Max Weber

Die Grenznutzlehre und das »psychophysische Grundgesetz«

[383] Lujo Brentano, Die Entwicklung der Wertlehre. (Sitzungsberichte der Kgl. bayr. Akad. der Wissensch. Philos.-philol. und histor. Klasse. Jahrgang 1908, 3. Abh. 15. 2. 1908) München, Verlag der Akademie.

Die Abhandlung ist eine teils zusammenfassende, teils kritische Darlegung der Resultate, zu welchen die von Brentano angeregten, zuerst von dem leider so früh verstorbenen Ludwig Fick unternommenen, dann von einem anderen seiner Schüler: Dr. R. Kaulla, übrigens durchaus selbständig, fertiggestellten1 Untersuchungen über die Entwicklung der Wertlehre seit Aristoteles geführt haben. Aus der Fülle von Anregungen, die diese wie jede Abhandlung Brentanos bietet, sei hier nur auf die Erörterungen über das Verhältnis der Begriffe »Brauchbarkeit« und »Gebrauchswert« (S. 42 f.) hingewiesen, die wohl das Klarste bieten, was auf so knappem Raum über diesen Gegenstand gesagt worden ist.

Hier soll an den einzigen Punkt in Brentanos Darlegungen angeknüpft werden, der zum Widerspruch herausfordert. Er betrifft die angeblichen Beziehungen der »Grenznutzlehre«, überhaupt jeder »subjektiven« Werttheorie, zu gewissen allgemeinen Sätzen der Experimentalpsychologie, insbesondere zum sog. Weber-Fechnerschen Gesetz. Der Versuch, die ökonomische Werttheorie als einen Anwendungsfall dieses Gesetzes zu verstehen, wird, wie Brentano selbst betont, hier keineswegs zum ersten Male gemacht. Er findet sich mit aller Bestimmtheit[384] schon in der zweiten Auflage von F. A. Langes »Arbeiterfrage«, die Ansätze dazu finden sich sogar schon in der ersten Auflage von Fechners Psychophysik (1860), und er kehrt seitdem außerordentlich häufig wieder. Auch Lange hatte jenes berühmte »Gesetz« als eine Bestätigung und Generalisierung der Sätze angesehen, welche s. Zt. Bernoulli für das Verhältnis der relativen (persönlichen) Wertschätzung einer Geldsumme zur absoluten Höhe des Vermögens ihres Besitzers bzw. Empfängers oder Verbrauchers aufgestellt hatte, und hatte seinerseits versucht, für seine noch universellere Bedeutung Beispiele aus dem politischen Leben (Empfindungen für den politischen Druck usw.) beizubringen. Wieder und Wieder findet man überhaupt die Behauptung, die Werttheorie der sog. »österreichischen Schule« sei »psychologisch« fundiert, während auf der andern Seite die »historische Schule« in ihren hervorragendsten Vertretern gleichfalls für sich in Anspruch nimmt, der »Psychologie« gegenüber den »naturrechtlichen« Abstraktionen der Theorie zu ihrem Recht verholfen zu haben. Bei der Vieldeutigkeit des Wortes »psychologisch« hätte es nun schlechterdings keinen Zweck, mit beiden Parteien darüber zu hadern, welche es für sich in Anspruch nehmen könne, – je nachdem vielleicht: beide, oder auch: keine von beiden. Hier handelt es sich vielmehr um die weit präzisere Behauptung Brentanos, daß das »psychophysische Grundgesetz« die Grundlage der »Grenznutzlehre«, diese letztere also ein Fall seiner Anwendung sei. Lediglich daß dies ein Irrtum sei, soll hier dargelegt werden.

