Halb (2)

[910] 2. Halb, ein Bey- und Nebenwort, welches Einen Theil von zwey gleichen Theilen, worein ein Ganzes getheilet wird, bezeichnet.

1. Eigentlich, wo es nicht bloß von Körpern, sondern auch von der Zeit, dem Raume und mit Einem Worte von allen Dingen gebraucht wird, welche als ein Ganzes betrachtet werden können, und wobey man sich eine Theilung in zwey gleiche Theile oder Hälften gedenken kann. Ein halbes Brot, ein halber Apfel, der halbe Theil, eine halbe Kugel, ein halber Bogen Papier. Eine halbe Meile, eine Elle, ein halbes Pfund, ein halber Zentner. Acht Fuß und ein halber. Der halbe Mond. Ein halber Feyertag, wovon nur die eine Hälfte gefeyert wird. Ein halber Ton. Ein halbes Jahr, ein halber Tag, eine halbe Stunde. Ein halber Thaler, ein halber Gulden, ein halber Louis d'or. Die Augen nur halb öffnen. Ich habe es nur halb, d.i. ich habe nur Eines von den zwey Theilen des Ganzen. Das Gefäß ist nur halb voll, es ist schon halb leer, bis auf die Hälfte. Etwas halb[910] von einander brechen, schneiden u.s.f. Es ist nur halb so groß. Wo in vielen Fällen auf die Gleichheit der Theile nicht so genau gesehen wird.

Halb London saß nunmehr an dem bestimmen Ort, Gell. Halb ein Mensch und halb ein Fisch seyn, oder halb Mensch, halb Fisch seyn.


Doch welch Entsetzen, seine Schöne,

Sein Liebling war halb Mensch, halb Fisch,

Gell.


Unsterblich, doch des Todes Raub,

Sind wir halb Engel und Staub,

Cron.


In halben Tagen, oder zu ganzen halben Tagen spazieren gehen, d.i. mehrere halbe Tage, oft einen halben Tag spazieren gehen. Zu halben Stunden plaudern.


Die halbe Jahre lang sich kalt zu stellen wissen,

Gell.


In manchen Fällen wird so wohl das Bey- als auch das Nebenwort gebraucht, des Punct oder die Linie zu bezeichnen, welche das Ganze in zwey gleich große, oder beynahe gleich große Theile theilet; die Mitte. Jemanden auf halben Wege begegnen, d.i. auf der Hälfte des Weges. Auf den halben Mann anschlagen, mit einem Feuergewehre nach der Mitte des Mannes zielen. Im gemeinen Leben sagt man auch im halben Märzen, im halben Aprill u.s.f. für in der Mitte des Märzes; auf der halben Zeit seyn, in der Hälfte oder der Mitte der Schwangerschaft; bis in den halben Tag schlafen u.s.f. Am häufigsten als ein Nebenwort von den Stunden der Uhr. Es ist halb zehen, d.i. neun Uhr und eine halbe Stunde. So auch halb eins, halb zwey u.s.f. Ich komme um halb fünf. Mit den ordnenden Zahlwörtern wird halb auf eine besondere Art verbunden, halbirende Grundzahlen daraus zu bilden, welche denn unabänderlich sind, und weder in Ansehung des Geschlechtes noch der Zahl verändert werden, auch keinen Artikel vor sich leiden. Anderthalb, d.i. eines und ein halbes; dritthalb, zwey und ein halbes; vierthalb, drey und ein halbes; dreyßigsthalb, neun und zwanzig und ein halbes. Anderthalb Jahr oder anderthalb Jahre. Dritthalb Gulden. Er both mir es um vierthalb Thaler. Ich habe ihn in fünfthalb Jahren nicht gesehen. Im gemeinen Leben pflegt man diese halbirenden Zahlen zuweilen zu decliniren, und in manchen Grammatiken findet man gar die Declination vorgeschrieben. Es sind anderthalbe Lage, vor drittehalben Jahren. Allein es ist solches ein eben so großer Mißbrauch, als wenn man diese halbirenden Grundzahlen zu Ordnungszahlen macht, wie im Oberdeutschen üblich zu seyn scheinet. Es gehet in das dritthalbe Jahr, für, es sind bald dritthalb Jahre, oder, es gehet in die Hälfte des dritten Jahres, oder es gehet in das fünfte halbe Jahr. Man kann auf solche Art aus allen Zahlen halbirende Zahlen bilden; ein und zwanzigsthalb, d.i. zwanzig und ein halbes; neun und neunzigsthalb, acht und neunzig und ein halbes; hunderrsthalb, neun und neunzig und ein halbes; tausendsthalb, neun hundert neun und neunzig und ein halbes u.s.f. Dieser Gebrauch der ordnenden Zahlwörter mit dem Worte halb hat etwas besonders an sich, aber er ist doch schon alt. Im Ripuarischen Gesetze Kap. 20, heißt es; quinto dimidio solido culpabilis iudicetur, d.i. fünfthalb Schillinge; in dem Bündnisse der Könige Alfred und Godrin; reddat 34 solid. cum Anglis et cum Danis tres dimidias marcas, dritthalb Mark, nicht drey; im Sachsenspiegel: quartus dimidius numerus. Auf ähnliche Art war bey den Griechenτριτον ƞμοιβολιον dritthalb Häller; ἑβδομον ƞμιταλαντον siebenthalb Talente.

