§ 64. C. Der Positivismus in England.

  • [377] Literatur: H. Höffding, Einleitung in die englische Philosophie unserer Zeit 1889. Außerdem vgl. Ueberweg IV, § 72 und die dort reichlich angegebene Literatur. Auch F. Jodl, Gesch. d. Ethik II, (2. Aufl. 1913) gibt gute Gesichtspunkte.

Auch in England tritt an der Schwelle des neuen Jahrhunderts der Kampf der alten und der neuen Ideen, der Aufklärung und der Romantik, des reinen Empirismus und des Idealismus auf, wenn auch nicht mit derselben Schärfe wie in Frankreich oder mit der gleichen theoretischen Tiefe wie in Deutschland. Die ältere Generation (Bentham und James Mill) steht der Humeschen Aufklärung, überhaupt dem 18. Jahrhundert näher, während Coleridge und Carlyle vom Geiste des deutschen Idealismus durchdrungen sind und John Stuart Mill eine Art Mittelstellung einnimmt, indem er, in den älteren Anschauungen herangewachsen, doch die Ideen der neuen Zeit bis zu einem gewissen Grade in sich aufnimmt und so einen neuen, eigenartigen Typ des Positivismus darstellt.


1. Der Utilitarismus (Nützlichkeitsphilosophie) und seine Gegner.

  • Literatur: Leslie Stephen, The English Utilitarians, 1900. – Bain, James Mill, a biography, 1882. – Hensel, Th. Carlyle (Klass., d. Philos. XI), 1901

a) Der Hauptvertreter der »Nützlichkeits«-Philosophie in England, Jeremias Bentham (1748 – 1832), ist eigentlich[377] mehr Jurist und Philanthrop als Philosoph. Sein ethisches und rechtsphilosophisches Grundprinzip: größtmögliches Glück der größtmöglichen Zahl, beruht auf seinem, übrigens von Hutcheson und Hume übernommenen, Utilitätsprinzip, das ihm von vornherein feststeht. Ob eine Handlung nützlich ist, d.h. unser Glück fördert bezw. uns vor einem Übel bewahrt, hat die Erfahrung zu entscheiden. Es ist Torheit, von einer Tugend um der Tugend willen zu sprechen; in Wirklichkeit denkt jeder in erster Linie an sein eigenes Interesse. Aber es liegt in unserem »wohlverstandenen« Interesse, auch das Interesse des Nächsten zu berücksichtigen. Verträge müssen beobachtet werden. Menschenrechte existieren, weil und soweit es zum Vorteil der Gesellschaft gehört und die »Harmonie der wohlverstandenen Interessen« sie fordert. Tatsächlich kommt daher das Nützlichkeitsprinzip auf nichts anderes heraus, als »was das umfassendste und aufgeklärteste Wohlwollen erheischt«.

In seiner Introduction to the principles of Morals and Legislation (1789) und der nach seinem Tode veröffentlichten Deontology (1834) versuchte er dies im einzelnen durchzuführen: in der Gesetzgebung nach dem Vorgang des liberalen italienischen Strafrechtslehrers Beccaria (1735 – 96), der in seiner berühmten Abhandlung Über Verbrechen und Strafen (übers, von M. Waldeck, Lpz. 1870) als einer der ersten die Todesstrafe bekämpfte. Benthams Stärke besteht in der Definition und Klassifikation. Daß seine äußerliche Betrachtungsweise indes nicht über die »geschäftliche Seite des menschlichen Lebens« hinauskam, hat selbst sein Verehrer Stuart Mill zugestanden. Seine Ansichten erwarben sich in seinem Heimatlande zahlreiche Anhänger, ja in seinen letzten Lebensjahren sogar ein eigenes Organ in der Westminster Review, zu deren Hauptmitarbeitern die beiden Mill (Vater und Sohn) zählten.