Das sog. psychophysische Grundgesetz hat, wie Brentano selbst erwähnt, in bezug auf Formulierung, Geltungsumfang und Deutung Wandlungen durchgemacht. Brentano seinerseits resumiert seinen Inhalt zunächst (S. 66) ganz allgemein dahin: Fechner habe gezeigt, »daß sich auf allen Gebieten der Empfindung dasselbe Gesetz für die Abhängigkeit der Empfindung vom Reiz herausstellt, welches Bernoulli für die Abhängigkeit der Glücksempfindung, die der Zuwachs einer Summe Geldes bereitet, von der Größe des Vermögens des Empfindenden aufgestellt hatte«. Obwohl sich nun die Bezugnahme auf Bernoulli in ganz gleicher Art bei Fechner selbst findet, ist sie dennoch mißverständlich. Gewiß ist Fechner u.a. auch durch Bernoullis Methode angeregt worden. Aber die Frage, inwieweit zwei im übrigen heterogene Wissenschaften sich gegenseitig auf dem[385] Wege der Entstehung von einzelnen, in ihrem methodischen Zweck verwandten Begriffsbildungen befruchtet haben, ist eine rein literarhistorische. Sie hat mit unserem Problem hier: ob das Weber-Fechnersche Gesetz die theoretische Grundlage der Grenznutzlehre darstellt, nichts zu tun. Darwin z.B. ist durch Malthus angeregt, aber die Malthusschen Theorien sind weder diesselben wie diejenigen Darwins, noch sind die einen ein Spezialfall der andern, noch sind beide Spezialfälle eines noch allgemeineren Gesetzes. Aehnlich steht es in unserem Fall. »Glück« ist kein psychophysisch faßbarer, überhaupt kein – wie man im Zeitalter der utilitarischen Ethik glauben mochte – qualitativ einheitlicher Begriff. Die Psychologen würden sich gegen seine Identifizierung mit dem – in seiner Tragweite unter ihnen selbst wieder recht bestrittenen – Begriff der »Lust« wohl verwahren. Aber davon abgesehen: schon als vage Analogie, als bloßes Bild oder Vergleich gedacht, würde die Parallele hinken. Denn sie stimmt auch dann nur äußerlich und für einen Teil des Problems. Dem »Reiz« Fechners, der immer ein »äußerer«, das heißt: körperlicher2, und also, wenn nicht der faktischen Möglichkeit, so wenigstens dem Prinzip nach direkt quantitativ meßbarer Vorgang ist, dem bestimmte bewußte »Empfindungen« als »Wirkung« oder »Parallelvorgang« gegenüberstehen, würde der Bernoullische Zuwachs einer »Summe Geldes«, weil ebenfalls ein »äußerer« Vorgang, zu entsprechen haben und, ganz äußerlich angesehen, ja auch entsprechen können. Was entspricht nun aber beim psychophysischen Grundgesetz dem »Vermögen«, welches der, dem (bei Bernoulli) das Geld zuwächst, schon hat? Auch das scheint, äußerlich wenigstens, leicht zu beantworten. Man kann in den bekannten Weberschen Versuchen über die individuelle Unterschiedsempfindlichkeit für einen Gewichtszuwachs an die schon vorhandene Belastung als das dem schon vorhandenen Geldvermögen Entsprechende denken. Akzeptieren wir auch das. Nach den für das psychophysische Grundgesetz grundlegenden Weberschen Beobachtungen sollte alsdann der einfache Satz gelten: Wer, bei 6 Lot schon vorhandener Belastung (z.B.: seiner Handfläche), einen Zuwachs von 1/30, also 1/5 Lot, eben noch empfindet, der empfindet bei 12 Lot schon vorhandener Belastung ebenfalls 1/30, also hier:[386] 2/5 Lot, eben noch als einen Unterschied; und entsprechend wie hier beim »Tastsinn« steht es bei anderen »Sinnesreizen«. Der Unterschied je zweier Reize würde darnach im Bewußtsein gleichmäßig empfunden, wenn das Verhältnis des Reizzuwachses zum Grundreiz objektiv das gleiche ist. Anders ausgedrückt: die Stärke des Reizes muß in geometrischem Verhältnis ansteigen, wenn die Merklichkeitsstärke der Empfindung in arithmetischem Verhältnis zunehmen soll. Wir lassen nun hier ganz bei Seite, inwieweit dies so formulierte »Gesetz« sich empirisch bestätigt hat; man fügte ihm die Begriffe der »Reizschwelle« und »Reizhöhe«, der »unter–« und »übermerklichen« Reize hinzu und ein Rattenkönig von Spezialgesetzen (z.B. das Merkelsche) gruppierte sich um es herum. Uebertrüge man nun die einfache alte Webersche Formel auf ökonomische Vorgänge und setzte man also – so gewagt dies ist – mit Brentano: Vermögenszunahme = Vermehrung des »Reizes«, dann würde als Resultat sich (wie bei Bernoulli) ergeben: wenn ein Individuum, welches 1000 Mk. besitzt, eine Vermehrung seines Besitzes um 100 Mk. mit einer Empfindung vermehrten »Glückes« von bestimmter Intensität begleitet, so würde, wohlgemerkt: dieses selbe Individuum, falls es eine Million besäße, eine Vermehrung dieses Besitzes um 100000 Mk. mit der gleichen Intensität der Glücksempfindung begleiten. Gesetzt, dem wäre so, und es ließen sich ferner die Begriffe der »Reizschwelle« und »Reizhöhe«, überhaupt die Kurve des Weberschen Gesetzes auf die »Glücksempfindungen« beim Gelderwerb irgendwie analog übertragen, – betrifft dies etwa die Fragen, auf welche die ökonomische Theorie Antwort zu geben versucht? Und ist für ihre Sätze die Geltung der logarithmischen Linie der Psychophysiker die Grundlage, ohne die sie nicht verständlich wäre? Ohne Zweifel ist es der Mühe wert, die einzelnen großen Gruppen von »Bedürfnissen«, welche für die ökonomische Betrachtung relevant sind, auf die Art ihres Sich-Verhaltens je nach dem Maß, außerdem aber vor allem – wofür das psychophysische Grundgesetz schon nichts mehr leistet –: je nach der Art ihrer »Sättigung«, zu untersuchen. Nicht wenige Erörterungen z.B. über die Bedeutung der Geldwirtschaft für die qualitative Expansion der Bedürfnisse gehören dorthin, ebenso etwa die Untersuchungen über die Wandlungen der Ernährung unter dem Druck ökonomischer Umgestaltungen usw.