Bestehen

[928] Bestehen, verb. irreg. (S. Stehen,) welches in doppelter Gattung üblich ist.

I. Als ein Neutrum, und zwar,

A. Mit dem Hülfsworte seyn, da es denn überhaupt stehen bleiben bedeutet, so daß das be, die Bedeutung bloß verstärket.

1. Eigentlich.

1) Für das einfache stehen; welche Bedeutung doch im Hochdeutschen selten mehr vorkommt, und nur noch in den gemeinen Sprecharten üblich ist. Der Tisch soll hier nicht bestehen (stehen) bleiben. In einer Rede bestehen bleiben, nicht weiter fortreden können, den Zusammenhang vergessen haben.

2) Stehen bleiben, besonders von flüssigen Körpern, wenn sie ihre Flüssigkeit verlieren; gestehen. So bestehet das Wasser wenn es gefrieret, Milch, Blut, wenn es gerinnet, fette Sachen, wenn sie erkalten.


Der Flüsse Sand besteht, der Schiffer fleucht die See,

Opitz.


Ingleichen, aufhören zu fließen, stehen bleiben. Alsbald bestund ihr der Blutgang, Luc. 8, 44.


Die Glieder sinken hin, das Blut bestehet mir,

Opitz.


Wies Erythräer Meer bestand als eine Wand,

Opitz.


3) Zur Genüge stehen. In dieser Bedeutung heißt im Forstwesen ein bestandenes Holz, welches so lange ruhig gestanden hat, daß es mit vielen Haupt- und angehenden Bäumen bewachsen konnte.

2. Figürlich, mit verschiedenen Nebenbegriffen.

1) Heftige Eindrücke von außen aushalten. Und die Bogenschützen sollen nicht bestehen, Amos 2, 15. Wer kann wider die Kinder Enack bestehen? 5 Mos. 2, 15. Wer kann vor dir bestehen, wenn du zürnest? Ps. 76, 8. Ingleichen nach angestellter Prüfung, Untersuchung, erfunden werden. Er ist in dem Examine wohl, gut, übel, schlecht, bestanden. In der Probe bestehen, bewährt erfunden werden. Mit dieser Rechnung wirst du nicht bestehen. Mit Lügen bestehen, lügenhaft erfunden werden. So auch mit Schanden, mit Ehren bestehen, im gemeinen Leben, so erfunden werden, daß man Schande oder Ehre davon hat. Du wirst mit dieser Entschuldigung sehr kahl bestehen, gleichfalls im gemeinen Leben. Dahin auch der niedrige Ausdruck: er besteht wie Butter an der Sonne, welcher zugleich eine Anspielung auf die erste eigentliche Bedeutung erhält. Der biblische Gebrauch: in dem Munde zweyer oder dreyer Zeugen soll die Sache bestehen, 5 Mos. 19, 15, sie soll durch zwey oder drey Zeugen bestätiget werden, ist im Hochdeutschen ungewöhnlich.

2) Dauerhaft bleiben, sein Wesen, sein Daseyn behalten. Sein Reich kann nicht bestehen. Kann wohl ein Freygeist ohne Gesetze bestehen? Mit ihm besteht und fällt die ganze Sache. Eine solche Freundschaft kann unmöglich bestehen. Der Staat besteht nicht anders, als durch das Bündniß der Glieder, Dusch. Wenn die Tugend bestehen soll, so muß sie in aller ihrer Strenge bestehen, ebend. Im gemeinen Leben auch von dem bürgerlichen Wohlstande. Er kann bey dem hohen Pachte nicht bestehen. Der Mann kann bey seiner Verschwendung unmöglich bestehen, nicht im Wohlstande bleiben, er muß zu Grunde gehen. S. Bestand und Beständig.[928]

3) Beharren, von dem Beharren in einer Entschließung, einer Meinung u.s.f. mit dem Vorworte auf. Auf seinem Kopfe bestehen, im gemeinen Leben, in seinem Eigensinne beharren. Auf seiner Meinung bestehen. Sie bestehet darauf, ich soll heute wieder nach Hause. Ingleichen, auf etwas dringen, eine Sache mehrmahls verlangen, als wichtig vorstellen, mehrmahls behaupten, u.s.f. Wie oft bin ich nicht darauf bestanden, daß du zu ihm gehen möchtest? Sie bestand darauf, es verhielte sich so. S. Beständig.

4) Vorhanden seyn, da seyn. Besteht ihr Verdacht noch? Der Tempel zu Delphis, der zu Plinii Zeiten noch bestand.


