Anstehen

[381] Anstehen, verb. irreg. neutr. (S. Stehen,) welches theils mit dem Hülfsworte haben, theils mit seyn, verbunden wird.

1. Mit dem Hülfsworte haben, wenn es überhaupt an etwas stehen, oder an der Seite einer Sache befindlich seyn bedeutet; und zwar,

1) In eigentlicher Bedeutung, welche aber in dem gemeinen Gebrauche wenig vorkommt. Doch sagt man in den Bergwerken, in weiterer Bedeutung: ein Gestein, worauf das Gold sehr sichtlich anstehet, angeflogen stehet.

2) In figürlicher Bedeutung. (a) An einem stehen, d.i. in die Augen fallen, von Kleidungsstücken und Handlungen, in Beziehung auf die Person, die sie trägt, oder verrichtet. Dieses Kleid stand ihm sehr gut an, fiel an ihm sehr gut in die Augen. Die Arbeit steht ihm gut an. Das Tanzen hat ihm sehr schlecht angestanden. Ingleichen von moralischen Handlungen, eines Würde und übrigen Verhältnissen angemessen seyn. Wie es mir altem Manne wohl anstehet, 2. Maccab. 6, 27. Einem Laufer stehets nicht wohl an, daß er reich ist, Sir. 14, 3. Dergleichen Unwahrheiten stehen einem ehrlichen Manne nicht an.


Ein Vorsatz gleicher Art steht nur Rebellen an,

Less.


Wenn eine Gottheit wäre,

Stehts einer Gottheit an, daß ihre Macht zerstöre?

Dusch.


Gebiethe deinem Zorn; er steht so sanften Blicken,

Wie deinen, wenig an,

Weiße.


In dieser Bedeutung ist anstehen bereits alt. Ich weis nicht was dir bas an ste, heißt es in Winsbecks Gedichte, Str. 22. Das minen iaren wol anstat. ebend. Str. 9. Das stuende im lobelichen an, singt Reimar der alte. S. auch den Schwabenspiegel Kap. 24, 5. (b) Jemandes Willen gemäß seyn, im harten und gebietherischen Verstande. Dergleichen Betragen stehet mir gar nicht an. Deine Lebensart stehet deinem Vater gar nicht an. Sie hat ihm ja vor ein Paar Stunden angestanden, Gell. Es wird eben nicht leicht seyn, diese figürliche Bedeutung auf eine ungezwungene Art aus der eigentlichen herzuleiten; doch das hat sie mit den figürlichen Bedeutungen vieler anderen Zeitwörter gemein. Die Niedersachsen gebrauchen ihr anstaan gleichfalls in beyden figürlichen Bedeutungen. (c) Mit einem anstehen, mit ihm in Gesellschaft treten, besonders bey dem gemeinschaftlichen Ankaufe einer Sache. Wollen sie nicht mit anstehen? Ich habe mit angestanden. Es scheinet, daß hier auch das Hülfswort seyn nicht am unrechten Orte stehen würde; indessen wird es in dieser Bedeutung doch von den meisten Hochdeutschen, besonders in Sachsen, mit haben verbunden. (d) In einigen Gegenden sagt man von dem Gesinde, daß es anstehe, wenn es anziehet, oder seinen Dienst antritt.

2. Mit dem Hülfsworte seyn, so an etwas stehen, daß dadurch die Bewegung gehindert wird.

1) Eigentlich. Der Wagen steht an, an einem Steine, oder an der Mauer. Der Schrank steht an der Wand an, kann nicht weiter. Auch diese Bedeutung kommt so gar häufig nicht vor; desto öfterer aber,

2) Die figürlichen. (a) In seinem Fortgange unterbrochen, oder an der Ausführung gehindert werden. Die Sache mag immer noch ein Paar Tage anstehen. Es ist lange genug angestanden.[381] Es wird nicht mehr über eine halbe Stunde anstehen, so wird er heraus kommen, Cron. Ingleichen, anstehen lassen für aufschieben. Ich will die Sache noch anstehen lassen. Sie lassen es auch gar zu lange anstehen. Das beste wird seyn, daß sie die Verlobung etwa noch acht Tage anstehen lassen, Gell. In dieser Bedeutung wird anstehen in Oberdeutschland häufig für währen, dauern gebraucht.


Es stund nicht an drey ganzer Tag,

Theuerd. Kap. 67.


Nicht lang es blieb steen an,

Das er den tewerlichen Mann

Fürt auf ein gefroren eys,

Theuerd. Kap. 22.


Ingleichen für fortdauern, anhalten. Wegen lang anstehender Hitz, Bluntschli. (b) Seine Entschließung anstehen lassen, Bedenken tragen. Ich stehe noch an, ob ich dieses auch thun will. Ich werde keinen Augenblick anstehen, zu dir zu kommen. Dein Verstand kann hier unmöglich anstehen, die Frage zu beantworten. Er hätte doch einen Augenblick anstehen dürfen, sich zu ergeben, Less. Wenn eine Präposition mit ihrer Endung dazu kommt, so pflegt das Hülfswort haben auch wohl die Stelle des Hülfswortes seyn einzunehmen, welches auch bey andern Neutris nichts seltenes ist. Ich stand bey mir an, die Thür aufzumachen. Ich habe lange bey mir angestanden. Man hat mit Fleiß damit angestanden.

Anm. 1. Die Lehre von den Hülfswörtern, mit welchen die Neutra verbunden werden, ist im Hochdeutschen noch sehr schwankend. Die Ursache davon ist, weil diese Mundart aus der Oberdeutschen und Niedersächsischen zusammen geflossen ist. Jene liebt bey ihren Neutris das seyn, diese das haben. Die Hochdeutschen verbinden einige Neutra nach Art der Oberdeutschen mit seyn, andere aber nach dem Beyspiele der Niedersachsen mit haben, und bey noch andern sind beyde Hülfswörter beynahe gleich üblich. Das letzte findet auch bey diesem Verbo Statt, und selbst dasjenige, was oben in Ansehung des Gebrauches dieser Hülfswörter angemerket worden, gründet sich nicht auf Regeln, sondern nur auf den häufigern Gebrauch; daher man sich nicht wundern darf, wenn anstehen in einer und eben derselben Bedeutung bald mit seyn, bald aber mit haben verbunden wird, je nachdem der Redner oder Verfasser ein Oberdeutscher oder ein Niedersachse ist. Die beyden Bedeutungen, da anstehen geziemen und gefallen bedeutet, scheinen noch dem wenigsten Zweifel unterworfen zu seyn, weil selbst die meisten Oberdeutschen in denselben das haben gebrauchen.

Anm. 2. Das Niedersächsische anstaan bedeutet auch bevor stehen, und kommt darin mit instare und dem Hochdeutschen instehen überein. Das Anastantantlihostin kebete des Kero, ist eine bloß buchstäbliche Übersetzung der instantissima oratio, für inständigst. Im Oberdeutschen bedeutet um etwas anstehen, noch jetzt, darum anhalten. In den Glossis Lipsii kommt anastandan auch für aufstehen vor.

Quelle:
Adelung, Grammatisch-kritisches Wörterbuch der Hochdeutschen Mundart, Band 1. Leipzig 1793, S. 381-382.
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