[387] Aber augenscheinlich orientieren alle solche Betrachtungen sich keineswegs an der angeblich grundlegenden Weber-Fechnerschen Theorie. Und wenn man die einzelnen Bedürfnisgruppen, also etwa: Nahrungsbedürfnisse, Wohnungsbedürfnisse, sexuelle Bedürfnisse, Alkoholbedürfnisse, »geistige«, ästhetische Bedürfnisse usw. in ihrem Auf- und Abschwellen je nach dem Maß der Zufuhr von »Sättigungsmitteln« analysieren würde, – die logarithmische Kurve der Weber-Fechnerschen Regel würde zwar zuweilen mehr oder minder weitgehende Analogien finden, zuweilen dagegen nur recht geringfügige oder auch gar keine, gar nicht selten aber würde sie (s.u.) auf den Kopf gestellt erscheinen. Bald würden die Kurven plötzlich ganz abbrechen, bald negativ werden können, bald nicht, bald proportional der »Sättigung« verlaufen, bald asymptotisch dem Nullpunkt zustreben – für fast jede »Bedürfnis«-Art anders. – Aber immerhin – man könnte hier doch wenigstens hie und da Analogien finden. Nehmen wir, ohne es zu untersuchen, an, solche – immer ziemlich vagen und zufälligen – Analogien fänden sich auch noch für die so wichtige Möglichkeit, in der Art, den Mitteln also, die »Sättigung« der Bedürfnisse zu wechseln. Nun aber weiter: bei der nationalökonomischen Grenznutzlehre und bei jeder »subjektiven« Wertlehre steht, wenn man dabei überhaupt auf die »seelischen« Zuständlichkeiten des Individuums zurückgreift, gerade umgekehrt wie beim psycho-physischen Grundgesetz, am Anfang nicht ein äußerer »Reiz«, sondern ein »Bedürfnis«, also – wenn wir uns denn einmal »psychologisch« ausdrücken wollen: – ein Komplex von »Empfindungen« und »Gefühlslagen«, »Spannungs«–, »Unlust«- und »Erwartungs-Zuständen« u. dgl. von jeweilig eventuell höchst komplexer Beschaffenheit, kombiniert überdies mit »Erinnerungsbildern«, »Zweckvorstellungen« und, unter Umständen, miteinander kämpfenden »Motiven« verschiedenster Art. Und während das psychophysische Grundgesetz uns lehren will, wie ein äußerer Reiz psychische Zustände: »Empfindungen«, hervorruft, befaßt sich die Nationalökonomie vielmehr mit der Tatsache, daß durch derartige »psychische« Zustände ein bestimmt gerichtetes äußeres Sichverhalten (Handeln) hervorgerufen wird. Dies äußere Verhalten seinerseits wirkt dann freilich wieder auf das »Bedürfnis«, dem es entsprungen ist, zurück, indem es dasselbe durch »Sättigung« beseitigt bzw. wenigstens zu beseitigen strebt: –[388] wiederum, psychologisch betrachtet, ein sehr komplexer und nicht einmal eindeutiger Vorgang, jedenfalls nur ganz ausnahmsweise mit einer einfachen »Empfindung« im psychologischen Sinne gleichzusetzen. Die Art des – psychologisch gesprochen – »Reagierens«, nicht die Art des »Empfindens« wäre also das Problem. Wir haben also schon in diesen (hier absichtlich ganz roh skizzierten) Elementarvorgängen des »Handelns« einen Ablauf von Geschehnissen, die günstigstenfalls in einem kleinen – dem letzten – Teil ihres Herganges von möglicherweise »analoger«, in ihrer Gesamtheit aber offensichtlich von ganz anderer Struktur sind als die Objekte jener Weberschen Gewichtsexperimente und alle ähnlichen. Dazu tritt nun aber, daß dieser Elementarvorgang auch in der Form, wie wir ihn hier geschildert haben, offenbar nun und nimmermehr das Entstehen einer Nationalökonomie als Wissenschaft bedingen oder ermöglichen könnte. Er stellt seinerseits höchstens eine der Komponenten jener Geschehnisse dar, mit denen unsere Disziplin es zu tun hat. Denn die Nationalökonomie hat ja, wie auch Brentanos eigne weitere Darstellung dies voraussetzt, zu untersuchen, wie – 1. infolge der Konkurrenz verschiedener nach »Sättigung« verlangender »Bedürfnisse« miteinander, – 2. infolge der Begrenztheit – nicht etwa nur: der »Bedürfniskapazität«, sondern vor allem andern: – der zur »Befriedigung« jener Bedürfnisse brauchbaren sachlichen »Güter« und »Arbeitskräfte«, endlich – 3. infolge einer ganz bestimmten Art von Koexistenz verschiedener, mit gleichen oder ähnlichen Bedürfnissen behafteter, dabei aber mit verschiedenen Vorräten von Gütern zu deren Sättigung ausgestatteter Menschen miteinander und ihrer Konkurrenz um die Sättigungsmittel untereinander – sich das Handeln der Menschen gestaltet. Die Probleme nun, die hier entstehen, lassen sich nicht nur nicht als Spezialfälle oder Komplikationen jenes »psychophysischen Grundgesetzes« ansehen, die Methoden zu ihrer Lösung sind nicht nur nicht angewandte Psychophysik oder Psychologie, sondern beide haben damit einfach gar nichts zu schaffen. Die Sätze der Grenznutzlehre sind, wie die einfachste Ueberlegung zeigt, absolut unabhängig nicht nur davon: in welchem Umfang oder ob überhaupt in irgendeinem Umfang das Webersche Gesetz gilt, sondern auch: ob überhaupt irgendein unbedingt[389] allgemeingültiger Satz über das Verhältnis von »Reiz« und »Empfindung« sich aufstellen läßt. Es genügt für die Möglichkeit der Grenznutzlehre vollständig, wenn: – 1. die Alltagserfahrung richtig ist, daß die Menschen in ihrem Handeln unter anderem auch durch solche »Bedürfnisse« getrieben werden, die nur durch den Verbrauch von jeweils nur begrenzt vorrätigen Sachgütern oder von Arbeitsleistungen oder deren Produkten befriedigt werden können, wenn ferner 2. die Alltagserfahrung zutrifft, daß für die meisten und zwar gerade für solche Bedürfnisse, welche subjektiv am dringlichsten empfunden werden, mit zunehmendem Verbrauch jener Güter und Leistungen ein zunehmendes Maß von »Sättigung« erreicht wird, dergestalt, daß nun andere, »ungesättigte« Bedürfnisse als dringlicher erscheinen – und wenn endlich 3. die Menschen – sei es auch in noch so