Legen

[1970] Lêgen, verb. reg. act. welches von dem Bey- und Nebenworte leg, niedrig, abstammet, und eigentlich niedrig machen bedeutet, da es denn das Activum von dem Neutro liegen ist. Da nun ein Körper unter andern auch niedriger gemacht wird, wenn man seine größte Seite zur Grundfläche macht, so bedeutet dieses Zeitwort heut zu Tage,

1. Im eigentlichsten Verstande, einen Körper liegen machen, d.i. ihn in eine solche Stellung bringen, daß er auf seiner größten Seite ruhe, welches zugleich den Begriff des Vorsatzes und der Bedachtsamkeit mit einschließet. Das Buch wird auf den Tisch geleget, wenn man es auf seine größte Fläche in Ruhe bringet; zum Unterschiede von dem setzen und stellen. Man legt sich in das Bett, wenn man seine ganze Länge zur Grundfläche macht; zum Unterschiede von dem stellen und setzen. Man legt sich zu Bette, wenn man sich in das Bett legt, um zu ruhen oder zu schlafen. Alles ordentlich legen. Etwas hinter den Ofen, unter den Tisch, in den Schrank, an die Luft an die Sonne legen. Etwas beyseit legen. Holz an das Feuer legen. Sich auf die Erde legen. Sich schlafen legen, welches zugleich der einzige Fall ist, da dieses Zeitwort den Infinitiv eines andern zu sich nimmt. Sich zu jemanden legen, nehmlich in das Bett. Sich legen, bedeutet im gemeinen Leben oft, theils, sich zu Bette legen, theils aber so krank werden, daß man sich in das Bett legen muß, bettlägerig werden. Ein Pferd legen, es wallachen, reißen, weil es dabey auf die Erde gelegt wird.

In vielen Fällen verschwindet der Begriff der größten Fläche mehr oder weniger, und da bedeutet legen oft weiter nichts, als ein Ding an einen gewissen Ort, in eine gewisse Richtung bringen. Fallstricke, Fallen, Schlingen legen.


Reineke verwirrte sich

In die ihm gelegten Stricke,

Haged.


Schuhe an die Füße legen. Das Kleid an- den Mantel um- die Kleider ablegen. Geschmeide an den Arm legen. Ein Schloß vor die Thür legen. Wein in den Keller legen. Feuer legen, d.i. anlegen. Eyer legen, oder nur legen schlechthin, von dem Federviehe und Vögeln, welches im Österreichischen dienen genannt wird, von dien, don, niedrig, wie legen von leg, niedrig. Besatzung in eine Stadt legen. Soldaten in das Quartier legen. Sich vor eine Stadt legen, sich vor dieselbe lagern.

Wohin auch viele figürliche Arten des Ausdruckes gehören, worin das Zeitwort bald in der engern, bald aber auch in der letztern weitern Bedeutung stehet. Einem etwas in den Weg legen, ihm eine Hinderniß, einen Anstoß verursachen, ihn beleidigen. Hand an das Werk legen, das Werk anfangen. Hand an jemanden legen, ihn thätlich, mit gewaltsamer Hand beleidigen, sich an ihm vergreifen. Hand an sich selbst legen, sich selbst umbringen. Einem etwas sehr nahe legen, theils es ihn deutlich merken lassen, theils auch ihn sehr reitzen, besonders zum Zorne. Ein Feld in den Grund legen, eine Zeichnung im Kleinen machen, welche dem Felde ähnlich ist, es aufnehmen. Mit jemanden heben und legen, siehe Heben. Sich darein legen, sich ins Mittel legen, eine Sache zu vermitteln, zwey Personen zu vergleichen suchen. Seinen Feind zu Boden legen, so wohl ihn überwinden, als auch, ihn tödten; ihn erlegen. In beyden Fällen gebraucht man auch das in vielen Bedeutungen aus diesem Zeitworte gebildete schlagen; so wie lägga im Schwed. und das Lat. legere, bey dem Plautus, gleichfalls schlagen, ferire, bedeutet. Sich auf die faule Seite legen, faul, träge zur Arbeit werden. Etwas an den Tag (im Oberd. zu Tage) legen, es merklich machen, andere[1970] merken lassen. Seine Gesinnung, sein Vergnügen, sein Mißvergnügen an den Tag legen. Einem die Worte in den Mund legen, die Worte, welche er sprechen soll, deutlich merken lassen. Einem etwas zur Last legen, es ihm als einen Fehler, als ein Versehen auslegen, S. Last. Sich zum Ziele legen, sich nach des andern Absichten bequemen. Die Hand auf den Mund legen, aus Ehrerbiethung, aus Achtung schweigen. Die Schuld auf jemanden legen, wofür doch schieben üblicher ist, ihm die Schuld von etwas zuschreiben. Ein Haus, eine Stadt in die Asche legen, sie anzünden und abbrennen. Sich wider jemanden legen, Hiob 9, 4, sich ihm widersetzen. 2. Im figürlichen Verstande.

1) Bey den Schiffern bedeutet es, den Lauf nach einem Orte richten, dahin steuern. Worauf zu legen. Mit dem Schiffe von dem Ufer legen. Schwed. lägga. Von Landreisen gebraucht man dafür im gemeinen Leben oft schlagen; sich rechter, linker Hand schlagen.

