§ 50. Schellings Leben, Charakter und schriftstellerische Entwicklung.

  • [287] Literatur: Zwei von Schellings Söhnen haben 1886-61 seine Sämtlichen Werke, einschließlich des Nachlasses, in 14 Bänden herausgegeben. Alles Wesentliche enthält: Schellings Werke, Auswahl in 3 Bänden, mit ausführlicher Einleitung über Schellings Leben und Lehre herausgegeben von Otto Weiß, Leipzig 1907, mit einer Einführung von A. Drews (zusammen über 2500 Seiten). Dazu tritt als weitere Quelle: Plitt, Aus Schellings Leben. In Briefen. 3 Bde. Lpz. 1869 f. Eine kürzere Auswahl von Briefen gibt O. Braun, Schelling als[287] Persönlichkeit (Lpz. 1908), der auch eine umfassende Ausgabe des Nachlasses vorbereitet. – Von den älteren Darstellungen ist die von Rosenkranz (Vorlesungen über Schelling, 1843), von den neueren die Kuno Fischers (Gesch. d. neueren Philos., Bd. VII) die bekannteste. In der zweiten Auflage des letztgenannten Werkes ist die früher nicht berücksichtigte letzte Periode Schellings mitbehandelt; doch leidet die Darstellung an zu großer Breite (975 S.), namentlich in bezug auf die biographischen und literarhistorischen Momente. Auch Ed. von Hartmann, besonders in seiner späteren Zeit (Schellings philosophisches System, Lpz. 1897), und sein Schüler A. Drews (Die deutsche Spekulation seit Kant, 1892) haben auf Schelling als Philosophen der Zukunft hingewiesen. Der letztere hat Schellings Münchener Vorlesungen zur Gesch. d. neueren Philosophie (Phil. Bibl., Lpz. 1902) neu herausgegeben. Die mystische »Positive Philosophie« Schellings ist außerdem von seinem Anhänger C. Frantz in einem dreibändigen Werke (Cöthen 1879 f.) besonders dargestellt worden. Ferner ist als 9. Band in der Sammlung »Erzieher zu deutscher Bildung« (E. Diederichs) eine gute Auswahl Schellingscher Gedanken unter dem Titel: F. W. Schelling, Schöpferisches Handeln, mit Einleitung von Emil Fuchs, Jena 1907, erschienen. Vgl. auch des letzteren zu § 46 erwähnte Schrift. Über die romantische Schule überhaupt vgl. das gleichnamige gediegene Werk von R. Haym, 1870, 2. Aufl. 1906, daneben neuerdings M. Joachimi, Die Weltanschauung der deutschen Romantiker, Jena 1906, O. Ewald, Romantik und Gegenwart, 1904.

