Thor

[431] Thor (Nord. M.), nach Odin der oberste und gefürchtetste der Götter. Seine Eltern sind Odin und Frigga, seine Gattinnen waren: die schöne goldhaarige Sif, von der er die Söhne Loride und Mode hatte, und die Jotenjungfrau Jarnsaxa, eine Riesin von solcher Schönheit, dass T., obwohl ein geschworner Feind der Joten, sich nicht enthalten konnte, dieselbe sein zu nennen; sie gebar ihm Magni, seinen Liebling, den Sohn, der unter allen an Muth und Stärke ihm am ähnlichsten war. Furchtbar fährt T. daher, rollend, donnernd, über den Wolken; doch schrecklicher noch ist er, wenn er seinen Kraftgürtel Megingjarder umschnallt, der ihm doppelte Kraft verleiht, mit seinen Eisenhandschuhen den Hammer Mjölner fasst, und zermalmend unter die Feinde der Götter tritt. T.'s Reich heisst Thrudwangr, und der Palast darin, Bilskimer, ist der grösste, der je erbaut worden ist, und hat 540 Säle. Niemand ist so klug, T.'s Thaten alle zu berichten, und der Tag würde nicht hinreichen, um Alles zu sagen; doch sind die vorzüglichsten folgende: Er machte mit seinen Steinböcken, in Gesellschaft des bösen Loke, eine Reise; Abends kamen sie zu einem Manne, den sie um Nachtlager baten; dort schlachtete T. seine Böcke, liess sie zur Mahlzeit braten, und lud seine Wirthsleute ein, mit zu essen, sagte ihnen aber, dass sie die Knochen nicht verzehren, sondern auf die ausgebreiteten Felle der Böcke legen sollten. Als am folgenden Morgen T. weiter wollte, bezauberte er mit dem mächtigen Hammer die Felle, und die Böcke erhoben sich kräftig und jung zu neuem Leben, aber der Eine hinkte, denn Thialfe, des Wirths Sohn, hatte ihm ein Bein zerschlagen, um das Mark daraus zu bekommen. Da wollte T. Alle zerschmettern, doch liess er sich beschwichtigen und dadurch versöhnen, dass der Vater ihm seine beiden Kinder, Thialfe und Röska, als Diener überliess, welches T. annahm und mit ihnen weiter reiste. - Sie übernachteten darauf in dem Handschuh des Riesen Utgartsloki, welcher selbst sich bei ihm unter dem Namen Skirner einfand, und T. die Reise nach seiner (Utgartloki's-) Burg auszureden suchte; doch war diess vergeblich, und die kleinen Hindernisse, welche er ihm in den Weg legte, wie das feste Zuschnüren des Mantelsackes, in welchem der Speisevorrath sich befand, ereiferten T. nur noch mehr, ja er versuchte zu dreien Malen, dem Riesen die Stirne mit dem Hammer einzuschlagen; endlich trennten sie sich, und T. ging mit den Seinen weiter. Um Mittag bemerkte er auf einer Ebene eine so hohe Burg, dass er sie kaum überschauen konnte. Die Reisenden kamen zu einer Gartenthüre, und da T. dieselbe verschlossen fand und nicht[431] öffnen konnte, kroch er mit seinem Gefolge durch die Zwischenräume des Gitters hindurch. Sie fanden nun eine grosse Halle, und in ihr eine Menge sehr grosser Menschen, die auf zwei Bänken sassen, in der Mitte den König Utgartlokj, von beträchtlicher Länge und noch mehr Hochmuth, denn er würdigte die ihn grüssenden Fremdlinge kaum eines Blickes und sagte nur lächelnd; »Der kleine Kerl ist, glaube ich, Aukathor - bist du vielleicht grösser, als du scheinst? Was für Geschicklichkeiten könnt ihr Leute denn verrichten? - hier wird Niemand gelitten, der sich nicht durch eine Kunst oder Wissenschaft auszeichnet.