verschiedenem Maße – die Fähigkeit besitzen, »zweckmäßig«, d.h. unter Benutzung von »Erfahrung« und »Vorausberechnung«, zu handeln. Dergestalt, heißt das, zu handeln, daß sie die verfügbaren und erlangbaren, in ihrer Quantität begrenzten »Güter« und »Arbeitskräfte« auf die einzelnen »Bedürfnisse« der Gegenwart und absehbaren Zukunft je nach der Bedeutung, die sie diesen beilegen, verteilen. Diese »Bedeutung« ist nun ersichtlich nicht etwa mit einer durch physischen »Reiz« erzeugten »Empfindung« identisch. Ob ferner die »Sättigung« der »Bedürfnisse« sich jemals in einer Progression vollzieht, welche mit derjenigen irgendwelche Aehnlichkeit hat, die das Weber-Fechnersche Gesetz für die Intensität der durch »Reize« hervorgerufenen »Empfindungen« behauptet, kann dahingestellt bleiben; wenn man aber die Progression der »Sättigung« mit: Tiffany-Vasen, Klosettpapier, Schlackwurst, Klassiker-Ausgaben, Prostituierten, ärztlichem oder priesterlichem Zuspruch usw. überdenkt, erscheint die Logarithmenkurve des »psychophysischen Grundgesetzes« als Analogie doch recht problematisch. Und wenn jemand sein »Bedürfnis«, z.B. auch auf Kosten seiner Ernährung seine »geistigen Bedürfnisse« zu befriedigen, durch Ankauf von Büchern und Ausgaben von Kolleggeld bei mangelhafter Befriedigung seines Hungers betätigt – so wird dies durch eine psychophysische »Analogie« jedenfalls nicht »verständlicher«, als es ohnehin ist. Es genügt für die ökonomische Theorie vollkommen, daß wir uns auf Grund jener[390] erwähnten, sehr trivialen, aber unbestreitbaren, Tatsachen der Alltagserfahrung eine Mehrheit von Menschen theorerisch vorstellen können, deren jeder streng »rational« über die ihm, rein faktisch oder durch den Schutz einer »Rechtsordnung«, verfügbaren »Gütervorräte« und »Arbeitskräfte« zu dem alleinigen und ausschließlichen Zweck disponiert, auf friedlichem Wege ein »Optimum« von Sättigung seiner verschiedenen miteinander konkurrierenden »Bedürfnisse« zu erreichen. Ueber solche »Alltagserfahrungen« als Grundlage einer wissenschaftlichen Theorie wird freilich jeder »Psychologe« die Nase rümpfen müssen: schon der Begriff: »Bedürfnis« – welch rohe und »vulgärpsychologische« Kategorie! Wie unsäglich verschiedene physiologische und psychologische Kausalketten vermag das, was wir so nennen, in Bewegung zu setzen: selbst dem »Bedürfnis« zu essen kann 1. eine im Bewußtsein merkliche, ziemlich komplexe, psychophysische Situation (Hunger) zugrundeliegen, die ihrerseits durch verschiedenartige als »Reize« wirksame Umstände, z.B. den physisch leeren Magen oder auch einfach die Gewöhnung des Essens zu bestimmten Tagesstunden, wesentlich bedingt sein kann; 2) aber kann jener subjektive Habitus des Bewußtseins auch fehlen und das »Bedürfnis« zu essen »ideogen«, z.B. durch Obödienz gegen eine Verordnung des Arztes, bedingt sein; das »Alkoholbedürfnis« kann auf »Gewöhnung« an die »äußern« Reize, die ihrerseits einen »innern« »Reiz«-Zustand schaffen, ruhen, und es kann durch Alkoholzufuhr gesteigert werden, der Weberschen Logarithmenkurve zum Trotz; die »Bedürfnisse« nach »Lektüre« bestimmter Art endlich werden durch Vorgänge bestimmt, welche – mag sie der Psychophysiker für seine Zwecke vielleicht in funktionelle Aenderungen gewisser Hirnprozesse »umdeuten« – jedenfalls schwerlich durch einfache Bezugnahme auf das Weber-Fechnersche Gesetz erleuchtet werden usw. Der »Psychologe« sieht hier eine ganze Serie der schwierigsten Rätsel für seine Fragestellungen, – und die nationalökonomische »Theorie« fragt darnach mit keinem Worte und hat dabei noch dazu das beste wissenschaftliche Gewissen! Und nun vollends: »Zweckhandeln«, »Erfahrungen machen«, »Vorausberechnung« – Dinge, die für die psychologische Betrachtung das Komplexeste, teilweise vielleicht geradezu Unverständliche, jedenfalls aber mit am schwersten[391] zu Analysierende sind, was es geben kann: diese Begriffe und ähnliche nun – ohne alle Sublimierung durch die ihm geläufigen Experimente an seinen Drehtrommeln oder sonstigen Laboratoriumsapparaten – als »Grundlagen« einer Disziplin! Und dennoch ist dem so, und diese Disziplin beansprucht sogar, ohne sich auch nur im geringsten darum zu kümmern, ob Materialismus, Vitalismus, psychophysischer Parallelismus, irgendeine der Wechselwirkungstheorien, das Lippssche oder das Freudsche oder ein sonstiges »Unbewußtes« usw. brauchbare Grundlagen für psychologische Disziplinen bilden, ja, unter der ausdrücklichen Versicherung: daß für ihre Zwecke ihr alles dieses schlechthin gleichgültig sei, – sie prätendiert, sage ich, bei alledem sogar: mathematische Formeln für den von ihr theoretisch erfaßten Ablauf des ökonomisch relevanten Handelns zu gewinnen. Und was wichtiger ist: sie bringt dies auch wirklich fertig. Und mögen ihre Ergebnisse aus den verschiedensten auf dem Gebiet ihrer eignen Methoden liegenden Gründen noch so sehr in ihrer Tragweite umstritten werden, – in ihrer »Richtigkeit« sind sie jedenfalls ganz ebenso absolut unabhängig selbst von den denkbar größten Umwälzungen der biologischen und psychologischen Grundhypothesen, wie es für sie gleichgültig ist, ob z.B. Kopernikus oder Ptolemäus recht haben, oder: wie es mit theologischen Hypothesen oder etwa mit den »bedenklichen« Perspektiven des zweiten Hauptsatzes der Thermodynamik stehen möge. Alle noch so weittragenden Umwandlungen in solchen naturwissenschaftlichen Grundtheorien sind schlechterdings nicht imstande, auch nur einen einzigen, »richtig« konstruierten, Satz der nationalökonomischen Preis- und Rententheorie ins Wanken zu bringen.

