Diskussionsrede auf dem ersten

Deutschen Soziologentage in Frankfurt 1910

zu dem Vortrag von A. Ploetz über

»Die Begriffe Rasse und Gesellschaft«.

[456] Verehrte Anwesende, es ist vieles von dem, namentlich von den allgemeineren Dingen, die ich zu sagen hatte, in so ausgiebiger Weise von anderen gesagt worden, daß ich, entsprechend dem gestern festgestellten Grundsatz, nichts von dem zu wiederholen, was schon gesagt ist, auch meinerseits darauf verzichte, darauf zurückzukommen, auch da, wo ich wohl vielleicht etwas anders formulieren würde. Es ist also nur eine Serie von Einzelbemerkungen, die ich zu machen habe.

Herr Dr. Ploetz hat seinen Vortrag damit begonnen, daß das Prinzip der Nächstenliebe jahrtausendelang unsere Ethik beherrscht habe. Ich frage: Wann? mit welchen Konsequenzen? Und herrscht sie heute gegenüber der rassenhygienisch »günstigeren« Vergangenheit verstärkt? Gewiß, in dem offiziellen Katechismus steht sie heute wie im Mittelalter. Aber wie eigentlich die Praxis des Lebens sich zu diesem offiziellen Postulat verhält und verhielt und die Auslese beeinflußt hat, ob heute rassenhygienisch ungünstiger als früher, – das eben wäre das Problem. Gewiß unterstand die Bevölkerung im Mittelalter in bezug auf die Chance der Fortpflanzung einer scharfen Auslese. Neben der Kindersterblichkeit die zunehmenden faktischen und auch rechtlichen Eheschranken für alle nicht selbständigen Existenzen, beides grade für die untern Staffeln der Gesellschaft besonders stark wirkend, – das ist rassenhygienisch gewiß nicht zu verachten. Aber andererseits hat das Prinzip der Nächstenliebe im Mittelalter Menschen von physisch und geistig nicht geringen Qualitäten in die Klöster oder in das Zölibat der Priesterschaft oder der Ritterorden getrieben und von der Fortpflanzung ausgemerzt und ist das gleiche Prinzip auch durch systematische Unterstützung des Bettels verwirklicht worden. Wenn wir den Entwickelungsgang vom Mittelalter zur Neuzeit besehen, so scheint mir, daß auch auf dem Boden der christlichen Religion die Zurückschraubung dieses Prinzips Fortschritte gemacht[456] hat, wie man sie bei einer Religion, die nun einmal gewisse biblische Fundamente hat, niemals hätte vermuten sollen. Ich erinnere daran, daß der Calvinismus Armut und Arbeitslosigkeit ein für allemal als selbstverschuldete oder als eine Folge von Gottes unerforschlichem Ratschluß ansah und demgemäß behandelte, also die »Schwachen« von der Fortpflanzung in starkem Maß ausschloß, daß auf dem Boden dieser Religiosität wenigstens keine Stätte war für Nächstenliebe in dem Sinne, wie sie Herr Dr. Ploetz von seinem Standpunkt aus bedenklich finden könnte, und ich bezweifle ferner, ob die moderne Entwicklung im großen und ganzen einen Weg gegangen ist, der ein Ueberhandnehmen grade der Menschenliebe innerhalb unserer Gesellschaft zu einer dringlichen Gefahr werden ließe. Auch das, was man üblicherweise Sozialpolitik nennt, und was einen sehr verschiedenen, unter andren doch auch einen, im Geiste von Herrn Dr. Ploetz rassenhygienisch sehr erwünschten Sinn haben kann – den nämlich: den physisch und geistig Starken, aber in bezug auf Portemonnaie Schwachen: – den, rassenhygiensich gewertet, Starken also, die sozial unten sind, die Möglichkeit des Heraufsteigens, die Möglichkeit der gesunden Fortpflanzung zu geben, auch das ist keineswegs notwendig ein Kind einer wahllosen Nächstenliebe.

