§ 12. Leben, Schriften und Charakter.

  • [58] Literatur: Eine grundlegende, die wissenschaftlichen Fundamente untersuchende Darstellung ist erst neuerdings erschienen: E. Cassirer, Leibniz' System, Marburg 1902. Außer den ausführlichen Darstellungen in Erdmanns größerem Werke (Bd. II, Abt. 2) und Kuno Fischers G. d. n. Ph. III, seien aus der zahlreichen Literatur erwähnt: die ausführliche Biographie von Guhrauer, G. W. Freiherr von Leibniz (2 Bde. 1846), die ältere Darstellung von L. Feuerbach (2. Aufl. 1848), ferner E. Dillmann, Eine neue Darstellung der Leibnizschen Monadenlehre, Leipzig 1891. Couturat, La logique de Leibniz, 1901. – Eine populäre Schrift über ›Leibniz als Patriot, Staatsmann und Bildungsträger‹ gab E. Pfleiderer (Leipzig 1870) heraus. Sein Verhältnis zu Spinoza beleuchtet L. Stein, Leibniz und Spinoza, Berlin 1890; seine Jugendentwicklung: W. Kabitz, Die Philosophie des jungen Leibniz. Heidelberg 1909. Über seine Religionsphilosophie vgl. E. Hoffmann, Die Leibnizsche Religionsphilosophie in ihrer geschichtlichen Stellung, Tübingen 1903, und A. Görland, Der Gottesbegriff bei Leibniz, ein Vorwort zu seinem System, Gießen 1907. Über das Problem der Theodicee handeln die beiden gekrönten Preisschriften von J. Kremer und O. Lempp, Das Problem der Theodicee in der Philosophie und Literatur des 18. Jahrhunderts. Berlin 1909 bezw. Leipzig 1910. Vgl. auch Adelheid Thönes, Die philosophischen Lehren in Leibnizens Theodicee, Halle 1907. Zu L.s 200. Todestage (14. November 1916) sind eine Reihe neuer monographischer Darstellungen erschienen, von denen wir die zusammenfassende von W. Wundt (Leibniz, Lpz. 1917) hervorheben.

Die drei Systeme von Descartes, Hobbes und Spinoza sind bei aller sonstigen Verschiedenheit einig in der Behauptung eines rein mechanischen Naturzusammenhanges, wie ihn die neue Wissenschaft aufgestellt. Gegen diese Auffassung, als den Gipfel menschlicher Willkür und Gottlosigkeit, richteten sich die Angriffe der philosophischen und theologischen Scholastik. Leibniz sucht[58] diesen Gegensatz philosophisch zu überwinden, indem er die wissenschaftlichen Errungenschaften zwar nicht aufgibt, vielmehr durch eigene Forschung vermehrt und vertieft, aber anderseits durch Untersuchung ihrer Voraussetzungen über die mechanische Naturauffassung hinausführt und die letztere mit der teleologischen, damit den modernen Gedanken mit dem antik-christlichen zu versöhnen trachtet. Wichtiger noch ist, daß er die Philosophie als Prinzipienlehre der Wissenschaften (Bd. I § 1) auf fast allen Gebieten aufs mächtigste gefördert hat.

