Dünken

[1575] Dünken, verb. reg. neutr. welches das Hülfswort haben erfordert, oft aber auch unpersönlich gebraucht wird. Es bedeutet, 1. * Denken; von welcher längst veralteten Bedeutung noch in ältern Schriften einige Spuren vorkommen. Ingleichen erinnern.


Es dünkt mich ja noch gut der ersten Kinder Spiele,

Günth.


[1575] d.i. ich erinnere mich ihrer noch gar wohl. Auch dieser Gebrauch ist im Hochdeutschen fremd. 2. Den äußern Sinnen vorkommen, ein Urtheil der äußern Sinne veranlassen, scheinen. 1) Als ein persönliches Zeitwort. Er thunket uzen gruone, er scheinet von außen grün, in dem Fragmente auf Carln den Großen bey dem Schilter. Wan mich das sehen dunket also guot, Rudolph von Niuwenburg. Die Blumen dünken mich schöner, sie riechen lieblicher, die ich in meinem Körbchen trage, Geßn. Er sah mich und ich dünkt' ihm schön, Weiße. 2) Als ein unpersönliches Zeitwort, mit der vierten Endung der Person. Mich dünkt ich sehe ihn kommen. Es dünket dich nur so. Dann dünkts mich, ich sehe die Schatten vorüber gleiten, Dusch. 3. Ein muthmaßliches Urtheil veranlassen, auch nach den innern Sinnen, gleichfalls für scheinen. 1) Persönlich. Die in dunchen sollten, Notker. Thaz thunkit mih girati, das scheinet mir rathsam, Ottfried.


Je doch so weis ich einen man

Den ouch die selben frowen dunkent guot,

Heinrich von Morunge.


Ingleichen mit dem Verbo lassen. Und ließ sich wohl dünken, es bedeutete nicht Gutes, 2 Macc. 14, 30. Oder lasset ihr euch dünken, die Schrift sage umsonst u.s.f. Jac. 4, 5. Laß dichs nicht schwer dünken, daß du ihn frey los giebest, 5 Mos. 15, 18. Noch häufiger gebraucht man es in dieser Bedeutung, 2) unpersönlich. Thaz mih ni thunkit, Ottfr. Waz inan thesses thunke, was ihn davon dünkte, ebend. Waz tunchet iu umbe Christ? was dünket euch von Christo? ebend. Eben so heißt es auch in Luthers Übersetzung, Matth. 22, 42: Wie dünket euch um Christo?


Es dunket mich Unselicheit

Das ich, u.s.f.

Reinmar der Alte.


Es dunket mich wol tusent iar

Das ich an liebes arme lag,

Dietmar von Ast.


Es dünket mich unmöglich. Was dünket euch hiervon? Aber es wird sie solch Wahrsagen falsch dünken, Ezech. 21, 23. 4. Dafür halten, aus wahrscheinlichen Gründen urtheilen. Ich dunch mich niht ir selben wert, Graf Wernher von Houberg. Es gehet mir wohl wie es mein Herz dünkt, 5 Mos. 29, 19.

Die Menschenliebe versaget ihre Hülfe auch denen nicht, von denen wir uns beleidiget dünken, Dusch. Wenn es in diesem Verstande unpersönlich gebraucht wird, so gehöret es zur vorigen Bedeutung. Zuweilen wird auch der Infinitiv als ein Hauptwort gebraucht. Daß ihr nicht eures Herzens Dünken nach richtet, 4 Mos. 15, 39. Jene haben uns gezüchtiget nach ihrem Dünken, Ebr. 12, 10.


Doch man muß nach meinem Dünken jetzt auch lustig seyn,

Haged.


Im Hochdeutschen kommt dieses Hauptwort nur selten vor. S. auch Bedünken. 5. Am häufigsten gebraucht man dieses Wort von der Meinung, welche man von sich selbst, von seinen eigenen Vorzügen hat. Ein Fauler dünket sich weiser, denn sieben, die da Sitten lehren, Sprichw. 26, 16. Die zu Theman, die sich klug dünken, Bar. 3, 22, die sich selbst klug scheinen, sich für klug halten. Muß er sich nicht von besserm Stoffe dünken, als die andern? Du dünkest dich unglücklich, Dusch. Jeder dünkt sich ein eigener König einer kleinen Welt, ebend. wo der Nominativ, ein König, ganz richtig ist, weil zu seyn ausgelassen worden. Es ist daher ein Fehler, wenn eben derselbe in einer andern Stelle sagt: Der Thor, der sich einen König dünkte, ist ein Sclav geworden. Er dünkt sich recht klug zu seyn, Gell. Ich dünke mich hierüber verständlichere[1576] Dinge gesagt zu haben, als irgend ein Schriftsteller, Less. Ob es gleich in der ersten Person seltener gebraucht wird.


Und weil er fühllos ist, dünkt er sich groß zu seyn,

Gieseke.


Die dünken sich kein schlechtes Vieh,

Haged.


Ingleichen mit dem Verbo lassen. Laß dich nicht klug dünken, Sir. 6, 2. Er läßt sich etwas dünken, er hat eine große Meinung von sich selbst.