1. Jugend und Jena. Friedrich Wilhelm Joseph Schelling, am 27. Januar 1775 als Pfarrerssohn zu Leonberg in Württemberg geboren, schon im 16. Jahre mit seinen fünf Jahre älteren Freunden Hegel und Hölderlin Theologiestudent im Tübinger Stift, erwirbt sich bereits 1792 durch eine philosophische Dissertation über den Sündenfall (wie er sich denn überhaupt unter Herderschem Einfluß für Mythenerklärung interessiert) den Magistergrad, liest dann Kant, Spinoza und Fichte und wird zunächst des letzteren begeisterter Anhänger. Er schreibt in diesem Sinne in Niethammers Philosophischem Journal (1796) die Philosophischen Briefe über Dogmatismus und Kritizismus (Neuausgabe von O. Braun, Lpz. 1914). 1796-97 geht er, obwohl an sich eine echt schwäbische Natur, um aus »dem Pfaffen- und Schreiberlande« herauszukommen (wie er an Hegel schreibt), als Hofmeister zweier junger Edelleute nach Leipzig. Er wendet sich dort dem Studium der Naturwissenschaft zu und veröffentlicht seine Ideen zu einer Philosophie der Natur (1797), die er anfangs noch als naturphilosophische Fortsetzung des Fichteschen Systems betrachtet. 1798 folgt die Schrift Von der Weltseele, die als eine Hypothese der höheren Physik zur Erklärung des allgemeinen[288] Organismus bezeichnet wird. Im selben Jahre ward er, durch Fichtes und Goethes Einfluß, als Professor nach Jena berufen. Hier entwickelte sich aus dem Verkehre eines Kreises von geistreichen Menschen, in dem es »so recht kunterbunt herging mit Witz und Philosophie und Kunstgesprächen und Herunterreißen« (wie eine Teilnehmerin schreibt), jene »Republik von Despoten«, die man als die Romantische Schule zu bezeichnen pflegt: die beiden Schlegel mit ihren Frauen, Novalis (Hardenberg), Tieck, Steffens u. a., und als ihr tonangebender Philosoph – der jugendliche Schelling. Er entfernt sich jetzt mehr und mehr von Fichte. In seinem Ersten Entwurf eines Systems der Naturphilosophie (1799) und dem System des transzendentalen Idealismus (1800) ist die Wissenschaftslehre bereits bloß ein der Naturphilosophie nebengeordneter Teil. Ähnlich Fichte stellt der junge Schelling in dieser Zeit sein neu gefundenes »Identitätssystem« in immer neuen Anläufen dar, die jedoch stets bloße Entwürfe blieben. Dahin gehören namentlich mehrere in seiner neugegründeten Zeitschrift für spekulative (!) Physik (1800/01) veröffentlichte Aufsätze, unter denen wir die Darstellung meines Systems der Philosophie (1801) hervorheben, weil er sie selbst öfters als die authentischste und das Jahr 1801 als dasjenige bezeichnet hat, in dem ihm »das Licht in der Philosophie aufgegangen«. Eine zweite Zeitschrift: Kritisches Journal der Philosophie gab er 1802/03 zusammen mit dem ihm damals philosophisch noch gleichgesinnten Hegel heraus. An Giordano Bruno und Platos Timäus lehnt sich der Dialog Bruno oder über das natürliche und göttliche Prinzip der Dinge (1802) an. In populärer Form stellen die Grundzüge seines damaligen Systems die 1802 gehaltenen, 1803 veröffentlichten Vorlesungen über die Methode des akademischen Studiums dar.


2. Würzburg und München. Mit dem Jahre 1803, in dem er einem Rufe nach Würzburg folgte, tritt ein Stocken seines bisherigen unaufhaltsamen schriftstellerischen Schaffens ein, währenddessen sich eine Wendung in seiner Denkweise vollzieht. In seiner Jenenser »Abgeschiedenheit« war sein Denken fast ausschließlich auf die Natur gerichtet gewesen. »Seitdem«, schreibt er Anfang 1806 an seinen Freund Windischmann, »habe ich einsehen lernen, daß die Religion, der öffentliche Glaube, das Leben, im Staat der Punkt sind, um welchen sich alles bewegt«. Die ersten Spuren des Hinausgehens über den[289] alten Standpunkt zeigt die Schrift Philosophie und Religion (1804). 1806 folgt eine gereizte Streitschrift gegen Fichte. In diesem Jahre wurde Schelling, der inzwischen in der Kunst die höchste Gestaltung des Irdischen erkannt hatte, als Generalsekretär der Akademie der bildenden Künste nach München berufen, eine Stellung, der wir seine geistvolle Festrede Über das Verhältnis der bildenden Künste zu der Natur (1807) verdanken; gleichzeitig war er Mitglied der dortigen Akademie der Wissenschaften (bis 1820). In seinen Philosophischen Untersuchungen über das Wesen der menschlichen Freiheit (Landshut 1809) tritt bereits das irrationale und theosophische Element seines Philosophierens deutlich hervor. Zu der versprochenen Darstellung einer umfassenden »Geistesphilosophie« auf der neuen Grundlage ist er, trotz einzelner Anläufe dazu und wiederholter lärmender Ankündigungen, nicht gekommen. Nur eine heftige Replik gegen Jacobi (1812), der ihn eines atheistischen Spinozismus beschuldigt hatte, eine alsbald wieder eingegangene Allgemeine Zeitschrift von Deutschen für Deutsche (1818) und eine akademische Vorlesung allegorisch-theosophischen Inhalts Über die Gottheiten von Samothrake (1815) fallen noch in diese zweite Periode von Schellings schriftstellerischer Tätigkeit.