1. Leben. Gottfried Wilhelm Leibniz, am 21. Juni 1646 zu Leipzig geboren, verlor früh (1652) seinen Vater, einen Leipziger Rechtsgelehrten und Professor der Moral. Ein frühreifer Knabe, liest er in seines Vaters Bibliothek alles, was ihm vor die Augen kommt, die Alten wie die Scholastiker; er macht sogar lateinische Verse, sodaß seine Vormünder anfangs fürchten, er möchte ein Poet, dann, er möchte ein Scholastiker werden. »Sie wußten nicht, daß mein Geist sich nicht durch eine einzige Art von Dingen ausfüllen ließ«, sagte Leibniz später von sich mit Selbstgefühl, bezeichnend auch für seinen philosophischen Charakter. Erst 15jährig, bezieht er die heimische Universität und grübelt schon darüber nach, ob er bei der Scholastik beharren oder sich der neuen Erfahrungsphilosophie anschließen soll. Dem anfänglichen Studium der Rechte und der Philosophie fügt er in Jena das der Mathematik hinzu, wird mit 17 Jahren durch eine Abhandlung De principio individui Baccalaureus, mit 18 durch eine rechtsphilosophische Arbeit Magister und erwirbt sich als 20jähriger – in Leipzig wegen seiner Jugend zurückgewiesen – in dem bayrischen Altdorf durch eine glänzende Disputation »über verwickelte Rechtsfälle« die juristische Doktorwürde. Die ihm dort angebotene Professur, die ihn in das kleinliche Leben gelehrter Pedanten herabzuziehen drohte, schlägt er aus. Er zieht ihr das große Weltleben vor, in das er nun ohne einen bestimmten Plan eintritt. Nachdem er in Nürnberg u. a. mit Alchimisten verkehrt hat, wird er von Christian von Boineburg, dem Vertrauten des Kurfürsten von Mainz, in dessen Dienste und damit in die große europäische Politik hineingezogen. Bei seiner Vielseitigkeit nach den verschiedensten Richtungen hin tätig, arbeitet er nacheinander an der Verbesserung der juristischen Lehrmethode (1667), dem Corpus iuris (1668 f.), einer Schrift gegen die Atheisten (1668-69) und beteiligt[59] sich an seines Gönners Bestrebungen zu einer Wiedervereinigung von Protestanten und Katholiken, wobei er im allgemeinen eine natürliche Religion mit Gottes- und Unsterblichkeitsglauben vertritt, aber doch auch die Dreieinigkeitslehre verteidigt und die lutherische Abendmahlslehre mit – philosophisch-physikalischen Gründen »beweist« (1670). Einen Aufenthalt zu Paris 1672-76, wo er Ludwigs XIV. Eroberungsgelüste durch den Plan einer Besetzung Ägyptens vom Deutschen Reiche ablenken helfen sollte, benutzte er zu geistigen Anregungen mannigfaltigster Art, insbesondere auch zum Studium von Descartes, Hobbes und Spinoza, welchen letzteren er bei seiner Reise durch Holland auch persönlich kennen lernte27, sowie der Mathematik (Pascal) und Physik (Huyghens), was ihn zur Entdeckung der Differential- und Integralrechnung führte. (Über den jahrzehntelang dauernden Prioritätsstreit mit Newton s. Ueberweg III, S. 194-196). Ende 1676 siedelte er, zum Hofrat und Bibliothekar ernannt, nach Hannover über und schreibt eine von umfangreichen Vorstudien begleitete Geschichte des braunschweigischen Fürstenhauses. Daneben aber beschäftigt er sich mit allen möglichen anderen, zum Teil weit auseinander liegenden Plänen und Gegenständen: Einrichtung einer nationalen Akademie, Reform des Unterrichtswesens, Reinigung der Muttersprache, Wiedervereinigung der Lutheraner, Reformierten und Katholiken, ja aller Kulturvölker zu einem harmonischen »Reich der Geister«, Sorge für das Wohl der ärmeren Klassen, Völkerrecht, Bergbau, Physik, Medizin, Entwurf einer allgemeinen Charakteristik durch wissenschaftliche Zeichen (ähnlich wie sie in der Mathematik üblich sind), Moral der Chinesen, Sprachwissenschaft, und zwar mit allem nach seiner Art gründlich; am liebsten aber doch mit Mathematik und Philosophie. Über alle diese Dinge pflog er dazu noch eine umfangreiche Korrespondenz; in der Bibliothek zu Hannover wer den 15000 Nummern seines Briefwechsels mit mehr als 1000 Personen aufbewahrt. Er klagt gelegentlich selbst über die Zerstreutheit seiner Studien und die Masse der sich ihm aufdrängenden neuen Gedanken, die er doch nicht gern abhanden kommen[60] lassen möchte; sodaß er oft nicht wisse, was er zuerst erledigen solle. Eine unglaubliche Arbeitskraft, Vielseitigkeit und Beweglichkeit des Geistes! In das Jahrzehnt 1690-1700 fallen seine philosophischen Entwürfe, in das folgende die systematischen Ausführungen, zu denen er gekommen ist. Durch die Vermählung seiner Schülerin, der philosophischen Prinzessin Sophie Charlotte, mit Friedrich I. von Brandenburg-Preußen 1700 nach Berlin gezogen, wurde er der erste Präsident der auf seine Anregung am 11. Juli 1700 dort gestifteten Akademie der Wissenschaften (vergl. die Geschichte derselben von Ad. Harnack, 4 Bde., Berlin 1900). Mit dem Tode seiner königlichen Schülerin (1705) verlor er den rechten Halt in Berlin, das er 1711 endgültig verließ. Dann lebte er zwei Jahre in Wien, wo er für den Prinzen Eugen eine Darstellung seiner Monadenlehre ausarbeitete, die letzten Jahre seines Lebens (1714-16) wieder in Hannover. Er war zwar von seinen fürstlichen Gönnern, zu denen auch Peter der Große gehörte, mit Titeln und Würden versehen, 1690 auch geadelt worden, scheint aber in seinen letzten Jahren diese Gönnerschaften, jedenfalls die Hannoversche, verloren zu haben, während seine Berliner Schöpfung unter dem grobkörnigen Soldatenkönig Friedrich Wilhelm I. nur ein trauriges Scheindasein führte. Der Geistlichkeit und dem Volke blieb er als Freigeist verdächtig; aus seinem Namen Leibniz machte der Volksmund »Löve-nix« = Glaubenichts. Über seiner ungeheuren Vielgeschäftigkeit nicht zum Heiraten gekommen, starb Leibniz einsam und verlassen am 14. November 1716. Auf seinem Sarge war sein Wahlspruch angebracht: »So oft eine Stunde verloren wird, geht ein Teil des Lebens zugrunde.« Nur wenige geleiteten ihn damals zu Grabe; jetzt erheben sich in Hannover und Leipzig (1883) Denkmäler zu seinen Ehren.