b) James Mill (1773 – 1836) sucht der ethischen Theorie seines Freundes Bentham eine sichere psychologische Unterlage zu geben durch die in seiner Analyse of the Phenomena of the Human Mind (1829) vollzogene sorgfältige Weiterführung der Hartleyschen Assoziationspsychologie. Selbst die verwickeltsten Bewußtseinserscheinungen entstehen aus den einfachen, durch Berührung und Verbindung; so auch die moralischen Gefühle, deren Wert durch ihre psychologische Ableitung nicht beeinträchtigt wird. Noch schärfer als Bentham[378] trat James Mill und der sich um ihn scharende Kreis für Aufklärung und einen entschiedenen politischen Liberalismus ein. Er ist der geistige Vater der Handels-, Vereins-, Gewerbe-, Religionsfreiheit, ebenso wie der, von Ricardo nationalökonomisch ausgeführten, manchesterlich-liberalen Staatsansicht.

c) Der Weltanschauung der »Benthamiten« diametral gegenüber steht die romantische Persönlichkeits-Philosophie eines Coleridge und Carlyle. Coleridge (1772 bis 1834), der unter dem Einfluß der deutschen Philosophie, besonders Schellings, von Humeschen Anschauungen abgekommen war, kämpft gegen den Voltairianismus auf der einen, die kirchliche Orthodoxie auf der anderen Seite und sucht, wie die Althegelianer, Philosophie und Christentum zu versöhnen; aber nicht auf dem Wege des nüchternen Verstandes, dem er vielmehr die tiefere Vernunft entgegenstellt, sondern indem er sich, ähnlich wie Jacobi, an Gefühl und Gemüt wendet. In noch viel höherem Grade tut dies sein jüngerer Zeitgenosse, der Schotte Thomas Carlyle (1795 – 1881), der durch seine machtvolle Predigt der Persönlichkeit von außerordentlicher Fruchtbarkeit für die englische Geistesentwicklung, ja auch über die Grenzen seines Volkes hinaus geworden ist. Durch seinen Kampf gegen die mechanische Weltanschauung, den Empirismus, Utilitarismus und Naturalismus (er selbst bekannte sich zu einem »natürlichen« Supranaturalismus) wie durch sein Aufrollen der sozialen Frage und des sozialen Elends (Past and Present 1843) hat er die Herzen mächtig aufgerüttelt. Freilich ist damit eine starke Einseitigkeit verbunden, die ihn für die Würdigung der Gegenseite in der Regel völlig blind sein laßt, und durch seinen Heroenkultus möchte sich die soziale Frage kaum lösen lassen: es müßte denn sein, daß wir, wie er an einer Stelle sagt, »eine ganze Welt von Helden« als Endziel erstrebten. Ein wie großer Schriftsteller Carlyle auch ist, als Philosoph im engeren Sinne kann er keinesfalls gelten; schon seine Schreibweise ist völlig unsystematisch, wie jeder weiß, der einen Blick in seine Schriften, besonders die eigenartigste derselben, den 1833 erschienenen Sartor resartus, getan hat.


John Stuart Mill (1806 – 78).

  • Literatur: Über sein Leben vgl. seine Autobiography, London 1873 (deutsch Stuttgart 1874) und seinen Briefwechsel mit Comte (Paris 1899). Ein zusammenfassendes Gesamtbild geben A. Bain, J. St. Mill, 1882[379] und S. Sänger (Frommanns Klass. d. Phil. XIV) 1901. Vgl. auch H. Taine, Le positivisme anglais (1869) und F. A. Lange, J. St. Mills Ansichten über die soziale Frage, 1866. Seine Werke sind in deutscher Übersetzung (von Th. Gomperz u. a., 12 Bde.) Lpz. 1869 – 86 erschienen.

