1. Vom Schüler zum Meister

[239] Unter den Jüngern von Lau Dan war ein gewisser Gong Sang Tschu, der sich die Lehren des Lau Dan angeeignet hatte und sich im Norden niederließ am Schreckhornberg. Die denkenden und klugen unter seinen Dienern entließ er; die gütigen und liebevollen unter seinen Mägden hielt er sich ferne. Fette und Wohlbeleibte ließ er um sich sein; Schüchterne und Verlegene benützte er zu seinen Diensten. So weilte er drei Jahre dort, und am Schreckhornberg war großer Wohlstand.

Da sprachen die Leute am Schreckhornberg untereinander: »Als Meister Gong Sang Tschu zu uns kam, da waren wir erstaunt und mißtrauisch. Heute reden wir von ihm den ganzen Tag und werden nicht fertig; ja wir könnten selbst ein Jahr darüber reden, und es bliebe noch zu reden übrig. Er ist wohl ein Heiliger. Wollen wir ihn nicht zu unserem Schutzgott machen und ihm Opfer und Gebet darbringen?«[239]

Meister Gong Sang hörte davon, blickte nach Süden und war enttäuscht. Seine Jünger wunderten sich darüber; da sprach er: »Warum wundert ihr euch über mich? Wenn die Frühlingslüfte sich erheben, so sprossen alle Gräser; kommt der Herbst ins Land, so bringt die Erde ihre Schätze dar. Frühling und Herbst brauchen ein höheres Leben, damit sie also wirken können. Der große SINN hat sich in diesen Erscheinungen geäußert. Ich habe gehört, daß der höchste Mensch wie ein Leichnam weilt im Kreis der Mauern seines Hauses und dennoch bewirkt, daß alle Leute fröhlich durcheinanderwimmeln wie eine Herde und nicht wissen, wohin sie sich wenden sollen (mit ihren dankbaren Gefühlen). Nun ist das geringe Volk vom Schreckhornberg so eigensinnig darauf aus, mich mit Opfern und Gaben zu ehren als einen Weisen; aber bin ich der Mann, der für eine solche Stellung paßt? Dann habe ich die Worte des Lau Dan ganz falsch befolgt.«

Die Jünger sprachen: »Nicht also! In einem Graben, der ein paar Fuß nur mißt, kann ein großer Fisch sich nicht umdrehen, aber für Fischbrut und Aale ist er wie geschaffen; auf einem Hügel von sieben oder acht Fuß Höhe kann ein großes Tier sich nicht verbergen, aber für den schlimmen Fuchs ist er gerade günstig. (Wundert Euch daher nicht über das kleinliche Gebaren dieser Leute, sie verstehen's nicht anders.) Außerdem ist es seit den uralten Zeiten der Erzväter Yau und Schun üblich, daß man die Weisen ehrt, die andern ihre Fähigkeiten zur Verfügung stellen, und daß man die Tüchtigen fördert, die andern Gewinn bringen. Was kann man da anderes von den Leuten vom Schreckhornberg erwarten? Darum hört auf ihre Bitten, Meister!«

Meister Gong Sang sprach: »Kinder, kommt! Wenn ein Tier, so groß, daß es einen Wagen im Maul davontragen kann, einsam die Berge verläßt, so kann es dem Leid der Netze und Schlingen nicht entgehen; wenn ein Fisch, so groß, daß er ein Boot verschlingen kann, auf's trockene Land gespült wird, so können ihm die Ameisen zu Leib rücken. Darum suchen Vögel und Tiere die Höhen auf, und Fische und Schildkröten suchen die Tiefe auf. So muß auch ein Mensch, der Leib und Leben sichern will, sich verstecken und tiefste Verborgenheit[240] aufsuchen. Was nun gar die beiden Herren Yau und Schun anlangt – ist's auch der Mühe wert, ihr Lob zu singen? Ihre Sophismen sind Schuld daran, daß mit der Zeit noch alle Mauern fallen werden und dichtes Gestrüpp auf ihnen wachsen wird. Sie machten es wie einer, der seine Haare einzeln untersucht, ehe er sich kämmt, oder der die Reiskörner zählt, ehe er sie kocht. Ihr Eigensinn war unfähig, Ordnung auf der Welt zu schaffen. Wenn man die Weisen erhebt, so überfahren die Leute einander; wenn man die Wissenden duldet, so werden die Leute aneinander zu Räubern. Diese Dinge sind nicht imstande, den Menschen eine großartige Gesinnung zu geben. Ist das Volk allzu eifrig auf Gewinn bedacht, so kommt es vor, daß Söhne ihre Väter töten, daß Diener ihre Fürsten töten, daß am hellen Tag geraubt wird und mittags eingebrochen wird. Ich sage Euch: die Wurzel der großen Verwirrung wurde gelegt in den Zeiten von Yau und Schun, und ihr Wipfel wird dauern auf Tausende von Geschlechtern hinaus. Nach tausend Geschlechtern wird es sicher noch dahin kommen, daß die Menschen einander auffressen.«

