§ 13. Leibniz' Philosophie:

A. Die methodischen Grundlagen.

  • [63] Literatur: Vgl. hierzu die Einleitungen Cassirers in seiner Ausgabe der ›Hauptschriften‹ (oben S. 63), Bd. I und II; auch dess. Erkenntnisproblem Bd. II, Kap. 2. Heimsoeth, Leibniz' Methode der formalen Begründung. Gießen 1914.

1. Ausgangspunkt. Schon in seiner frühesten Jugend ruhte Leibniz, wie er selbst erzählt, nicht eher, als bis er zu den ersten Prinzipien einer jeden Wissenschaft, die er trieb,[63] vorgedrungen war. So entwirft schon der zwanzigjährige Jüngling in seiner Ars combinatoria (1666) den Plan eines »Alphabets der menschlichen Gedanken«, das, von bestimmten einfachsten Grundlagen ausgehend, alle Begriffe und Ideen in mathematischer Ordnung und unanfechtbarem Beweisverfahren ableiten sollte. Zu diesem Zweck soll eine allen Nationen verständliche allgemeine »Charakteristik« oder Zeichensprache festgesetzt werden, die alle philosophischen Fragen – einschließlich der »wahren Religion, die mit der Vernunft in genauer Übereinstimmung steht« – auf Zahlen reduziert und so eine Art »Statik« der Vernunft darstellt: ein Gedanke, der ihn noch bis in seine letzten Lebensjahre beschäftigt hat. Das neue Gedankenalphabet sollte natürlich nichts mit der Lullischen Kunst (Bd. I, S. 276), an die Leibniz selbst bei dieser Gelegenheit erinnert, zu tun haben, sondern eine streng wissenschaftliche Zergliederung der menschlichen Begriffe enthalten, die auf ihre einfachsten Elemente, wie die zusammengesetzten auf die Primzahlen, zurückgeführt werden und so »in dem Laden der menschlichen Erkenntnis Ordnung schaffen« sollen. Auf diese allgemeine Analyse hat dann die universelle Synthese zu folgen, die, von den Prinzipien beginnend, nach fest geregelter Ordnung bis zu den Einzelfällen fortschreitet. Damit wäre eine Scientia generalis hergestellt, welche die Voraussetzung und Grundlage aller Einzelwissenschaften bildet, oder eine neue, verbesserte Metaphysik. Denn diese gehört, wie er besonders deutlich in dem kurzen Aufsatz Über die Vervollkommnung der ersten Philosophie (1694) ausführt, auch heute noch, wie zu des Aristoteles Zeiten, zu den »gesuchten« Wissenschaften. Sie bedürfe ebenso fester Beweise wie derjenigen, durch welche die Mathematik ihre Erfolge erringe, einer Methode, die ebenso zuverlässig sei wie die des Euklid. Ist nun auch unser Philosoph zur tatsächlichen Ausführung seines genialen Jugendplanes nicht gekommen, so hat er doch dessen Tendenz in der Art seiner methodischen Begründung der verschiedenen Wissenschaften festgehalten. Bevor wir ihn jedoch zu dieser wichtigsten Seite seiner philosophischen Tätigkeit begleiten, müssen wir zunächst einen kurzen Blick auf seine Erkenntnislehre werfen.