Herr Dr. Ploetz hat die Bemerkung gemacht, das In-Blüte-Stehen – es kommt ja auf die Wörtlichkeit nicht an – das In-Blüte-Stehen der gesellschaftlichen Zustände sei stets abhängig von der Blüte der Rasse. So oder ähnlich! Meine Herrn, das ist, ganz einerlei, welchen Begriff von »Gesellschaft« und »Rasse« man verwendet, eine ganz unbewiesene Behauptung, die ich auch nicht im mindesten nach dem gegenwärtigen Stand und mit den gegenwärtigen Mitteln unserer Forschung für erweislich halte. Ich weiß sehr wohl, daß es Theorien gibt, welche glaubten, auf dem Boden der Entwicklung des Altertums eine Stütze für diese oft aufgestellte These zu finden. Es sei – so ist sogar von hervorragenden Historikern gelegentlich behauptet worden – der Untergang der Kultur des Altertums verschuldet worden dadurch, daß infolge der Kriege und der Heeresaushebung die Kräftigsten und Tüchtigsten, die den Erdball beherrschten, ausgemerzt worden seien. Tatsächlich ist nun nachweislich gerade umgekehrt die Entwicklung dahin gegangen, daß das römische Heer sich zunehmend aus sich selbst und aus Nicht-Italienern ergänzte, schließlich ganz und gar; daß fernerhin je länger je weniger die Bevölkerung des römischen Reiches in Anspruch genommen wurde für die Zwecke der Aushebung; daß je länger je mehr die Barbaren es waren, die die Verteidigung zu führen hatten und es kann keine Rede davon sein, daß auch nur ein letzter Rest von dieser These übrig bliebe. Wir wissen außerdem heute genügend über die Gründe der großen Umwälzung der Kultur des Altertums, um sagen zu können, daß hier, soweit überhaupt ethnische Vorgänge, nicht die Ausmerzung, sondern die bewußte Ausschaltung der römischen Geschlechter aus den Offiziersstellen und aus der Verwaltung mitspielte, ein Geschehnis, welches nicht irgendwelche für uns erkennbare »rassenbiologische« Bedeutung[457] gehabt hat, sondern, soweit es relevant war für das Schicksal des römischen Reiches, Traditionswerte ausschaltete, traditionslose Völker, Völker ohne Kultur, Barbaren in die Offiziersstellen, in die Verwaltung usw. berief, und daß das Schwinden des antiken Geschmacks und der antiken Bildungsschicht, das Schwinden der alten Traditionen des römischen Heeres, das Schwinden der alten Verwaltungspraxis dadurch und durch die ökonomisch ableitbaren Aenderungen der Verwaltung so einleuchtend erklärbar ist, daß keine Spur irgendeiner Rassentheorie als Ergänzung erforderlich ist – ich sage: erforderlich ist; denn ich gebe ohne weiteres zu, daß vielleicht dennoch solche Momente in einer für uns heute nicht mehr kenntlichen Weise mitgewirkt haben. Aber wir wissen dies nicht und werden es nie wissen, und es widerstreitet wissenschaftlicher Methodik, wo wir bekannte und zulängliche Gründe haben, diese zugunsten einer heute und für immer unkontrollierbaren Hypothese beiseite zu schieben. – Nun aber überhaupt: »Die Blüte der gesellschaftlichen Zustände ist abhängig von der Blüte der Rasse.« Meine Herren, würde man unter »Rasse« hierbei das verstehen, was der Laie darunter üblicherweise sich denkt: in Fortpflanzungsgemeinschaften gezüchtete erbliche Typen, dann wäre ich in ganz persönlicher Verlegenheit; ich fühle mich nämlich als Schnittpunkt mehrerer Rassen oder doch ethnischen Sondervolkstümer und glaube, es gibt in diesem Kreis sehr viele, die in ähnlicher Lage wären. Ich bin teils Franzose, teils Deutscher, und als Franzose sicher irgendwie keltisch infiziert. Welche dieser Rassen – denn man hat auf die Kelten die Bezeichnung »Rasse« angewendet – blüht denn nun in mir, resp. muß blühen, wenn die gesellschaftlichen Zustände in Deutschland blühen, resp. blühen sollen?