« - Loke antwortete, dass er sich für einen grossen Esser halte, und nicht glaube, dass Jemand mehr leisten könne, als er. »Das wollen wir gleich versuchen,« antwortete der König, hiess einen mit Namen Logi von der Bank aufstehen und sich zum Wettkampf bereit machen; es ward ein mächtiger Trog mit Fleisch auf die Erde gesetzt, an dem einen Ende nahm Loke Platz, an dem anderen Logi, und weil der Erste lange nichts gegessen, so that er sehr viel; die beiden Kämpfer begegneten sich in der Mitte ihrer Bahn, allein, obwohl Loke alles Fleisch verzehrt hatte, so liess doch Logi selbst die Knochen nicht übrig, und auch seine Hälfte des Trogs war aufgefressen. - Alle kamen daher überein, dass Loke das Spiel verloren habe. - »Was kann der junge Mann dort?« frug der König weiter. Thialfi antwortete, er könne in die Wette laufen, und sei erbötig, dieses zu versuchen, mit wem Utgartloki wolle. Der König ging hinaus, rief einen jungen Mann Namens Hugi zum Wettrennen, zeigte eine Bahn nach der Ebene hin und bestimmte ein Ziel. Hugi kam in drei verschiedenen Wiederholungen dem Thialfi stets voran, obwohl der König zugestand, von allen den bisher zur Burg Gekommenen habe noch Keiner besser laufen können, als Thialfi. - Nun wurde T. gefragt, was er könne, da er eines bedeutenden Ruhmes unter den Asen genösse. T. sagte, er wolle sich im Trinken versuchen; der König brachte ein Horn und sprach: es heisst gut getrunken, dieses Horn mit einem Zuge zu leeren, Viele können es erst in zwei Zügen, doch Keiner ist ein solcher Stümper, dass er es nicht beim dritten Male austrinken sollte. T. setzte dasselbe dreimal an und trank aus allen Kräften, doch da er hinein sah, hatte es kaum etwas abgenommen. T. gab es fort und wollte nicht mehr trinken, da sagte der König: »Nun ist es klar, dass deine Macht nicht so gross ist, als wir gewähnt, und du wirst, wenn du noch mehr Kämpfe wagen willst, schwerlich grossen Ruhm einernten.« T. erwiderte, er wolle doch noch mehr versuchen, und er würde sich gewaltig wundern, wenn man daß, was er hier geleistet, klein nennen sollte. Utgartloki schlug ihm nun vor, eine Katze von der Erde zu heben, eine Kleinigkeit, die hier jeder Junge könne, und die er dem mächtigen T. nie vorgeschlagen haben würde, wenn er nicht gesehen, dass dieser bei weitem nicht der grosse Mann sei, für den man ihn gehalten. Hierauf kam eine sehr grosse graue Katze zum Vorschein, welche T. um den Leib fasste und zu erheben versuchte; doch die Katze krümmte den Rücken immer höher, und als T. sich nach Möglichkeit ausgestreckt hatte, konnte er es doch nicht so weit bringen, dass sie mehr als einen Vorderfuss vom Boden erhob. »Es ging, wie ich dachte,« sprach der König, »die Katze ist gross, und T. ist kurz und sehr klein im Vergleich mit denen, die dieses Spiel hier treiben«. - »So klein ich bin,« rief T. ergrimmt, »so fordere ich doch Jeden von euch heraus, mit mir zu kämpfen, denn jetzt bin ich zornig, und fühle meine ganze Götterstärke.« Da sprach Utgartloki: »Hier ist Keiner, der es nicht für ein Kinderspiel halten würde, es mit dir aufzunehmen; doch, ruft mir meine alte Amme herein, die hat wohl mehr Männer niedergeworfen, wie T. ist, mit ihr möge er sich messen.