Dünken läßt zwar den Grund und Ungrund der Meinung, die man von sich hat, eigentlich unentschieden; allein es hat doch in dieser Bedeutung in den meisten Fällen den Nebenbegriff einer ungegründeten, wenigstens übertriebenen Meinung; S. Dünkel, in welchem Worte dieser Nebenbegriff der herrschende ist.

Anm. 1. Wenn dieses Zeitwort den Infinitiv nach sich hat, so bekommt dieser im Hochdeutschen das Wörtchen zu. Das dünket mich theuer zu seyn. Allein im Oberdeutschen lässet man dieses zu häufig weg. Ir dünkt mich nit fast witzig seyn, H. Sachs. Welches auch Luther mehrmahls nachgeahmet hat. Dünket euch das ein geringes seyn? 1 Sam. 18, 23. Ists nicht also, es dünket euch nichts seyn? Hagg. 2, 4. Dünket sie solches unmöglich seyn? Zachar. 8, 6. Die Glieder des Leibes, die uns dünken die schwächsten seyn, 1 Cor. 12, 22. Das dünkt mich gar viel besser seyn Opitz. Indessen ist die ganze Wortfügung mit dem Infinitive im Hochdeutschen, wenigstens in der edlern und anständigern Sprechart, ungewöhnlich.

Anm. 2. Aus den bisher angeführten Beyspielen erhellet, daß dieses Wort am häufigsten mit der vierten Endung der Person gebraucht werde. Indessen gibt es doch auch Beyspiele mit der dritten. So imo rat thunkit, sagt selbst Ottfried ein Mahl, der es doch sonst jederzeit mit dem Accusative verbindet. Thaz dunchet dir, Notker. Vnde mir diz fure nieht ne dunke, ebend. Sie dunket mir glich, Willeram. Den twen dunket, in einer Nieders. Urkunde von 1377. Einem jeglichen dünket seine Wege rein seyn, Sprichw. 16, 2. Kap. 21, 2. Ein jeglicher, was ihm recht dünket, 5 Mos. 12, 8. Hier dünket es einem gelehrten Manne, sagt selbst Gottsched, der doch dünken nie anders als mit dem Accusative wollte verbunden wissen. Die Versicherung wird dir parteyisch dünken, Dusch. Wie lange dünken dir achtzehen Sommer? ebend. Dünkt dir die Zeit so lange? ebend. Vielleicht rühret dieser Dativ aus eben der Ursache her, aus welcher auch däuchten zuweilen mit dieser Endung gefunden wird; nehmlich weil die Schriftsteller durch das Latein. videtur mihi dazu verleitet worden.

Anm. 3. Bey dem Verbo däuchten ist bereits angemerket worden, daß dünken bloß der Mundart nach von diesem Worte verschieden ist. Das n schleicht in mehrern Wörtern sehr gerne vor den Kehl- und Hauchbuchstaben her, wie in dunkel. Im Schwedischen lautet dieses Wort noch jetzt tycka, welches mit dünken alle Bedeutungen gemein hat. S. Däuchten und Denken.

Quelle:
Adelung, Grammatisch-kritisches Wörterbuch der Hochdeutschen Mundart, Band 1. Leipzig 1793, S. 1575-1577.
Lizenz:
Faksimiles:
1575 | 1576 | 1577
Kategorien:

Buchempfehlung

Grabbe, Christian Dietrich

Scherz, Satire, Ironie und tiefere Bedeutung. Ein Lustspiel in drei Aufzügen

Scherz, Satire, Ironie und tiefere Bedeutung. Ein Lustspiel in drei Aufzügen

Der Teufel kommt auf die Erde weil die Hölle geputzt wird, er kauft junge Frauen, stiftet junge Männer zum Mord an und fällt auf eine mit Kondomen als Köder gefüllte Falle rein. Grabbes von ihm selbst als Gegenstück zu seinem nihilistischen Herzog von Gothland empfundenes Lustspiel widersetzt sich jeder konventionellen Schemeneinteilung. Es ist rüpelhafte Groteske, drastische Satire und komischer Scherz gleichermaßen.

58 Seiten, 4.80 Euro

Im Buch blättern
Ansehen bei Amazon

Buchempfehlung

Geschichten aus dem Biedermeier. Neun Erzählungen

Geschichten aus dem Biedermeier. Neun Erzählungen

Biedermeier - das klingt in heutigen Ohren nach langweiligem Spießertum, nach geschmacklosen rosa Teetässchen in Wohnzimmern, die aussehen wie Puppenstuben und in denen es irgendwie nach »Omma« riecht. Zu Recht. Aber nicht nur. Biedermeier ist auch die Zeit einer zarten Literatur der Flucht ins Idyll, des Rückzuges ins private Glück und der Tugenden. Die Menschen im Europa nach Napoleon hatten die Nase voll von großen neuen Ideen, das aufstrebende Bürgertum forderte und entwickelte eine eigene Kunst und Kultur für sich, die unabhängig von feudaler Großmannssucht bestehen sollte. Dass das gelungen ist, zeigt Michael Holzingers Auswahl von neun Meistererzählungen aus der sogenannten Biedermeierzeit.

434 Seiten, 19.80 Euro

Ansehen bei Amazon