Erz- (2)

[1956] 2. Êrz-, ein Wort, welches nur allein in der Zusammensetzung mit verschiedenen Haupt- Bey- und Nennwörtern vorkommt, alle Mahl das Vornehmste in seiner Art bedeutet, und im Deutschen auf doppelte Art gebraucht wird. 1) Im guten und vorzüglichen Verstande, das Vornehmste in seiner Art, der Würde nach, da es denn mit verschiedenen Hauptwörtern und davon abstammenden Beywörtern verbunden wird. S. im Folgenden die Wörter Erzamt, Erzbischof, Erzbisthum, Erzengel, Erzgraf, Erzhaus, Erzherzog, Erzhirt, Erzkämmerer, Erzkanzler, Erzmarschall, Erzpfalzgraf, Erzpriester, Erzschatzmeister, Erzschenk, Erzstift, Erztruchseß, Erzvater und Erzwürde. In allen diesen Wörtern ersetzet das Deutsche Erz das Griechische Archi-, und bedeutet das Vorzüglichste in seiner Art; kann aber nur in solchen Wörtern gebraucht werden, welche bereits eingeführet worden. Für Archiater, Archicustos u.s.f. Erzarzt, Erzküster, zu sagen, dürfte wohl nicht leicht zu wagen seyn. 2) Im nachtheiligen Verstande, das Vorzüglichste in bösen Eigenschaften zu bezeichnen. In diesem Verstande wird es im gemeinen[1956] Leben sehr häufig gebraucht, so wohl vor Haupt- als Bey- und Nebenwörtern. Dergleichen sind: Erzbetrieger, Erzbettler, Erzbösewicht, Erzdieb, αρχικλοπος, trifurcifer, Erzflegel, Erzgeitzhals, Erzheuchler, Erzhexe, Erzhure, Erzjude, so fern das Wort Jude einen niedrigen Wucherer bedeutet, Erzketzer, haeresiarcha, Erzlügner, Erznarr, Erzplauderer, Erzprahler, Erzschelm, Erzschwelger, Erzwucherer, Erzzauberer, und tausend andere, von denen man noch täglich neue entstehen siehet. Ingleichen die Bey- und Nebenwörter, erzböse, erzdumm, erzliederlich u.s.f. In einigen der letztern hat es auch einen gleichgültigen, ja zuweilen auch einen guten Verstand. Ein erzlustiges Gemüth, ein erzleichtfertiger Mensch, er ist ein erzguter Mensch. Doch alle diese Wörter sind nur in den niedrigen, höchstens vertraulichen Sprecharten üblich, und werden daher auch im folgenden nicht besonders angeführet werden.

Anm. Im Ital. lautet dieses Wort Arci, im Span. Arco, im Franz. Archi und Arch, im Angels. Arce, im Engl. Arch, im Schwed. Erts, im Dänischen Ärts. In allen diesen Sprachen wird es, wie im Deutschen, nur in der Zusammensetzung gebraucht. Einige haben es von er, ar, vor, das erste der Zeit und Würde nach, herleiten wollen, da man mehrere Beyspiele hat, daß das r am Ende ein s zu seinem Begleiter annimmt. Allein es ist wohl glaublicher, daß es nach dem Griechischen Archi, besonders nach dessen Italiänischen Aussprache, Arci, gebildet worden. Merkwürdig ist aber doch, daß die Dänen außer dem schon gedachten Ärts, welches bey ihnen so wohl im guten als bösen Verstande gebraucht wird, Ärtscantzler, Ärtsbedrager, Erzbetrieger, noch ein doppeltes gleich bedeutendes Wort haben: Erke welches nur allein im guten Verstande, und Ers, welches nur im nachtheiligen und verächtlichen Sinne üblich ist. So wohl im guten, als nachtheiligen Verstande war für Erz ehedem auch all üblich. Ottfried alhoner, erzschändlich. Sonst wird im Deutschen noch das Wort Haupt in Zusammensetzungen auf ähnliche Art gebraucht; eine Hauptperson, ein Hauptdieb u.s.f. In andern sind die Wörter Ober- und Groß- üblich.

Quelle:
Adelung, Grammatisch-kritisches Wörterbuch der Hochdeutschen Mundart, Band 1. Leipzig 1793, S. 1956-1957.
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