Finden

[155] Finden, verb. irreg. act. Imperf. ich fand; Conj. ich fände; Mittelw. gefunden; Imperat. finde. I. In eigentlicher und weitrer Bedeutung, auf seinem Wege gewahr werden, antreffen, und dann in vielen Fällen für gewahr werden, antreffen, überhaupt, doch vornehmlich in zwey verschiedenen Fällen. 1) Auf eine unerwartete Art auf seinem Wege gewahr werden, die gefundene Sache mag lebendig seyn, oder nicht. Man fand deinen Bruder von ungefähr unter den Todten. Welch ein feindliches Schicksal läßt mich Lucien finden! Ein unbekanntes Land finden. Wir haben es so (in diesem Zustande) gefunden, wir wollen es auch so lassen. Ein Löwe fand den Propheten auf dem Wege, 1 Kön. 13, 24. Ich fand ihn in einem sehr hülflosen Zustande. Wie glücklich werden uns daselbst die stillen Abendstunden finden! Wird der Zustand, in welchem man eine Person oder Sache antrifft, vermittelst eines Zeitwortes ausgedruckt, so stehet dasselbe oft im Participio, oder auch im Infinitivo. Ich fand ihn schlafend oder schlafen, sitzend oder sitzen, schreibend oder schreiben. Auch das Reciprocum sich finden, bedeutet hier oft gefunden werden. In der größten Verlegenheit fand sich unvermuthet eine Hülfe. Der verlorne Stein hat sich von ungefähr wieder gefunden. In engerer Bedeutung, von herrenlosen Dingen, auf welche man durch das Finden zugleich eine Art des Eigenthums erhält. Einen Schatz finden. Diesen Beutel habe ich gefunden, siehe ob es der deinige ist. Für das Geld ist es gefunden, oder ist es so gut als gefunden, sagt man von Dingen, welche man um einen sehr wohlfeilen Preis erhalten hat. Das war für ihn ein gefundenes Fressen, in der niedrigen Sprechart. 2) Von Dingen, welche man sucht, eine gesuchte Sache gewahr werden. Das verlorne Geld ist noch nicht wieder gefunden worden. Ich habe ihn lange gesucht, aber nirgends gefunden. Wer sucht, der findet. Ich suche überall, aber es will sich nirgends finden. Ich weiß kaum Worte zu finden, ihnen meine Erkenntlichkeit zu bezeigen. O du immer gerader Weg der Tugend, wenn werde ich dich wieder finden!

II. Figürlich. 1) Gewahr werden, entdecken überhaupt, so daß die vorigen Nebenbegriffe entweder ganz oder doch größten Theils verschwinden. Noch habe ich keinen treuen Freund gefunden. Man findet überall böse und gute Menschen. Die Demuth findet an jedem noch einen Vorzug, den sie nicht besitzet, Gell. Der Menschenfreund schätzt die Verdienste, wo er sie findet. Sonnenf. Ich finde in diesem Buche viele bedenkliche Stellen. Ich fand die Thüre geöffnet. Ich finde ihr Herz zu sehr für ihn eingenommen. Ich kann die Schönheit an Kallisten nicht finden, die du erhebest. Als ich kam, fand ich, daß das Licht noch nicht erloschen war. Ich finde, daß es niemand gewahr wird. Dergleichen Seltenheiten find in alten Cabinetten zu finden. Ich erwachte und fand mich allein. So auch das Reciprocum sich finden, entdeckt, wahrgenommen werden. Als man nachsahe,[155] fand sich, daß eines fêhlete. Die Wahrheit wird sich finden. 2) Auch überhaupt, sich einer Sache als gegenwärtig bewußt seyn, für empfinden, doch nur in einigen Fällen. Ich finde heute keinen Beruf, einer solchen Gesellschaft beyzuwohnen. Nur in der Einsamkeit finde ich noch einigen Trost.


Er aß und fand die Frucht vortrefflich von Geschmack,

Gell.


Der Weise findet in dem Bewußtseyn seiner Tugend dir stärkste Quelle des Trostes, ebend. Die Seele findet ihre letzten Kräfte nur immer dann, wenn die Noth am dringendsten ist. Dahin gehören auch die Redensarten, Vergnügen, Mißvergnügen u.s.f. an oder in etwas finden. Ich fange an, Vergnügen im Wohlthun, oder am Wohlthun zu finden. Sie finden ihre größte Freude am Zanken. Sich durch etwas beleidigt, geschmeichelt, geehrt finden. Geschmack an etwas finden. 3) Nach angestellter Untersuchung oder gehabter Erfahrung erkennen. Wir werden stets finden, daß Gott es besser mit dem Menschen meinet, als es der Mensch mit sich meinen kann, Gell. Ich habe ihn unschuldig gefunden. Ich finde, daß er ein ehrlicher Mann ist.


Hast du das Herz, mit dem du dich verbunden,

Dem deinen gleich, der Liebe werth gefunden?

Gell.


