Essig, entwässerter

[269] Essig, entwässerter (Acetum concentratum). Die einfachste Methode, den gewöhnlich so sehr mit Wässerigkeit überladenen rohen Essig zu verstärken, besteht darin, daß man ihn bei heftiger Winterkälte in flache Gefäse hinstellt, und das nach mehrern Stunden entstandene Eis, welches fast aus blosem Wasser besteht, sorgfältig davon nimmt; der ungefrierbare Rest ist sehr verstärkter Essig (acetum per frigus concentratum), welcher aber mit Extraktivstoffe belästigt, zähe, braun, dem Umschlagen leicht unterworfen, und daher zu den meisten Arbeiten untauglich ist.

Dieser durch Frost verstärkte Essig (acetum per frigus concentratum) läßt sich aber zum Essigalkohol (Alcohol aceti), welcher mit dem Radikalessig (acetum radicatum) eins ist, das ist, zur reinen starken Essigsäure umarbeiten, wenn man ihn nach Lowitz mit so viel Kohlenpulver anmengt, daß ihn letzteres ganz verschluckt, diesen dicklichen Brei in eine Retorte schüttet, und alles bei starkem Feuer bis zur Trockenheit übertreibt. Vermischt man das Uebergegangene wieder mit hinlänglich viel Kohlenpulver und rektifizirt es, so bekömmt man einen höchst reinen, starken und angenehmen Radikalessig.

Da man aber den rohen Essig nur in wenig Tagen des Jahres durch Frost konzentriren kann, und es dann im Sommer daran fehlen könnte, so darf man nur, wie beim destillirten Essig gedacht worden ist, die letzte sauerste Portion bei der Destillation des rohen wässerigen Essigs mit Kohlenpulverzusatz, besonders auffangen, und diesem höchst sauren Essiggeiste seine etwa noch anklebende Bränzlichkeit durch nochmalige Rektifikation über frisches Kohlenpulver benehmen.

Gewöhnlich nennt man aber Radikalessig (acetum radicale radicatum), die aus essigsauren trocknen Mittel- und Neutralsalzen ausgetriebne Essigsäure.

Die Alten bedienten sich hiezu des krystallisirten Grünspans, den sie vor sich aus einer Retorte destillirten, bis zum Glühen der Gefäse, und erhielten zuerst ein saures Wasser, zuletzt aber eine schwere röthliche, sehr ätzende, aber übelriechende, kupferhaltige Gewächssäure (acetum radicatum ex aerugine, spiritus aeruginis, spir. viridis aeris, spir. veneris, Grünspangeist), welche nochmals durch Uebertreiben rektifizirt werden mußte,[269] um sie von einem merklichen Antheile Kupfer zu befreien. Weit reiner würde man die Säure erhalten haben, wenn man sie aus dem krystallisirten Grünspane nicht vor sich, sondern mittelst der Vitriolsäure ausgetrieben hätte. Man bediente sich des Grünspangeistes theils zu arzneilichen Essigen, theils auch vor sich in Gallenkrankheiten; sein Gebrauch ist aber veraltet.

Einen andern Radikalessig hat man aus dem mit der Hälfte Vitriolöl gemischten Bleizucker erhalten, da man das Gemisch bei gehörig starkem Feuergrade destillirte. Man fürchtet sich aber, dieses Produkt als innerliche Arznei zu verordnen.

Weit sichrer und eben so konzentrirt ist der Radikalessig, welcher aus dem Blättersalze (Potaschessigsalze) durch Vitriolsäure ausgetrieben wird; aber er ist gar sehr mit flüchtiger Schwefelsäure überladen, die man schwerlich davon absondern kann.

Derjenige Radikalessig hingegen ist allen übrigen an Stärke, Reinigkeit und angenehmem Geruche vorzuziehn, welchen man erhält, wenn man zwei Theile weißes, wohlkrystallisirtes und völlig trocknes Sodaessigsalz (welches man sonst krystallisirbare Blättererde genannt hat,) mit Einem Theile reinem Vitriolöle in einer gläsernen in der Sandkapelle liegenden Retorte vermischt, und bei mäsigem Feuer die reine in weißen Dämpfen aufsteigende Essigsäure übertreibt.

Einige haben das Minerallaugensalz mit destillirtem Essige gesättigt, und bis zur Trockenheit eingedickt zu dieser Bereitung genommen; man thut aber besser, nur das krystallisirte, ganz weiße Sodaessigsalz dazu zu nehmen, weil dann die gelbere Mutterlauge entfernt bleibt.

Dieser Essiggeist ist zugleich der beste zur Bereitung des Essigäthers.

Fast auf gleiche Art wird Lowitzens Eisessig (acetum glaciale) erhalten, eine in zolllange prismatische Krystallen anschießende Essigsäure von 1,530 spezifischem Gewichte, welche ihre krystallinische Gestalt in tiefen Kellern behält. Zu dieser Absicht vereinigt man vier Theile Weinsteinsalz mit der heißen Mischung von sieben Theilen Vitriolöl und eben so viel Wasser. Die beim Erkalten der Flüssigkeit anschießenden platt rautenförmigen Krystallen sind ein mit Vitriolsäure übersättigter Vitriolweinstein, welcher etwas abgespühlt und bei Wärme getrocknet in der Menge von acht Theilen mit drei Theilen über starkem Feuer geschmolzenen Sodaessigsalze zusammengerieben wird. Das Gemisch destillirt man aus einer Retorte bei so gelinder Wärme, daß die Vorlage von den Dämpfen nie völlig angefüllt wird. So erhält man gewöhnlich aus 300 Pfund rohem Weinessige 7 Pfund Eisessig. Den ihm noch anklebenden rettichartigen Geruch kann man ihm durch nochmalige Uebertreibung mit 5 bis 6 Theilen Kohlenpulver benehmen.


Quelle:
Samuel Hahnemann: Apothekerlexikon. 1. Abt., 1. Teil, Leipzig 1793, S. 269-270.
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