a) Leben und Schriften. John Stuart, der älteste Sohn von James Mill, 1806 in London geboren, erhielt durch seinen Vater eine höchst merkwürdige Erziehung. Schon mit dem dritten Jahre mußte das frühreife Kind – Griechisch und Arithmetik beginnen, mit sechs Jahren war er bereits ein kleiner Gelehrter, mit zehn Jahren hatte er die ganze Elementarmathematik erledigt und die Differentialrechnung in Angriff genommen, mit elf verschlang er physikalische und chemische Abhandlungen, im zwölften kannte er alle wichtigeren Schriftsteller des Altertums, schrieb eine Geschichte der römischen Regierungsgrundsätze und begann das Studium der Logik, als 13jähriger machte er einen vollständigen Kursus der Nationalökonomie durch. Nach einem Aufenthalt in Südfrankreich (1820/21), begann seine Selbstbildung. Er studierte Philosophie und Rechtswissenschaft, wurde eifriger Benthamit, gründete als 16jähriger eine utilitarische Gesellschaft, 19jährig einen »spekulativen Diskutierklub« und begann seine schriftstellerische Tätigkeit mit Artikeln in der Westminster Review. Von materiellen Sorgen ist er stets frei geblieben, indem er, wie schon sein Vater, 1823 eine sehr gut dotierte Stelle im India House als Beamter der Ostindischen Gesellschaft bekam, die ihm bei täglich nur dreistündiger Tätigkeit durchschnittlich 30 000 Mark Jahreseinnahme einbrachte; von einem Universitäts- oder Staatsamt schloß ihn seine unkirchliche Überzeugung aus. Um 1826 erfolgt eine Reaktion gegen seine bisherige übermäßige Verstandesausbildung in Gestalt einer körperlichen und geistigen Krisis, von der er sich durch die Poesie und das Kennenlernen neuer Anschauungen (Carlyle, St. Simonisten, Comte) erholte. So nahm er allmählich neue geistige Elemente neben dem Benthamismus in sich auf; 1840 – 44 stand er stark unter dem Einflusse Comtes, während dessen spätere Wendung ins Mystische den Bruch zwischen beiden herbeiführte. Seit dem Erscheinen seines philosophischen Hauptwerkes System der deduktiven und induktiven Logik (1843, 9. Aufl. 1876, deutsch von J. Schiel 1849, 4. Aufl. 1877) und seiner Grundsätze der politischen Ökonomie (1848) ward er der unbestrittene Führer des englischen Positivismus und Radikalismus, den er kurze Zeit (1866 – 68) auch als Mitglied[380] des Parlaments vertrat. In den 50er Jahren übte seine Freundin und spätere Gattin, die geistvolle Frau Taylor († 1858), großen Einfluß auf seine Schriften, die von da an meist in populärwissenschaftlichen Abhandlungen bestehen: Über die Freiheit (1859), Die Hörigkeit der Frau (1861 verfaßt, 1869 veröffentlicht), Repräsentativverfassung (1861), Utilitarismus (1861), Über die Religion (aus seinem Nachlaß von seiner Stieftochter Helen Taylor 1874 herausgegeben), und sämtlich bei seinen Landsleuten außerordentlich große Verbreitung fanden. Er starb 1873 in Avignon, wo er die meisten Jahre seit dem Tode seiner Gattin, die dort begraben lag, zugebracht hatte.

