Führen

[343] Führen, verb. reg. act. welches das Factitivum des Neutrius fahren ist, fahren machen.

1. Eigentlich die Richtung der Bewegung eines Dinges bestimmen, besonders in folgenden Fällen.

1) Vermittelst eines Fuhrwerkes, Fahrzeuges oder auf ähnliche Art von einem Orte zum andern schaffen. Waaren aus dem Lande führen. Waaren zu Markte führen, vermittelst eines Fuhrwerkes. Korn, Steine, Kohlen zur Stadt führen, in die Stadt fahren. Und sie ließen die Lade Gottes führen auf einem neuen Wagen, 2 Sam. 6, 3. Also nahm Mose sein Weib und seine Söhne, und führete sie auf einem Esel, 2 Mos. 4, 20. Personen, Güter über einen Fluß führen, auf einem Kahne, Schiffe u.s.f. Geld aus dem Lande führen. Dahin gehöret auch die Redensart, wenn man von Kaufleuten[343] sagt, daß sie seidene Waaren, Eisenwaaren, Bücher, Spezereyen u.s.f. führen, wenn sie damit gewöhnlich handeln; welches von den ehemahligen wandernden Kaufleuten hergenommen ist, welche ihre Waaren im eigentlichen Verstande mit sich herum führeten. S. Buchführer.

2) Den Gang oder die Bewegung eines lebendigen Geschöpfes durch physische Mittel bestimmen. Einen Blinden führen, leiten. Ein Kind am Leitbande führen. Einen bey der Hand, an der Hand führen. Führ ihn an deiner Hand, 1 Mos. 21, 18. Der Mosen bey der rechten Hand führete, Es. 63, 12. Einen Dieb in das Gefängniß führen. Einen Verbrecher, ein wildes Thier an einer Kette, ein Pferd an einem Stricke führen. Einen Hund am Hängeseile führen. Einen Übelthäter zum Galgen, zum Richtplatze führen. Das Vieh auf die Weide, zur Tränke führen.

2. Figürlich.

1) Die Bewegung eines leblosen Körpers und deren Richtung bestimmen. Den Wagen führen. Der Steuermann führet das Schiff in den Hafen. Einem Kinde die Hand führen. Er weiß den Degen geschickt zu führen. Wer hat die Feder hierbey geführet, wer hat diesen Aufsatz verfertiget? Das Mitleiden hat seine Feder geführet, er hat aus Antrieb des Mitleidens geschrieben. Den Pinsel gut zu führen wissen. Einen Streich führen. Der Staub wurde von dem Winde in die Luft geführet.

2) Nach einer gewissen Richtung verfertigen. Einen Zaun, einen Graben, einen Wall führen. Eine Mauer um eine Stadt, um einen Platz führen. Eine Mine bis unter das Bastion führen. Die Laufgraben bis an die Contrescarpe führen.

3) Der Weg führet nach der Stadt, gehet nach der Stadt, auf diesem Wege kommt man zur Stadt. Der Weg führet in das Holz. Der Gang, der zur Treppe führet. Die eiserne Thür, welche zur Stadt führet, Apostg. 12, 10.

4) Durch Zeigung des Weges, Befehl, Überredung u.s.f. die Bewegung einer Person oder Sache und deren Richtung bestimmen, (a) Durch Zeigung des Weges. Einen Verirreten auf den rechten Weg führen, ihn auf den rechten Weg bringen. Aber, ihn auf dem rechten Wege führen, ihn so führen, daß er immer auf dem rechten Wege bleibe. Dein guter Geist führe mich auf ebener Bahn. Statt dieser Wortfügung ist im Hochdeutschen auch die vierte Endung mit Auslassung des Vorwortes üblich. Ich will dich den rechten, den besten, den kürzesten Weg führen. Einen die rechte Straße führen. Im Oberdeutschen auch mit der zweyten Endung: ich will dich des Weges führen, Es. 37, 29. Einen Gesandten zur Audienz führen. (b) Durch Begleitung. Einen Fremden in sein Haus führen. Eine Braut zur Kirche, in die Kirche führen. Einen Delinquenten zum Tode führen. Und warum ließest du dich ihn (von ihm) zum Altare führen? Weiße. Ein Frauenzimmer führen. (c) Durch Gründe, durch Beredung. Einen auf das Eis führen, um die Fichte führen, d.i. ihn durch listige Beredung hintergehen. Jemanden in Versuchung führen, ihn in Noth, ins Verderben führen. (d) Durch Befehl. Gott führet die Wolken über die Erde, 1 Mos. 9, 14. Die Truppen in das Feld, in die Schlacht, zum Sturme, in das Lager führen, sie bey diesen Vorfällen commandiren. Wo man auch dieses Zeitwort zuweilen absolute für commandiren gebraucht. Die Armee führen, ihr Befehlshaber seyn. (e) Durch den Vorgang der erste seyn, dem die andern nachfolgen. Den Tanz, den Reihen führen. Die Marschälle führeten den Trupp.[344]

5) Veranlassen, die Ursache einer Wirkung seyn; eine Fortsetzung der vorigen Figur. Ein Seufzer führete ihn an das Bett. Die Tugend führet nicht allemahl zur Ehre. Diese Meinung führet zur Ketzerey. Das führet mich wieder auf den vorigen Gegenstand. Einem etwas zu Gemüthe führen, ihm dasselbe nachdrücklich vorstellen. Sich etwas zu Gemüthe führen, im Scherze, es zu sich nehmen; z.B. sich eine Bouteille Wein zu Gemüthe führen. Die Selbstliebe hatte sie vor den Spiegel geführet. Wir werden durch große Mühseligkeiten nicht selten zu einem dauerhaften Glücke geführet, Gell. Ists möglich, daß die Wuth sie bis nach Wien führen kann? Ein Verstand, der der Tugend des Herzens nicht aufhilft – führet zum Unglauben, Gell.