Dr. Ploetz (unterbrechend): Das ist ja Systemrasse, was Sie jetzt behaupten! Das ist die Varietät! Ich habe gehandelt von der Vitalrasse, die nichts mit dieser Varietät zu tun hat. Alle diese Varietäten gehören mindestens zu einer Vitalrasse.

Professor Max Weber (fortfahrend): Ich mußte die verschiedenen Möglichkeiten des Rassebegriffs durchgehen. Ich stelle mich also jetzt auf Ihren Boden und konstatiere, daß auch von da aus doch eine Menge Aeußerungen gefallen sind, die einen direkt mystischen Charakter haben. Was heißt es denn eigentlich: »die Rasse blüht« oder schon: »die Rasse« reagiert in bestimmtem Sinn? Was heißt es: die Rasse »ist eine Einheit«? – wenn nicht eine Blutseinheit? Soll über die Existenz dieser »Einheit« das bloße Faktum der physisch normalen Fortpflanzungsfähigkeit – die ja bei Bastarden herabgesetzt ist – entscheiden? Und gehört zum »Erhaltungsgemäßen« die Fähigkeit, bestimmte Kulturelemente zu entwickeln, – oder was sonst? Im letzteren Fall kämen wir mit dem Begriff der »Vitalrasse« in das uferlose Gebiet der subjektiven Wertungen. Und dies Gebiet scheint mir nun Dr. Ploetz überall da zu betreten, wo er Zusammenhänge zwischen Rasse und Gesellschaft statuiert. Gewiß; wenn man annimmt, es bestehen nebeneinander bestimmte Rassen in irgendeinem[458] rein empirisch durch Merkmale bestimmbaren Sinn, und wenn man dann den Begriff »Gesellschaft«, der ja rein konventionell ist, ersetzt durch: gesellschaftliche Beziehungen und gesellschaftliche Institutionen, dann kann man sagen: die gesellschaftlichen Institutionen in ihrer Eigenart sind gewissermaßen die Spielregeln, bei deren faktischer Geltung für die Auslese bestimmte menschliche Erbqualitäten die Chancen haben, zu »gewinnen«: aufzusteigen, oder, was damit ja nicht identisch ist, sondern teilweise nach ganz anderen Gesetzen verläuft: – sich fortzupflanzen. Daß hier Unterschiede der Chancen bestehen, das ist nicht nur heute so, das wäre auch nicht anders in einem etwaigen, wie immer gearteten, sozialistischen Zukunftsstaat: – es werden in diesem sozialistischen Zukunftsstaat andere Erbqualitäten sein, welche zu Macht, Glück, Fortpflanzung und Züchtung gelangen, als in unserer heutigen Gesellschaft; irgendwelche werden es aber auch dort mehr sein als andere. Man mag die Gesellschaft einrichten, wie man will, die Auslese steht nicht still und wir können nur die Frage stellen: welche Erbqua litäten sind es, die unter der Gesellschaftsordnung X oder Y jene Chancen bieten. Das scheint mir eine rein empirische Fragestellung, die akzeptabel ist für uns. Und ebenso die umgekehrte: welche Erbqualitäten sind die Voraussetzung dafür, daß eine Gesellschaftsordnung bestimmter Art möglich ist oder wird? Auch das läßt sich sinnvoll fragen und auf die existierenden Menschenrassen anwenden. Nimmt man aber diese Formulierungen, so sieht man sofort, daß dafür mit einem Begriff von Rasse, so wie Herr Dr. Ploetz ihn formuliert hat – wie ich wenigstens vorläufig glaube: ich überzeuge mich gerne des Gegenteils – nichts anzufangen ist. Denn sein Rassebegriff scheint mir ein bei weitem nicht hinlänglich differenzierter Begriff, und, m. H., das wird bestätigt, wenn wir uns fragen, was denn bisher eigentlich für die exakte soziologische Forschung herausgesprungen ist bei der Verwendung dieses speziellen Rassebegriffs. Meine Herren, es sind äußerst geistreiche und interessante Theorien herausgekommen. Die Zeitschrift, die Herr Dr. Ploetz leitet, ist geradezu ein Arsenal von unermeßlichen, zum Teil mit einer beneidenswerten Fülle von Geist aufgestellten Hypothesen über die züchterische Wirkung aller möglichen Institutionen und Vorgänge, und niemand kann dankbarer für diese Anregungen sein, als ich. Aber daß es heutzutage auch nur eine einzige Tatsache gibt, die für die Soziologie relevant wäre, auch nur eine exakte konkrete Tatsache, die eine bestimmte Gattung von soziologischen Vorgängen wirklich einleuchtend und endgültig, exakt und einwandfrei zurückführte auf angeborene und vererbliche Qualitäten, welche eine Rasse besitzt und eine andere definitiv – wohlgemerkt: definitiv! – nicht, das bestreite ich mit aller Bestimmtheit und werde ich so lange bestreiten, bis mir diese eine Tatsache genau bezeichnet ist.