2. Die Stufen der Erkenntnis. Die einzelnen Stufen der Erkenntnis bestimmt Leibniz, in den in dieser Beziehung grundlegenden Meditationen (1684), zwar im wesentlichen im Anschluß an die Einteilungsgründe von Descartes und Spinoza, aber doch mit charakteristischen[64] Änderungen und Fortbildungen. Eine Vorstellung ist dunkel, wenn sie nicht genügt, die vorgestellte Sache wiederzuerkennen; sie ist klar, sobald sie uns hierzu in Stand setzt. Trotzdem kann die klare Vorstellung verworren (konfus) sein, wenn ich die Merkmale der Sache nicht bestimmt aufzuzählen weiß; wie wenn z.B. ein Maler den Fehler eines Gemäldes zwar »klar« fühlt, aber den Grund nicht mit Bestimmtheit anzugeben vermag, oder wie man einem Blinden nicht »klar« machen kann, was »rot« ist. Dagegen heißt sie deutlich (distinkt), falls sich alle ihre Merkmale bestimmt angeben lassen, und adäquat, wenn deren Zergliederung bis ans letzte Ende durchgeführt werden kann. Sie ist endlich intuitiv, sobald wir alle Merkmale auf einmal denken können, während sie im anderen Falle, wo wir uns in Ermangelung dessen begnügen müssen, den Inhalt durch Zeichen auszudrücken, symbolisch heißt. – Zur verworrenen Erkenntnis gehören alle Sinneswahrnehmungen, zur deutlichen alle Nominaldefinitionen; für die adäquate weist unser menschliches Wissen ein vollkommenes Beispiel vielleicht nicht auf, doch kommen ihr die Zahlenbegriffe »sehr nahe«. Beispiele einer symbolischen Erkenntnis sind Begriffe, deren sämtliche Merkmale man nicht gleichzeitig gegenwärtig haben kann, wie z.B. der eines Tausendecks, überhaupt »sehr zusammengesetzte« Vorstellungen. Die vollkommenste Erkenntnis ist natürlich die intuitive. Die Einteilung der Erkenntnis in die verworrene der Sinnlichkeit und die deutliche des Verstandes hat Leibniz auch später festgehalten, so namentlich in der nachgelassenen großen Streitschrift gegen Locke, den Nouveaux essais. Im ganzen aber ist sein Interesse nicht so sehr diesen erkenntnistheoretischen Klassifikationen, die er vielmehr nur gelegentlich berührt, zugewandt, als den philosophischen Voraussetzungen der Einzelwissenschaften, die ihm das Material zum Aufbau seines Systems geliefert haben. Welche aber von diesen hätte ihm, zumal im »mathematischen Jahrhundert« und bei seinen eigenen Anlagen, näher gelegen als die Mathematik?

3. Die philosophischen Grundlagen der Mathematik. So sehen wir denn auch, wie er in seinen ersten Schriften gerade diese als Musterbild aller Gewißheit verehrt, und zwar zunächst die Arithmetik. »Die Zahl ist gewissermaßen eine metaphysische Grundgestalt und die Arithmetik eine Art Statik des Universums, in der sich die Kräfte der Dinge enthüllen.« Die Algebra ist daher auch[65] nur eine Unterart jener allgemeinen »kombinatorischen Kunst« (s. oben unter Nr. 1), von deren Regeln sie darum auch fortwährend Gebrauch macht. Allein je tiefer Leibniz, namentlich während seines vierjährigen Pariser Aufenthaltes im Verkehr mit Huyghens, auch in andere Zweige der mathematischen Wissenschaft, z.B. die Geometrie, eindrang, desto mehr sah er ein, daß er gegen seinen eigenen Grundsatz der Zurückführung aller Begriffe auf ihre eigensten Elemente handle, wenn er die Geometrie der Arithmetik, die Figur der Zahl unterordne. So legt er ihr jetzt nicht mehr den arithmetischen Begriff der Größe, sondern einen neuen »von der algebraischen Berechnungsart gänzlich verschiedenen Kalkul« zugrunde: die Analysis der Lage, in der die Lageverhältnisse »geradeswegs und unmittelbar zur Darstellung gebracht, die Figuren, auch ohne wirklich gezeichnet zu werden, symbolisch ausgedrückt werden«. Das einfachste geometrische Element aber ist der Punkt. Und so stellt sich uns jedes geometrische Gebilde zunächst als ein Beisammen von Punkten dar, die durch eine gemeinsame Regel vereint und zusammengehalten sind. Den Entwurf einer solchen neuen »geometrischen Charakteristik« übersandte er Huyghens im September 1679. – Auch ohne daß wir uns weiter (wozu hier nicht der Platz) auf mathematische Einzelanwendungen einlassen, läßt sich Leibniz' allgemeine Methode der Zurückführung alles Mathematischen auf letzte gemeinsame philosophische Grundlagen gut verstehen aus der seinen letzten Lebensjahren entstammenden und trotz ihres Titels allgemeinverständlichen Schrift Metaphysische Anfangsgründe der Mathematik. Hier werden alle wichtigeren mathematischen Grundbegriffe in einer Reihe klarer und knapper Definitionen bestimmt, von denen wir die philosophisch interessantesten hervorheben. Die Zeit wird erklärt als die Ordnung des Nicht-zugleich-Existierenden, folglich aller Veränderungen; ihre Größe heißt Dauer. Der Raum ist die Ordnung des Koexistierenden, seine Größe heißt Ausdehnung. Die Quantität oder Größe läßt sich nur bei gleichzeitigem Beisammensein bezw. gleichzeitiger Wahrnehmung verschiedener Dinge erkennen, die Qualität dagegen auch an einzelnen Dingen, die man für sich genommen betrachtet. Was dieselbe Quantität besitzt, ist gleich; was dieselbe Qualität, ähnlich. In derselben Weise werden weiter die Begriffe der Bewegung, des Weges, der Stelle, der Linie, der Fläche, der Dimension, des Punktes, der Ebene, des absoluten[66] Raumes u.a.m. erklärt. Durch kontinuierliche Veränderung können Augenblick und Zeit, Punkt und Raum ineinander übergehen.

