Dein (2)

[1441] 2. Dein, pronomen possessivum, oder das zueignende Fürwort der zweyten Person, welches so wohl mit einem Substantive, als auch ohne dasselbe gebraucht wird.

I. In Gesellschaft des Substantives, wird es auf folgende Art abgeändert: dein, deine, dein; Gen. deines, deiner, deines; Dat. deinem, deiner, deinem; Accus. deinen, deine, dein; Plur. deine; Genit. deiner; Dat. deinen; Accus. deine. Es bedeutet, 1) eigentlich, etwas, welches der zweyten Person gehöret, oder womit sie in Verbindung stehet, in so fern sie unmittelbar angeredet wird. Dein Vater. Deine Tochter. Dein Haus. Deine Güter. Er ist auch einer deines Gleichen. Deines Gleichen ist niemand in der Stadt; wo das Adjectiv gleich die Stelle eines Substantives vertritt. 2) Figürlich, etwas, womit die zweyte Person in entfernterer Verbindung stehet, dessen sie eben gedacht hat, u.s.f. Es thut nichts zur Sache, wenn dein obiger Gelehrter das Gegentheil sagt, der, dessen du oben gedacht hast. Du kannst dein Bißchen Französisch, Gell. für ein Bißchen.

Es wird wie alle eigentliche Pronomina alle Mahl ohne Artikel gebraucht. Stehet zwischen demselben und dem Substantive noch ein Adjectiv, so wird dieses am sichersten so decliniret, als wenn statt des Fürwortes der unbestimmte Artikel ein da wäre. Dein armes Kind. Deine kleinen Fehler, Gell. nicht deine kleine Fehler, obgleich solches häufig genug geschiehet.

Wenn der Kaiser an die Reichsfürsten schreibet, so bedienet er sich gemeiniglich der Abkürzung Dr. Liebden, welches nach dem alten Gebrauche, da die Fürsten von dem Kaiser du genannt wurden, deiner hieß, jetzt aber, da die Fürsten in dem Zusammenhange von dem Kaiser Sie genannt werden, auch Dero bedeuten kann und muß.

Wenn so wohl dieses als auch die übrigen persönlichen Pronomina mein, sein, unser, euer, ihr, vor den Hauptwörtern Halbe, Weg, Wille zu stehen kommen, und in dieser Verbindung einen Bewegungsgrund ausdrucken sollen, so wird um des Wohlklanges willen das n am Ende mit dem t vertauschet; so daß aus um deinen Willen, deinen Wegen, deinen Halben u.s.f. wird: um deinet Wegen, deinet Willen, deinet Halben, oder noch richtiger deinetwegen, deinetwillen, deinethalben. Um deinetwillen (aus Liebe, aus Achtung für dich) ist es gewiß nicht geschehen. Das habe ich deinetwegen (zu deinem Nutzen, aus Liebe zu dir) gethan. Man kann diese Art des Ausdruckes auch durch die zweyte Endung des persönlichen Fürwortes geben; allein alsdann muß zwischen dem Pronomen und dem Substantive noch selbst eingeschaltet werden. Es ist um deiner selbst Willen, oder um dein selbst Willen, geschehen

Hieraus folget aber nicht, daß in deinetwegen, seinetwillen, meinethalben u.s.f. das Pronomen gleichfalls die zweyte persönliche Endung deiner, seiner, meiner sey. Man kann solches leicht beweisen, wenn man nur die ältern Schriftsteller und die Analogie zu Hülfe nimmt. Ist minan halbun gedan, sagt noch Ottfried für meinethalben oder in meinem Nahmen. Als man nachmahls das t euphonicum anzuhängen anfing, hing man es an das n, ohne dieses wegzuwerfen; so findet sich schon in dem 1514 gedruckten Livius synenthalb. Nachmahls warf man auch das n weg, und so stehet schon im Theuerdanke von seint wegen. Über dieß gibt es mehr Fälle, wo das t euphonicum zwar das n, nicht aber das r begleitet; z.B. eigentlich, ordentlich, für eigenlich, ordenlich. S. T. Im Oberdeutschen vermeidet man diese Zusammensetzung gern und sagt dafür wegen meiner, wegen deiner u.s.f.[1441]

II. Soll dieses Pronomen allein, mit Auslassung des Substantives gesetzet werden, so geschiehet solches auf eine doppelte Art:

1. So, daß das ungewisse Geschlecht dein adverbialiter gebraucht wird. Die Erbschaft ist dein, gehöret dir zu. Alle diese Äcker wären dein? Behalte, was dein ist. Ist dieses Buch dein? Ist doch das Rittergut dein, Gell. Das Loos ist dein gewesen, hat dir gehöret.


Das Geld ist dein,

Es sind nicht mehr als hundert Gulden mein,

Gell.


Ingleichen mit der Inversion, um eines besondern Nachdruckes Willen. Dein ist das Reich, und die Kraft u.s.f.


Dein sey das Ebenbild des ersten Sohnes,

Raml.


Deine ist in diesem Falle ein Fehler, ungeachtet derselbe im gemeinen Leben sehr häufig ist. Die Erbschaft ist deine. Man sagt ja, die Blume ist roth, ist schön, und nicht, sie ist rothe, schöne.

Dieser Gebrauch des persönlichen Pronominis hat die Regel für sich, daß alle Adjective im ungewissen Geschlechte als Adverbia gebraucht werden können, und die Pronomina sind doch in gewisser Betrachtung nichts anders als Adjective. So wie ich nun sagen kann, das Wetter ist schön, der Baum ist hoch, das Messer ist scharf, so kann man auch sagen, die Sache ist dein, das Gut ist euer u.s.f. Es gehet dieses auch mit Fragen an, doch nur wenn mit dem Verbo seyn gefraget wird. Wessen ist dieses Buch? Antw. Es ist dein; indem das Adverbium alle Endungen vertritt.

2. Hingegen gibt es auch Fälle, wo dieses und alle übrige zueignende Fürwörter auch ohne die adverbische Gestalt von dem Substantive verlassen seyn können, doch so, daß sie sich auf dasselbe beziehen. Alsdann gehen sie in der Declination von ihrer ordentlichen Form in nichts ab, als daß die erste und vierte Endung im Singular deiner, deine, deines, meiner, meine, meines u.s.f. hat. Dieses ist nicht mein Haus, sondern deines. Wessen Knecht war er? Antw. Deiner. Man gab es nicht meinem Freunde, sondern deinem.


Frey von der Zärtlichkeit ist noch kein Herz geblieben;

Nur deines Sylvia – –

Sylv. Nur meines kann nicht lieben,

Gell.


Anm. Dein, bey dem Übersetzer Isidors dhiin, im Nieders. diin, ist sich in allen Europäischen Sprachen ähnlich geblieben. Bey dem Ulphilas lautet es theins, im Angels. dine, thin, im Engl. thine, im Franz. ton, im Holländ. diin, im Dän. din, im Schwed. din, im Isländ. thinn, im Hungar. tieed, in den Slavonischen Mundarten tvoj, in der Dorischen Mundart der Griechen τεος, bey den Lateinern tuus. Das Stammwort ist du.

Quelle:
Adelung, Grammatisch-kritisches Wörterbuch der Hochdeutschen Mundart, Band 1. Leipzig 1793, S. 1441-1442.
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