Es ist beispielsweise nicht, – wie oft geglaubt wird, – richtig, daß die gegenseitige soziale Lage der Weißen und Neger in Nordamerika heute einwandsfrei auf Rassenqualitäten zurückgeführt werden könnte. Es ist möglich und für mich subjektiv im höchsten Grade[459] wahrscheinlich, daß dabei auch, vielleicht stark, solche Erbqualitäten im Spiele sind. In welchem Maße und vor allem, in welchem Sinne aber, steht nicht fest. Meine Herren, man hat ja z.B. behauptet, und behauptet noch und auch in der Zeitschrift des Herrn Dr. Ploetz ist es von sehr angesehenen Herren behauptet worden, der Gegensatz zwischen Weißen und Negern dort beruhe auf »Rasseninstinkten«. Ich bitte mir diese Instinkte und ihre Inhalte nachzuweisen. Sie sollen sich unter anderem darin offenbaren, daß die Weißen die Neger »nicht riechen« können. Ich kann mich auf meine eigene Nase berufen; ich habe bei engster Berührung gar nichts Derartiges wahrgenommen. Ich habe den Eindruck gehabt, daß der Neger, wenn er ungewaschen ist, genau so riecht wie der Weiße, und umgekehrt. Ich berufe mich aber ferner darauf, daß man in den Südstaaten täglich das Schauspiel erleben kann, daß eine Lady auf dem Wagen sitzt und die Zügel in der Hand hält, dicht angeschmiegt aber an sie, Schulter an Schulter, der Neger, und daß ihre Nase offenbar darunter nicht leidet. Der Negergeruch ist, soviel ich bisher sehe, eine Erfindung der Nordstaaten, um ihre neuerliche Abschwenkung von den Negern zu erklären. Wenn wir, m. H., etwa die Möglichkeit hätten, Menschen heute bei der Geburt schwarz zu imprägnieren, so würden auch diese Menschen in der Gesellschaft von Weißen stets in einer etwas prekären, eigentümlichen Lage sein. Irgendein Beweis dafür aber, daß die spezifische Art der dortigen Rassenbeziehungen auf angeborenen und vererbten Instinkten beruht, ist bisher nicht zuverlässig erbracht, obwohl ich jeden Augenblick zugeben will, daß der Beweis vielleicht einmal erbracht werden könnte. Aber vorerst fällt auf, daß diese »Instinkte« verschiedenen Rassen gegenüber ganz verschieden funktionieren, und zwar aus Gründen, die durchaus nichts mit Rassenerhaltungs-Erfordernissen zu tun haben. Wenn Neger und Indianer von den Weißen drüben so verschieden bewertet werden, so wird der Grund für die Indianer von den Weißen stets dahin formuliert: »They did'n't submit to slavery«: Sie waren keine Sklaven. Daß sie keine Sklaven waren, hat nun allerdings insofern in ihren spezifischen Qualitäten seinen Grund, als sie das Maß von Arbeit, welches der Plantagen-Kapitalismus verlangte, nicht aushielten – zweifelhaft, ob rein wegen erblicher Eigenheiten, oder auch ihren Traditionen zufolge – und die Neger es leisteten. Aber dieser Umstand bildet doch wohl weder bewußt noch unbewußt die Basis eines spezifisch verschieden reagierenden »Instinkts« der Weißen. Vielmehr: Es ist die alte feudale Verachtung der Arbeit, also ein soziales Moment, das hier mitspielt, wobei ich ohne weiteres Herrn Dr. Ploetz zugebe ... (Dr. Ploetz (unterbrechend): Nicht in den Nordstaaten! Dort spielt das Moment der Verachtung der Arbeit nicht diese Rolle.)