Damit ist ein neues wichtiges, von Leibniz, wie er sich rühmt, zuerst aufgestelltes Prinzip genannt: das schon in einer Sonderabhandlung von 1687 von ihm behandelte Prinzip der Kontinuität oder Stetigkeit. Nichts in der Natur vollzieht sich sprungweise, sondern alles nur in unmerklichen Übergängen, und dieser fest geregelten Ordnung des Gegebenen (Bedingten) entspricht auch eine ebenso fest geregelte Ordnung des Gesuchten (der Bedingungen). Vermöge des Kontinuitätsgesetzes ist die Ruhe nur ein besonderer Fall der Bewegung, die Gleichheit ein solcher der Ungleichheit, das Krumme des Geraden usw. Und wie dies Gesetz in der Geometrie von unbedingter Notwendigkeit ist, so bewährt es sich auch als allgemeines Ordnungsprinzip der Physik, ja der göttlichen Weltharmonie überhaupt. In engster Verbindung mit dem Stetigkeitsgesetz und der daraus folgenden Auffassung des Unendlich-Kleinen steht Leibniz' große Entdeckung der Infinitesimalrechnung, die indes hier nicht näher verfolgt werden kann (Über ihre erkenntniskritische Bedeutung vgl. H. Cohen, Das Prinzip der Infinitesimalmethode und seine Geschichte, 1883, über Leibniz speziell s. S. 42 ff.). Auch sie ist nur eine neue, fruchtbare Durchführung jener universellen Analysis, mit deren Forderung wir unseren Philosophen beginnen sahen; sie entspringt deshalb in Wahrheit dem »Innersten Quell« seiner Philosophie.

4. Die ersten Prinzipien der Naturwissenschaft liegen im vorigen schon mitbegründet: zunächst a) diejenigen der Lehre von der reinen Bewegung (Phoronomie), welche die Logik der Physik darstellt, wie die Geometrie die Logik der Mathematik ist. Dadurch, daß Leibniz Raum und Zeit lediglich als Ordnungen der Dinge, demnach als etwas bloß Relatives auffaßte, trat er in Gegensatz zu der Naturphilosophie Newtons und der Newtonianer oder, wie er wohl auch sagt, »christlichen Mathematiker« (H. More, Clarke u. a.), welche Gottes Wirken nur in einem leeren oder absoluten Raum für möglich hielten. Alle Körper sind nur Erscheinungen, selbst die Bewegung ein bloß relativer Begriff. An sich, d.h. vom logischen Standpunkt sind darum auch alle Theorien über das Bewegungsverhältnis zweier oder mehrerer Körper zueinander, z.B. das kopernikanische und das ptolemäische[67] Weltsystem, gleichwertig. Der Vorzug und die größere Wahrheit der einen gegenüber der anderen beruht lediglich auf ihrer Brauchbarkeit zur Erklärung der gegebenen und Voraussage der künftigen Erscheinungen.

