An

[260] Án, eine Präposition, welche überhaupt die Bedeutungen der Partikeln in und nahe in sich vereinigt, und so wohl mit der dritten, als mit der vierten Endung gebraucht wird.

I. Mit der dritten Endung, oder dem Dative, wird sie gebraucht, einen Ort, einen Gegenstand, ein Mittel, und eine Zeit zu bezeichnen.

1. Einen Ort, und zwar,

1) Das Daseyn oder eine Bewegung in einem Orte oder in einer Sache; da sie denn für in stehet, aber nicht willkürlich gebraucht werden kann, sondern nur in solchen Fällen, wo der Gebrauch sie einmahl eingeführet hat. An meiner Statt, an eurer Statt. Ich habe es an seiner Statt gethan. S. Anstatt. Wenn sie an meiner Stelle wären. Am Leben seyn oder bleiben. Er hat es an der Art, im gemeinen Leben, es ist seine Art so. Am Tage liegen, augenscheinlich, unläugbar seyn.


Wie spielt die schöne Blase nicht

So bunt am goldnen Sonnenlicht?

Weiße.


Besonders begleitet an gern das Hauptwort Ort, wenn der Verstand das Vorwort in fordert. An einem Orte wohnen, warten, bleiben, stehen, u.s.f. Er hat an diesem Orte seinen Sitz. Er ist der reichste Mann an diesem Orte. Ich habe diese Gewohnheit an vielen Orten angetroffen. An einem Orte zusammen kommen. An allen Orten; wo an auch ausgelassen, und Statt desselben der Genitiv gesetzet werden kann.


Aller Orten trifft er dann

Früchte seiner Arbeit an,

Weiße.


Vor andern Adjectiven ist solches im Hochdeutschen nicht nachzuahmen, ob es gleich in Oberdeutschland häufig geschiehet. Z.B. Um es gehörigen Ortes anzubringen. Dessen Inhalt diensamer Orten kund zu machen. Bey den besondern Benennungen der Örter findet es in der Bedeutung der Präposition in nicht Statt, indem man nicht sagen kann, an einer Stadt wohnen, an dem Dorfe bleiben.

Auch hat sich dieses Wort im gemeinen Leben bey Anführung einer Stelle aus dem Kapitel eines biblischen Buches noch in einigem Ansehen erhalten; wovon die Ausdrücke: Lucä am ersten, Matthäi am letzten Kapitel zeugen. Dieser Gebrauch, welcher doch schon großen Theils, und zwar mit Recht, veraltet ist, ist ein Überrest der Oberdeutschen Mundart, welche an in mehrern

Fällen, die im Hochdeutschen nicht mehr üblich sind, für in gebraucht. In dem 1472 zu Augsburg gedruckten Buche Belial heißt[260] es beständig: an dem Buch das heißt decret; an dem Kapitel das sich anhebt, imperator u.s.f.

Hierher gehöret auch der Gebrauch, da an dem Reciproco sich zugesellet wird, eine Sache ohne Beziehung auf andere zu bestimmen. Der an sich todte Reichthum. Sage mir, wie die Sache an sich selbst ist. Da denn um des Nachdruckes willen auch wohl die Präposition für dazu gesetzet wird. An und für sich selbst.

2) Die unmittelbare Verbindung einer Sache mit der Seitenfläche einer andern im Stande der Ruhe anzudeuten. An der Wand hängen. Am Fenster sitzen. An der Thür horchen. Hart an der Mauer wohnen. Die Ochsen stehen am Berge. Die Sterne am Himmel betrachten. An dem Wege sitzen. Frankfurt an der Oder, Cöln an der Spree. An der Krücke gehen, an der Krücke gestützt seyn, und so gehen. Einen an der Hand führen, ihn an der Hand halten und führen. An meiner Seite sank der tugendhafte Jüngling für sein Vaterland, indem er an meiner Seite stand. An dem Berge herum gehen, sich an dem Berge befinden und herum gehen.