6) Eine Sache nach ihren Umständen anordnen, derselben vorgesetzet seyn, sie verwalten; eine Fortsetzung der vorigen Figuren. Das Regiment, die Regierung führen. Du führest meine ganze Haushaltung. Den Tact führen, schlagen. Die Aufsicht über etwas führen. Eine Rechnung führen; S. Rechnungsführer. Einen Bau führen, demselben vorgesetzet seyn. Ein Amt führen, bekleiden. Die Sache der Wahrheit und der Religion führen, vertheidigen. Einen Prozeß führen, als Sachwalter; in einem andern Verstande auch als Partey, einen Prozeß haben, so wie man auch sagt, Krieg führen. Krieg wider jemanden führen. Der Krieg wird mit vieler Wuth geführet. Eines Gewissen führen, leiten. Eine Intrigue führen, veranstalten und anordnen. Gott führet die Seinen wunderlich, veranstaltet alle ihre Veränderungen auf eine wunderbare Art. Das Wort führen, im Nahmen der übrigen sprechen; ingleichen eines Wort führen, für ihn sprechen, zu seinem Besten reden. Vermengen sie mich nicht mit der Närrinn, deren Wort ich führe, Less.

7) In sich enthalten, an und bey sich tragen; obgleich nur in einigen Fällen, wo dieses Zeitwort zugleich die Gestalt eines Neutrius hat, wenigstens ist in denselben das Passivum nicht gebräuchlich. (a) Enthalten. Der Fluß führet Eis, gehet mit Eise, oder hat zerbrochene Eisschollen. Der Teich führet Hechte, Karpfen u.s.f. enthält Hechte u.s.f. Der Rhein führet mehr Wasser als der Main. (b) Zum Gebrauche bey sich tragen. Geld bey sich führen. Verbothene Waffen bey sich führen. Was führen die Türken für Gewehr? Streitbare Männer, die Schild und Schwert führen konnten, 1 Chron. 6, 18. Die alle Schilde und Helmen führeten, Ezech. 38, 5. Die Bienen führen Honig, wenn sie Honig sammeln. Der Bergmann führet allerley Gezähe (allerley Werkzeug) mit sich in die Grube. (c) Haben; gleichfalls nur in einigen Fällen. Einen gewissen Nahmen, einen gewissen Titel führen. Einen Adler, einen goldenen Stern u.s.f. im Wappen führen. Dahin gehöret auch die figürliche von dem Wappenschilde und dessen Figur entlehnte R.A. Etwas im Schilde führen, ein Vorhaben haben, damit umgehen; gemeiniglich im nachtheiligen Verstande. Ich weiß noch nicht, was er im Schilde führet, was seine Absicht ist. Etwas im Sinne führen. Thaz thu in muate fuaris, welches du im Sinne führest, sagte schon Ottfried. Allerley Gedanken führen. Eine widrige Meinung führen, hägen. (d) Was führen sie da für Reden? was für Reden bringen sie vor? Erwacht sie, so wird sie gewiß ihren Romeo im Munde führen, Weiße, sie wird ihn nennen, von ihm reden. Führen nicht alle Mannspersonen eben die Sprache, die er führet? Man muß seine Gelehrsamkeit nicht immer im Munde führen. Gottes Nahmen unnütz führen, d.i. gebrauchen, Sir. 23, 9.[345] Einerley Rede führen, 1 Cor. 1, 10. Klage über eine Person oder Sache führen, darüber klagen.

8) Ein elendes Leben führen, elend leben. Ein unverständiges Leben führen, Weish. 12, 23. Ein heiliges Leben führen, Kap. 6, 30. Ein stilles, ruhiges, glückliches Leben führen. Sie führen eine sehr unzufriedene Ehe mit einander. Gedenken sie mit ihr eine zufriedene Ehe zu führen? Daher die Führung, S. solches besonders an seinem Orte.

Anm. Dieses Wort lautet im Nieders. fören, im Schwed. föra, im Isländ. faera, bey dem Ottfried, Notker und Kero fuoran, fuaren, bey welchen es aber auch setzen, ingleichen, als ein Neutrum, gehen, bedeutet, und alsdann für das Neutrum fahren stehet. Es ist sehr wahrscheinlich, daß es so wohl mit dem Vorworte vor oder für, als auch mit dem alten Verbo bären, tragen, Lat. ferre, Griech. φερειν, verwandt ist, wie unter andern auch aus der siebenten figürlichen Bedeutung erhellet. Mehrere figürliche Bedeutungen des Zeitwortes führen kommen in den Zusammensetzungen Abführen, Anführen, Aufführen, Ausführen u.s.f. vor.

Quelle:
Adelung, Grammatisch-kritisches Wörterbuch der Hochdeutschen Mundart, Band 2. Leipzig 1796, S. 343-346.
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