§ 34. Die transzendentale Analytik (Begründung der reinen Naturwissenschaft).

I. Die Lehre von den reinen Verstandesbegriffen (Kategorien).

[196] 1. Sinnlichkeit und Verstand. Raum und Zeit sind die Bedingungen, unter denen wir Anschauungen besitzen. Aber damit haben wir noch keine Erfahrung. Die Welt der sinnlichen, räumlich-zeitlichen Eindrücke, die wir empfangend in uns aufnehmen, muß zu einheitlichen Begriffen geordnet werden durch das Denken. Neben der Rezeptivität der Sinnlichkeit gibt es noch eine zweite Grundquelle der Erkenntnis: die Spontaneität des Verstandes. Beide, Sinnlichkeit und Verstand, gehören untrennbar zusammen; »keine dieser Eigenschaften ist der anderen vorzuziehen«, wie es von den Sensualisten einer-, den Spiritualisten anderseits geschieht. Begriffe ohne Anschauungen sind freilich leer, aber Anschauungen ohne Begriffe sind blind. Es ist ebenso notwendig, die Begriffe anschaulich, wie die Anschauungen »verständlich« zu machen oder unter Begriffe zu bringen. Nur aus ihrer Vereinigung kann Erkenntnis entspringen.

2. Einteilungen. Trotzdem sind beide für die wissenschaftliche Erörterung methodisch zu isolieren (s. S. 192). Auf die transzendentale Ästhetik oder Wissenschaft von der Sinnlichkeit folgt nunmehr die transzendentale Logik oder »Wissenschaft der Verstandesregeln überhaupt«. Die transzendentale Logik unterscheidet sich von der »allgemeinen«, »gemeinen« oder formalen, sei es reinen sei es angewandten, Logik dadurch, daß sie nicht auf die bloßen Formen des Denkens (vgl. § 32, 4), sondern auf den Inhalt möglicher Erfahrung geht, indem sie den Ursprung, den Umfang und die objektive Gültigkeit der reinen apriorischen Erkenntnis untersucht. Sie zerfällt in die transzendentale Analytik (»Logik der Wahrheit«) und die transzendentale Dialektik (»Logik des Scheins«). Die transzendentale Analytik, mit der wir es vorläufig allein zu tun haben, ist die Zergliederung der gesamten Verstandeserkenntnis a priori. Sie zerfallt ihrerseits wieder in die Analytik der Begriffe und die der Grundsätze des reinen Verstandes, von denen wir in diesem Paragraphen die erstere behandeln.

3. Die Möglichkeit der reinen Naturwissenschaft. Das Problem der Naturwissenschaft treibt uns derselben[196] Untersuchung zu. Bloße Mathematik (§ 33 A), selbst die mathematische Bewegungslehre (§ 33 B) mit eingeschlossen, erschließt uns noch nicht den physikalischen Gegenstand. Die Physik macht weitergehende Voraussetzungen. Diese soll uns, soweit sie philosophischer Natur sind, die transzendentale Logik in ihren Begriffen und Grundsätzen lehren. Nicht die Regeln des formalen Denkens (sie gehören in die formale Logik), oder etwaige letzte Formen des Geistes (das ist metaphysisch gedacht), sondern die Grundbegriffe und Grundsätze der Naturwissenschaft sollen festgestellt werden. Nachdem die transzendentale Ästhetik gezeigt hat, wie Natur »in materieller Bedeutung«, d.h. als Inbegriff der Erscheinungen möglich ist, soll jetzt die transzendentale Logik darlegen, wie Natur »in formeller Bedeutung«, d.i. als »Inbegriff der Regeln«, nach denen »alle Erscheinungen in einer Erfahrung als verknüpft gedacht werden sollen«, mit anderen Worten: als reine Naturwissenschaft möglich ist (Prolegom. § 36).

4. Die synthetische Einheit. Sinnlichkeit (Anschauung) bietet uns eine bunte Mannigfaltigkeit von Eindrücken. Wie vermag nun Einheit in dies »Mannigfaltige der Anschauung« zu kommen ? Antwort: durch eine spontane Handlung unseres Bewußtseins, die Kant Synthesis nennt. Durch sie wird »dieses Mannigfaltige zuerst auf gewisse Weise durchgegangen, aufgenommen und verbunden«, um »daraus« eine Erkenntnis zu machen. Psychologisch genommen, ist die Synthesis eine bloße Wirkung der Einbildungskraft, einer »blinden, obgleich unentbehrlichen Funktion der Seele«. Sie wird später von Kant in die Synthesis der Apprehension (erste Auffassung des Mannigfaltigen als eines Ganzen, z.B. des Tisches vor uns, in der Wahrnehmung), der Reproduktion (Wiederhervorrufung dieser Wahrnehmung zum Behufe der Vergleichung mit neuen, worauf z.B. das Zählen beruht) und der Rekognition (Wiedererkennen der alten Vorstellung) zerlegt. Welche transzendentale Bedeutung aber hat diese Synthesis? Antwort: Nur durch sie ist Erkenntnis als »ein Ganzes verglichener und verknüpfter Vorstellungen« und somit Erfahrung möglich. Dieses Ganze aber entsteht, indem die Synthesis »auf Begriffe« und damit zur Einheit gebracht wird, denn »Begreifen« heißt ja eben: in einer einzigen Erkenntnis zusammenfassen. Die Apprehension erfolgte in der Anschauung, die Reproduktion geht vermittelst der Einbildungskraft, die Rekognition im Begriff, d. i. der synthetischen[197] Einheit vor sich41. »Allgemein ausgedrückt«, heißen diese synthetischen Einheiten, weil sie rein und a priori sind, »reine Verstandesbegriffe« oder mit einer von Aristoteles entlehnten, aber von Kant in neuem Sinne gebrauchten Bezeichnung:

