Doch

[1505] Doch, eine Partikel, welche eigentlich für den Nachsatz gehöret, und überhaupt betrachtet, eine Bejahung andeutet, obgleich diese Bejahung gemeiniglich mit allerley Nebenbegriffen verbunden ist. In den sieben ersten Bedeutungen hat sie die Gestalt eines Bindewortes; allein in der letzten kann sie zuweilen für ein bloßes Nebenwort gelten. Sie dienet,

1. Einem Satze zur Begleitung, welcher dem Vordersatze zu Folge eigentlich nicht Statt finden sollte, wie dennoch. Ob du mir gleich viel vorgeplaudert hast, so habe ich doch nichts verstanden. Ungeachtet er mich sahe, so redete er mich doch nicht an. Wenn der Vordersatz sich mit keinem Bindeworte anfänget, so stehet doch am liebsten hinter dem Verbo finito, so daß dieses den Nominativ vor sich hat. Zanken sie immer; ich weiß doch, daß sie mich lieb haben. Gehen sie immer sauer aus; sie meinen es doch gut mit mir. Man beleidiget mich täglich; aber ich werde doch nicht müde, Gutes zu thun. Ich verboth es ihm; aber er that es doch. Du redest fast so klug, wie mein Bruder, und hast doch nicht studiret, Gell. Im gemeinen Leben läßt man das doch den Nachsatz zuweilen anfangen; alsdann tritt der Nominativ hinter das Zeitwort. Die Sache war richtig; doch wollten sie nicht daran. Minder hart klingt es, wenn und vorher gehet. Die Sache war richtig, und doch wollten sie nicht daran. Zuweilen ist der Satz, worauf[1505] sich doch beziehet, versteckt, und weit vorher zu suchen. Gutes Kind, du wirst doch denken, daß ich ihn zu deinem Vergnügen habe herbitten lassen, Gell. Es ist doch ein unerträglicher Stolz, daß er mich verläßt, ebend. Zuweilen wird er auch in dem Nachsatze eingeschaltet. Dieß kann ich, so alt ich bin, doch wohl leiden, ebend. S. Dennoch.

2. Bezeichnet sie auch einen Gegensatz dessen, was im Vorhergehenden gesagt worden, wie aber; da sie denn den Nachsatz alle Mahl anfängt. Du polterst und drohest nur immer; doch ich habe gelindere Mittel. Er hatte versprochen zu kommen; doch er kam nicht.

3. Eine Compensation dessen, was in dem Vordersatze war gesagt worden, da sie denn gleichfalls für aber, und auch zu Anfange eines Nachsatzes stehet. Er spricht schlecht; doch er schreibt gut. Du hättest alles erhalten, wo nicht mit Gewalt, doch mit Güte.


Leicht läßt sich die Vernunft, doch schwer das Herz betriegen,

Gell.


4. Eine Einschränkung des Vordersatzes, auch wie aber; da es gleichfalls den Nachsatz anfängt. Ich erlaube dir viel, doch nicht zu viel.


Zwar lehren wir und lernen beyde;

Doch unsre Wissenschaft ist Freude,

Und unsre Kunst Gefälligkeit,

Haged.


Apoll vergaß bey muntern Chören,

Wenn ihm ein holder Mund gefiel,

Die stolze Harmonie der Sphären;

Doch nicht sein sanftes Saitenspiel,

Haged.


5. Einen Einwurf; immer noch wie aber, und auch zu Anfange des Satzes. Es ist freylich nicht erlaubt; doch er kann nicht gewußt haben, daß es verbothen ist. Die Natur ist hier schön; doch wird sie es auch für mich seyn?

6. Eine Bedingung, in der vertraulichen Sprechart. Morgen erwarte ich sie; doch daß sie mir das Bewußte mitbringen. Ich will es ihnen sagen; doch müssen sie mir versprechen, daß sie mich nicht verrathen wollen. Auch hier kann es durch das Bindewort aber ersetzet werden.

7. Oft dienet es bloß, eine vorher angefangene Rede abzubrechen, welchen Gebrauch es mit dem aber gleichfalls gemein hat. Es wäre viel davon zu sagen; doch wir wollen hier keine Untersuchung anstellen. Es ist freylich nicht recht; doch wir wollen davon abbrechen.

8. Noch öfter werden die bisher bemerkten Bedeutungen, und die Beziehung auf das Vorhergehende unkenntlich, und da hat diese Partikel eine intensive Kraft, durch ihre bejahende Bedeutung den Nachdruck zu erhöhen, oder doch wenigstens die Vollständigkeit und die Nünde der Rede zu befördern. Sie stehet in diesem Falle alle Mahl hinter einem oder mehrern Worten. Sie begleitet alsdann, 1) eine einfache Bejahung oder Verneinung. Ja doch! Nein doch! Nicht doch! wo die Partikel zugleich einigen Unwillen verräth. 2) Einen bejahenden Satz. Auf diese Art weiß man doch, worauf man sich zu verlassen hat, Gell. Wir müssen doch mit ihr reden. Ich möchte doch wissen, was sie mir zu sagen hätte, ebend.


