Kapitel III.

Die Anfänge der Scholastik.

§ 59. Johannes Eriugena oder Scotus (9. Jahrh.) – Gerbert (10. Jahrh.) – Berengar von Tours (11. Jahrh.).

[239] Die »hibernische« Weisheit war berühmt. In einer Zeit, wo die wissenschaftliche Kultur sonst überall darniederlag, bildete die irische Geistlichkeit durch ihr wissenschaftliches Streben eine rühmliche Ausnahme. Von Irland pflanzte sich diese Kultur nach Schottland und England (Beda der »Ehrwürdige«), von dort nach Frankreich (Schule Alkuins in Tours) und Deutschland (Hraban in Fulda) fort. So stammt denn auch der erste namhafte Philosoph der scholastischen Zeit von der grünen Erin.

1. Johannes Eriugena oder Scottus (Irland war das Stammland der Schotten und hieß daher noch bis in das II. Jahrhundert Scotia maior), lebte um 810-877. Sicher aus seinem Leben ist nur, daß er, sonst ohne geistliches oder weltliches Amt, um 845 dem Rufe Karls des Kahlen folgend, eine Zeitlang Leiter der Pariser Hofschule war und im Auftrage desselben Herrschers die areopagitischen Schriften (§ 57) ins Lateinische übersetzte. In den damals gerade heftig wütenden Theologenstreit über die Prädestinationslehre griff er durch seine Schrift De divina praedestinatione ein. Sein späteres Hauptwerk führte den Titel De divisione naturae, ist also, im Gegensatz zu den allermeisten scholastischen Schriften, ein naturphilosophisches. 1225 zu Paris als ketzerisch verbrannt, ist es 1681 wieder neu herausgegeben worden, jetzt am besten in Mignes Sammlung der Kirchenväter (Bd. 122), deutsch übersetzt von L. Noack in der Philosophischen Bibliothek (Bd. 86-87).

Beeinflußt ist Johannes, außer durch Augustin, namentlich durch den von ihm überschätzten »Areopagiten«, überhaupt durch die jüngeren griechischen Kirchenlehrer, wie er denn zu den wenigen Scholastikern gehört, die mit der griechischen Sprache noch gründlich vertraut waren. Er unterwirft sich ihrem Ansehen fast schon in demselben Maße wie dem Schriftwort. Doch soll in Zweifelsfällen die Vernunft vor der Autorität den[239] Vorzug haben, denn die wahre Autorität ist »nichts anderes als die durch die Kraft der Vernunft entdeckte Wahrheit«. Die wahre Philosophie ist mit der wahren Religion einerlei; denn beide fließen aus der göttlichen Weisheit. Allerdings kann nicht alles, was für den Weisen und Mündigen ist, auch vom Einfältigen und Unmündigen verstanden werden. Für den letzteren bedient sich die Schrift, die auch Eriugena als unerschütterliche Autorität gilt, häufig poetischer Sagen, Wunder und göttlicher Erscheinungen, die dem geläuterten Sinne des Wissenden nur Symbole geistiger Zustände sind, wie z.B. Hölle, Paradies, Himmelfahrt oder die buchstäblich vorgestellte Wiederkunft zum jüngsten Gericht.

Die Naturphilosophie Eriugenas ist ganz in der neuplatonisch-mystischen Anschauungsweise des Areopagiten als Entfaltungssystem der Gottheit gedacht, worein sich indessen schon aristotelische Unterscheidungen (des unbewegt Bewegenden, bewegt Bewegenden, bloß Bewegten) mischen. Seine Spekulation beginnt sofort mit der Versenkung in die unaussprechliche Tiefe des Wesens und Urquells aller Dinge, welcher »nicht geschaffen ist und doch schafft«. Als eigenschaftsloses Nichts kennt die Gottheit zunächst sogar sich selbst nicht. Bewußt wird sie ihrer selbst erst als das »geschaffene und doch zugleich schaffende« Wesen, aus dem die ewigen Ideen (Urbilder) aller Dinge hervorgehen, deren Einheit der Logos darstellt. Sie gehen unter dem Einfluß des heiligen Geistes oder der pflegenden göttlichen Liebe in die »geschaffenen, selbst nicht schaffenden« Dinge ein, natürlich in immer weiteren Abstufungen. So sind alle Dinge Erscheinungen Gottes (Theophanien), unser Leben Gottes Selbstoffenbarung in uns. Es gibt nichts außer ihm. Das Böse ist nur eine aus der menschlichen Freiheit entstandene verkehrte Richtung des Willens. Aus der Vielheit wird dereinst derselbe Logos die Welt wieder zu dem letzten Ziel der Dinge, zu Gott als dem Wesen, das »weder schafft noch geschaffen wird«, zur ewigen Ruhe (deificatio = Vergottung) zurückführen; das Endziel ist gleich dem Uranfang, der Kreis vollendet.

Neben diesem neuplatonisch-mystischen zeigt jedoch Eriugenas System zugleich einen logischen und zwar idealistischen Zug. Wie das Sehen weit mehr ist als das Gesehene, das Hören als das Gehörte, so existieren die Dinge in Wahrheit nur, insofern sie erkannt werden. Diese allgemeinen Gattungsbegriffe (Ideen) sind das einzig[240] wahrhaft Reale, indem sie das Seiende aus sich heraus erzeugen. So leitet der Vater der Scholastik bereits den berühmten Universalienstreit ein, der die ganze mittelalterliche Philosophie durchzieht.