b) Die Natur muß allerdings nach den Regeln der mathematischen Mechanik erklärt werden. Aber die »große Grundlage der Mathematik«, nämlich der Satz des Widerspruchs oder der Identität, wonach A = A ist und nicht = non A sein kann, welcher allein »genügt, um die Arithmetik und die Geometrie, also alle mathematischen Prinzipien abzuleiten«, reicht nicht aus als Fundament für die von der Mathematik unabhängigen physikalischen Prinzipien. Es muß ein anderer Satz, der des zureichenden Grundes, hinzukommen: »daß sich nämlich nichts ereignet, ohne daß es einen Grund gibt, weshalb es eher so als anders geschieht«. »Denn nicht alle Wahrheiten,« sagt er in seinem Specimen dynamicum (1695), »die sich auf die Körperwelt beziehen, lassen sich aus bloß arithmetischen und geometrischen Axiomen... abnehmen, sondern es müssen andere über Ursache und Wirkung, Tätigkeit und Leiden hinzukommen, um von der Ordnung der Dinge Rechenschaft zu geben.« Es ist die »neue Wissenschaft der Dynamik«, die er hiermit begründet. »Denn neben der Ausdehnung und ihren mannigfachen Bestimmungen kommt der Materie eine Kraft oder ein Vermögen zur Tätigkeit zu, das den. Übergang von der Mathematik zur Natur... bildet.« Doch von diesem wichtigen Bestandteil seiner Lehre soll im folgenden Paragraphen noch besonders die Rede sein. Wir verfolgen zunächst seine methodische Grundlegung der Naturwissenschaft weiter.

c) Leibniz hat sein Interesse nicht bloß dem physikalischen Teil, sondern in gleicher Weise auch der Biologie, der Wissenschaft von den lebenden Organismen, zugewandt. Wie läßt sich nun die Eigenart des Organischen begreifen, ohne daß wir den unverbrüchlichen Gesetzen der mathematischen Mechanik, denen alle »Kräfte« unterworfen sind, untreu werden? Denn diese sowie das Kausalitätsgesetz (der Satz vom zureichenden Grunde) stehen unverrückbar fest. So gewiß als 3 x 3 = 9 ist, wird alles durch ein festgestelltes Verhängnis hervorgebracht, hängt alles auf Erden aneinander gleich einer unzerreißbaren. Kette, wie Leibniz in einer seiner noch viel zu wenig bekannten deutschen Schriften in naiv-kraftvoller Sprache sagt. Und auch das Bild von dem Laplaceschen Geiste,[68] das uns durch du Bois-Reymond bekannt ist, wird hier schon gebraucht. »Hieraus sieht man nun, daß alles mathematisch d. i. ohnfehlbar zugehe in der ganzen weiten Welt, sogar daß, wenn einer eine genugsame Insicht in die inneren Teile der Dinge haben könnte und dabei Gedächtnis und Verstand gnug hätte, umb alle Umbstände vorzunehmen und in Rechnung zu bringen, würde er ein Prophet seyn und in dem Gegenwärtigen das Zukünftige sehen, gleichsam als in einem Spiegel« (Hauptschriften I, S. 130). Aber die letzten Worte lassen schon ein neues Problem ahnen, das dann in dem folgenden Satze deutlicher zum Vorschein kommt: »Denn gleichwie sich findet, daß die Blumen wie die Tiere selbst schon in dem Samen eine Bildung haben, so sich zwar durch andere Zufälle etwas verändern kann, so kann man sagen, daß die ganze künftige Welt in der gegenwärtigen stecke und vollkommentlich vorgebildet sey, weil kein Zufall von außen weiter dazu kommen kann, denn ja nichts außer ihr.« Das lebende Wesen unterscheidet sich also dadurch vom Leblosen, daß in ihm die Keime, aus denen es sich in Wechselwirkung mit den von außen kommenden Stoffen und Reizen entfaltet, bereits enthalten bezw. vorgebildet (präformiert) sind. Lebendig heißt dem Philosophen ein materielles Teilchen, sofern es fähig ist, sich zu ernähren, sich fortzupflanzen und fremden Stoff sich anzupassen. Man braucht nur an A. Weismanns Keimplasma-Theorie zu denken, um zu sehen, daß Leibniz sich hier auf dem gleichen Boden mit der modernsten Biologie befindet. Freilich spricht er jedem organischen Wesen auch Empfindung und Bewußtsein zu; aber er nimmt wenigstens keine von außenher wirkende übernatürliche Kräfte an, wie gewisse neueste Naturforscher (Reinke), sondern läßt jeden materiellen Vorgang aus einem vorangehenden materiellen Zustand desselben Dinges »nach mechanischen d. i. verständlichen Gründen« sich entwickeln. Und das Prinzip der Kontinuität, das wir schon auf dem Gebiete der Mathematik wie der Mechanik wirksam sahen, beherrscht auch die Gesamtentwicklung der Lebewesen. Leibniz ist unter anderem »überzeugt«, daß es Mittelwesen zwischen Pflanzen und Tieren »geben muß, und daß die Naturgeschichte sie eines Tages finden wird, wenn sie erst die unendliche Fülle von Lebewesen, die sich durch ihre Kleinheit den gewöhnlichen Untersuchungen entziehen oder sich im Innern der Erde und in den Tiefen der Gewässer verborgen halten, genauer studiert«.[69] Er schmeichelt sich, »einige Ideen« zu einer aus diesem Prinzip gefolgerten Philosophie zu besitzen, »aber das Jahrhundert ist nicht reif, sie aufzunehmen«. (Vgl. den überhaupt höchst lehrreichen, in Cassirers Ausgabe II 74 ff., 556 ff. zum ersten Male im französischen Urtext und in deutscher Übersetzung veröffentlichten Brief an Varignon.) Danach wären nicht bloß Kant, Herder und Goethe, sondern auch schon Leibniz zu den Vorläufern des Darwinismus zu zählen!