2. Schriften. Zu einer ausführlichen Systematisierung seiner Lehre in einem grundlegenden Hauptwerke ist Leibniz nicht gekommen; die meisten seiner Aufsätze wurden in Zeitschriften (zuerst in den Acta eruditorum Lipsiensium, später in dem Journal des savants) veröffentlicht; er selbst hat außer einigen Jugendarbeiten nur die Theodicee herausgegeben. Dazu kommen die zahlreichen wichtigen Briefe, in denen er manche in seinen Schriften weniger berührte Punkte seiner Lehre näher ausgeführt hat. Die bisher vollständigste Ausgabe der philosophischen Schriften inkl. Briefe ist die von Gerhardt, 7 Bände, Berlin 1875-1890; frühere die von J. E. Erdmann (3 Bde. 1840) und die in[61] der Pertzschen (unvollständigen) Sammlung Leibnizscher Schriften enthaltenen, von Gerhardt edierten 7 Bände mathematischer Schriften. Besser als diese umfangreichen und doch nicht vollständigen Gesamtausgaben dient dem philosophisch interessierten Laien die vierbändige Ausgabe der Philosophischen Bibliothek, namentlich die von A. Buchenau übersetzten, von E. Cassirer sorgfältig ausgewählten und erläuterten Hauptschriften nur Grundlegung der Philosophie (2 Bände 1904, 1906), an die sich die gleichfalls von E. Cassirer neu übersetzten und eingeleiteten Nouveaux essais (3. Aufl. 1915) sowie die Theodicee (übers. von Kirchmann, 1879) als 3. und 4. Band anschließen. Sie sind mit wenigen Ausnahmen lateinisch oder französisch geschrieben, obwohl er selber sich entschieden für die Verwendung der deutschen Sprache gerade in der philosophischen Literatur ausgesprochen hat28; aber er mußte jene beiden Fremdsprachen gebrauchen, wenn er von den Gelehrten und den Gebildeten unter seinen Zeitgenossen gelesen werden wollte. Die wichtigsten der französischen Schriften sind im Urtext herausgegeben von H. Schmalenbach, Ausgew. philos. Schriften (Bibliotheca philosophorum Bd. 2 und 3), Leipzig 1914 f. Wir verzeichnen im folgenden die wichtigeren philosophischen Schriften, soweit sie nicht bereits in der Lebensgeschichte Erwähnung gefunden haben.