Damit ist natürlich 1. mit nichten gesagt, daß es auf dem Gebiete der empirischen Analyse des Wirtschaftslebens keinen Punkt gäbe, auf dem die Tatsachen, welche die genannten Naturwissenschaften (und noch so manche andere) feststellen, nicht von erheblicher Wichtigkeit werden könnten, und 2. ebenso nicht, daß die Art der Begriffsbildung, welche für jene Disziplinen sich brauchbar gezeigt hat, nicht recht wohl auch für gewisse Probleme der ökonomischen Betrachtung gelegentlich vorbildlich werden könnte. Was das erste anlangt: ich hoffe, demnächst Gelegenheit zu haben zu[392] untersuchen, welcher Gebrauch z.B. auf dem Gebiete der Erforschung gewisser Bedingungen der Fabrikarbeit von gewissen experimentalpsychologischen Arbeiten vielleicht gemacht werden könnte. Und was das zweite anlangt, so sind nicht nur, wie längst feststeht, die mathematischen, sondern auch z.B. gewisse biologische Denkformen bei uns heimatsberechtigt. Triviales Gemeingut jedes Nationalökonomen ist es vollends, daß auf Schritt und Tritt, an unzähligen einzelnen Punkten unserer Disziplin, wir mit der Arbeit auf anderen Forschungsgebieten in fruchtbringendem Austauch der Ergebnisse und Gesichtspunkte stehen und stehen müssen. Aber: es hängt durchaus von unseren Fragestellungen ab, wie und in welchem Sinn dies auf unserem Gebiet geschieht, und jeder Versuch, a priori darüber zu entscheiden, welche Theorien anderer Disziplinen für die Nationalökonomie »grundlegend« sein müßten, ist, wie alle Versuche einer »Hierarchie« der Wissenschaften nach Comteschem Muster, müßig. Nicht nur sind, im allgemeinen wenigstens, gerade die allgemeinsten Hypothesen und Annahmen der »Naturwissenschaften« (im üblichen Sprachgebrauch dieses Wortes) die für unsere Disziplin irrelevantesten. Sondern ferner und hauptsächlich: gerade an dem für die Eigenart der Fragestellungen unserer Disziplin entscheidenden Punkt: in der ökonomischen Theorie (»Wertlehre«) stehen wir durchaus auf eigenen Füßen. Die »Alltagserfahrung«, von der unsere Theorie aus geht (s. o.), ist natürlich der gemeinsame Ausgangspunkt aller empirischen Einzeldisziplinen. Jede von ihnen will über sie hinaus und muß dies wollen, – denn eben darauf ruht ja ihr Existenzrecht als »Wissenschaft«. Allein jede von ihnen »überwindet« oder »sublimiert« dabei die Alltagserfahrung in anderer Weise und nach anderer Richtung. Die Grenznutzlehre, und jede ökonomische »Theorie« überhaupt, tut dies nicht etwa in der Art und Richtung der Psychologie, sondern so ziemlich in der gerade entgegengesetzten. Sie zerlegt nicht etwa innere Erlebnisse der Alltagserfahrung in psychische oder psychophysische »Elemente« (»Reize«, »Empfindungen«, »Reaktionen«, »Automatismen«, »Gefühle« usw.), sondern sie versucht, gewisse »Anpassungen« des äußeren Verhaltens des Menschen an eine ganz bestimmte Art von außer ihm liegenden Existenzbedingungen zu »verstehen«. Sei diese für die ökonomische[393] Theorie relevante Außenwelt nun im Einzelfall »Natur« (im üblichen Sprachgebrauch) oder sei sie »soziale Umwelt«, immer wird dabei die »Anpassung« an sie unter der ad hoc gemachten heuristischen Annahme verständlich zu machen versucht, daß dasjenige Handeln, mit welchem sich die Theorie befaßt, streng »rational« im oben erörterten Sinne ablaufe. Die Grenznutzlehre behandelt, zu bestimmten Erkenntniszwecken, menschliches Handeln so, als liefe es von A bis Z unter der Kontrolle kaufmännischen Kalküls: eines auf [Grund] der Kenntnis aller in Betracht kommenden Bedingungen aufgestellten Kalküls, ab. Sie behandelt die einzelnen »Bedürfnisse« und die zu ihrer »Sättigung« vorhandenen oder zu produzierenden oder zu ertauschenden Güter als ziffernmäßig feststellbare »Konti« und »Posten« in einer kontinuierlichen Buchführung, den Menschen als einen kontinuierlichen »Betriebsleiter« und sein Leben als das Objekt dieses seines buchmäßig kontrollierten »Betriebs«. Die Betrachtungsweise der kaufmännischen Buchführung also ist, wenn irgend etwas, der Ausgangspunkt ihrer Konstruktionen. Ruht deren Verfahren etwa auf dem Weberschen Gesetz? Ist es eine Anwendung irgendwelcher Sätze über das Verhältnis von »Reiz« und »Empfindung«? Als eine Kaufmannsseele, welche die »Intensität« ihrer Bedürfnisse ziffernmäßig einschätzen kann und ebenso die möglichen Mittel zu deren Deckung, behandelt die Grenznutzlehre für ihre Zwecke die »Psyche« aller, auch des von allem Kauf und Verkauf