5. Das Kriterium des Selbstbewußtseins. Seelisches und körperliches Geschehen sind nur in bezug auf den Gesichtswinkel der Betrachtung verschieden, in der Sache dagegen eins. Alle denkbaren Veränderungen des Organismus vollziehen sich doch an dem nämlichen Lebewesen, und so auch alle Vorstellungen in der einen, individuellen, mit diesem bestimmten Leibe verbundenen Seele, die somit die Gesamtheit der diesem Körper zuteil werdenden materiellen Eindrücke widerspiegelt. So ergibt sich für Leibniz ein tieferes Verständnis der Individualität gegenüber der mehr pantheistischen Auffassung der Aristoteliker seiner Zeit, die er u. a. in der Schrift Über die Lehre von einem einzigen, allumfassenden Geiste (1702) bekämpft. Allein er bleibt bei solchem psychophysischen Parallelismus (letzteren Ausdruck gebraucht er selbst gern) erkenntnistheoretisch nicht stehen; sonst wäre er aus dem Dualismus der denkenden und der ausgedehnten Substanz, mit dem Descartes trotz seines idealistischen Ausgangspunktes endigte, nicht herausgekommen. Sondern in dem in dieser Hinsicht besonders wichtigen Briefwechsel mit dem Cartesianer de Volder über den Substanzbegriff erklärt er gegen Schluß ausdrücklich, daß es keine einfachen Substanzen außerhalb der vorstellenden Subjekte und ihrer Erscheinungen gebe, und an anderer Stelle noch deutlicher: »Ich aber setze überall und durchweg nichts anderes, als wir in unserem Bewußtsein zugestehen... und erschöpfe darin mit einem Schlage die ganze Summe der Dinge... Ausdehnung, Materie und Bewegung sind daher bloße Erscheinungen, die ihre rationale Begründung im Begriffe der Kraft finden; sie sind so wenig Dinge wie das Bild im Spiegel oder der Regenbogen.« Das wahre und einzige Merkmal der Realität der Erscheinungen, das wir verlangen können, ist das, »daß sie untereinander wie mit den ewigen Wahrheiten übereinstimmen«. Bewußtsein heißt »Ausdruck der Vielheit in der Einheit« und bezeichnet somit das Grundproblem des Leibnizschen[70] Denkens. Das Ich ist nicht bloß die Verbindungsklammer aller meiner verschiedenen Bewußtseinszustände, sondern auch das beharrende Gesetz in der stetigen Erzeugung der Reihe seiner Erscheinungen. Im Begriffe meines Selbst sind alle die Gedanken des Seins und der Wahrheit, des Einfachen und Zusammengesetzten usw. beschlossen. In diesem Sinne setzt er dem Lockeschen Empirismus mit seinem: Nihil est in intellectu, quod non fuerit in sensu den charakteristischen Zusatz entgegen: nisi intellectus ipse.

