Angel, die

[301] Die Angel, plur. die -n, Diminutivum Angelchen, ein Wort, welches in denjenigen Fällen, in welchen es heut zu Tage gebraucht wird, vornehmlich einen doppelten Begriff mit sich führet.

1. Den Begriff der Spitze, und da wird es, 1) in vielen Fällen für einen jeden Stachel gebraucht. So werden in den Oberdeutschen Mundarten die Stacheln der Bienen, Wespen u.s.f. Angeln genannt. Besonders, 2) der spitzige Theil verschiedener Werkzeuge, vermittelst dessen sie in den Häft, oder auf andere ähnliche Art befestiget werden. In diesem Verstande wird dem Amboße, den Sensen, den Degenklingen, den Feilen, den Messern u.s.f. eine Angel zugeschrieben. 3) Derjenige eiserne Haken, in welchem die Thür hänget, und um welchen sie sich beweget; die Angel, oder Thürangel. Eine Thür aus den Angeln heben. Zwischen Thür und Angel seyn, oder stecken, sich zwischen zwey gleich unangenehmen Fällen befinden. So auch: sich zwischen Thür und Angel legen, sich in die Nothwendigkeit setzen, von zwey gleich unangenehmen Fällen einen zu erwählen.


Und hat in Fesseln an der Höllenpforten Angel

Die Zwietracht hingebannt,

Raml.


Siehet man auf die heutige Gestalt dieser Angeln, so müßte man ihren Nahmen aus dem folgenden Begriffe der Krümme herleiten.[301] Allein anfänglich bestand eine solche Angel bloß aus einem geraden, spitzigen Eisen, welches sich unten senkrecht in der Thür befand, und sich in einer darunter befindlichen Pfanne umdrehete, dergleichen noch die Thorwege auf dem Lande haben. In Niedersachsen heißt eine Angel in der heutigen Gestalt Häspe und Hänge, in Österreich der Kegel, Schwed. Hurrhaka, von hurra, wenden, drehen. Figürlich wurden ehedem auch die Pole der Welt und der Erde Angeln genannt, welche Benennung heut zu Tage nur zuweilen noch bey den Dichtern vorkommt.


Daß noch die ganze Welt in ihren Angeln geht,

Günth.


2. Den Begriff der Krümme, besonders in demjenigen Werkzeuge, welches zum Fischen gebraucht wird, und aus einem Häkchen mit einem Widerhaken bestehet. In weiterer Bedeutung wird auch das ganze Werkzeug, von welchem die eigentliche Angel ein Theil ist, eine Angel genannt. Angeln legen. Der Fisch hat an die Angel gebissen. In noch weiterer Bedeutung heißen noch mehrere mit Widerhaken versehene Werkzeuge und deren Theile Angeln; z.B. Fußangeln.

Anm. 1. Angel für Winkel ist veraltet, und stammet zunächst von dem Latein. angulus her. Die gleichfalls veraltete Benennung der Angeltugenden, d.i. der Haupt- oder vornehmsten Tugenden ist eine buchstäbliche Übersetzung der Lateinischen Benennung virtutes cardinales. Skinner leitet Angel, besonders in der letzten Bedeutung, von hangen her, weil sie in das Wasser gehänget wird, welcher Ableitung das Holländ. Hangel und Hengel günstig zu seyn scheinet. Nach Wachtern ist anken, inserere, infigere, das Stammwort, dem auch Ihre beypflichtet. Allein es scheinet, daß Angel in seinen zwey verschiedenen Bedeutungen auch eine gedoppelte Abstammung habe, aus welchen, bloß zufälliger Weise, ein und eben dasselbe Wort geworden. In beyden ist es vermittelst der Ableitungssylbe -el, von der Wurzel Ang gebildet, von welcher bey den Alten noch Spuren vorkommen. Die ältesten Franken hatten eine Art mit Widerhaken versehener Spieße, deren schon Agathias unter dem Nahmen Angones gedenkt, und Ange kommt noch in dem Gedichte Winsbecks für eine Angel zum Fischen vor. Hier scheinet der Begriff der Krümme der herrschende, und unser Hauptwort mit dem Griech. αγκυλος,krumm, und dem Latein. uncus verwandt zu seyn. S. auch Änkel und Anker. In Ansehung der ersten Bedeutung der Spitze gehöret Angel ohne Zweifel zu dem weitläuftigen Geschlechte, zu welchem auch Achel, Aculeus, Acus, Agen, Ähre, Ahle, Ege, Igel und hundert andere gerechnet werden müssen. Das eingeschaltete n darf niemanden irre machen, weil solches vor den Hauchbuchstaben nichts seltenes ist. Siehe N.

Anm. 2. In Ansehung des Geschlechtes dieses Wortes sind die Mundarten sehr unbeständig. Bey den meisten Oberdeutschen, welchen auch Frisch folget, ist es in beyden Bedeutungen männlichen Geschlechtes. Dem Steinbach und Aichinger ist es ein Masculinum, wenn es cardo bedeutet, hingegen ein Fämininum, wenn es für hamus steht; wobey der letztere den Plural des Masculini zugleich die Ängel macht. Andere kehren es gerade um, und gebrauchen Angel, hamus, im männlichen, Angel, cardo, aber im weiblichen Geschlechte. Doch das sind vermuthlich nur willkürliche Maßregeln. Sehen wir auf das, was am häufigsten geschiehet, so müssen wir dieses Wort in beyden Bedeutungen im Hochdeutschen zu den weiblichen zählen; obgleich bey den Niedersachsen und Oberdeutschen das männliche Geschlecht häufiger ist.

Quelle:
Adelung, Grammatisch-kritisches Wörterbuch der Hochdeutschen Mundart, Band 1. Leipzig 1793, S. 301-302.
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