« Es kam Frau Elle, und wie sich T. auch anstrengte, vermochte er doch nicht, sie zum Wanken zu bringen; als aber auch sie ihre Kräfte in Bewegung setzte; vermochte T. nicht lange Widerstand zu leisten, und musste zuletzt auf ein Knie niedersinken, worauf der König die Kämpfenden trennte. - Nach guter Bewirthung und einem warmen Nachtlager zogen die Abenteurer beschämt von dannen; doch da sie zum Thor hinaus waren, sagte der König: »Jetzt seid ihr aus der Burg, wohin ihr, so lange ich Macht habe, nicht wieder kommen sollt, und wohin ihr gar nicht gekommen wäret, wenn ich T.'s Stärke gekannt hätte; wisst, es ist Alles mit Zauberei zugegangen. Zuerst begegnete ich euch im Walde, dort nannte ich mich Skirner, und hatte als solcher den Reisesack mit Eisenstangen zusammengeschnürt, daher du ihn nicht auflösen konntest; darauf schlugst du, T., dreimal mit dem Hammer nach mir; die drei tiefen Felsthäler von viereckiger Form in jenen Klippen mögen dir zeigen, wie du geschlagen, denn ich schob diese Klippen unter den Schlag, doch unsichtbar, daher du sie nicht wahrnehmen konntest. Als ihr nun zu mir kamt und eure Proben machtet, stellte ich dem Loke einen Mann entgegen, der freilich mehr essen konnte, als jener, denn Logi war ein verzehrendes Feuer, das frass natürlich Holz und Knochen mit auf. Thialfi lief mit keinem Andern, als mit meinem Gedanken, in die Wette, und dass dieser früher an's Ziel kommen konnte, als er, ist begreiflich; aber du hast etwas Uebernatürliches geleistet, denn das Horn, das du auszuleeren dich mühetest, stand mit einem Ende im Weltmeere, und du hast so ungeheuer gezogen, dass das Weltmeer auf eine weite Strecke hinein trocken ist, man nennt es jetzt Ebbe. Die Katze, welche du aufhobst, war die Midgardsschlange, und du warst stark genug, sie so hoch zu heben, dass kaum noch Kopf und Schweif die Erde berührte, da sie doch sonst alle Länder umschlingt; du hobst ihr den Rücken so hoch, dass er den Himmel berührte. Endlich, die Alte betreffend, mit der du gerungen hast, so war diese das Alter selbst, und Ehre dem Manne, der dem Alles besiegenden Alter so wenig weicht, als du. Jetzt lebe wohl; obschon ich noch manches Mittel habe, meine Burg zu schützen, so meine ich, es ist für uns Beide das Beste, wenn wir uns nicht wieder begegnen.« T., wüthend, sich so gefoppt zu sehen, griff nach seinem Hammer, allein in dem Augenblick war Utgartloki und die Burg verschwunden, und sie sahen sich auf einer weiten Ebene. - Um sich nun wenigstens an der Midgardsschlange zu rächen, fuhr T. bald darauf mit dem Riesen Ymer auf das Meer hinaus, und so weit, dass dem Riesen Angst und bange wurde; dann warf er an einer mächtigen Angelschnur einen Ochsenkopf in das Wasser, wonach die Midgardsschlange schnappte; doch da sie sich verwundet fühlte, fuhr sie mit solcher Gewalt zurück, dass T.'s Hände, welche die Angelschnur hielten, gegen das Boot fuhren, worauf er seine Götterstärke annahm und sich so gegen den Boden des Schiffleins stemmte, dass seine Füsse hindurch fuhren und er auf dem Meeresgrunde stand. Der Riese zitterte vor Angst, als T. an der Schnur die Schlange in die Höhe zog, sie mit glühenden Blicken anstarrte, und diese ihr Gift gegen ihn strömte; da erhob T. seinen Hammer, doch Ymer schnitt die Schnur ab, und die Schlange fuhr zurück. T. aber stürzte den Riesen mit dem Kopfe zu unterst in's Meer, so dass die Beine emporstanden, und watete auf's Trockene. - Eine andere von des mächtigen Asen Thaten siebe unter Gejrröd und Hrugner, sein Ende aber unter Jormungand. - Auch bei den Wenden ward T. als einer der höchsten Götter verehrt; sie errichteten ihm häufig Bildsäulen, aus einem Weidenbaum geschnitzt, dessen unförmliches Ende das Gesicht des Gottes vorstellte; ein Gerüst um denselben bildete eine Art Altar, auf welchem die Opfer niedergelegt wurden.

Quelle:
Vollmer, Wilhelm: Wörterbuch der Mythologie. Stuttgart 1874, S. 431-432.
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