Gewinnen

[663] Gewinnen, verb irreg. Imperf. ich gewann, Conjunct. ich gewänne; Mittelw. gewonnen; Imperat. gewinn. Es war, so wie das einfachere winnen, ehedem in einem sehr weiten Umfange von Bedeutungen üblich, von welchen die im Hochdeutschen noch gangbaren nur schwache Überreste sind. Es kommt in doppelter Gestalt vor.

I. Als ein Neutrum, mit dem Hülfsworte haben.

1. * Für gehen, wovon das Nieders. wanken, gehen, das Iterativum für seyn scheinet, wo nicht winnen selbst eine Art eines Intensivi von wehen, wegen, bewegen ist, wovon durch eine sehr gewöhnliche Verwechselung der Blase- und Gaumenlaute auch unser gehen herrühret; so wie von begehen beginnen, von sehen sinnen u.a.m. herkommen, S. -innen. Bey dem Notker ist winnen, grassari. In engerer Bedeutung, einen Ort durch Gehen erlangen, wohin unter andern auch das Lat. venire gehöret. In dieser ganzen Bedeutung ist es im Hochdeutschen veraltet, indessen ist sie doch um einiger der folgenden Bedeutungen willen merken.

2. * Für arbeiten, einer Art der körperlichen Bewegung; in welcher Bedeutung noch das Schwed. inna und winna üblich sind, wo auch Winnuman eine Arbeiter bedeutet. Auch diese Bedeutung ist im Hochdeutschen veraltet, liegt aber doch in einigen der folgenden zum Grunde.

II. Als ein Activum, dessen Bedeutungen theils Fortsetzungen, theils Figuren der Bedeutungen des vorigen Neutrius sind. 1. * Handlungen oder Bewegungen vornehmen, deren Art aus dem Beysatze oder Zusammenhange näher bestimmt werden muß; eine im Hochdeutschen veraltete Bedeutung. Herr – gewindt von Leder ewr gut schwert, Theuerd. Kap. 38, zieht es von Leder. Theuerdank gewan von stund sein schwert, Kap. 77. Der Held besteckt darinnen (in dem Loche) dermaß, das er nit gewinnen Mocht sein Fueß heraus wider, ebend. daß er seinen Fuß nicht wieder heraus bringen konnte. Einen Verbrecher aus der Stadt winnen, treiben, in dem Brem. Statuten. In den gemeinen Sprecharten ist dafür gleichfalls bekommen üblich.

2. Durch Bemühung ein gewisses Ziel erreichen; nur noch in einigen einzelnen Fällen. Einen Hügel, einen Berg gewinnen, denselben durch Anstrengung erreichen. Wir konnten in vierzehn Tagen nicht mehr als fünf Meilen gewinnen, aller Bemühung ungeachtet zurück legen. Ehedem sagte man auch, und wohl noch jetzt; den Wald, das Dorf, die Stadt[663] gewinnen, dahin gelangen. Zeit, Raum, Platz gewinnen, sich verschaffen, sie bekommen.

3. Durch Mühe, durch Arbeit hervor bringen, erlangen, sich verschaffen; nur in einigen Fällen. Sein Brot gewinnen, erwerben, verdienen. Ein Fischer der mit seinen Netzen Brot und Zufriedenheit gewann, Haged. Heu gewinnen, in der Landwirthschaft, es so wohl machen und hervor bringen, als auch einernten, bekommen. Wir haben diese Ernte wenig Getreide gewonnen. So auch von allen Feld- und Gartenfrüchten. Kohlen gewinnen, durch Brennen hervor bringen. Aus dem Erze Metall gewinnen, durch Schmelzen erhalten. So sagte man auch ehedem Haben gewinnen, 1 Mos. 12, 5. Die Thüre aufgewinnen, aufbringen, eine Stadt eingewinnen u.s.f.