In weiterer und zuweilen figürlicher Bedeutung, an welcher das dabey befindliche Verbum oft den größten Theil hat, dienet es, verschiedene Arten der so wohl wesentlichen als zufälligen Verbindung zweyer Sachen anzudeuten. Es ist nichts als Haut und Knochen an ihm. Ich muß wissen, was an ihm ist, was für einen Werth er hat. Es ist nichts an der Sache, die Nachricht von derselben ist ungegründet. An Ketten liegen. Ziehet nicht am fremden Joche. Er ist Prediger an der Frauenkirche, Rector an der Thomasschule. Diener am Worte Gottes. An dem Hofe leben, sich am Hofe aufhalten. An Höfen fällt es schwer das Alter zu erreichen, Haged. Die Sache ist am Kammergerichte anhängig, wird am Reichshofrathe, am Oberhofgerichte anhängig gemacht. Er hat viele Fehler, Unarten, Tugenden, Laster an sich. Eine böse Krankheit an sich haben. Diese Unart leide ich nicht an dir. An einem unschuldigen Herzen werden die kleinen Fehler unmerklich, Gell.


Und Göttern etwas abzuschlagen,

Sey auch an keiner Dame schön,

Wiel.


Krank am Leibe, an der Seele. Die Ursache, die Schuld liegt an ihm, er ist Schuld, Ursache daran. Es ist mir viel daran gelegen. Die Sache liegt mir sehr am Herzen.

2. Einen Gegenstand, und zwar,

1) Den Gegenstand eines so wohl thätigen als leidenden Zustandes des Leibes und des Geistes zu bezeichnen. Du arbeitest lange an dieser Sache. Am Hungertuche nagen, figürlich, für Hunger leiden. Sich am ersten Gerichte satt essen. Sich an Äpfeln krank essen. Ich schreibe an der letzten Seite. Etwas an der Schuld bezahlen. Händel an einem suchen. An einem zum Mörder, zum Verräther werden. Sie versündigen sich an mir. Sich an einem rächen. Wunder an einem thun. Theil, Antheil an etwas haben. Sich an einem spiegeln. Er hat mir vielen Schaden an meiner Gesundheit gethan. So auch: Sich an etwas ärgern, vergnügen, erquicken, belustigen. Gefallen, Lust, Freude, Mißfallen, Abscheu an etwas haben. Etwas an einem tadeln, loben. Ich vermisse noch viel daran. Ich habe viel daran auszusetzen. Ingleichen. An der Schwindsucht sterben. Am Fieber darnieder liegen. An einem Kirschkerne ersticken.

2) Den Gegenstand der Ordnung. Es ist an mir, an dir, an ihnen. Heute an mir, morgen an dir.

3) Den Gegenstand des Besitzes, Mangels und Verlustes. Ich habe einen wahren Freund an ihm. Der Mensch hat an[261] seinem Gesichte den wachsamsten Hüter wider die Gefahren des Lebens, Gell. Du glaubtest an mir einen Nebenbuhler zu finden. Sie wissen noch nicht, was sie an mir verlieren. Haben sie nicht an mir genug? Hundert Thaler an Äckern, an barem Gelde. Er hat so viel an Arzeneyen erhalten. An meinem Gehorsam soll es gewiß nicht fehlen. Es fehlet an Wein. Besonders mit den dahin gehörigen Adjectiven. Reich an Hausrath, an liegenden Gründen. Arm an Freuden. Leer an wahrer Liebe. Arm an Geist, wenig Geist oder Witz habend, dagegen arm am Geiste nur den Sitz der Armuth ausdrückt.

4) Den Gegenstand des Vorzuges, der Stärke, Schwäche u.s.f. Einen an Tugend, an Klugheit, an Reichthum übertreffen. An Jahren zunehmen. An Kräften abnehmen. Er ist noch ein Kind am Verstande.


Groß an Gestalt, am Geiste klein,

Weiße.


3. Das Mittel, doch nur das Mittel einer Erkenntniß. Ich erkannte seine Stimme an einem großen Gelächter. Man kennet das Silber an dem Klange. Daran will ich sehen, ob du mich lieb hast.

4. Eine gegenwärtige und vergangene Zeit. Am Anfange. Am Ende. Am Morgen. Am Abend. Es ist noch hoch an der Zeit. Es ist an dem, es ist nahe bevor stehend. Es ist an dem, daß ich fort muß. In einer andern Bedeutung ist an dem so viel als wahr. Es ist an dem, daß er es gethan hat, es ist wahr. Doch muß man auch hier dem Herkommen sein Recht lassen, indem an in dieser Bedeutung nicht nach Gutdünken gebraucht werden kann. Es ist z.B. wider den Sprachgebrauch, wenn es bey Rosten heißt:


Er ward der Macht der schönsten Schäferinnen

An mancher unruhvollen Nacht

Zu seiner schönsten Marter innen.


