit«, d.h. mattes und feuriges Temperament. »Kraft«, Lebensmut. Sowie seine eigene Zartheit oder Feurigkeit: so ist ebenfalls zu beziehen. »So«, in zarter usw. Weise, »gebrauche der Kenner des Lehrbuches die Mittel«. Was für ein Unterschied wäre sonst zwischen einem Kenner des Lehrbuches und einem anderen? (Der Verfasser) sagt auch später (370/71, nicht genau zitiert!): »Wer das Wesen dieses Lehrbuches kennt, handelt nicht aus blinder Leidenschaft.«

Bei der Ausführung der Mittel je nach zarter usw. Weise sollen wohl alle überall und bei allen Weibern gelten? – Dazu sagt (der Verfasser):


Nicht überall und nicht bei allen Frauen gelten die zum Liebesgenusse gehörigen Ausführungen: nach Ort, Land und Zeit findet ihre Anwendung statt.


»Nicht überall«; hierbei zunächst die Anwendung »nach dem Orte«: z.B. der Schlag mit dem Handrücken gehört auf den Raum zwischen den Brüsten, der Schlag mit der ausgestreckten hohlen Hand auf den Kopf; usw. – »Nach dem Lande«, d.h. der Gegend, wo der Gebrauch herrscht; z.B. bei einer Frau von Mālava gilt das Schlagen, bei einer Frau von Abhīra der Mundkoitus, usw. – Bei einer Frau, bei der der Penis eingeführt ist, gilt der Schlag mit dem Handrücken, bei einer, die auf dem Schoße sitzt, der Schlag mit der Faust: das ist die Anwendung »je nach der Zeit«.

Fußnoten

1 Das viśrabdhikayā des Textes verstehe ich nicht.

Quelle:
Das Kāmasūtram des Vātsyāyana. Berlin 71922, S. 189-201.
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