Dorn (1), der

[1524] 1. Der Dorn, des -es, plur. die Dörner und die Dornen. Es bedeutet,

1. Eigentlich, einen jeden Stachel, oder einem Stachel ähnlichen vorn spitzig zulaufenden Körper. Diminutiv. Dörnchen, im Oberdeutschen Dörnlein. In dieser Bedeutung hat es im Plural die Dörner, wird aber doch nur in einigen besondern Fällen gebraucht. 1) Von den scharfen Spitzen an manchen Gewächsen, welche aus einem schwammigen Wesen bestehen, und mit einer harten Rinde umgeben sind. In engerer Bedeutung führen nur diejenigen Spitzen den Nahmen der Dörner, spinae, welche aus dem Holze durch die Rinde hervorragen, dagegen diejenigen, welche sich bloß an der Rinde befinden, selbst im gemeinen Leben, am häufigsten Stacheln, aculei, genannt werden. Sich einen Dorn in den Fuß treten. Einem den Dorn aus dem Fuße ziehen, auch figürlich, im gemeinen Leben, ihn von einem geheimen Schmerzen befreyen. Das ist ihm ein Dorn im Auge, das ist ihm eine unerträgliche Sache, er siehet sie mit einem geheimen Neide an. Auf eben diese Art sang schon Stryker:


Vnd ist seinen vianden

In den ougen ein dorn.

Wo eine Rose blüht, da steht ein Dorn dabey,

Opitz.


Der Plural die Dörner, ist selbst in dieser Bedeutung eines Individui nur im gemeinen Leben üblich, vermuthlich weil er ursprünglich aus der Sächsischen Mundart herstammet, welche den Plural auf -er vorzüglich liebt. In der edlern und höhern Schreibart gebrauchen gute Schriftsteller auch hier lieber den Oberdeutschen Plural die Dornen. Werdet ihr aber die Einwohner des Landes nicht vertreiben, so werden die, so ihr überbleiben lasset, zu Dornen werden, in euren Augen, 4 Mos. 33, 55. Ehe eure Dornen reif werden am Dornstrauch, Ps. 58, 10. Wie aber die schönsten Blumen niemahls ohne Dornen sind, Gryph. O, die Rose ist ausgefallen, und die Dornen sind geblieben! Weiße. Ich will durch die Freundschaft glücklich seyn, hier finde ich Rosen ohne Dornen, ebend. Vielleicht wird das Geheimniß dein Herz mit Dornen zerreißen, wenn du es dem meinigen entziehest, ebend.


Jedoch der Tugend Lohn kömmt euch zu traurig für;

Die Dornen schrecken euch, die Thoren fürchtet ihr,

Cron.


Die Rose blühet schön; allein,

Sie kann nicht ohne Dornen seyn,

Cron.


Zwar findet man auch Beyspiele von dem Gegentheile.


Eh als noch eure Dörner stechen,

Die um die Hagenbutten stehn,

Opitz, Ps. 58.


Als wie ein Rosenkranz von Dörnern ist umringt,

Opitz, Ps. 58.


Wie der güldnen Rosen Zier

Unter scharfen Dörnern blühet,

Opitz, Ps. 58.


Obgleich die Dörner anfangs stechen

So will ich doch noch Rosen brechen,

Günth.


[1524] Wie leicht vergißt, wer still beym nahen Ziele sitzt,

Die Dörner, die vielleicht ihn auf dem Weg geritzt,

Cron.