Am liebsten stehet an in dieser Bedeutung so wohl bey dem Hauptworte Tag, als auch bey den Nahmen der Wochen- und Feiertage. Am dritten Tage. An jenem Tage. Am Tage des Gerichts. Es geschahe am hellen Tage. Haltet jeden Tag für verloren, an dem ihr nicht eine Wohlthat erweiset. Am Sonntage sagte er mirs. An vorigen Ostern, an Pfingsten, habe ich ihn gesprochen. An wegzulassen, und dafür den Genitiv zu setzen, z.B. welches Tages du davon issest, ist im Hochdeutschen ungewöhnlich.

5. Endlich wird diese Präposition auch zu den Superlativen gesetzet, und macht alsdann Adverbia aus ihnen: am besten, am liebsten. S. Am.

II. Mit der vierten Endung, oder dem Accusative, wird sie gebraucht, so wohl das Ziel einer Bewegung oder Richtung des Gemüthes, als auch eine Zeit zu bezeichnen.

1. Das Ziel einer so wohl körperlichen als geistigen Handlung.

1) Den Gegenstand, auf welchen eine körperliche Bewegung gerichtet ist, sie mag nun in eigentlichem oder figürlichem Verstande zu nehmen seyn. An einen Pfahl binden. An den Baum, an die Wand hängen. Einem etwas an den Kopf werfen. An die Tafel schreiben. An eine Blume riechen. Das Feuer brannte mich an die Finger. Sich an etwas halten. Halte dich an mich, an mein Wort, verlasse dich auf mich, auf mein Wort. An seine Arbeit gehen. Sich an einen Ort begeben. Hand an einen legen, im figürlichen Verstande. Einen an den Galgen führen. Einem das Messer an die Kehle setzen. An den Hof gehen. Das Gift dringet schon an das Herz. Einen Bothen an einen schicken. Es ist ein Bothe an mich da. Salz an die Speisen thun. Sich an einen Stein stoßen. Sein Haus stößet an das meinige. An das Ufer fahren. An Bort[262] gehen. Einem an die Hand gehen. An den Bettelstab kommen, gerathen, bringen. Etwas an seine Stelle setzen. Setze dich an meine Stelle. Etwas an einen verkaufen, verhandeln. Er hat seine Tochter an einen Edelmann verheirathet. Hand an das Werk legen. Eine Schrift an das Licht treten lassen. Etwas an den Mann bringen. Die Reihe kommt an dich. Ich wandte mich an ihn. Ich habe viel an ihn gewendet. Er hats an mich gebracht, mich dazu gereitzet. Etwas an sich bringen, an sich ziehen. Mit etwas an sich halten, es zu verschweigen, zu verbergen suchen. An einen Freund schreiben. Es ist ein Brief an mich da. Etwas an einen berichten. Nur muß man sich hüten, an nicht in solchen Fällen zu gebrauchen, wo der Sprachgebrauch dieses Vorwort nicht eingeführet hat. Etwas an einen geben, (außer wenn es für abgeben stehet, ich habe es an ihn gegeben, d.i. abgegeben,) an einen melden, für einem etwas geben, oder melden, ist ungewöhnlich.

Wenn dieser Gegenstand zugleich die Grenze der Bewegung oder der Handlung ist, so wird der Präposition noch das Wörtchen bis zugesellet. Das Wasser ging ihm bis an die Schultern. Er dringet mit seinem Frevel bis an den Thron des Fürsten. Bis an das Ende der Welt gehen. Sey getreu bis an den Tod.

Hierher gehöret auch der figürliche Gebrauch mit dem Verbo gehen. Es gehet an ein Lästern, an ein Schreyen, an ein Fluchen, an ein Toben, man fängt an zu lästern u.s.f. In welcher Bedeutung es schon bey den Schwäbischen Dichtern heißt: Swenne es an ein scheiden gat.