Professor Max Weber (fortfahrend): Das ist erstens für die Gegenwart nicht mehr unbedingt richtig. Und erst die Gegenwart kennt in den Nordstaaten die Negerverachtung, und zweitens: Wenn Sie die Stellung der Schwarzen innerhalb der Gewerkvereine verfolgen, so bemerken Sie, daß sie zunehmend als blacklegs, als anspruchslose,[460] aus Traditionsgründen anspruchslose, Arbeitswillige verachtet und gefürchtet sind, und endlich kann man leicht sich überzeugen, daß der bürgerliche Amerikaner von heute, wie jeder andere, seinen Darwin, seinen Nietzsche, unter Um ständen seinen Dr. Ploetz gelesen hat und sich daraus entnommen hat: ein Mann – ich spreche das ohne den leisesten Anflug von Spott – ein Mann, der ein Aristokrat im modernen Sinne des Wortes sein will, muß irgend etwas haben, was er verachtet, und wir Amerikaner wollen Aristokraten im europäischen Sinne sein. Es handelt sich da einfach um einen Europäisierungsprozeß, der in Amerika zufällig diese Nebenerscheinung zeitigt.

Nun, meine verehrten Herren, damit noch zu ganz wenigen Schlußbemerkungen!

Die »Gesellschaft« hat Herr Dr. Ploetz als ein Lebewesen bezeichnet, mit der bekannten, auch von ihm sehr eindringlich vorgetragenen Begründung ihrer Verwandtschaft mit Zellenstaaten und Aehnlichem. Es kann sein, daß für die Zwecke des Herrn Dr. Ploetz dabei etwas Fruchtbares herausspringt, – das weiß er natürlich selbst am besten – für die soziologische Betrachtung springt niemals durch die Vereinigung mehrerer präziserer Begriffe zu einem unbestimmten Begriffe etwas Brauchbares heraus. Und so liegt es hier. Wir haben die Möglichkeit, rationales Handeln der einzelnen menschlichen Individuen geistig nacherlebend zu verstehen. Wenn wir eine menschliche Vergesellschaftung, welcher Art immer, nur nach der Art begreifen wollten, wie man eine Tiervergesellschaftung untersucht, so würden wir auf Erkenntnismittel verzichten, die wir nun einmal beim Menschen haben und bei den Tiergesellschaften nicht. Dies und nichts anderes ist der Grund dafür, weshalb wir für unsere Zwecke im allgemeinen keinen Nutzen darin erblicken, diese ganz fraglos vorhandene Analogie zwischen Bienenstaat und irgendwelcher menschlichen, staatlichen Gesellschaft zur Grundlage irgendwelcher Betrachtungen zu machen.

Schließlich, meine Herren, hat Herr Dr. Ploetz gesagt, die Gesellschaftslehre ist ein Teil der Rassenbiologie.

(Dr. Ploetz: Die Gesellschaftsbiologie, nicht die Gesellschaftslehre überhaupt!)

Prof. Max Weber: Ja, dann gestehe ich, liegt es vielleicht an mir, dann ist mir nicht ganz klar, wodurch sich Gesellschaftsbiologie von Rassenbiologie unterscheiden soll, es sei denn, daß eben die Beziehungen zwischen gesellschaftlichen Institutionen und Auslese bestimmter Qualitäten in der Art, wie ich das vorhin ausgeführt habe, der Gegenstand gesellschaftsbiologischer Forschung sein soll.

