Wir haben die Festtage im Hause kennen gelernt, uns an dem Sonnenschein im Leben der Familie erfreut; doch die Wolken werden nicht ausbleiben: wo wir heute glückwünschend eingetreten, finden wir oft morgen schon Veranlassung, teilzunehmen an schwerem Leide.

Und doch, wenn wir die mannigfachen Gelegenheiten zur Freude betrachten, die wir eben besprochen, und dann den kleinen Abschnitt, welcher der Trauer in der Familie gewidmet ist, so könnten wir geneigt sein zu denken, daß letztere eine verhältnismäßig nur kleine Rolle im Leben spiele. Ach, wir alle wissen es nur zu wohl, daß dem nicht so ist, daß meist auf eine Minute des Lächelns viele Stunden des Weinens kommen; aber der Schmerz ist nicht mitteilsam wie die Freude, er verbirgt sich scheu vor der Welt, und gar manches Leid, das einen unsichtbaren Trauerflor über eine Familie breitet, verträgt keine Kondolenzbesuche, selbst nicht von seiten der intimsten Freunde. Das Unglück, das den Menschen durch den Menschen trifft, oder welches er sich durch eigene Schuld zugezogen, trägt er[177] meistens am liebsten allein, oder teilt es doch nur mit den treusten Freunden; die Welt, die Gesellschaft beschränkt ihre Teilnahme auf dasjenige Leid, das ihm direkt aus Gottes Hand auferlegt wird, nämlich Krankheit und Tod.


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Calm, Marie: Die Sitten der guten Gesellschaft. Stuttgart 1886, S. 175-178.
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