2) Besonders für hinan, oder hinaufwärts, in welchem Falle an hinter dem Hauptworte zu stehen kommt, und dieses seinen Artikel wegwirft. Berg an. Himmel an. Bald stieg sie Himmel an, Dusch. Wenn Wogen Himmel an vom Sturm geschleudert fliegen, ebend. Felsen an, Klopst. Die Hoffnung arbeitet gegen alle unsere Schrecken an, Dusch. Aber auch hier muß man den Sprachgebrauch nicht aus den Augen setzten. Denn wenn Opitz sagt:


Der Weinstock breitet sich Baum an;


Ingleichen:


Die Wahrheit reichet Wolken an,


so ist solches im Hochdeutschen nicht nachzuahmen.

3) Der Gegenstand einer Richtung des Gemüthes, oder einer andern unkörperlichen Handlung. An etwas denken. An einen glauben. Sich an etwas erinnern. Anspruch an etwas machen. Sich an etwas gewöhnen. An wen halten sie diese Traurede? Gell. Ich kehre mich nicht an deinen Zorn. Eine Frage, Bitte an einen thun. Aber nicht, wie in Oberdeutschland gewöhnlich ist, etwas an einen begehren.

4) Für bey nahe, ungefähr, im gemeinen Leben und der vertraulichen Sprechart. Es sind schon an die hundert Jahre. Es hat mir an die zehn Thaler gekostet.

2. Eine Zeit, doch nur, wenn das Ziel einer Handlung der Zeit nach ausgedrucket werden soll, und in Verbindung mit dem Wörtchen bis. Von dem Morgen bis an den Abend. Bis an den Tag seines Todes. Bis an den hellen Morgen schlafen. Bis an das Ende der Welt.

Anm. 1. Es gibt Fälle, wo an mit einerley Verbo, und in einerley Bedeutung, obgleich in verschiedenen Rücksichten, mit beyden Endungen richtig gebraucht wird. Z.B. Daß sie sich lagern ans Meer, 2. Mos. 14, 2, und: daß er sich lagern sollte an der Grenze, 1. Maccab. 15, 39. Pflanze dein Volk an deinen heiligen Ort, 2. Marc. 1, 29, und: ein Baum am Wasser gepflanzet, Jer. 17, 8. Gepflanzet an den Wasserbächen, Ps. 1, 3. Jesus satzte sich an das Meer, Matth. 13, 1, und: Elias satzte sich am Bache, 1. Kön, 17, 5. Fehlerhaft hingegen[263] sind: Gebunden an der Thür, Marc. 11, 4. Der Glaube an Christo Jesu, Gal. 3, 26. Er hält sich nicht an dem Haupte, Coloss. 2, 19.

In andern Fällen hingegen macht die Veränderung der Endung auch eine merkliche Veränderung der Bedeutung. An die Thür pochen, wo die Thür der Gegenstand ist, auf welchen die Bewegung des Pochens gerichtet ist, und an der Thür pochen, an der Thür stehen und pochen. So auch, an der Tafel schreiben, und an die Tafel schreiben; an die Angel beißen, und an der Angel beißen; an dem Berge herum gehen, an den Berg gehen, und Berg an gehen.

Anm. 2. Zuweilen wird an, auch außer der Zusammensetzung zu einem bloßen Umstandsworte; und zwar, (1) wenn es mit von verbunden wird, einen Terminum a quo anzudeuten. Von Kindes Beinen an. Von nun an. Von Stund an. Von der Zeit an. Von Heute an. Von hier an. Von diesem Baume an. (2) Wenn es mit den Umstandswörtern oben, unten, und neben verbunden wird. Oben an sitzen. Unten an stehen. Neben an wohnen. Bey an, für neben an ist Niedersächsisch. Hierher gehöret auch, (3) die Oberdeutsche Redensart um und an, für durchaus, gänzlich, welche im Hochdeutschen veraltet ist, aber noch oft bey den Schlesischen Dichtern vorkommt.


Herr dein Gericht ist warlich um und an,

Gerechtigkeit,

Opitz.


Er wird die Völker um und an

Wie recht und billig ist entscheiden, ebend.

Ach so ist es um und an

Um die ganze Welt gethan!

Gryph.


Anm. 3. In der adverbischen Redensart an einander, muß bald der Dativ bald der Accusativ verstanden werden, nachdem das dabey befindliche Verbum, oder der Zusammenhang es erfordert. Sie liefen alle an einander, einer an den andern. Die Äcker liegen an einander, einer an dem andern. Drey Tage an einander, einer an dem andern. Von den Fällen, in welchen dieses Vorwort mit dem Artikel zusammen gezogen wird, S. Am und Ans.