3. Erlangen, München, Berlin. Als Professor in Erlangen (1820-27) – es zog ihn wieder zur Wirksamkeit auf dem Katheder zurück – und von 1827-41 an der neugegründeten Universität München, beschränkte er sich, in schroffem Gegensatz zu der Schriftenfülle seiner jungen Jahre, auf seine Vorlesungen über allgemeine Philosophie, Einleitung in die Philosophie und Philosophie der Offenbarung, im stillen eifersüchtig auf den siegreichen Nebenbuhler in Berlin, der fast Alleinherrscher auf dem Gebiete der Philosophie geworden war, – Hegel. Erst nach dessen Tode begann man auf den halbvergessenen Schelling wieder aufmerksam zu werden. Und als dann die sogenannte »Linke« der Hegelschen Schule (s. § 62) aus dem System des Meisters sehr radikale Folgerungen in religiöser Beziehung zog, berief der romantisch-gläubige Friedrich Wilhelm IV. bald nach seiner Thronbesteigung den greisen Philosophen nach der preußischen Hauptstadt, »um der Drachensaat des Hegelschen Pantheismus, der flachen Vielwisserei und der gesetzlichen Auflösung häuslicher Zucht« (Friedrich Wilhelm IV. an Bunsen) entgegenzuwirken. Aber das gelang nicht. Es[290] war ein neues Geschlecht herangewachsen, dem Schellings romantische Spekulation nicht mehr genügte. Auch diejenigen, die in ihm eine Art philosophischen Messias erblickten und die endliche Veröffentlichung der neuen »Offenbarungsphilosophie« von ihm erwarteten, sahen sich getäuscht; er selbst hat nur seine Antrittsvorlesung vom 11. November 1841 drucken lassen. Als nun die anfangs zahlreichen Zuhörer immer mehr zusammenschmolzen, als insbesondere sein alter Gegner, der Rationalist Paulus, unter dem Titel Die endlich offenbar gewordene Philosophie der Offenbarung ein eigens zu diesem Zwecke nachgeschriebenes Heft über seine Vorlesungen mit ausführlicher, heftigster Gegenkritik (auf 800 Seiten) veröffentlichte, und er (Schelling) in dem deshalb angestrengten Prozeß nicht recht bekam, zog er sich gänzlich von seiner Vorlesungstätigkeit an der Universität zurück. Mit der Ordnung seiner früheren Schriften und der Vollendung seines letzten Systems beschäftigt, wurde Schelling am 20. August 1854 im Bade Ragaz (Ostschweiz) vom Tode überrascht.

Schelling ist eine glänzend Und vielseitig veranlagte Natur, aber er ermangelt der strengen Zucht des Denkens, wie ihm denn auch die Philosophie als Sache genialer Begabung gilt. Durch andere Denker bis zum Enthusiasmus beeinflußbar, mit seinem beweglichen Geiste seine Lehre beständig und zwar immer wieder von Grund aus umbildend56, zeigt er gleichwohl ein starkes Selbstgefühl, das sich bisweilen zur Überhebung steigert. Wegen eben dieser fortwährenden Umwandlung seiner Philosophie muß dieselbe nach den einzelnen Perioden charakterisiert werden, wobei alle ihre Phasen im einzelnen zu schildern weder möglich noch nötig ist. Nach anfänglicher Übereinstimmung mit Fichte (1794-96), tritt sie auf als I. Naturphilosophie (1797-99) und System des transzendentalen Idealismus (1800), II. System der Identität (1801 ff.), III. Freiheitslehre (1804-12), IV. Theosophie (1812 ff.). Zur Einführung in Schellings Denkweise in seiner besten Zeit eignet sich wohl am ehesten die populäre Schrift von 1803 (S. 289, vgl. S. 296).[291]

Quelle:
Karl Vorländer: Geschichte der Philosophie. Band 2, Leipzig 51919, S. 287-292.
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