6. Die Vernunft- und die tatsächlichen Wahrheiten. Die Einheit des Bewußtseins erst erzeugt auch die Einheit des Gegenstandes. Gäbe es kein Ich, so gäbe es auch keine »realen« Einheiten; alles an den Körpern wäre dann nur ein »Phantasma«. So aber ist die Materie zwar – keine Substanz, aber »eine wohlfundierte Erscheinung, die kein Hirngespinst ist, wenn man auch auf sie die ideellen Gesetze der Arithmetik, Geometrie und Dynamik anwendet«. Die Menschen folgen allerdings bei dreiviertel ihrer Handlungen, blind wie Tiere, der Erfahrung; sie erwarten z.B. den morgigen Tag bloß gewohnheitsmäßig, denn sie halten sich an die bloß zufälligen oder tatsächlichen Wahrheiten. Der Astronom dagegen sieht den kommenden Tag aus wissenschaftlichen Gründen voraus; er vertraut nur den notwendigen oder ewigen Wahrheiten, »nur denen der Logik, der Zahlenlehre, der Geometrie«, die aus der sinnlichen Erfahrung nicht eingesehen werden können. Die Sinne stellen stets nur einzelnes dar, können aber aus sich selbst heraus nie zu so allgemeinen und notwendigen Ideen wie: Substanz, Identität, Notwendigkeit, das Gute, das Wahre, Gott, gelangen. Die Induktion kann wohl zeigen, daß etwas ist, aber nicht, daß es stets und notwendig so ist; sie führt daher bloß zu tatsächlichen Wahrheiten (vérites de fait), nicht zu Vernunftwahrheiten (vérites de raison). Soll Wissenschaft entstehen, so müssen erstere auf die letzteren zurückgeführt werden. Denn, wenn alles Wirkliche von einer höchsten Intelligenz geordnet ist, so müssen auch die »zufälligen« Tatsachen der zeitlichen Erfahrung als logisch notwendig begriffen werden können. Das geschieht durch den schon oben berührten Gedanken, daß in allem Sein ein Werden steckt, daß ein Ding ist, indem es sich in dem Nacheinander seiner verschiedenen Bestimmungen entfaltet. Daher sind auch alle wahrhaften Definitionen – ein schon von Hobbes und Spinoza vorbereiteter Gedanke – kausaler (genetischer) Art. Diese Definitionen treten denn auch[71] bei Leibniz später als gleichwertiges Fundament der Mathematik zu dem Satze der Identität (s. oben) hinzu, ja die identischen Sätze werden an einer anderen Stelle – mit Recht – als bloße Hilfs- und Verbindungsmittel der Definitionen betrachtet. Die Realdefinition des Kreises, ja seine Möglichkeit überhaupt ergibt sich erst aus der Konstruktionsregel, durch die er entsteht. So erweist sich schließlich das gesamte Universum als getragen von einem Inbegriff notwendiger und allgemeiner Vernunftsätze. Nur in diesem Sinne ist die Erkenntnis Gottes zugleich das Prinzip aller Wissenschaft, und sein Geist – wie Leibniz unter Berufung auf Platos Phädo gegen Descartes und Spinoza bemerkt – der »Quell aller Dinge«. Wahrhaft unbedingt ist nicht der göttliche Wille – die ewigen Wahrheiten sind unabhängig von ihm –, sondern der göttliche Verstand, d.h. eben der Inbegriff der ewigen Wahrheiten, die wir mit unserem Geist zu erfassen vermögen, und die an die logisch-mathematischen Gesetze gebunden sind.