Die wichtigste Leistung Mills ist ohne Frage seine

b) Empirische Logik (Erkenntnislehre) und Methodologie. Die einzige Quelle aller unserer Erkenntnis, selbst der mathematischen, ist die Erfahrung, die einzige erfolgreiche Methode sämtlicher Wissenschaften die Induktion. Selbst der Syllogismus ist nur eine versteckte Induktion. Mit dem Obersatz (z.B. alle Menschen sind sterblich) ist die Schlußfolgerung eigentlich schon vollzogen, der Schlußsatz (die sogen. conclusio) ist nur eine zusammenfassende Formel. Unsere »allgemeinen« Urteile, z.B. Definitionen, Axiome, Naturgesetze, sind nur abgekürzte Bezeichnungen einer Summe von besonderen Tatsachen durch eine Art Schnellschrift; selbst das Axiom von der Gleichförmigkeit im Gange der Natur. Das einzige allgemeingültige Gesetz ist das Kausalgesetz: daß jede Wirkung eine ihr voraufgehende Ursache hat. So ist es denn gerade die induktive Methode, die zu allgemeinen Urteilen führt – alle »deduktiven« Wissenschaften sind bloße Generalisationen aus der Erfahrung –, während die sogenannte Deduktion im Grunde nichts als eine Interpretation jener allgemeinen Urteile ist. [Mill vergißt hier, daß in jeder Induktion auch eine versteckte Deduktion liegt.] Unsere Schlußfolgerungen gehen stets vom Besonderen auf anderes Besondere, beruhend auf unseren Ideenassoziationen, wie uns die Psychologie, das notwendige Fundament der Logik, lehrt. Auch eine Untersuchung der Sprache ist für die Logik wertvoll und unentbehrlich: die ersten Kapitel der Millschen Logik enthalten daher eine »Theorie der Namen«, eine Art philosophischer Grammatik. Indem die Logik bestimmt wird als »Wissenschaft von den Verstandesoperationen, die zur Schätzung des Beweises dienen«, hat sie auch die Methoden[381] der Erfahrungs-, insbesondere der Naturwissenschaft aufzustellen, durch welche bleibende und berechtigte Gedankenverbindungen von zufälligen und unberechtigten unterschieden werden können. Solcher Methoden unterscheidet Mill auf Grund der Geschichte der induktiven Wissenschaften, zu denen Comte, Herschel und Whewell66 wertvolle Beiträge geliefert haben, vier: 1. die Methode der Übereinstimmung: Wenn zwei oder mehrere Fälle einer Naturerscheinung in einem einzigen Umstände übereinstimmen, so ist dieser Umstand die Ursache bezw. Wirkung derselben; 2. die Methode der Differenz: Wenn zwei verschiedene Fälle alle Umstände mit Ausnahme eines einzigen gemein haben, so bezeichnet dieser die Wirkung (Ursache) oder einen notwendigen Teil derselben; 3. die Methode der Rückstände (Reste): Zieht man von einer Naturerscheinung den Teil ab, der durch frühere Induktionen bekannt ist, so ist der Rest die Wirkung der bis dahin übersehenen oder unbekannten Vorbedingungen; 4. die Methode der sich begleitenden Veränderungen: Eine Naturerscheinung, die sich verändert, wenn eine andere sich in einer besonderen Weise verändert, ist entweder deren Ursache (Wirkung) oder doch durch irgendeinen Kausalzusammenhang mit ihr verknüpft. Die erste und die zweite Methode können auch miteinander kombiniert werden. [Diese Einteilung erinnert einigermaßen an die vom Vater des englischen Empirismus Baco von Verulam geübte Methode, vgl. Bd. I, S. 344 f.]

Wir wenden uns dem letzten (sechsten) Buche, der Logik der Geisteswissenschaften zu. Auch die menschlichen Handlungen sind dem Kausalgesetze unterworfen. Man sollte nur den irreführenden Ausdruck der »Notwendigkeit« vermeiden, der einen in Wirklichkeit nicht vorhandenen Gegensatz zur »Freiheit« in sich schließt. Notwendigkeit im philosophischen Sinne bedeutet keinerlei geheimnisvollen, fatalistischen Zwang, sondern nur »die einfache Tatsache der Verursachung«. Gewiß wird z.B. der Charakter eines Menschen durch die Umstände gebildet, aber »sein eigener Wunsch, ihn in einer besonderen Weise zu bilden, ist einer dieser Umstände«, und zwar ein recht einflußreicher. Eine Wissenschaft von der[382] menschlichen Natur ist also möglich und vorhanden, wenn auch ihre allgemeinen Sätze in der Regel nur »annähernde« Wahrheiten (Generalisationen) sein werden. Mill unterscheidet drei Geisteswissenschaften: Psychologie, Ethologie und Gesellschaftswissenschaft (Soziologie). In der ersteren schließt er sich der Assoziationslehre seines Vaters an. Die Ethologie oder Wissenschaft von der Bildung des Charakters leitet ihre speziellen Gesetze aus den »allgemeinen Gesetzen des Geistes« vermittelst der »allgemein anerkannten Methode der modernen Wissenschaft«, d.h. deduktiv ab; immer vorausgesetzt, daß mit dieser apriorischen Deduktion die Berichtigung und Verbesserung durch Beobachtung und Erfahrung gleichen Schritt halten. Sie bildet die Vorbereitung zur praktischen Erziehungskunst. Die eben erst im Entstehen begriffene Sozialwissenschaft kann nun zwar ebensowenig mittels der experimentellen (»chemischen«) Methode der Praktiker wie mit der abstrakten (»geometrischen«) Methode der Benthamschen Interessentheorie, wohl aber mit der »konkret-deduktiven« Methode der Physik für ihren allgemeinen Teil, mit der »umgekehrt-deduktiven« oder historischen für ihre besonderen Anwendungen betrieben werden.