5. Die Kategorien. Denn – das ist eine Entdeckung, auf die sich Kant nicht wenig zugute tut – der Verstand, der durch seine synthetische Einheit die Erfahrung zustande bringt, ist derselbe, der vermittelst der analytischen Einheit die Urteilsformen der formalen Logik konstituiert. Die Kategorien werden auf die Formen des Urteils zurückgeführt, ihre »Tafel« kann aus derjenigen der logischen Urteilsfunktionen abgelesen werden. Nun zerfallen die Urteile nach ihrer

1. Quantität in: Einzelne, besondere, allgemeine,

2. Qualität in: Bejahende, verneinende, unendliche (limitative),

3. Relation in: Kategorische, hypothetische, disjunktive,

4. Modalität in: Problematische, assertorische, apodiktische.


Dem entspricht folgende »Tafel der Kategorien«:

1. K. der Quantität: Einheit, Vielheit, Allheit.

2. " " Qualität: Realität, Negation, Limitation,

3. " " Relation: Inhärenz und Subsistenz, Kausalität, Gemeinschaft (Wechselwirkung).

4. " " Modalität: Möglichkeit, Dasein (Wirklichkeit), Notwendigkeit.


Aber diese Ableitung der synthetischen aus den analytischen Einheiten, der Kategorien von den Urteilsformen soll keine einfache Abhängigkeit des Erkennens vom Denken, der Naturwissenschaft von der formalen Logik bedeuten. Kant stellt vielmehr von vornherein nur solche Urteilsformen auf, die zu Kategorien werden können, während die letzteren wiederum mit den »Grundsätzen« (s. § 35) zusammenhängen. Die Kategorien sind die »wahren Stammbegriffe des reinen Verstandes« nur in dem Sinne, daß sie auf mögliche Erfahrung gehen. Kant hält daher, nachdem ihm die formale Logik den »Leitfaden zur Entdeckung« der reinen Verstandesbegriffe geboten[198] hat, nach dieser »metaphysischen« Ableitung ebenso, wie in der transzendentalen Ästhetik, eine transzendentale Deduktion für notwendig.

6. Die transzendentale Deduktion der Kategorien. Während die Frage nach der Entstehung dieser Begriffe oder, wie Kant sagt, »nach den Gelegenheitsursachen ihrer Erzeugung« der empirischen Psychologie angehört (empirische Deduktion), diejenige nach ihrem Ursprung in der Organisation unseres Geistes metaphysisch bleibt, will die transzendentale Deduktion die »Art erklären, wie sich Begriffe a priori auf Gegenstände beziehen können«, mit anderen Worten die Kategorien als »formale Bedingungen« der Erfahrung nachweisen.

Die transzendentale Ästhetik hatte uns das Objekt nur erst als »Erscheinung« oder »unbestimmten« Gegenstand gegeben. Die reinen Verstandesbegriffe bestimmen nun diese »gegebene« Erscheinung zum »gedachten« Gegenstande. Objekt heißt dasjenige, »in dessen Begriffen das Mannigfaltige einer gegebenen Anschauung vereinigt ist«. Die Kategorien sind demnach nichts anderes als Vereinigungsweisen des Mannigfaltigen in unserem Bewußtsein; denn diese Verbindung des Mannigfaltigen zur synthetischen Einheit (der Kategorie) kann natürlich nur von uns selbst vollzogen werden. Welches ist aber der Grund dieser Einheit? Es ist der »schlechthin erste und synthetische Grundsatz unseres Denkens überhaupt«: daß »alles verschiedene empirische Bewußtsein in einem einigen Selbstbewußtsein verbunden sein müsse«, d.i. der Grundsatz der ursprünglich-synthetischen Einheit der Apperzeption (oder des Selbstbewußtseins), oder des Bewußtseins von der Einheit unseres Bewußtseins. Das »Ich denke« muß, bewußt oder unbewußt, alle meine Vorstellungen begleiten können. Nur durch die synthetische Einheit im Bewußtsein, d.h. nur dadurch, daß er »meine« Vorstellung ist, wird ein Gegenstand der Erfahrung erzeugt. Die synthetische Einheit der Apperzeption ist daher der höchste Punkt nicht bloß der Logik, sondern der gesamten Transzendentalphilosophie und wird daher auch die transzendentale Einheit des Selbstbewußtseins genannt; denn nur durch sie wird »alles in einer Anschauung gegebene Mannigfaltige in einen Begriff vom Objekt vereinigt«, mithin Erfahrung möglich. Selbst unser eigenes Ich läßt sich durch die bloße Bewußtheit nicht erkennen, sondern kann, wie alles andere, erst durch die synthetische Einheit der Kategorien[199] »Objekt« werden. Die Kategorien sind demnach »die Bedingungen der Möglichkeit der Erfahrung«, der »Leitfaden« derselben, ihr »Schlüssel«, ihre »intellektuelle Form«; sie »schreiben der Natur Gesetze vor«, ja sie machen sie überhaupt erst möglich; und so sind sie auch die Prinzipien der reinen Naturwissenschaft.

Quelle:
Karl Vorländer: Geschichte der Philosophie. Band 2, Leipzig 51919, S. 196-200.
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