7. Mechanismus und Teleologie. Das Reich der Natur und das Reich der Gnade. Aber die mathematisch-mechanischen Gesetze füllen, wie wir bereits sahen, das Wesen der Natur oder sagen wir genauer das Gebiet der Naturwissenschaft nicht aus. Schon im Kraftbegriff und noch mehr in denen der Entwicklung und des Organismus ist ein anderer Gedanke verborgen: der des Zweckes. Ja, Leibniz sieht ihn schon in den obersten Gesetzen der Bewegung wirksam. »Nun ist es überraschend«, schreibt er in den Vernunftprinzipien der Natur und der Gnade (1714), »daß man durch die alleinige Betrachtung der wirkenden Ursachen oder der Materie nicht von den Bewegungsgeset zen Rechenschaft geben kann, die man in unseren Tagen entdeckt hat, und die ich zum Teil selbst gefunden habe. Man muß vielmehr, wie ich erkannt habe, hier zu den Zweckursachen seine Zuflucht nehmen, da diese Gesetze nicht von dem Prinzip der Notwendigkeit, wie die logischen, arithmetischen und geometrischen Wahrheiten, sondern von dem Prinzip der Angemessenheit, d.h. von der durch die Weisheit getroffenen Wahl abhängen.« Allerdings soll damit die mechanische Erklärung in keiner Weise entwurzelt werden. Nur in der mechanischen Ordnung der Dinge betätigt sich die göttliche Weisheit oder tätige Kraft. Leibniz bekennt sich ausdrücklich als Gegner der Vitalisten seiner Zeit (z.B. H. Mores), »die für die Deutung der Erscheinungen selbst irgendeine ursprüngliche[72] Lebenskraft oder ein hylarchisches Prinzip in Anspruch nehmen. Als ließen sich nicht alle Naturvorgänge mechanisch erklären.. !« Und der Weg der mechanischen Erklärung gilt ihm zwar, »wenn man zu den speziellen Fragen vordringt, als ziemlich schwierig«, aber doch »in der Tat tiefer und gewissermaßen unmittelbarer und a priori«: während der teleologische leichter ist, indes häufig schneller zu wichtigen und nützlichen Wahrheiten führt, die man auf dem anderen, »mehr physischen« Wege lange Zeit hätte suchen müssen; wofür Leibniz Beispiele aus der Anatomie und Optik anführt. Er selbst z.B. hatte in einer Abhandlung in den Acta Eruditorum (1682) aus der teleologischen Annahme, daß der Lichtstrahl stets den einfachsten und leichtesten Weg wähle, mechanische Gesetze der Reflexion und Lichtbrechung gewonnen und sie sodann durch das Experiment bestätigt. Beide Betrachtungsweisen können und müssen vereinigt werden. Es gibt keine Weltseele, sondern eine »Maschine der Dinge«, aber diese ist von dem Schöpfer mit so unendlicher Weisheit eingerichtet worden, daß sie sich nach den ihr von ihm ein und für allemal eingepflanzten Gesetzen von selbst weiter entwickelt. Damit tritt unser Philosoph sowohl den Okkasionalisten (§ 4) wie der (spinozistischen) Substanzlehre entgegen, »welche Lehre schlimmster Art neuerdings ein allerdings scharfsinniger, aber irreligiöser Schriftsteller in die Welt gesetzt hat«. Leibniz dagegen will durch seine Verbindung von Mechanismus und Zweckhaftigkeit, nach der es nichts Totes, nichts Unfruchtbares, nichts Unnützes im Weltall gibt, »Religion mit Vernunft in Einklang bringen« und so die »rechtschaffenen Seelen« beruhigen, »welche die mechanische oder Korpuskular-Philosophie fürchten, als ob sie uns von Gott und den unkörperlichen Substanzen entfernen könnte, während sie im Gegenteil, mit den erforderlichen Berichtigungen und bei richtiger Auffassung des Ganzen, uns darauf hinführen muß«. Vielmehr ist »allgemein daran festzuhalten, daß sich alle Vorgänge auf doppelte Weise erklären lassen: durch das Reich der Kraft (Natur) oder die wirkenden Ursachen und durch das Reich der Weisheit (Gnade) oder die Zweckursachen«, und daß »sich diese beiden Reiche überall durchdringen, ohne daß doch ihre Gesetze sich jemals vermengen und stören«.