4. Besonders in einzelnen Fällen.

1) Die Oberhand über etwas erhalten, sich das Vermögen verschaffen, gewisse Veränderungen in andern Dingen hervor bringen zu können. (a) Überhaupt; nur noch in einigen einzelnen Fällen. Das Erz oder Erz gewinnen, im Bergbaue, es erbrechen, los brechen. Ein Gang, welcher hart zu gewinnen ist. Sandstein ist leicht zu gewinnen. Die Erze mit Feuer setzen, mit Schlägel und Fäustel gewinnen. Eine Stadt mit Gewalt, mit List, durch einen Überfall gewinnen, die einnehmen, Könige gewinnen, Jos. 11, 17, für bezwingen, sind im Hochdeutschen veraltet. Die Oberhand gewinnen, der mächtigere Theil werden. (b) Besonders. (α) Durch Gewalt der Waffen, im Gefechte. Eine Schlacht, ein Treffen gewinnen. Das Treffen ist mit leichter Mühe gewonnen worden. Wer hat gewonnen? d.i. das Treffen. Nun haben wir gewonnen, figürlich, nun haben wir das Schwerste überstanden. Aber, der Sieg gewinnen, ist im Hochdeutschen veraltet. (β) Im Wettstreite, er sey von welcher Art er wolle, gewinnet her, der den Preis davon träget. Den Preis gewinnen. Eine Wette gewinnen. Dahin gehöret auch der Wettstreit vor Gericht, wo derjenige gewinnet, dem vor Gerichte das Recht zugesprochen wird. Den Prozeß gewinnen. Er hat seine Sache gewonnen, oder er hat gewonnen. (c) Durch Liebe, durch Güte, durch Dienstleistungen. Eines Herz gewinnen. Nach dir kann nichts hinfort mein Herz gewinnen, Raml. Jemandes Vertrauen, Huld, Gunst, Liebe gewinnen. Das Volk durch seine Freygiebigkeit gewinnen, auf seine Seite bringen. Sie muß durch Güte gewonnen werden, wenn ihr Schwur unkräftig werden soll, Dusch. Sie gewann ihn ein mit ihrem glatten Munde, Sprichw. 7, 21; besser gewann ihn. oder nahm ihn ein (d) Durch Überzeugung zum Beyfalle bringen. Höret er dich, so hast du deinen Bruder gewonnen, Matth. 18, 15. Den Jüden bin ich worden als ein Jüde, auf daß ich die Jüden gewinne, 1 Cor. 9, 20, 21, 22.

2) Durch Arbeit oder Bemühung Überschuß über seine Kosten in Handel und Wandel erlangen, wo man nur alsdann gewinnet, wenn man mehr für eine Waare bekommt, als sie und an Auslage und Unkosten zu stehen kommt; im gemeinen Leben verdienen. Wir gewinnen an dieser Waare nicht viel, an dieser Waare ist nicht viel zu gewinnen. Wir haben zehen Thaler daran gewonnen. Bey der Sache ist was zu gewinnen. Die Zeiten sind so schlecht, es ist nichts mehr zu gewinnen. Aber, in einer Stadt gewinnen, in derselben etwas zu erwerben suchen, Jac. 4, 13, ist im Hochdeutschen ungewöhnlich.

3) Durch Wagen erlangen, wo der Begriff der Arbeit oft verschwindet, und an dessen Statt der Begriff des Glückes[664] eintritt, von allen Arten von Spielen, sie mögen nun eigentliche Glücks- oder auch andere Spiele seyn. Es wird alsdann so wohl von dem Spiele gebraucht, in welchem man der siegende Theil ist, ein Spiel gewinnen, das Spiel gewinnen, ingleichen absolute, Cajus hat gewonnen, nehmlich das Spiel; als auch von dem Gelde oder der Sache, die man dadurch erlanget, zehen Thaler gewinnen, und auch hier absolute, Cajus hat gewonnen, Decius aber verloren, Cajus hat in dem Spiele Geld gewonnen, Decius aber verloren. Das große Loos in der Lotterie gewinnen. Das Spiel schlug ihm ein, und er gewann außerordentlich. Einem ein gewonnen Spiel machen, auch figürlich im gemeinen Leben, machen, daß er seine Absicht mit leichter Mühe erreicht. Einem gewonnen Spiel geben, bedeutet zuweilen eben dasselbe, zuweilen aber auch, erkennen, daß der andere gewonnen habe, sein Vorrecht, seine Übermacht erkennen, welches man auch durch, einem gewonnen geben, ausdruckt. Wie gewonnen, so zerronnen.

