Erst

[1941] Erst, ein Nebenwort der Zeit und der Ordnung, welches eigentlich der Superlativ des Nebenwortes ehe ist. Es bedeutet,

1. So viel als der Comparativ eher, und wird von einer Zeit oder Begebenheit gebraucht, die vor einer andern vorher gehet, da es denn zugleich den Ton hat. 1) Für zuerst, am ersten, einen Umstand anzudeuten, welcher der Zeit nach der erste ist. Wem willst du es erst sagen, mir oder deinem Nachbar? Gell. Die Mama möchte sonst empfindlich werden, wenn er erst zu mir käme, ebend. Erst hat er auf mich geschmält, hernach mich ausgelacht. Erst hat man auf diesen Umstand zu sehen, hernach auf jenen. Doch in dieser Bedeutung ist es nur der vertraulichen Sprechart eigen. S. Zuerst und Erstlich. 2) Für anfänglich, zuerst, auch nur im gemeinen Leben. Ich wußte erst wenig davon, aber hernach erfuhr ich es völlig. Er hatte erst wenig, aber bald darauf ward er reich.


Kaum aber sah ich sie, so wich bey ihrem Blicke

Mein erst so dreistes Herz, schon ganz beschämt zurücke,

Gell.


Im gemeinen Leben auch zuweilen als ein Hauptwort, in der Erst, anfänglich.

Jetzt sagt er das nicht mehr, es war nur in der Erst,

Gell.


3) Für vorher. Laß mich erst essen, hernach wollen wir gehen. Überlege es ja erst recht, was du thun willst. Erst hat er es nicht geglaubt. Nimm doch erst Abschied, ehe du gehest. Das brauche ich nicht erst zu beweisen. O sieh doch mir erst ins Gesicht, Weiße. Lassen sie mich mein Glück erst recht überdenken, Gell. Dahin gehören auch die vornehmlich im Oberdeutschen üblichen Zusammensetzungen, erstgedacht, ersterwähnt, erstgemeldet u.s.f. für oben oder vorher gedacht u.s.f.

2. Figürlich bedeutet es zuweilen auch eine Einschränkung, so wohl der Zeit, als der Zahl, als auch dem Raume nach, in welcher Bedeutung es den Ton niemahls hat, außer wenn es am Ende stehet. 1) Der Zeit nach, für nicht eher als jetzt. Er hat erst angefangen zu schreiben, er wird es schon besser lernen. Sie sehen so frisch aus, als wenn sie erst gestern gemacht wären. Oft ruft mich der Morgenstern erst unter der feuchten Laube aus meinem Tiefsinne. Jetzt erst, nun erst, dann erst, alsdann erst. Jetzt merke ich es erst, oder jetzt erst merke ich es, oder erst jetzt merke ich es. Nun antworte ich dir erst. Kommst du nun erst? Zuweilen wird jetzt auch ausgelassen. Er ist erst gekommen, d.i. jetzt erst. Er ist erst gestorben. Nur alsdann erst, wenn man sie geliebt hat, wird man gewahr u.s.f. Er hat es noch nicht gethan, er hat es erst thun wollen. Sie ist noch nicht meine Braut, sie hat es erst werden sollen. Erst übers Jahr, übers Jahr erst. Erst morgen. Morgen erst? 2) Der Zahl nach, für nicht mehr als. Sie ist erst sechzehen Jahr alt. Ich habe erst drey bekommen. Es schlägt erst vier. 3) Dem Raume nach, für[1941] nicht weiter als. Bist du erst da? Er ist erst in Leipzig. In allen drey Bedeutungen ist so wohl im Oberdeutschen, als auch in der gemeinen Sprechart der Hochdeutschen allererst üblich.

3. Oft verlieren sich die jetzt gedachten Bedeutungen, und da gibt diese Partikel der Rede verschiedene Arten des Nachdruckes oder der nähern Bestimmung, welche sich besser empfinden, als beschreiben lassen. Du sollest ihn erst singen hören, da würde er dir erst recht gefallen. Möchte ich doch erst zu Hause seyn! Was werde ich erst da empfinden, wenn ich ihn von Angesicht sehe! Sie wird denken, daß sie ihnen deßwegen erst gewogen würde. Sie machen, daß man die Liebe und das Glück erst hochschätzen lernt. Nun ging es erst recht hitzig.


Nimmt dich die Zärtlichkeit nur erst vollkommen ein,

So sey so stolz du willst, du hörst es auf zu seyn,

Gell.


Anm. Dieses Nebenwort lautet bey dem Kero herost, bey dem Ottfried erist. S. Ehe und Erste.

Quelle:
Adelung, Grammatisch-kritisches Wörterbuch der Hochdeutschen Mundart, Band 1. Leipzig 1793, S. 1941-1942.
Lizenz:
Faksimiles:
Kategorien:
Ähnliche Einträge in anderen Lexika