Die Alte sollte sich doch schämen,

Die Mannsperson mir zu entziehn,

Haged.


Zuweilen kann durch eine Inversion, welche in der vertraulichen Sprechart ihre Anmuth hat, der Nominativ hinter das Zeitwort gesetzet werden. Bricht mir doch der Angstschweiß darüber aus, für es bricht mir doch u.s.f. Ist mirs doch recht lieb, daß ich sie hier sehe. Wäre ich doch vorhin bald eben so leichtgläubig gewesen. Hätte ich doch nicht gedacht, daß du[1506] so verliebt wärest! Gell. Sieht sie doch so freundlich aus, als wenn u.s.f.


Verlier ich doch, so mächtig ich auch bin,

An dir den Ruhm der größten Zauberinn,

Gell.


Hast du mich doch erschreckt, daß ich beynahe die Blumen verschüttet habe! Weiße. 3) Einen Imperativ, wo doch oft einigen Unwillen verkündiget. Wirf mir doch das nicht vor. Laß mich doch zufrieden. So höre doch. Ach gehe doch. Oft hat es auch nur die Gestalt einer Bitte. Sage mir es doch. Folgen sie mir doch. Wo ist er denn? O, zeiget mir ihn doch, Gell. Aber auch in dieser letzten Gestalt setzt es Vertraulichkeit voraus, daher man es in dieser Bedeutung gegen Personen, denen man Ehrerbiethung schuldig ist, nicht gebrauchen darf. 4) Eine Frage. Sie haben es doch? Es ist doch wohl nichts Böses? Sie wird doch nicht Tag und Nacht bethen? Das will ich nicht hoffen, Gell. Camilla? – doch wohl nicht die Schwester des Lälio? Es ist doch Weiberlehn?


Seht, was ich fand, ihr habts doch wohl verloren?

Gell.


Auch wenn diese Frage einen Verweis, einen Unwillen enthält. Was reden sie doch? Du wirst doch nicht schon wieder sitzen? Wie können sie sich doch ohne Noth traurig machen? Gell. Du wirst doch wissen, ob du ihm gut bist? Sie werden mir doch nicht zumuthen, daß ich in ihre Seele reden soll? 5) Einen Ausruf, einen Wunsch. O, daß doch mein Vater käme! O, könnte er doch nur lieben! Ingleichen eine Klage. Die Zeiten sind doch gar zu schlecht! O, daß ihr Leute doch allenthalben Widersprüche findet!

Anm. Im Nieders. lautet diese Partikel doch, dog, bey dem Ulphilas thau, bey dem Ottfried thoh, bey dem Willeram doh, im Angels. deah, im Holländ. doch, im Engl. though, im Dän. dog, im Schwed. dock. Sie scheinet aus da auch zusammen gesetzet zu seyn, welches wenigstens mit ihren Bedeutungen sehr gut überein kommt. Die Alten gebrauchen sie auch im Vordersatze für obgleich, und so gebraucht schon Kero sein dohdoh. S. Dennoch und Jedoch.

Quelle:
Adelung, Grammatisch-kritisches Wörterbuch der Hochdeutschen Mundart, Band 1. Leipzig 1793, S. 1505-1507.
Lizenz:
Faksimiles:
1505 | 1506 | 1507
Kategorien:

Buchempfehlung

Jean Paul

Vorschule der Ästhetik

Vorschule der Ästhetik

Jean Pauls - in der ihm eigenen Metaphorik verfasste - Poetologie widmet sich unter anderem seinen zwei Kernthemen, dem literarischen Humor und der Romantheorie. Der Autor betont den propädeutischen Charakter seines Textes, in dem er schreibt: »Wollte ich denn in der Vorschule etwas anderes sein als ein ästhetischer Vorschulmeister, welcher die Kunstjünger leidlich einübt und schulet für die eigentlichen Geschmacklehrer selber?«

418 Seiten, 19.80 Euro

Im Buch blättern
Ansehen bei Amazon

Buchempfehlung

Große Erzählungen der Spätromantik

Große Erzählungen der Spätromantik

Im nach dem Wiener Kongress neugeordneten Europa entsteht seit 1815 große Literatur der Sehnsucht und der Melancholie. Die Schattenseiten der menschlichen Seele, Leidenschaft und die Hinwendung zum Religiösen sind die Themen der Spätromantik. Michael Holzinger hat elf große Erzählungen dieser Zeit zu diesem Leseband zusammengefasst.

430 Seiten, 19.80 Euro

Ansehen bei Amazon