2. So hoch Eriugenas Denken über dem seiner Zeitgenossen und nächsten Nachfolger stand oder vielleicht gerade um dieses Abstandes willen, gewann er keine unmittelbare und nachhaltige Bedeutung, wie denn überhaupt die karlingische Kultur rasch in Trümmer ging. Das 10. Jahrhundert war in Frankreich und namentlich in Italien im ganzen eine Periode der Unkultur, Sittenroheit, Unwissenheit und des Aberglaubens, und in Deutschland ließ die tatbewegte Zeit der philosophischen Muße keinen Raum. Gegen Ende des Jahrhunderts erglänzt mit einem Male ein neues Licht in Gestalt des als Sylvester II. auf den päpstlichen Stuhl erhobenen Gerbert († 1003), eines großen Geistes, der dem blöden Auge der Zeitgenossen als unheimlicher Zauberer erschien. In dem Kloster Aurillac (Auvergne) vorgebildet, nacheinander Erzbischof von Reims, Ravenna und Papst (999), ein eifriger Liebhaber der Alten, aber noch mehr der Mathematik, ausgezeichnet als Lehrer, teilte er seinen Schülern nicht ein rohes Vielerlei von Wissen mit, sondern baute vor ihren Augen in den Gesetzen der Natur, der Sprache und des Denkens ein System natürlicher Weltanschauung auf. Die sieben freien Künste waren hier zu einem einheitlichen Ganzen verbunden, selbst die Theologie nur eine neben den anderen, alle Einzelwissenschaften untergeordnet der Philosophie. Auf diesem Gebiete wenigstens gibt es auch bei ihm keine übernatürliche Erleuchtung, sondern Vertrauen zu der Zuverlässigkeit des natürlichen Erkennens, das nur soweit reicht als das Gesetz! Dann freilich folgt die Ergänzung durch die Welt des Glaubens. »Wo die Worte fehlen, schwelgt der Glaube,« setzt er als Motto über eine seiner theologischen Schriften, welche das Dogma der Transsubstantiation verteidigt. Wie er sich das Verhältnis dieser übernatürlichen Welt des Glaubens zu der natürlichen des Wissens gedacht hat, ist unbekannt. In seinem praktischen Wirken jedenfalls verließ, er sich auf seinen weltlichen Verstand, wenngleich er freilich mit religiöser Überschwenglichkeit von der über alles Weltliche erhabenen Würde des Priestertums zu reden wußte.

3. Um die Mitte des 11. Jahrhunderts macht sich, wohl unter dem Einfluß von Gerberts zahlreichen Schülern,[241] in Deutschland unter dem gelehrten Kaiser Heinrich III., in allen drei Kulturländern ein neuer wissenschaftlicher Aufschwung bemerkbar, der dann nie wieder ganz vernichtet worden ist. Die wissenschaftliche Führung ging zunächst auf Frankreich über. Besonders berühmt als Pflanzstätte der Wissenschaft war die Schule von Chartres unter ihrem als »Sokrates der Franken« gefeierten Leiter Fulbert, der übrigens mehr anregender Lehrer als origineller Denker war, seine Schüler vor Neuerungen warnte und ihnen riet, sich an die Schriften der Väter zu halten. Sein berühmterer Schüler Berengar von Tours (999-1088) beherzigte diese Warnung nicht. Uns interessiert weniger seine Bestreitung der orthodoxen Abendmahlslehre Lanfranks, welche die Gebildeten der Zeit in zwei Parteien spaltete, als seine bei dieser Gelegenheit entwickelte Stellung zum Dogma überhaupt. Berengar ist in der Tat ein Aufklärer des II. Jahrhunderts. Wohl verwendet er zu seiner Verteidigung, wo es ihm gelegen ist, die Autorität der Kirchenväter (des Ambrosius, Augustin u. a.) und der Bibel, aber sein kritischer Geist hat bereits die Wandelbarkeit der ersteren erkannt; die Bibel wird ohne geistige Auslegung zum Fabelbuch; »der Buchstabe tötet«. Auch Synoden und Konzilien sind nicht unfehlbar. Der Wahrheit allein kommt der Sieg zu. Diese wurzelt freilich in Gott, kann aber auf Erden nur in der Vernunft ihre Stätte haben, die freilich für ihn, wie für die ganze Scholastik, vorzugsweise im logisch-dialektischen Beweisverfahren besteht. Gegen die Wahrheit, die Vernunft, die Evidenz der Dinge, das Gewissen kann niemand. Kein Wunder, keine Macht des Himmels und der Erde kann Unwahres wahr, Unmögliches möglich machen.

Berengar war ein Theoretiker der Aufklärung, nicht ihr Held. Auch er hat sich schließlich, wie so viele nach ihm, der römischen Kurie (Gregor VII. war ihm übrigens persönlich zugeneigt) »löblich unterworfen«. Dennoch ist der Eindruck seines Auftretens ein lang andauernder gewesen; noch Lessing hat sich mit ihm beschäftigt. Seine Bestreitung der »Wesensverwandlung« im Abendmahl aber steht ferner in Zusammenhang mit dem philosophischen Hauptproblem der Scholastik, das wir schon bei Eriugena streiften und zu dem wir nun übergehen: dem Verhältnis der Gattungsbegriffe (universalia) zu den Dingen (res).[242]

Quelle:
Karl Vorländer: Geschichte der Philosophie. Band 1, Leipzig 51919, S. 239-243.
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