9 [20] Brief an Marie Schnür

Pasing, 8.10.1905


Liebes Fräulein, warum verhalten Sie sich denn gar so stumm und schweigsam. An Ihrer Reihe ist es, zu erzählen; von mir kann ich nichts sagen, als daß ich male, male – –. Die Anregung zu diesen Zeilen gab mir heute eine alte Nummer der ›Kunst für alle‹, in der viele Courbets und Daubignys abgebildet waren. Meine ganze Sehnsucht und Begeisterung für diese wunderbaren Maler wurde wieder rege und machte mich ganz krank. Gerade daß es ›Landschafter‹ waren, und wir in München es eigentlich so wenig oder gar nicht sind, machte mich so sehnsüchtig danach, wieder einmal jene Sachen zu sehen. Z.B. Cheintreuils ›Der Raum‹ (›l'espace‹, glaub ich), das im Louvre hängt, erinnere ich mich so deutlich. Man weiß nicht, wie man's sagen soll: Haben sie die Natur so beseelt, oder hat die Natur sie beseelt, – es ist alles Seele und unsagbare Liebe, was aus diesen Landschaften spricht. In betreff Daubignys mache ich Sie aufmerksam, daß die Bilder, die in der Sammlung Thomy-Thiery im Louvre hängen, durchaus nicht alles über Daubigny sagen. Er hat gegen Ende seines Lebens riesige Bilder voll Erregung und Glut, fast wie von dionysischem Taumel ergriffen, gemalt, skizzen haft und wild, ganz Farbe ... Ich habe nie eines zu Gesicht bekommen ... Ab November arbeite ich mit Buchner zusammen; er kommt jetzt schon oft zu mir; ich profitiere viel von ihm und seiner gründlichen Zügel-Schulung. Er hofft, daß Zügel zu Korrektur zu uns kommt. Das wäre natürlich sehr erwünscht. Nun Adieu ... Ihr ergebener

Franz Marc

Quelle:
Franz Marc: Briefe, Schriften, Aufzeichnungen. Leipzig: Gustav Kiepenheuer, 1989, S. 20.
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