8. Die methodische Begründung der Geisteswissenschaften. Leibniz' Erkenntnisdrang hat ihn nicht ruhen lassen, bis er auch zu den Prinzipien der Geisteswissenschaften vorgedrungen[73] war. Seine Unterscheidung des Reiches der Natur und des Reiches der Gnade oder der Zwecke führt von selbst zu einer Begründung der Ethik. Hat er nun eine solche auch nicht in zusammenhängender Form und gesonderter Untersuchung vollzogen, sind auch die rein ethischen vielfach von eudämonistischen und religiös-theologischen Begleitgedanken verdeckt, so läßt sich doch aus seinen zerstreuten Bemerkungen über dieses Thema ein fester methodischer Kern herausschälen. Auch das Ideal der Gerechtigkeit wird von demselben methodischen Grundgesetz beherrscht wie die ewigen Wahrheiten der Mathematik und Mechanik. Es ist ebensowenig abhängig von der Tatsache, ob sie und von wem sie ausgeübt wird, wie die Wahrheiten der Zahlenverhältnisse von den gezählten Dingen oder den zählenden Personen abhängen. Und ebensowenig wie dort die notwendigen Wahrheiten der Wissenschaften von der freien Willkür Gottes abhingen, so hier die Ideen des Guten und Gerechten. Dasselbe »universelle Recht« gilt für Gott und die Menschen. Das Licht der ewigen Vernunft würde uns die Tugend lehren, auch wenn keine Offenbarung da wäre. Ja, einmal heißt es sogar in einem rechtsphilosophischen Gedankenbruchstück: Die Religion ist für den Weisen identisch mit der Sittlichkeit und dem Streben nach ihr; nur für denjenigen, der zur wahren Weisheit noch nicht gelangt ist, vermag sie etwas zur Sittlichkeit hinzuzufügen. So sind wenigstens die Grundlinien einer selbständigen Ethik vorhanden, die freilich hinter den Zielgedanken der Glückseligkeit und Vollkommenheit stark zurücktreten. – Noch stärker sind Leibnizens geschichtsphilosophische Ideen von seiner religiösen Auffassung (s. § 14 unter Theodicee) diktiert, wonach die beständige Vervollkommnung nicht bloß des einzelnen, sondern auch des gesamten Menschengeschlechtes im Plane der Vorsehung liegt. – Selbständiger ist seine Rechts– und Gesellschaftsphilosophie. Mit Grotius und gegen Hobbes tritt er lebhaft für die Idee des natürlichen Rechtes gegenüber den positiven Satzungen ein. Auch die Wissenschaft vom Recht beruht nicht auf der Erfahrung; der Begriff des Rechtes würde bleiben, selbst wenn es keine Gesetze auf Erden gäbe. Wir erzeugen ihn aus unserer Vernunft. Und ebenso den Begriff der Gottheit. Der Gottesbegriff bedeutet für Leibniz nicht bloß Quell und Ideal des reinen Erkennens, sondern auch der höchsten Sittlichkeit; und endlich noch ein Drittes: den Gedanken der Vermittlung[74] zwischen den beiden Reichen der Natur und der »Gnade«, d. i. der Sittlichkeit. Der Glaube an Gott bedeutet zugleich den Glauben an die Möglichkeit einer fortschreitenden Verwirklichung des Sittlichen in Natur und Geschichte der Menschheit (Näheres s. bei Görland a.a.O.).

Auch eine selbständige Ästhetik schließlich hat Leibniz zwar noch nicht geschaffen, aber doch vorbereitet. Er trennt an verschiedenen Stellen das ästhetische Empfinden von der Verstandeserkenntnis ab. Es beruht nicht gleich dieser auf den deutlichen, sondern auf den »verworrenen« Vorstellungen (s. oben unter 2.). Unser Wohlgefallen am Schönen hängt nicht von unserem Verstand, sondern von unserem »Gemüte« ab und äußert sich in einer reinen, interesselosen »Kontemplation«, sowie in einem nicht weiter erklärbaren Sympathiegefühl. Als objektives Merkmal aber dient der Begriff der Ordnung. »Wenn nun die Seele in ihr selbst« – es war die Rede von dem Rhythmus der Musik – »eine große Zusammenstimmung, Ordnung, Freiheit, Kraft oder Vollkommenheit fühlet und folglich daran Lust empfindet, so verursachet solches eine Freude.« Und damit in unmittelbarem Zusammenhang wird auch die ästhetische Harmonie auf das große Grundprinzip, das wir in Leibniz' Philosophieren von Anfang an wirksam sahen, zurückgeführt: auf das »Viele aus Einem und in Einem« (Von der Weisheit, Hauptschriften II, S.492 f.). So finden auch die ästhetischen Ideen unseres Philosophen ihren Abschluß in dem letzten Grundgedanken des ganzen Systems: dem Gedanken der universalen Harmonie.

Wir haben im vorigen die methodischen Grundlagen der Leibnizschen Philosophie in knappem Überblick zu skizzieren versucht. Nicht immer treten sie in der Ausführung seines Systems, das wir nun kennen lernen werden, gleich rein und klar hervor. Wie die sittlichen Leitgedanken das theologische, so haben die erkenntnis-kritisch-wissenschaftlichen das metaphysische Gewand vielfach noch nicht abgestreift. Vorausgeschickt werden aber mußte diese Darstellung der wissenschaftlichen Grundlagen und methodischen Leitmotive, weil nur so die Einheitlichkeit, Wissenschaftlichkeit und Größe sich verstehen läßt, die – trotz aller Schwächen, Unausgeglichenheiten und Anpassungen im einzelnen – der Philosophie Leibnizens innewohnt.[75]

Quelle:
Karl Vorländer: Geschichte der Philosophie. Band 2, Leipzig 51919, S. 63-76.
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