Anm. 4. In der Aussprache dieser Präposition kommen die Deutschen Mundarten nicht überein. Die meisten Oberdeutschen, besonders die Schlesier, sprechen sie gedehnt aus, als wenn sie ahn geschrieben wäre. Die Niedersächsischen Mundarten geben ihr hingegen einen geschärften Ton, und haben darin auch die Hochdeutschen auf ihrer Seite, nur daß diese das an in der Zusammensetzung, und wenn es ein bloßes Umstandswort ist, gerne dehnen, annehmen, wie ahnnehmen; ingleichen wenn es hinter dem Substantivo oder einem Umstandsworte stehet, Berg ān, oben ān, von hier ān.

Anm. 5. In vielen seiner Bedeutungen ist an aus in entstanden, ja es ist weiter nichts als diese Präposition selbst, an welcher die Oberdeutsche Mundart das i in das breitere a verwandelt hat. Daher kommt es auch, daß es in Oberdeutschland zu allen Zeiten einen weitern Umfang gehabt hat, als es jetzt im Hochdeutschen hat. Iz was imo ana henti, es war in seinen Händen, Ottfr. Gotes Geist imo ana uuas, Gottes Geist war in ihm, ebend. An Gote, in Gott, Notk. An dinem Arme, in deinem Arme, Schwäb. Dicht Neydelhard lag an seiner Ruh, Theuerd. Kap. 57. Am pet liegen, ebend. Ein jeder zog an sein Gemach, ebend. Kap. 17. In manchen Fällen vertritt es in Oberdeutschland auch die Stelle der Präposition auf. Z.B. An das jaid reiten, auf die Jagd, Theuerd. Kap. 68. Ingleichen der Präposition zu: An dir stet aller min gedank, Dithmar von Ast. Wie auch der Präposition von: Sie begehrten an ihm ein[264] Zeichen vom Himmel, Marc. 8, 11. welche Arten des Gebrauches im Hochdeutschen insgesammt gleich ungebräuchlich sind.

Anm. 6. Diese Präposition ist schon in den ältesten Zeiten mit einigen Partikeln zusammen gesetzet worden; denn daß die letzte Sylbe in oben, unten, hinten, neben, vorn oder vornen, unser an ist, erhellet aus den alten Schreibarten obana, untana, hintana, vorana. Weil es aber hier durch die Aussprache oft sehr unkenntlich wird, so setzet man es in manchen Fällen noch einmahl daran; S. Anm. 2. In der Oberdeutschen Mundart wird auch diese Partikel, so wie andere mehr, sehr gemißbraucht, so genannte Nachdrücke zu bilden, die oft weiter nichts als müßige Verlängerungen sind; wohin das fornen an, für vorn bey dem Opitz Ps. 139, das füran, hinfüran, im Theuerdank, für künftig, und das anher, ansonst, anwo, andurch, anheut, annebst, annebenst, anbenebenst, anwiederum, anforderist, anmit, anzu u.a.m. der heutigen Oberdeutschen gehören. S. En 3. Enhinter für anhinter hat auch Luther 2. Mos 3, 1. aufgenommen, und anjetzt, annoch, und anbey sind auch unter den Hochdeutschen üblich geblieben.