Er ist es; sein Gerichte geht,

So weit der Erdenkreis besteht,

Opitz Ps. 105.


Zu meiner Zeit

Bestand noch Recht und Billigkeit,

Haged.


Opitz nennet ein Mahl Dinge, die kein eigenes Daseyn haben, unbestehende Dinge:


Auch vielen beliebt aus unbestehnden Sachen

Lieb, Ehre, Tugend, Glück und Fieber Gott zu machen.


Auf ähnliche Art nennen die neuern Philosophen seit Wolfs Zeiten die Substanz, oder ein Ding, welches die Quelle seiner Veränderungen in sich selbst hat, ein für sich bestehendes Ding.

B. Mit dem Hülfsworte haben.

1) Aus Dingen als aus Theilen zusammen gesetzet seyn, mit dem Vorworte aus. Das Buch bestehet aus sechs Theilen. Das Gesetz bestehet aus zweyen Tafeln. Der Mensch besteht aus Leib und Seele. Die Rede bestand aus den ausgesuchtesten Bildern. Die Predigt hat aus vier Theilen bestanden.

2) Sein Wesen in etwas haben, mit dem Vorworte in. Die christliche Vollkommenheit bestehet in der Liebe. Sein ganzes Vermögen hat in Häusern und Zinsen bestanden. Das Unglück bestehet nicht so sehr in der Empfindung des Übels, als in dem Mißbrauche der Freuden, Dusch. Die Glückseligkeit der Seele bestehet in der Thätigkeit, ebend.

II. Als ein Activum.

1. Für pachten, miethen, am häufigsten im Oberdeutschen. Ein Haus bestehen, miethen. Ein Gut, eine Mühle, einen Garten bestehen, pachten. S. auch Bestand.

2. * Als einen Gehalt aussetzen; nur in einigen Gegenden. Einem monathlich 100 Thlr. bestehen.

3. * Widerstehen, überstehen.


Sie wissen allen Fall des Lebens zu bestehen,

Opitz.


Wie wir der Seelen Feind bestehen nach Gebühr,

Opitz.


Ist allzeit ausgerüstet

Die Widerwärtigkeit mit Ehren zu bestehen,

Opitz.


Ich hab

– groß geferlichait bestanden,

Theuerd. Kap. 98.


Wie nennt die Probe sich, die ich bestehen soll?

Wiel.


4. * Angreifen. Einen bestehen, einen mit Streite bestehen. Daß mich die Maselsucht (der Aussatz) bestehe, die Naeman verließ, und Jezi ankam, heißt es noch in dem Judeneide.


Ich will die Sau kecklich bestan,

Theuerd. Kap. 19.


Nu het mich ein gros unheil

Also minneklich bestanden,

Markgr. Otto v. Brandb.


Ingleichen in weiterer Bedeutung. Es bestand ihn die Regiersucht, sie kam ihn an.

5. * Überwinden.


Das ihren Feind besteht,

In einer solchen Schlacht,

Opitz.


Du Wein bist stark genug, den Türken zu bestehen,

Opitz.


[929] Ich wis bi mir wol das ein zage

Vnsanfte ein sinnig wib bestat,

Reinmar der Alte.


Do liebe kom und mich bestuont, ebend.

6. * Unternehmen.


Ein Abenteuer bestehen,

Wiel.


Mit dem wolt er ein kampf bestan,

Theuerd. Kap. 77.


Wenn ich ewrs geleichen wer

Vnnd in solchem grossen gelück,

So wolt ich bestan ein trutzlich stück,

Theuerd. Kap. 85.


Anm. Diese vier letzten Bedeutungen, welche in den Schriften der vorigen Jahrhunderte häufig vorkommen, sind im Hochdeutschen längst veraltet gewesen, bis sie von einigen unserer neuern Schriftsteller wieder in die komische Schreibart eingeführet worden, welcher sie auch völlig angemessen sind, weil sie die ehemahlige Gewohnheit der irrenden Ritterschaft, Abenteuer zu bestehen, in das Andenken bringen. Das Nieders. bestaan bedeutet auch noch, theils anfangen, theils eingestehen, gestehen, theils aber auch verwandt seyn; einem im Blute bestehen. Das Schwedische bestå, hat mit dem Hochdeutschen die meisten Bedeutungen gemein, bedeutet über dieß aber auch noch bewilligen, zugestehen.

Quelle:
Adelung, Grammatisch-kritisches Wörterbuch der Hochdeutschen Mundart, Band 1. Leipzig 1793, S. 928-930.
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928 | 929 | 930
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