§ 29. Die Begründung der formalen Logik.

  • [125] Literatur: Beste Ausgabe des Organen mit Kommentar die von Th. Waitz, 2 Bde. Leipzig 1844-46. Zum eingehenderen Studium s. die betr. Abschnitte der Werke von Brandis, Zeller und Prantl sowie H. Maier, Die Syllogistik des Aristoteles. 3 Bde. 1896-1900. Zur ersten Einführung geeignet auch A. Trendelenburgs einst als Schulbuch viel gebrauchte: Elementa logices Aristoteleae, Berlin 1836, 9. Aufl. 1892.

Wenn Aristoteles in der Regel und mit Recht der »Vater« der Logik genannt wird, so ist das natürlich nicht so zu verstehen, als ob er etwa die Logik mit einem Male erfunden hätte. Diese ist vielmehr im engsten Zusammenhange mit dem wissenschaftlichen Denken überhaupt entstanden: so beispielsweise die Grundbegriffe der Substanz, Größe und Bewegung mit den philosophisch-mathematischen Problemen der Pythagoreer (§ 3) und Eleaten (§ 6), der des Begriffes selbst mit Sokrates. In Platos Ideenlehre gar ist nicht bloß das »dialektische« Verfahren überhaupt, sondern sind auch die bestimmten Begriffe der Negation, der Hypothese, der Einheit, der Ursache und des Daseins bereits zu reicher wissenschaftlicher[125] Fruchtbarkeit gediehen. Aristoteles aber faßt zum erstenmal diese und andere Begriffe in systematischer Formulierung zusammen und begründet so die Logik als eigene Disziplin. Freilich entnimmt er sie nicht sowohl dem wissenschaftlichen, als vielmehr dem Sprachgebrauche; seine Logik ist im Grunde genommen nur eine, in ihrer Art allerdings großartige, Zergliederung und Systematisierung der Formen des Satzes.

Da alle Erkenntnis in der Verknüpfung von Begriffen (logoi, eigentlich Worten!) miteinander zu Urteilen besteht, Urteile aber sich zu Schlüssen und Beweisen zusammensetzen, so bildet den Mittelpunkt der aristotelischen Logik die Lehre vom Schließen und der Beweisführung, wie sie in seinem logischen Hauptwerke, der Analytik, d.h. Zergliederungskunst (sc. des Denkens) niedergelegt ist. Die Urteile zerfallen in bejahende und verneinende, ferner allgemeine, partikulare und einzelne usw. (Was die Einzelheiten hier und im folgenden betrifft, so verweisen wir auf jedes Handbuch der Logik, z.B. das von Ueberweg.) Aus zwei Urteilen mit drei Begriffen (z.B. Sokrates, Mensch, sterblich) baut sich der Schluß (Syllogismus) auf. Die Syllogistik zeigt die Regeln, nach denen aus gegebenen Sätzen oder Voraussetzungen (Prämissen) andere folgen; von den heute geltenden vier Schlußfiguren finden sich die drei ersten bereits bei Aristoteles. Aus Schlüssen setzt sich die Beweisführung (apodeixis) zusammen. Ihre Aufgabe ist Ableitung des Bedingten aus dem Unbedingten, des Einzelnen aus den allgemeinsten Prinzipien (s. § 30), welche letzteren durch die Vernunft (nous) selbst unmittelbar erkannt werden. Ihr oberstes Prinzip ist der Satz des Widerspruchs (a = a und nicht = non a). Umgekehrt wie der Syllogismus oder deduktive (ableitende) Beweis, verfährt die Induktion (epagôgê), zu deutsch: »Heranbringung«, die von dem bekannten Einzelding zu dem erst festzustellenden Allgemeinen hinführt, z.B.: Der Mensch hat wenig Galle und lebt lange, das Pferd ebenfalls, das Maultier usw. desgleichen; also sind alle Tiere mit wenig Galle langlebig. Der solchermaßen gewonnene Induktionsschluß ist, weil er vom Bekannten und Sinnlich-Wahrnehmbaren ausgeht, für uns vielfach überzeugender und deutlicher, der Syllogismus aber an sich zwingender und beweiskräftiger. Daher eignet sich ersterer mehr für den mit dialektischen oder Wahrscheinlichkeitsschlüssen arbeitenden, auf die Menge zu wirken bestrebten Redner; wissenschaftliche Gültigkeit kann er nur bei erreichter »Vollständigkeit«[126] der Induktion beanspruchen [ist dann aber eigentlich bereits deduktiv, Anm. d. Verf.]. Teils auf dem Beweis, teils auf Induktion beruht die Begriffsbestimmung oder Definition (horismos). Sie will das Wesen (ousia, eidos, to ti esti, to ti ên einai) der Dinge begriffsmäßig bestimmen. Zu einer guten Definition ist die Unterscheidung von Gattungen (genê), und Arten (eidê) erforderlich. Die Gattung trennt das Ding von allen andersartigen Dingen, die Art von den übrigen Dingen derselben Gattung. Was innerhalb der Gattung am weitesten voneinander entfernt ist, steht in konträrem, was schlechthin entgegengesetzt ist (verneint wird), in kontradiktorischem Gegensatze.