ausgeschlossenen, isoliert gedachten Menschen, und auf diesem Wege gewinnt sie ihre theoretischen Konstruktionen. Das alles ist doch wahrlich das Gegenteil irgendeiner »Psychologie«! – Die auf diesem Boden gewachsene »Theorie« saugt sich jene ihre Voraussetzungen, obwohl sie unzweifelhaft »irreal« sind, dennoch ebenso unzweifelhaft nicht einfach aus den Fingern. Der »Wert« von Gütern in der von der Theorie konstruierten »isolierten Wirtschaft« wäre genau gleich dem Buchwert, mit dem sie in einer ideal vollkommenen Buchführung eines isolierten Haushaltes erscheinen müßten3. Er enthält genau so viel und so wenig »Irreales«, wie jede wirklich kaufmännische Buchführung auch. Wenn in einer Bilanz das »Aktienkapital« mit z.B. 1 Million unter den »Passiva« erscheint, oder wenn ein Gebäude mit[394] 100000 M. »zu Buche steht«, – liegen dann jene Million oder diese 100000 M. hier in irgendeiner Schublade? Und dennoch hat die Einstellung jener Posten ihren sehr guten Sinn! Ganz denselben – mutatis mutandis! – wie der »Wert« in der isolierten Wirtschaft der Grenznutzlehre. Man muß ihn nur nicht auf dem Wege der »Psychologie« zu ergründen suchen! Die theoretischen »Werte«, mit denen die Grenznutzlehre arbeitet, sollen uns in prinzipiell ähnlicher Weise die Hergänge des Wirtschaftslebens verständlich machen, wie die kaufmännischen Buchwerte dem Kaufmann Information über die Lage seines Betriebes und die Bedingungen für dessen weitere Rentabilität geben wollen. Und die allgemeinen Lehrsätze, welche die ökonomische Theorie aufstellt, sind lediglich Konstruktionen, welche aussagen, welche Konsequenzen das Handeln des einzelnen Menschen in seiner Verschlingung mit dem aller andern erzeugen müßte, wenn jeder einzelne sein Verhalten zur Umwelt ausschließlich nach den Grundsätzen kaufmännischer Buchführung, also in diesem Sinn »rational«, gestalten würde. Dies ist bekanntlich keineswegs der Fall, – und der empirische Ablauf derjenigen Vorgänge, zu deren Verständnis die Theorie geschaffen worden ist, zeigt daher nur eine, je nach dem konkreten Fall sehr verschieden große »Annäherung« an den theoretisch konstruierten Ablauf des streng rationalen Handelns. Allein: die historische Eigenart der kapitalistischen Epoche, und damit auch die Bedeutung der Grenznutzlehre (wie jeder ökonomischen Werttheorie) für das Verständnis dieser Epoche, beruht darauf, daß – während man nicht mit Unrecht die Wirtschaftsgeschichte mancher Epoche der Vergangenheit als »Geschichte der Unwirtschaftlichkeit« bezeichnet hat – unter den heutigen Lebensbedingungen jene Annäherung der Wirklichkeit an die theoretischen Sätze eine stetig zunehmende, das Schicksal immer breiterer Schichten der Menschheit in sich verstrickende, gewesen ist und, soweit abzusehen, noch immer weiter sein wird. Auf dieser kulturhistorischen Tatsache, nicht aber auf ihrer angeblichen Begründung durch das Weber-Fechnersche Gesetz, beruht die heuristische Bedeutung der Grenznutzlehre. Es ist z.B. doch kein Zufall, daß ein besonders frappantes Maß von Annäherung an die theoretischen Sätze der Preisbildung, wie sie, im Anschluß an Menger, v. Böhm-Bawerk entwickelt hat, die Berliner Börsenkurs-Feststellung[395] unter dem System des sog. Einheitskurses darstellte: sie konnte direkt als Paradigma dafür dienen4. Aber natürlich doch nicht etwa deshalb, weil die Börsenbesucher in besonders spezifischem Maße in bezug auf die Relation zwischen »Reiz« und »Empfindung« dem psychophysischen Grundgesetz unterstünden, – sondern: weil an der Börse in besonders hohem Maße ökonomisch »rational« gehandelt wird oder doch: werden kann. Nicht nur mit den Begriffen der Experimentalpsychologie hat die rationale Theorie der Preisbildung nichts zu tun, sondern überhaupt mit keiner »Psychologie« irgendwelcher Art, die eine über die Alltagserfahrung hinausgehende »Wissenschaft« sein will. Wer beispielsweise die Notwendigkeit der Berücksichtigung der spezifischen »Börsenpsychologie« neben der rein theoretischen Preislehre betont, der denkt sich als ihr Objekt grade den Einfluß ökonomisch irrationaler Momente, »Störungen« also der theoretisch zu postulierenden Preisbildungsgesetze. Die Grenznutzlehre, und überhaupt jede subjektive Wertlehre, sind nicht psychologisch, sondern – wenn man dafür einen methodologischen Terminus will – »pragmatisch« fundiert, d.h. unter Verwendung der Kategorien »Zweck« und »Mittel«. Darüber nachher noch einiges. –