Eine Person nicht Jungfrau finden, 5 Mos. 22, 14, 17; besser nicht als Jungfrau. Ungewöhnlich aber ist die Wortfügung Luc. 23, 2, diesen finden wir, daß er u.s.f. für, wir finden, daß dieser u.s.f. Auch das Reciprocum sich finden kommt noch zuweilen statt des Passivi gefunden werden vor, obgleich das zusammen gesetzte befinden in dieser Bedeutung üblicher ist. Die Antwort findet sich unrecht, Hiob 21, 4, 6. Am häufigsten mit dem Zeitworte lassen. Er läßte sich im Kriege sehr feige finden. Ich werde mich dankbar finden lassen. Hierher gehöret auch die nunmehr veraltete, noch in einigen Niedersächsischen Gerichten übliche Bedeutung, ein Urtheil finden, d.i. fällen, von welcher die Beysitzer eines Gerichtes ehedem Finder und Findungsleute genannt wurden. 4) Dafür halten, nach dem Franz. trouver, in welchem Verstande auch befinden gebraucht wird. Man findet seine Blödigkeit angenehm, Raben. Jedermann fand ihn lächerlich, ebend. Dadurch finde ich mich beleidigt, Gell. Mich wegen erdichteter Beschuldigungen zu rechtfertigen, finde ich sehr überflüssig. Dann kann auch kein Engel unsere Verbindung sträflich finden, Dusch. Zur Trägheit gewöhnt, findet der Zärtling des Glücks die Tugend zu mühsam. Ich finde es gut, heute nicht zu reisen; im gemeinen Leben, ich finde es für gut. 5) Bekommen, nur in einigen Fällen. Gnade, Barmherzigkeit bey einem finden. Hülfe, Trost finden. Ruhe finden. O du Einzige, in der alle meine besten Wünsche ihr Ende finden! Dusch. Wollen sie mein Bitten Statt finden lassen? Die Demuth kann nicht ohne Gefühl der Liebe des Schöpfers Statt finden, Gell. S. Statt.


Gut, sprach er, stecht nur immer kühn,

Ihr findet hier heut euer Grab,

Gell.


Ich werde hoffentlich leicht Gleuben bey ihm finden. Nur die biblischen Arten des Gebrauchs: das Herz finden, Herz, Muth bekommen, 2 Sam. 7, 27; Gottes Erkenntniß finden, Sprichw. 2, 5; die Gunst finden, Kap. 3, 4; das Leben finden Kap. 8, 35, sind im Hochdeutschen ungewöhnlich. 6) Neue Vorstellungen oder Sachen hervor bringen; wofür doch in den meisten Fällen erfinden üblicher ist. Eine Versöhnung finden, Hiob 33, 24. Schwarz fand das Schießpulver. Er weiß geschwinde eine Lügen zu finden. Aus zweyen Zahlen die[156] dritte finden, in der Rechenkunst. 7) In der Absicht zu strafen, sich zu rächen, finden. Ich will ihn schon zu finden wissen. Gott wird ihn schon dafür finden. 8) Sich in etwas finden, die Sache nach ihren Gründen einsehen. Er weiß sich in alles leicht zu finden. Ich kann mich gar nicht mehr in ihr Bezeigen finden, Gell. Ich kann mich in diese Rechnung nicht finden. Ingleichen, diese Einsicht thätig anwenden. Er kann sich in alle Leute finden. Wenn du dich in dein Glück zu finden weißt. Sich in die Zeit finden, schicken. 9) An einem Orte gegenwärtig, in einem gewissen Zustande seyn, auch als ein Reciprocum, und für das zusammen gesetzte befinden. Sich in einem Stande finden, (besser befinden) wo man andern dienen kann. Er findet (befindet) sich hier ein Käufer. Es finden sich viele schlechte darunter. Ich finde mich in einer großen Unruhe. Wir fanden uns auf einmahl zwischen Kornspeichern, Hermes. Der Eigensinn im Umgange, der gemeiniglich den Stolz begleitet, findet sich an dem Demüthigen nicht, Gell. 10) Kommen, gleichfalls als ein Reciprocum. Sie finden sich heimlich zusammen. S. auch Einfinden.

Daher die Findung. S. solches an seinem Orte.

Anm. Finden, Nieders. gleichfalls finden, finnen, Dän. finde, lautet schon bey dem Kero findan, bey dem Ottfried fintan, im Angels. findan, im Engl. to find, im Schwed. finna, im alt Franz. finer, bey den alten Lateinern fendere, wie noch aus der Zusammensetzung offendere erhellet. Auch venire, besonders in der Zusammensetzung invenire, gehöret hierher, als welches bloß durch die noch bey den Niedersachsen übliche Ausstoßung des d aus fendere entstanden zu seyn scheinet. Bey dem Ulphilas ist finthan wissen, und bey dem Ottfried finden auch suchen, bey Isidors Übersetzer aber beweisen; anderer veralteten und noch in den Zusammensetzungen und Ableitungen aufbehaltenen Bedeutungen zu geschweigen. S. Abfinden, Spitzfündig, Fund u.s.f.

Quelle:
Adelung, Grammatisch-kritisches Wörterbuch der Hochdeutschen Mundart, Band 2. Leipzig 1796, S. 155-157.
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