Da setzte sich der Jünger Nan Yung Tschu aufrecht hin und sprach betreten: »Wenn einer erst in meinen Jahren ist, auf welche Lehre kann er sich da noch verlassen, um diesen Standpunkt zu erreichen?«

Meister Gong Sang sprach: »Bring deinen Leib in Sicherheit und hüte dein Leben! Hüte dein Leben und laß deine Gedanken nicht geschäftig werden! Wenn du also handelst drei Jahre lang, so kannst du diesen Standpunkt erreichen.«

Nan Yung Tschu sprach: »Die Augen der Menschen sind ihrem Äußeren nach so, daß ich keinen Unterschied herausfinden kann, und doch gibt es Blinde, die damit nicht sehen können. Die Ohren der Menschen sind ihrem Äußeren nach so, daß ich keinen Unterschied herausfinden kann, und doch gibt es Taube, die damit nicht hören können. So bin auch ich in meinem Äußeren gleich wie andere, und doch muß wohl ein wesentlicher Unterschied vorhanden sein; denn was ich erstreben möchte, kann ich nicht erlangen. Nun sprecht Ihr zu mir: ›Bring deinen Leib in Sicherheit und hüte dein Leben![241] Hüte dein Leben und laß deine Gedanken nicht geschäftig werden!‹ Ich gebe mir alle Mühe, den SINN zu verstehen, aber er dringt nur bis zu meinem Ohr.«

Meister Gong Sang sprach: »Ich bin mit meinen Worten zu Ende. Eine kleine Wespe kann keine großen Raupen verwandeln; ein kleines Kochinchinahuhn kann keine Gänseeier brüten; aber ein großes Huhn aus dem Norden kann es in der Tat. Die Hühner sind nicht ihrem Wesen nach voneinander verschieden. Daß das eine es kann und das andere es nicht kann, kommt nur von ihrer größeren oder kleineren Befähigung her. Nun ist meine Befähigung auch nur klein und nicht genügend, um dich zu wandeln. Willst du nicht einmal nach Süden reisen und den Lau Dan aufsuchen?«

Nan Yung Tschu nahm Wegzehrung zu sich und wanderte sieben Tage und sieben Nächte. Da kam er an den Wohnort des Lau Dan.

Lau Dan sprach zu ihm: »Kommst du von Gong Sang Tschu?«

Nan Yung Tschu sagte: »Ja.«

Lau Dan sprach: »Was bringst du denn für eine Menge Leute mit dir?«

Nan Yung Tschu erschrak und blickte hinter sich.

Lau Dan sprach: »Verstehst du nicht, was ich meine?«

Nan Yung Tschu ließ den Kopf hängen und schämte sich.

Dann blickte er auf, seufzte und sprach: »Ja, nun habe ich meine Antwort vergessen, und darüber habe ich meine Fragen verloren.«

Lau Dan sprach: »Wie meinst du das?«

Nan Yung Tschu sprach: »Wenn ich keine Erkenntnis habe, so nennen mich die Leute töricht; habe ich Erkenntnis, so bringe ich mich selbst ins Unglück. Wenn ich keine Liebe habe, so ist es ein Schade für die andern Menschen; habe ich Liebe, so bringe ich mich selbst ins Unglück. Wenn ich nicht nach Pflicht frage, so verletze ich die andern: halte ich auf Pflicht, so bringe ich mich selbst ins Unglück. Wie kann ich diesen Schwierigkeiten entgehen? Diese drei Fragen sind es, die mir zu schaffen machen, und auf den Rat meines Lehrers möchte ich Euch um Aufschluß bitten.«[242]

Lau Dan sprach: »Als ich dir eben in die Augen sah, da hab' ich dich erfaßt. Was du nun da redest, das bestätigt meine Ansicht. Du bist in Verwirrung wie ein Kind, das Vater und Mutter verloren hat; du hast eine Stange in der Hand und möchtest damit die Tiefen des Meeres messen. Du bist ein verlorener Mensch und gänzlich verlassen, und nun möchtest du zu deinem wahren Wesen zurück und weißt nicht, wie du's anfangen sollst. Man muß Mitleid mit dir haben.«

Nan Yung Tschu bat um Aufnahme und ging in sein Zimmer. Dort suchte er seine Gedanken zu sammeln auf das, was er für gut hielt, und suchte sich abzuwenden von dem, was er für schlecht hielt. Zehn Tage lang trieb er's so und machte sich ganz unglücklich. Dann trat er wieder vor Lau Dan.