Die Lehrsätze, welche die spezifisch ökonomische Theorie ausmachen, stellen nun, wie jedermann weiß und eben erst erwähnt wurde, nicht nur nicht »das Ganze« unserer Wissenschaft dar, sondern sie sind nur ein – freilich ein oft unterschätztes – Mittel zur Analyse der kausalen Zusammenhänge der empirischen Wirklichkeit. Sobald wir diese Wirklichkeit selbst, in ihren kulturbedeutsamen Bestandteilen, erfassen und kausal erklären wollen, enthüllt sich die ökonomische Theorie alsbald als eine Summe »idealtypischer« Begriffe. Das heißt: ihre Lehrsätze stellen eine Serie gedanklich konstruierter Vorgänge dar, welche sich in dieser »idealen Reinheit« selten, oft gar nicht, in der jeweiligen historischen Wirklichkeit vorfinden, die aber andererseits, – da ja ihre Elemente der Erfahrung entnommen[396] und nur gedanklich ins Rationale gesteigert sind, – sowohl als heuristisches Mittel zur Analyse, wie als konstruktives Mittel zur Darstellung der empirischen Mannigfaltigkeit brauchbar sind.

Zum Schluß noch einmal zurück zu Brentano. Nachdem er (S. 67) das Weber-Fechnersche Gesetz noch näher in der Form, in der es nach seiner Meinung auch der Nationalökonomie zugrunde liege, dahin formuliert hat: – daß, um eine Empfindung überhaupt wachzurufen, die Reizschwelle (s. o.) überschritten sein müsse, daß nach deren Ueberschreitung jeder weitere Reizzuwachs die Empfindung mindestens proportional steigere, bis, nach Erreichung des (individuell verschiedenen) Optimum, die Intensität der Empfindung zwar noch absolut, aber weniger als proportional dem Reizzuwachs, sich steigere, bis endlich bei immer weiterer Steigerung des Reizes der Punkt erreicht werde, von dem an die Empfindung auch absolut abnehme, um schließlich durch Ertötung des Nervs gänzlich zu schwinden, – fährt er fort: »Dieses Gesetz war in der Nationalökonomie ... als Gesetz des abnehmenden Bodenertrags zur Anerkennung gelangt, denn es beherrscht das Wachstum der Pflanzen.« Man fragt zunächst erstaunt: Reagiert denn der Ackerboden und die Pflanze nach psychologischen Gesetzen? Allein S. 67 oben hatte Brentano etwas allgemeiner gesagt: daß nach einem allgemeinen physiologischen Gesetz jeder »Lebensvorgang« an Intensität bei Zunahme der ihm günstigen Bedingungen über ein bestimmtes Optimum hinaus abnehme, und offenbar bezieht sich das Beispiel des abnehmenden Bodenertrags auf diesen, nicht auf den unmittelbar vorhergehenden, Satz. Jedenfalls aber faßt er darnach doch wohl das Weber-Fechnersche Gesetz als Spezialfall jenes allgemeinen Optimumprinzips auf und offenbar die Grenznutzlehre wiederum als einen Unterfall jenes Spezialfalls. Sie erscheint dadurch als mit einem Grundgesetz alles »Lebens« als solchen direkt verknüpft. Nun ist in der Tat der Begriff des »Optimum« ein solcher, den die ökonomische Theorie mit der physiologischen und psychophysischen Betrachtungsweise gemeinsam hat; und auf diese Analogie illustrativ hinzuweisen, kann, je nach dem konkreten Lehrzweck, sehr wohl pädagogischen Wert haben. Allein solche »Optima« sind nun keineswegs auf »Lebensvorgänge« beschränkt. Jede Maschine z.B. pflegt ein Optimum der Leistungsfähigkeit[397] für bestimmte Zwecke zu haben: eine darüber hinaus verstärkte Zufuhr von Heizstoffen oder Beschickung mit Rohmaterial usw. vermindert zunächst relativ, dann absolut, das Ergebnis ihrer Leistung. Und der psychophysischen »Reizschwelle« entspricht bei ihr die »Anheizungsschwelle«. Der Begriff des »Optimum« ist also, ebenso wie die andren von Brentano angeführten, an ihn anschließenden Begriffe, von noch allgemeinerem Anwendungsgebiet und hängt nicht mit den Prinzipien der »Lebensvorgänge« zusammen. Andererseits steckt in jenem Begriff, wie schon der erste Blick auf die Wortbedeutung lehrt, ein teleologischer »Funktionswert«: »Optimum« – wofür? Er taucht ersichtlich speziell da – es interessiert uns nicht: ob überall und ob nur da – auf, wo wir, ausdrücklich oder stillschweigend, mit der Kategorie des »Zweckes« operieren. Und dies geschieht, indem wir einen gegebenen Komplex von Mannigfaltigkeit als eine Einheit denken, diese Einheit auf einen bestimmten Erfolg beziehen und [sie] alsdann an diesem konkreten Erfolg – je nachdem er erreicht, nicht erreicht, unvollständig erreicht, durch Aufwendung von wenig oder von viel Mitteln erreicht wird – als »Mittel« zur Erreichung seiner bewerten: wo wir also z.B. eine gegebene Mannigfaltigkeit von allerhand verschieden geformten Eisen- und Stahlstücken, welche, auf den Zweck des Entstehens von »Gewebe« aus »Garn« bezogen, sich uns als eine »Maschine« bestimmter Art präsentiert, daraufhin ansehen, wieviel Gewebe bestimmter Art sie in der Zeiteinheit bei Verbrauch bestimmter Kohlenquantitäten und Arbeitsleistungen herstellen »kann«. Oder wo wir bestimmte, aus »Nervenzellen« bestehende Gebilde daraufhin prüfen, welches ihre »Funktion«, d.h. aber: ihre »Leistung« für den »Zweck« sei, als Teile eines lebenden Organismus bestimmte Empfindungen zu vermitteln. Oder wo wir die kosmischen und meteorologischen Konstellationen unter dem Gesichtspunkt der Frage ansehen: wo und wann z.B. eine beabsichtigte astronomische Beobachtung das »Optimum« der Chancen des Erfolges für sich haben werde? Oder: wo wir den wirtschaftlichen Menschen seine Umwelt unter dem Gesichtspunkt der »Sättigung« seiner Bedürfnisse behandeln sehen. Es sollen diese Erörterungen hier nicht weiter ausgesponnen werden, da ich bei anderer Gelegenheit auf diese Begriffsbildungsprobleme, soweit sie auf unserem Wissensgebiet liegen, – denn die »biologischen« Fragen lassen wir besser den[398] Biologen, – zurückkomme. Es ist zu diesen Dingen neuerdings z.B. von Gottl und O. Spann manches Gute gesagt worden neben – speziell bei Gottl – anderem, dem ich nicht beipflichten könnte. Zur Beruhigung sei nur noch bemerkt: daß die Probleme der »absoluten« Werte oder der »universellen Kulturwerte«, um die so viel gestritten wird, oder gar der von Stammler in so arg verwirrender Art statuierte angebliche »Gegensatz« von »causa und telos« mit diesen bloß technischen Fragen der Begriffsbildung, um die es sich hier handelt, rein gar nichts zu schaffen haben, ungefähr ebensowenig, wie die kaufmännische Buchführung – ein zweifellos »teleologisch-rational« zu »deutender« Vorgang – mit der Teleologie einer göttlichen Weltregierung.