5. Im weitestem Verstande, eine gewisse Veränderung erleiden, welche durch den Accusativ ausgedruckt wird, wie bekommen. Ein Ansehen gewinnen, bekommen. Die Sache soll bald ein anderes Ansehen, eine andere Gestalt gewinnen. Es gewinnet den Anschein, als wenn u.s.f. Das Bild wird bald mehr Ähnlichkeit gewinnen. Geschmack an etwas gewinnen. Meine Liebe gewinnet dadurch einen großen Zuwachs. Ein Ende gewinnen, geendigt werden. Wenn wird die Sache einmahl einen Anfang gewinnen? Ich hoffe, die Sache soll noch den besten Fortgang gewinnen. Einen traurigen Ausgang gewinnen. Die unpersönliche Wortfügung: es wird mit der Sache einen guten, einen schlechten Ausgang gewinnen, läßt sich auf keine Weise empfehlen. Eine Person oder Sache lieb gewinnen, ist vielleicht der einzige Fall, da es in dieser Bedeutung mit einem Abverbio verbunden wird.

Viele ähnliche Arten des Ausdruckes sind im Hochdeutschen veraltet, außer daß einige noch zuweilen bey den Dichtern vorkommen, aber gemeiniglich bloß um der Bequemlichkeit des Reimes willen. Die Künigin groß Schrecken gewann, Theuerd. Einen Sohn gewinnen, bekommen. Ablaß gewinnen; jemanden zum Gevatter gewinnen; beyde noch im Oberdeutschen. Die Bauerschaft gewinnen, Bauer werden, im Nieder-Sächsischen. Der Flachs hat Knoten, der Feigenbaum Blätter, der Weinstock Augen gewonnen; einen Riß gewinnen; Lücken gewinnen; eine Zuversicht gewinnen; ein Herz zu arbeiten gewinnen, und andere Ausdrücke mehr sind eben so ungewöhnlich geworden.

6. Besonders Nutzen gewinnen, eine vortheilhafte Veränderung erleiden, wo es theils absolute steht, theils mit den Adverbiis viel, wenig u.s.f. verbunden wird. Wenn sie ein wenig geschmeidiger seyn wollen, so wird ihre gute Sache viel gewinnen. Durch die Feile kann deine Schreibart noch manches gewinnen. Gewinnt nicht unser Vergnügen schon, wenn wir es einem Freunde erzählen? Man sagt von einer Person, sie habe gewonnen, wenn sich ihre äußere Gestalt gebessert hat, so wie man im Gegentheile sagt, sie habe verloren. Das Hauptwort die Gewinnung ist nur in der 3ten und 4ten Bedeutung üblich. Die Gewinnung des Heues, des Erzes u.s.f.

Anm. Ottfried gebraucht uuinnan und giuuinnan schon für nehmen, annehmen, erwerben, fechten, streiten u.s.f. von welcher letztern Bedeutung noch die Bedeutung des Sieges herstammet. Ja auch für stechen, verwunden, kommt es bey demselben[665] vor. Im Schwedischen lautet es bald winna, bald durch eine gewöhnliche Verwechselung der Blase- und Gaumenlaute hinua, bald mit Weglassung beyder nur inna. Selbst das Franz. gagner, Gain, im mittlern Lat. guadagnare, gehöret hierher, indem es ehedem nur Vain lautete. Auch im Schwed. ist Gagn Gewinn, Vortheil, Sieg, bey dem Ulphilas gageigan gewinnen, im Griech. καινωμαι, Lat. vinco, ich siege, welche nebst tausend andern am Ende alle zu dem weitläufigen Geschlechte dieses Wortes gehören. Im Deutschen wird das eine n häufig in ein d verwandelt, wie in winden, erwinden, überwinden, verwinden u.s.f. Selbst finden, Lat. invenire, gehöret hierher, vieler anderer zu geschwingen.

Quelle:
Adelung, Grammatisch-kritisches Wörterbuch der Hochdeutschen Mundart, Band 2. Leipzig 1796, S. 663-666.
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