1. Meditationes de cognitione, veritate et ideis. Acta Erud. 1684. 2. Nova methodus pro maximis et minimis 1684. 3. De primae philosophiae emendatione et de notione substantiae 1694. 4. Système nouveau de la nature et de la communication des substances. Paris 1695. Dazu drei éclaircissements 1696. 5. Nouveaux essais sur l'entendement humain 1704 (gegen Locke). Diese seine wichtigste Schrift wurde erst 1765 von R. E. Raspe aus dem Nachlaß veröffentlicht. 6. Essais de Theodicée sur la bonté de Dieu, la liberté de l'homme et l'origine du mal (1710, breit, populär). 7. La Monadologie 1714, lateinisch zuerst 1721. 8. Principes de la nature et de la grâce 1714, veröffentlicht 1719.

Außerdem hat Couturat aus dem Manuskript-Nachlaß in Hannover 1903 Opuscules et fragments inédits de L. herausgegeben, die namentlich einen Begriff von seinem[62] großen Plan einer »universellen Charakteristik« (s. unten) geben. Eine vollständige, auf 40-50 Quartbände veranschlagte Gesamtausgabe aller wissenschaftlichen Werke Leibnizens war vor dem Kriege von den vereinigten Berliner und Pariser Akademien der Wissenschaften in Angriff genommen worden.

Die Darstellung der Leibnizschen Lehre ist schon aus dem äußeren Grunde schwierig, weil sich dieselbe an so vielen Stellen seiner Schriften und namentlich seiner weitschichtigen Korrespondenz zerstreut findet. Es war ein unglücklicher Zufall, daß das 18. Jahrhundert unseren Philosophen vorzugsweise aus seinem in philosophischer Beziehung schwächsten Werke, der Theodicee, kennen lernte, während die trefflichen kleineren Aufsätze in den Zeitschriften nur wenigen bekannt waren, die Nouveaux essais gar bis 1765 noch vergessen im Staube der Hannoverschen Bibliothek lagen. So erschien er den Zeitgenossen und Nachlebenden, z.B. auch Kant, nicht in seiner wahren Bedeutung. Denn, obwohl seine Philosophie nicht in systematischer Ausführung auf uns gekommen ist, trägt sie doch systematischen Charakter. Macht Leibniz auch zunächst den Eindruck des großen Eklektikers, der alle philosophischen, politischen und religiösen Standpunkte zu rechtfertigen oder doch zu entschuldigen und aus allen das Gemeinsame herauszufinden liebt, so ist er dabei doch von einem tiefen prinzipiellen und methodischen Interesse geleitet, das auf die philosophische Begründung der Natur- und der Geisteswissenschaften geht.

Wir versuchen, ähnlich wie bei unserer Darstellung Descartes', zunächst diese grundlegenden methodisch-erkenntniskritischen Leitgedanken im Zusammenhange darzulegen [§ 13], um dann erst die in den meisten Darstellungen fast allein beachteten metaphysischen Lehrstücke (Monadenlehre, Theodicee usw.) zu schildern [§ 14].

Quelle:
Karl Vorländer: Geschichte der Philosophie. Band 2, Leipzig 51919, S. 58-63.
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