Dichten (2)

[1476] 2. Dichten, verb. reg. neutr. welches mit dem Hülfsworte hahen abgewandelt wird, aber in einigen Fällen auch als ein Activum üblich ist. Es bedeutet,

1.* Nachdenken, im Nachdenken vergriffen seyn, welche Bedeutung aber im Hochdeutschen völlig veraltet ist, obgleich noch Schlegel sagt: Gewiß er dichtet hier auf etwas Böses. Das Tichten und Trachten des menschlichen Herzens, 1 Mos. 6, 5. Rufet laut, denn er ist ein Gott, er dichtet, oder hat zu schaffen, 1 Kön. 18, 27. Das Herz des Gerechten dichtet, was zu antworten ist, Sprichw. 15, 18.


Unfallo auf mer schalkheit dicht,

Theuerd Kap. 34.


Denn er stets auf mein schaden dicht,

Kap. 69.


Jedoch vergeß ich nimmer den Gebrauch,

Daß ich bey mir auf deine Satzung tichte,

Opitz.


Die so Tag als Nacht auf krumme Ränke dichten,

Günth.


In gleicher Bedeutung kommt schon bey dem Ottfried ih dihton für meditor, und thes tihtonnes für meditationis vor. Im Schwedischen ist dickta gleichfalls nachdenken.

2. * Nachdenken, ein Verlangen zu befriedigen, auf Mittel und Wege denken, eine Absicht zu erreichen, welche Bedeutung im Hochdeutschen gleichfalls veraltet ist. Ihr Tichten wider mich täglich, Klagel. 3, 62.


Deins Herzen Dichten ward nichts guts,

Hans Sachs.


Segne meiner Sinnen Tichten,

Gryph.


Lenk wie du willst mein Dichten und Beginnen,

Can.


Entfernt man sich von dem, dem man zu schaden dichtet?

Schleg.


Auch im Böhmischen bedeutet Duchtenj das Verlangen, duchteti verlangen, und dychteti streben, welches aber wohl zunächst[1476] von dem Slavon. Duch, der Athem, der Geist, und dychati, athemen, herkommt.

3. * Erdichten, in der Einbildungskraft zusammen setzen, was man nicht also empfunden hat; eine Bedeutung, welche im Hochdeutschen gleichfalls nicht mehr üblich ist. Lügen dichten.


Wer mag wohl dem von uns was dichte..,

Der Herz und Nieren prüfen kann!

Günth.


In engerem Verstande bedeutet es bey den neuern Philosophen zuweilen die Theile eines vorher in Gedanken zergliederten Dinges willkührlich wieder zusammen setzen. Das Schwed. dickta hat diese Bedeutung gleichfalls.

4. Hervor bringen, von verschiedenen Handlungen, welche mit Nachdenken verbunden sind. 1) * Überhaupt hervor bringen, verfertigen. In dieser Bedeutung kommt dihtan, im Angels. tihten bey dem Stryker, und dight noch jetzt im Englischen für zubereiten vor. Daß das Buch ein ander Geticht sey, daß es verändert sey, im Buche Belial von 1472. Was Fleisch und Blut dichtet, das ist ja bös Ding, Sir. 17, 30. 2) * Vermittelst der Sprache hervor bringen. Eure Zunge dichtet Unrechtes, Es. 59, 3. 3) * Schreiben. Themo dihton ih thiz Buach, dem schreibe ich dieß Buch, Ottfr. Um das Jahr 1369 kommt Ticht von der Schreibart vor. 4) * Beschreiben.


Ob ich euch wolt berichten

Und vollikleich tichten

Des Tempels Form und Geschaft,


ein alter ungenannter handschriftlicher Dichter bey dem Pez im Glossario. Alle diese Bedeutungen sind im Hochdeutschen gleichfalls fremd, in welcher Mundart dichten nur noch, 5) von der Verfertigung eines Gedichtes oder einer vollkommen lebhaften Rede vorkommt. Singet, spielet und dichtet ihm von allen seinen Wundern, 1 Chron. 17, 9. Ein fein Lied dichten, Ps. 45, 2. In dieser Bedeutung kommt tichten schon um das Jahr 1240, ingleichen bey dem Hornegk vor. Das mittlere Latein. dictare, eine Schrift, einen Brief, ein Gedicht verfertigen, Dictamen, ein Gedicht, und Dictator, ein Dichter, scheinen aus dem Deutschen gebildet zu seyn. Obgleich nach unsern heutigen Begriffen von der Dichtkunst und einem Gedichte, das Wesen desselben in der Erdichtung, oder vielmehr in dem höchsten Grade der Lebhaftigkeit bestehet, so haben doch die Alten, da sie diese Beschäftigung dichten nannten, darauf wohl nicht gesehen, sondern sich mehr nach dem Griech. und Latein. Poeta, Poema gerichtet, welche vonποιειν, machen, hervor bringen, herkommen; zumahl da aus dem vorigen erhellet, daß dichten, von mehrern Arbeiten des Geistes gebraucht wird. S. Dichter und Dichtung.

Anm. Dichten gehöret ohne Zweifel zu dachten, oder dachen, welches noch in däuchten, und in einigen Temporibus des Zeitwortes denken übrig ist. In unsern alten Denkmählern finden sich noch einige ähnliche Verba, welche gleichfalls hierher zu gehören scheinen. Dergleichen sind, dichan, digan und thigan, bitten, bey dem Kero, Ottfried und in den Monseeischen Glossen; diccan, anbethen, in den letztern; thiggen, geloben, wünschen, Githig, Verlangen, Wunsch, bey dem Ottfried, (S. Geitz) und andere mehr. Ja das Latein. dicere, scheinet aus eben der Quelle herzustammen, zumahl da dihtan im Angels. auch für dictiren, in die Feder sagen, vorkommt. Im Oberdeutschen lautet dieses Zeitwort tichten, welche Schreibart sich auch in einigen Stellen der Deutschen Bibel eingeschlichen hat, vermuthlich weil Luther und seine Gehülfen es in ältern Oberdeutschen Übersetzungen so geschrieben fanden.

Quelle:
Adelung, Grammatisch-kritisches Wörterbuch der Hochdeutschen Mundart, Band 1. Leipzig 1793, S. 1476-1477.
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