Lau Dan sprach zu ihm: »Hast du dich nun gründlich gereinigt? Du bist so traurig, und da ist noch so etwas Überfließendes in dir. Da muß wohl noch irgendwo ein Übel stecken. Kommen die Anfechtungen von außen, so soll man ihrer nicht durch mühselige Bekämpfung Meister werden wollen, sondern sich einfach innerlich davon abschließen. Kommen die Anfechtungen von innen, so soll man ihrer nicht durch Unterdrückung Meister werden wollen, sondern sich einfach äußerlich von der Versuchung abschließen. Denn wenn von außen und innen her gleichzeitig die Anfechtungen kommen, so kann man den SINN und das LEBEN nicht festhalten (selbst wenn man sie schon hat), geschweige denn einer, der sich den SINN zum Vorbild seines Wandels genommen hat.«

Nan Yung Tschu sprach: »Wenn ein Dorfbewohner krank ist, so kommen wohl die anderen Dorfbewohner und erkundigen sich nach ihm. Wenn nun der Kranke imstande ist, zu sagen, was ihm fehlt, dann ist die Krankheit, an der er leidet, noch nicht so schlimm. Aber in meinem Suchen nach dem großen SINN gleiche ich einem Menschen, der Arznei getrunken und seine Krankheit dadurch nur schlimmer gemacht hat. Ich möchte weiter nichts, als ein Mittel erfahren, durch das ich mein Leben wahren kann.«

Lau Dan sprach: »Also ein Mittel zur Wahrung des Lebens willst du? Kannst du die Einheit festhalten? Kannst du dich freihalten von ihrem Verlust? Kannst du ohne Orakel und[243] Wahrsagung Heil und Unheil erkennen? Kannst du haltmachen, kannst du aufhören? Kannst du die andern in Ruhe lassen und (den Frieden) nur in dir selber suchen? Kannst du dich frei halten? Kannst du einfältig sein? Ein Kind kann den ganzen Tag weinen, es verschluckt sich nicht und wird nicht heiser, weil es des Friedens Fülle hat; es kann den ganzen Tag etwas festhalten, und seine Hand läßt nicht locker, weil es in seinem Wesen einheitlich ist; es kann den ganzen Tag blicken, und sein Auge blinzelt nicht, weil es durch nichts von draußen her angezogen wird. Es geht und weiß nicht wohin, es bleibt stehen und weiß nicht, was es tut, es ist allen Dingen gegenüber frei, obwohl es bei allem mitmacht. Das sind die Mittel, sein Leben zu wahren.«

Nan Yung Tschu sprach: »Ist denn das das Wesen des höchsten Menschen?«

Lau Dan sprach: »Noch nicht. Das ist nur erst, was man das Auftauen des Eises nennt. Der höchste Mensch lebt ebenso wie die andern von den Gaben der Erde, aber sein Glück hat er vom Himmel. Er streitet sich nicht mit den Menschen um Gewinn und Schaden. Er läßt sich nicht ein auf ihre Seltsamkeiten; er läßt sich nicht ein auf ihre Pläne; er läßt sich nicht ein auf ihre Geschäfte. Sich frei halten und einfältig sein in allem, was man tut, das ist das Mittel zur Erhaltung des Lebens, weiter nichts.«

Nan Yung Tschu sprach: »Ist dann also dies das Höchste?«

Lau Dan sprach: »Soweit sind wir noch nicht. Wahrlich, ich sage dir, kannst du sein wie ein Kind? Ein Kind bewegt sich und weiß nicht, was es tut, es geht und weiß nicht wohin ... Wenn man also ist, so naht uns weder Leid noch Glück. Wenn man frei ist von Leid und Glück, dann ist man dem Menschenelend entnommen.«

Quelle:
Dschuang Dsï: Das wahre Buch vom südlichen Blütenland. Düsseldorf/Köln 1972, S. 239-244.
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