c) Ethik und Religionsphilosophie. Die Ethik ist nach Mill keine Wissenschaft, sondern, ebenso wie Politik und Ästhetik, eine Kunst (»Logik der Praxis«). Im Gegensatz zur Wissenschaft, welche die Geschehnisse nach ihren Ursachen und Bedingungen untersucht, setzt sich die »Kunst« Zwecke, die sein sollen, prüft sie auf ihre Wünschbarkeit und Erreichbarkeit und verwandelt so die theoretischen Wahrheiten jener in praktische Regeln und Vorschriften. Ihr oberstes Prinzip ist zu entnehmen aus einer noch aufzustellenden Lehre von den Zwecken (Teleologie) oder »in der Sprache der deutschen Metaphysiker«: Grundsätzen der praktischen Vernunft. So behandelt die Moral das Rechte, die Politik das Zweckmäßige, die Ästhetik das Schöne und Edle. Das letzte Prinzip der Teleologie der »Oberaufseher aller Zwecke« ist: Förderung des eigenen und fremden Glückes. Mill sucht das Utilitätsprinzip Benthams und James Mills tiefer zu begründen. Die letzte Sanktion aller Moralität beruht auf unserem natürlichen Glücksgefühl, wobei selbstverständlich die reichste Erfahrung und das gereifteste Bewußtsein maßgebend sind, sodaß die rein geistigen und sozialen Gefühle den Vorzug vor den bloß sinnlichen Genüssen[383] erhalten. Wie Mills Stärke überhaupt mehr auf dem Gebiete der Anwendungen als der Prinzipien liegt, so auch auf dem Felde der Ethik, wovon die verschiedenen, oben angeführten politisch-sozialen Schriften zeugen. Er bleibt zwar im Innersten Grunde seines Herzens begeisterter Individualist, wie namentlich seine berühmte Abhandlung On liberty beweist, aber er verschließt sich der Einsicht in die unsittlichen Konsequenzen des reinen Manchestertums mit jeder Auflage seiner Grundsätze der politischen Ökonomie weniger. Das Individuum ist der Gesellschaft für seine Handlungen von da ab verantwortlich, wo sie die Interessen zweiter Personen beeinträchtigen. Er erstrebt einen, freilich methodisch nicht von ihm begründeten, Ausgleich zwischen Individualismus und Sozialismus. Und der Mann, der sich bis zu seinem Tode als echten Jünger von Adam Smith und Ricardo bezeichnete, kommt im Verfolg dieser Entwicklung zu dem Ausspruch; »Wenn man wählen müßte zwischen dem Kommunismus mit allen seinen Chancen und dem gegenwärtigen Gesellschaftszustande mit allen seinen Leiden und Ungerechtigkeiten; wenn die Einrichtung des Privateigentums es als notwendige Folge mit sich brächte, daß das Ergebnis der Arbeit so sich verteile, wie wir es jetzt sehen, fast im umgekehrten Verhältnis zur Arbeit ... so würden alle Bedenklichkeiten des Kommunismus, große und kleine, nur wie Spreu in der Wagschale wiegen.«