Allein ein gutes Gehör wird sich wohl nicht leicht für diese Beyspiele erklären. Über dieß wird aus dem folgenden erhellen, daß Opitz und andere Schlesische Dichter den Plural Dörner sehr häufig gebrauchen, wenn gleich von dem Gebüsche, oder einem Zweige desselben die Rede ist. Die alten Alemannischen und Fränkischen Schriftsteller kannten den Plural auf -er in diesem Worte gar nicht. Bey dem Tatian heißt er Thorna, bey dem Kero Dorno, bey dem Notker Dorna, obgleich aus dem Zusammenhange erhellet, daß sie Stacheln und nicht das Gebüsche gemeinet. 2) Im gemeinen Leben führen diesen Nahmen verschiedene Stacheln, und selbst nur einiger Maßen spitzige Werkzeuge, wenn sie gleich nicht zum Stechen bestimmt noch tüchtig sind. Ehedem wurden die Stecknadeln Dörner genannt. Noch jetzt führet diesen Nahmen der bewegliche Stachel in den Schnallen. Bey verschiedenen Metallarbeitern sind die Dörner runde, dreyeckige, viereckige, ovale, vorn etwas spitz zulaufende Werkzeuge, gebohrte Löcher größer zu machen, oder auch nur Röhren von diesen verschiedenen Figuren darauf zu schmieden. Bey andern heißet ein Meißel, oder Durchschlag, Löcher damit in glühendes Eisen zu schlagen, ein Dorn. Bey den Schlössern ist es theils ein kleiner eiserner Draht, fast wie eine Nadel ohne Kopf; theils der längliche Cylinder in den Schlössern, der in die Schlüsselröhre geht; theils aber auch an den Vorhängeschlössern ein bewegliches Blech über das Schlüsselloch. Bey diesem letztern ist der Grund der Benennung dunkel, daher, es noch dahin stehet, ob es hier nicht vielmehr aus dem Franz. tourner, entstanden. Die Büchsenschmiede nennen den eisernen Cylinder, worüber die Platten zu den Feuerröhren zusammen geschweißet werden, gleichfalls einen Dorn, und diesen Nahmen führet auch die Angel, oder der senkrechte Arm einer Haspe, um welchen sich das Thürband mit seinem Ohre beweget, ingleichen diejenigen Cylinder, worüber die Raketen geschlagen werden u.s.f. Da das Wort in dieser Bedeutung nicht leicht anders als im gemeinen Leben vorkommt, so hat es hier auch im Plural beständig Dörner.

2. Figürlich, da es außer der Zusammensetzung nur im Plural üblich ist, und alsdann die Dornen hat. 1) Ein jeder Strauch, dessen Rinde mit Dörnern bekleidet ist. Da es deren sehr viele Arten gibt, so werden selbige durch allerley zusammen gesetzte Nahmen unterschieden, welche Zusammensetzungen auch im Singular üblich sind; z.B. Buchdorn, Kreuzdorn, Hagedorn, Schleedorn u.s.f. Wenn man aber das Wort im Plural, ingleichen die zusammen gesetzten Dornbusch, Dornstrauch, ohne nähere Bestimmung gebraucht, so werden dadurch die gemeinsten Arten dieser mit Dörnern besetzten Sträuche verstanden. Dornen und Disteln soll er (der Acker) dir tragen, 1 Mos. 3, 18. So wachsen mir Disteln für Weitzen, und Dornen für Gersten, Hiob 31, 40. Wie eine Rose unter den Dornen, so ist meine Freundinn unter den Töchtern, Hohel. 2, 2. Etliches fiel unter die Dornen, und die Dornen wuchsen auf und ersticktens, Matth. 13, 7. 2) Zweige von einem Dornen tragenden Gewächse, gleichfalls nur im Plural. So will ich euer Fleisch mit Dornen aus der Wüsten zerdreschen, Richt. 8, 7. Christus wurde mit Dornen gekrönet; S. Christdorn. In beyden figürlichen Bedeutungen hat dieses Wort im Hochdeutschen ohne alle Ausnahme im Plural die Dornen. Nur bey den Schlesischen Dichtern findet sich häufig der Niedersächsiche Plural. Die Stirn ist voll Wunden von den Dörnern, Opitz. Das Haupt ist mit Dörnern verletzt worden, ebend.

[1525] Rosen geben durch die Dörner

Ihren angenehmen Schein,

Opitz.


Doch wurden sie hinweg gerafft

Wie Dörnerglut,

Opitz. Ps. 118, 6.


Der König aller Welt ließ sich mit Dörnern krönen.

Opitz. Ps. 118, 6.


Die dörnervollen Kreuzesstege,

Gryph.


Bis daß die Hand, die uns hier Dörner flicht,

Die Myrthen bricht,

Günth.


Anm. Dieses Wort lautet bey dem Kero und Notker Dorn, bey den Ottfried Thorn. So Lilia untar thornon, B. 1, Kap. 16, V. 46. Corono thero thorno, ebend. Si fluhtun thorna zi samane, ebend. Im Nieders. Dorn, im Engl. Thorn, im Angels. Deorn, im Dän. und Schwed. Torn, im Holländischen Doorne, Deurne, bey dem Ulphilas Thaurnus, im Isländ. Thorn, Thyrner, im Böhm. Trn, im Pohlnischen Tarn, im Russischen Tirne. In Boxhorns Glossen wird Dhorn durch stirpex, und Stecko Dhorn durch sudes, ein Pfahl, erkläret. Im Angels. bedeutet taeran, Engl. to tear, zerreißen. Siehe Sehr, Versehren, Zehren, Zorn, denn der Übergang aus dem D und T in den Zischlaut ist in allen Sprachen etwas gemeines.

Quelle:
Adelung, Grammatisch-kritisches Wörterbuch der Hochdeutschen Mundart, Band 1. Leipzig 1793, S. 1524-1526.
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