Ich möchte nur eine allgemeine Bemerkung daran knüpfen. Es scheint mir nicht nützlich, Gebiete und Provinzen des Wissens a priori, ehe dies Wissen da ist, abzustecken und zu sagen: Das gehört zu unserer Wissenschaft und das nicht. Man hat dadurch nur die allerunfruchtbarsten Streitigkeiten vermehrt. Wir könnten natürlich sagen, daß, weil sich schließlich alle gesellschaftlichen Vorgänge auf der Erde abspielen und der Planet Erde ein Teil des Sonnensystems ist, alles, was sich abspielt, eigentlich Objekt der Astronomie sein müßte und[461] nur zufällig, deswegen, weil es keinen Zweck hat, Vorgänge auf der Erde mit dem Teleskop zu beobachten, mit anderen Hilfsmitteln behandelt werde. Aber kommt dabei nun etwas heraus? Ich möchte ganz ebenso bezweifeln, daß deshalb, weil unzweifelhaft Vorgänge, mit denen sich die Biologie befaßt, die Auslesevorgänge, berührt werden durch gesellschaftliche Institutionen und in sehr vielen Fällen auch wieder gesellschaftliche Institutionen in ihrer Ausprägung von Erbqualitäten der Rassen, daß deshalb es Sinn haben soll, irgendeinen Gegenstand, irgendein Problem, auf der einen Seite als Teil einer erst ad hoc zu konstruierenden Wissenschaft für diese zu konfiszieren. Was wir von den Herren Rassenbiologen erwarten und was – wie ich nicht zweifle, gerade auf Grund des Eindrucks, den ich von den Arbeiten des Herrn Dr. Ploetz und seiner Freunde gewonnen habe, nicht bezweifle – was wir von ihnen sicherlich irgendwann geleistet erhalten werden, das ist der exakte Nachweis ganz bestimmter Einzelzusammenhänge, also der ausschlaggebenden Wichtigkeit ganz konkreter Erbqualitäten für konkrete Einzelerscheinungen des gesellschaftlichen Lebens. Das, meine Herren, fehlt bisher. Das ist kein Vorwurf gegen eine so junge Wissenschaft, es muß aber als Tatsache konstatiert werden, und es dient vielleicht dazu, die utopistische Begeisterung, mit der ein solches neues Gebiet in Angriff genommen wird, nicht dahin ausarten zu lassen, daß dieses neue Gebiet die sachlichen Grenzen der eigenen Fragestellungen verkennt. Wir erleben es heute auf allen Gebieten. Wir haben erlebt, daß man geglaubt hat, man könnte die ganze Welt einschließlich z.B. der Kunst und was es sonst gibt, rein ökonomisch erklären. Wir erleben es, daß die modernen Geographen alle Kulturvorkommnisse »vom geographischen Standpunkt« aus behandeln, wobei sie uns nicht etwa, was wir von ihnen wissen möchten, nachweisen, nämlich: Welche spezifischen konkreten Komponenten von Kulturerscheinungen im einzelnen Fall durch klimatische oder ähnliche rein geographische Momente bedingt sind, sondern in ihren »geographischen« Darstellungen etwa registrieren: »die russische Kirche ist intolerant«, und wenn wir sie fragen: Inwiefern gehört diese Feststellung in die Geographie? dann sagen: Rußland ist ein örtlicher Bezirk, die russische Kirche örtlich verbreitet, also Objekt der Geographie. Ich glaube, daß die Einzelwissenschaften ihren Zweck verfehlen, wenn jede von ihnen nicht das Spezifische leistet, was sie und grade nur sie leisten kann und soll, und ich möchte die Hoffnung aussprechen, daß es der biologischen Betrachtung gesellschaftlicher Erscheinungen nicht ähnlich ergehen möchte.


Quelle:
Max Weber: Gesammelte Aufsätze zur Soziologie und Sozialpolitk. Hrsg. von Marianne Weber. Tübingen 21988, S. 456-462.
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