Eine ähnliche Fortentwicklung, wie die politisch sozialen Ansichten unseres Denkers, haben auch seine religiösen Anschauungen in seinen späteren Lebensjahren durchgemacht. Wie die erst aus seinem Nachlaß veröffentlichten Essays: Natur, Nutzen der Religion, Theismus (die ersteren zwischen 1850 – 58, die dritte 1868 – 70 verfaßt) zum Erstaunen von Freund und Feind offenbarten, war der radikale Freidenker doch dazu gelangt, die Religion als Kulturproblem wie als psychologisches Bedürfnis anzuerkennen. Die erste Abhandlung kommt zu dem Schluß, daß die »Natur«, als Ganzes genommen, keineswegs das Wohl fühlender Wesen zu ihrem einzigen oder auch nur Hauptzwecke gehabt haben kann, daß wir vielmehr, im Bunde mit den »wohlwollenden Kräften« der Natur, unser Bestes dazu tun müssen. In ähnlicher Weise hält die zweite Schrift von allen positiven Religionen diejenige für die förderlichste, welche den tugendhaften Menschen als einen Mitkämpfer des Höchsten (als Prinzips des Guten) in seinem beständigen Kampfe gegen das[384] Schlechte betrachtet. Einen vollgültigen, ja besseren Ersatz sieht er indes in der Idealisierung des irdischen Lebens und der »Pflege einer hohen Vorstellung dessen, was daraus gemacht werden könnte«. Ewige Fortdauer des individuellen Daseins dünkt ihm ein bedrückenderer Gedanke als dessen Vernichtung. Das Ergebnis der dritten, der »Religion« am weitesten entgegenkommenden, übrigens nicht ausgefeilten Abhandlung besteht in einem skeptischen Verhalten sowohl dem Glauben als dem völligen Atheismus und Agnostizismus gegenüber. Für möglich hält Mill das Dasein eines intelligenten, mächtigen und gütigen, jedoch nicht allmächtigen und allgütigen Wesens, das unserer freiwilligen Mitwirkung zur Erfüllung seines Zwecks, des Sieges des Guten, vielleicht bedarf. Auch die Vorstellung eines sittlich-vollkommenen Menschen (Christus), selbst wenn sie geschichtlich nicht völlig beglaubigt wäre, hält unser »rationaler Skeptiker«, wie er sich selbst nennt, für ethisch wertvoll.

d) Einfluß Mills. In den 40er und 50er Jahren war Mills Einfluß in England und darüber hinaus – z.B. auf die Franzosen Taine und Ribot – sehr bedeutend. Zu seinen englischen Freunden und Anhängern gehören der Jurist Austin (1790 – 1859), der Historiker G. Grote (1794 bis 1871), der auch von Kant beeinflußte Whewell (1794 bis 1866), der nicht bloß eine Geschichte, sondern auch eine Philosophie der induktiven Wissenschaften geschrieben hat, und besonders der Psychologe Alexander Bain (1818 – 1903), von dem mehrere tüchtige Monographien über die Führer der utilitarischen Schule wie über die Beziehungen zwischen Geist und Körper, Sinnen und Intellekt, Willen und Gefühl herrühren und 1876 die Vierteljahrsschrift Mind begründet wurde. Auch der Ethiker Sidgwick (1838 – 1900) ist von Mill und Whewell ausgegangen, später jedoch auch von Kant und Butler nachhaltig beeinflußt worden, sodaß er sich in seinen Methods of Ethics (deutsch von C. Bauer, Leipzig 1909) als »Utilitarier auf intuitionaler Basis« bezeichnet, der eine Verbindung von Nützlichkeits- und Gewissensethik herzustellen sucht. Mehr von Comte und Spencer abhängig war der Philosophiehistoriker Lewes (1817 – 1878). Seit dem 7. Jahrzehnt des 19. Jahrhunderts wurde die Millsche Anschauungsweise allmählich von anderen Gedankenrichtungen: im allgemeinen geistigen Leben von Carlyle und dem Ästhetiker Ruskin, in der Philosophie vom Pessimismus (Schopenhauer), Sozialismus (Marx) und vor allem[385] der Entwicklungsphilosophie (Darwin, Spencer) überflügelt und in den Hintergrund gedrängt.

Unsere Darstellung muß jedoch nunmehr die Geschichte der deutschen Philosophie da wieder aufnehmen, wo wir sie verließen.

Quelle:
Karl Vorländer: Geschichte der Philosophie. Band 2, Leipzig 51919, S. 377-386.
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