Anm. 7. In der Zusammensetzung mit Nenn- und Zeitwörtern kommt an in den meisten der oben angeführten Bedeutungen vor. Am häufigsten aber bezeichnet es: (1) eine Verbindung mit der Seitenfläche eines andern Körpers, so wohl in eigentlicher als figürlicher Bedeutung; wie in anbiegen, anbinden, anfesseln, anflechten, anflicken, anfrieren, anliegen u.s.f. in welchem Falle denn an mit der vierten Endung des Substantives wiederhohlet wird, wenn das Verbum nicht absolute stehet. (2) Eine Berührung der Seitenfläche eines andern Körpers, wie in anfahren, andrängen, anfallen, anfliegen, anfließen, angrenzen, anklopfen. Auch hier wird an wiederhohlet und ihm meisten Theils die vierte Endung des Nennwortes zugesellet. (3) Eine Bewegung und Richtung nach einem Orte oder Gegenstande; wie in anbellen, anbetteln, anfallen, anfeinden, angehen, anblasen, anhauchen, anblicken, anbrüllen, angaffen, anlachen, u.s.f. welche Verba insgesammt mit der vierten Endung des Gegenstandes verbunden werden. Ingleichen in anbefehlen, anbiethen, anbringen, anfluchen, anwünschen, angeloben, anpreisen u.s.f. welche Verba, wenn sie thätig sind, die dritte Endung der Person und die vierte Endung der Sache erfordern. Zuweilen bedeutet an so viel wie heran, wie in anaßen, andringen, Steine oder Sand anfahren, anflößen, ankörnen, anlocken, u.s.f. wo bloß die vierte Endung der Sache Statt findet. In andern Fällen sticht besonders der Begriff der Fülle oder des Wachsthumes hervor, wie in anhäufen, anfüllen, das Wasser läuft an, wächset, einen Teich anlassen, sich anfressen, u.s.f. Hierher gehören auch die im gemeinen Leben üblichen Redensarten mit dem Verbo kommen: angekrochen, angestiegen, angeschlichen, angeflogen kommen. (4) Den Anfang einer Handlung, dergleichen sind: anbeißen, anbohren, anbrechen, anbrennen, anfahren, in der Sprache der Bergleute, anfaulen, anfressen, anhauchen, anschälen u.s.f. Wobey, (5) oft der Begriff der Wenigkeit oder eines geringen Grades der Handlung, oder derjenigen Beschaffenheit, die das damit verbundene Wort ausdruckt, der herrschende wird; wie in anfrischen, anfeuchten, anschrecken, annetzen, anmischen u.s.f. und in den Nennwörtern Anberg, Anhöhe, Anerle, Anklipp, anrüchtig, u.s.f. welche figürliche Bedeutung, die auch in der Niedersächsischen Mundart sehr häufig ist, theils aus dem Begriffe des Anfanges, theils der Näherung herzuleiten ist. S. auch Ähnlich. (6) Für in wie in anwesend, Anwesenheit; wo es in manchen Fällen bloß nach dem Lateinischen gebildet worden, wie anstellen nach instituere, anstiften nach instigare u.s.f. (7) In Ansatz, Anleit, ansetzen,[265] anleiten, wenigstens in der gerichtlichen Bedeutung dieser Wörter, ist es aus ein entstanden; so wie (8) in Anwerden aus ohne, und (9) in Anlehnen aus ent. (10) Einige setzen noch eine verstärkende Bedeutung des an hinzu, wo an bloß um des Nachdruckes willen stehen soll; allein die meisten der zum Beyspiele angeführten Zeitwörter gehören doch eigentlich zu einem der vorigen Fälle, obgleich durch den figürlichen Gebrauch die wahre Bedeutung des an verdunkelt wird. Andere aber, wie das Oberdeutsche anerfordern, anermessen, anerlauben, anbedeuten, angewähren, anhoffen, angegründete Hoffnung, anerwägen, angönnen, andauern, und hundert andere, sind bloße langweilige Verlängerungen, deren man sich im Hochdeutschen zu enthalten hat, obgleich selbige auch schon in dem Lateine der mittlern Zeiten angetroffen werden, wo man advivere, apperpettius, adhabere, adhumatio, adgnasci, adstatim, adsimulare, adreddere, für vivere, perpetuus, habere, humatio, nasci, statim u.s.f. findet.

Anm. 8. Im Gothischen und Alemannischen lautete diese Präposition ana, und daher kommt es auch, daß die heutigen Oberdeutschen sie noch gedehnt aussprechen. Bey beyden war sie in den meisten Fällen mit in einerley. Bey den Angelsachsen hingegen lautete sie schon im 9ten Jahrhunderte on, welches die Engländer unverändert beybehalten haben. Das Griechische ανα, das Latein. an in Zusammensetzungen, und das Franz. en, welches zum Zeichen seiner Abstammung noch ang ausgesprochen wird, haben mit an die genaueste Verwandtschaft. In den Slavonischen Mundarten lautet dieses Vorwort na, welches denn dessen Übereinstimmung mit nahe, wenigstens in einigen Bedeutungen, bestätiget.

Quelle:
Adelung, Grammatisch-kritisches Wörterbuch der Hochdeutschen Mundart, Band 1. Leipzig 1793, S. 260-266.
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