Alle unsere Begriffe fallen unter die »Hauptgattungen der Aussagen über das Seiende« oder Kategorien, von denen Aristoteles willkürlich bald 8, bald 10 aufstellt. (Die folgenden Beispiele sind aristotelisch.)

  • 1. Substanz (ousia), z.B. Mensch, Pferd

  • 2. Quantität (poson), z.B. zwei oder drei Ellen lang

  • 3. Qualität (poion), z.B. weiß, literarisch gebildet

  • 4. Relation (pros ti), z.B. doppelt, halb, größer

  • 5. Ort (pou), z.B. auf dem Markte, im Lyzeum

  • 6. Zeit (pote), z.B. gestern, im vorigen Jahre

  • 7. Lage (keisthai), z.B. liegt, sitzt

  • 8. Zustand (echein), z.B. ist beschuht, bewaffnet

  • 9. Tätigkeit (poiein), z.B. schneidet, brennt

  • 10. Leiden (kaschein), z.B. wird geschnitten, wird gebrannt.

Eine wissenschaftliche Begründung oder Ableitung dieser zehn Kategorien aus einem Prinzip fehlt durchaus; ja zwei davon (7 und 8) kommen nur in den »Kategorien« und der »Topik« vor, werden dagegen in den späteren Schriften ausgelassen. Sie entsprechen zum Teil den Wortarten und anderen grammatischen Verhältnissen (z.B. 9 und 10 dem Aktivum und Passivum). Die grundlegendsten sind ohne Zweifel die vier ersten, und von ihnen wieder die wichtigste die Substanz, die uns noch in der Metaphysik begegnen wird.

Die Logik ist Aristoteles' beste und dauerndste Schöpfung geblieben. Freilich besitzt Kants Behauptung, daß die Logik seit Aristoteles weder einen Schritt vorwärts noch zurück getan16, nicht zum wenigsten dank Kant[127] selbst, heute keinen Anspruch auf buchstäbliche Geltung mehr. Indessen das Gerüst der in unseren Schulen seit dem Mittelalter bis teilweise noch in unsere Zeit herkömmlich gelehrten, sogenannten »formalen« Logik beruht in wesentlichen Teilen, wie namentlich der Syllogistik, immer noch auf Aristoteles; und ein großer Teil der Kunstausdrücke, mit denen die heutige Philosophie zu operieren gewohnt ist, stammt von dem »Vater der Logik« (vgl. Eucken, Gesch. der philosophischen Terminologie, S. 21-28). Für die Praxis der Wissenschaft allerdings war mit diesen Formen und Formeln bloß ein Schematismus gegeben, der nur eine autoritätsgläubige Scheinphilosophie, die nicht neue Wahrheiten erforschen, sondern als vorhanden geltende »beweisen« wollte, befriedigen konnte und auf seinen wahren Wert beschränkt wurde, als die Wissenschaft in der Zeit der Renaissance sich auf sich selbst zu besinnen begann.

Nach dem Sinne ihres Urhebers ist die Logik die Vorschule zu seiner »ersten« Philosophie oder Metaphysik.

Quelle:
Karl Vorländer: Geschichte der Philosophie. Band 1, Leipzig 51919, S. 125-128.
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