2. Figürlich. 1) Von der Qualität, den Graden der Beschaffenheit, der Stärke u.s.f. im Gegensatze des ganz,[911] wo aber auf die Gleichheit der Grade nicht so genau gesehen wird. Ein halber Feyertag, der nicht so feyerlich wird, als ein ganzer. Ein halber Beweis, der noch keine völlige Überzeugung gewähret. Mit halber Stimme singen. Eine Sache nur halb verstehen. Er war schon halb todt. Noch halb schlafen. Halb betrunken seyn. Ihr seyd schon eine halbe Leiche, Gell. Es ist nur halb wahr. Halbe Wahrheiten, Dinge, von denen die Hälfte erlogen, und die andere erkünstelt ist, Hermes. Halbe Farben, in der Mahlerey, S. Mittelfarben. Die halbe Trauer, im Gegensatze der ganzen. Etwas mit halben Augen sehen. Mit halben Winde fahren, in der Schifffahrt. 2) Besonders mit dem Nebenbegriffe der Unvollkommenheit. Gott nur halb dienen. Ich habe es nur gehöret. Seine Sachen nur halb verrichten. Es ist weder halb noch ganz, d.i. sehr unvollkommen. Er ist nur ein halber Mann, ein halber Gelehrter u.s.f. Halb und halb, im gemeinen Leben, für mittelmäßig, ein wenig, unvollständig. Ich habe es nur so bald gehört. Hast du der Sache nachgedacht, die ich dir vorhin so halb und halb vor vorschlug? Less. Er gefällt mir halb und halb. 3) In andern Fällen gebraucht man dieses Wort, ein Ding von kleinerer oder geringerer Art anzudeuten, als ein anderes von gleicher Art ist. Eine halbe Karthaune, im Gegensatze einer ganzen. S. auch die Zusammensetzung Halbbier, Halbvogel u.s.f.

Anm. Halb, bey dem Ulphilas und Ottfried schon halb, im Nieders. half, im Angels. healf, im Engl. und Schwed. gleichfalls half, im Dän. halv, im Wendischen pol, ist in dieser Bedeutung eine Figur von dem vorigen Worte halb und von halbe, so sein es die Seite eines Dinges bezeichnet. S. Halbe und Hälfte. Man kann dieses Wort fast mit allen Haupt- und Beywörtern zusammen setzen, eine mehrere der jetzt gedachten Bedeutungen auszudrucken; wovon folgende etwa die bekanntesten seyn möchten. Mit Neben und Beywörtern wird es oft, aber eben so irrig zusammen gezogen, als wenn man ganz mit ihnen zusammen ziehen wollte. Man schreibt daher lieber halb barbarisch, halb erhaben, halb tief u.s.f. als halbbarbarisch, halberhaben, halbtief. Einige wenige ausgenommen, wo andere Gründe die Zusammenziehung erfahren, als halbbürrig, halbjährig, halbfuderig u.s.f. S. die Sprachlehre.

Quelle:
Adelung, Grammatisch-kritisches Wörterbuch der Hochdeutschen Mundart, Band 2. Leipzig 1796, S. 910-912.
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