Was hier gezeigt werden sollte, war ausschließlich: daß auch jener Begriff eines »Optimum«, auf den Brentano für seine These Gewicht zu legen scheint, weder spezifisch psychologischer, noch psychophysischer, noch physiologischer oder biologischer Natur, sondern daß er einer ganzen Anzahl von unter sich im übrigen sehr heterogenen Problemen gemeinsam ist, und daß er folglich nichts darüber aussagt, welches die Grundlagen der ökonomischen Theorie seien, sicherlich aber nicht die Grenznutzlehre zu einem Anwendungsfall des Weber-Fechnerschen Gesetzes oder irgend eines physiologischen Grundgesetzes stempelt.


Fußnoten

1 R. Kaulla, Die geschichtliche Entwicklung der modernen Werttheorien. Tübingen 1906. Vgl. auch: O. Kraus, Die aristotelische Werttheorie in ihrer Beziehung zu den Lehren der modernen Psychologenschule (Zeitschrift f. Staatswissenschaft, Bd. 61, 1905, S. 573 ff.).


2 Natürlich also auch: ein vom »Innern« des eigenen Körpers ausgehender.


3 Womit natürlich nicht gesagt ist, daß dabei die »Technik« der Buchungen mit der einer heutigen Einzelwirtschaft ganz gleichartig zu denken wäre.


4 Ich sehe nicht recht, worauf die geringschätzige Behandlung der »Oesterreicher« durch Brentano beruht. K. Menger hat methodologisch nicht zu Ende geführte, aber ausgezeichnete Gedanken vorgetragen, und was die, heute üblicherweise auf Kosten des sachlichen Gedankengehalts überschätzte, Frage des »Stils« anlangt, so ist vielleicht nicht gerade er, wohl aber v. Böhm-Bawerk auch darin ein Meister.


Quelle:
Max Weber: Gesammelte Aufsätze zur Wissenschaftslehre. Hrsg. von Johannes Winckelmann. Tübingen 61985, S. 399.
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