2) Mit dem vorzüglich vorstechenden Nebenbegriffe der Dauer, so wohl in Ansehung der Zeit, als auch der Festigkeit. Die dauerhafteste Lage eines Körpers ist, wenn er auf seiner größten Seite ruhet. Den Grund zu etwas legen. Einen Fußboden legen, ihn verfertigen. Ein Steinpflaster legen. In welchen Fällen zugleich der Begriff der Tiefe mit vorscheinet. Sich zu jemanden in das Haus legen, auf lange Zeit bey ihm einkehren. Einen Missethäter in Ketten und Banden legen. Jemanden in das Gefängniß legen. Einen Hund, einen Rasenden an die Kette legen, S. Kette. Ein Schiff vor Anker legen, sich vor Anker legen, oder auch nur, vor Anker legen, das Schiff vermittelst der Anker befestigen. Die Funken des Muthes, welche die verwandte Natur in mein junges Herz gelegt hatte, Dusch.

In engerer Bedeutung. (a) Auf eine bleibende Art, wenigstens auf eine gewisse Zeit zu etwas anwenden, die Kosten zu Erreichung einer Absicht hergeben. Geld in die Lotterie legen, oder nur schlechthin, in die Lotterie legen. Sein Geld auf Zinsen, auf Leibrenten legen. Wer Landgüter kauft, hat sein Geld wohl angelegt. Sein Geld an Waaren legen. Ein Capital in die Handlung legen. (b) Sich auf etwas legen, sich einer Sache mit Ernst befleißigen. Sich auf das Studiren, auf die Dichtkunst, auf die Handlung, auf das Zeichnen legen. Sich auf das Trinken, auf den Müßiggang, auf das Fluchen legen. Er legt sich nun aufs Bitten, er fängt nun an zu bitten. In der vertraulichen Sprechart auch zuweilen ohne Reciprocation.


Der Hase legt es nun aufs Flehen,

Haged.


(c) * Bestimmen, erklären; doch nur im Niedersächsischen. Einen Verbrecher friedelos legen, ihn in die Acht erklären. Einen Tag legen, ansetzen, bestimmen. Schwed. lägga.

3) Mit dem merklichern Nebenbegriffe der Ruhe, des Aufhörens von der Bewegung. Ein Körper, welcher auf seiner größten Seite ruhet, ist der Bewegung am wenigsten fähig. Einem das Handwerk legen, ihm verbiethen, verhindern, sein Handwerk zu treiben, und in weiterer Bedeutung und im verächtlichen Verstande, ihn an Erreichung einer Absicht, an Vollziehung einer gewohnten Handlung hindern. Am häufigsten als ein Reciprocum. Die Wellen legen sich, hören auf zu toben. Der Wind hat sich gelegt. Wenn sich der Sturm legen wird. Die Kälte wird sich bald legen. Wenn sich sein Zorn legen wird. Die Schmerzen fangen an sich zu legen. Das Griechische λƞγειν bedeutet gleichfalls aufhören, sich legen.[1971]

Daher die Legung, statt dessen aber doch außer den zusammen gesetzten Zeitwörtern am häufigsten das Legen, und im Abstracto die Lage gebraucht wird.

Anm. Bey dem Kero leccen, bey dem Ottfried leggen, bey dem Ulphilas lagjan, im Nieders. liggen, in den gemeinen Oberdeutschen Mundarten mit Ausstoßung des Gaumenlautes leien, im Dän. und Schwed. lägga, im Angels. lecgan, im Engl. to lay, im Isländ. leggia, im Wallis. llehau, im Griech. λεγομαι; wohin auch das Lat. locare, von Locus, gehöret. S. Leg, niedrig, Loch, Lache u.s.f.

Quelle:
Adelung, Grammatisch-kritisches Wörterbuch der Hochdeutschen Mundart, Band 2. Leipzig 1796, S. 1970-1972.
Lizenz:
Faksimiles:
1970 | 1971 | 1972
Kategorien:

Buchempfehlung

Lohenstein, Daniel Casper von

Agrippina. Trauerspiel

Agrippina. Trauerspiel

Im Kampf um die Macht in Rom ist jedes Mittel recht: Intrige, Betrug und Inzest. Schließlich läßt Nero seine Mutter Agrippina erschlagen und ihren zuckenden Körper mit Messern durchbohren. Neben Epicharis ist Agrippina das zweite Nero-Drama Daniel Casper von Lohensteins.

142 Seiten, 7.80 Euro

Im Buch blättern
Ansehen bei Amazon

Buchempfehlung

Geschichten aus dem Biedermeier. Neun Erzählungen

Geschichten aus dem Biedermeier. Neun Erzählungen

Biedermeier - das klingt in heutigen Ohren nach langweiligem Spießertum, nach geschmacklosen rosa Teetässchen in Wohnzimmern, die aussehen wie Puppenstuben und in denen es irgendwie nach »Omma« riecht. Zu Recht. Aber nicht nur. Biedermeier ist auch die Zeit einer zarten Literatur der Flucht ins Idyll, des Rückzuges ins private Glück und der Tugenden. Die Menschen im Europa nach Napoleon hatten die Nase voll von großen neuen Ideen, das aufstrebende Bürgertum forderte und entwickelte eine eigene Kunst und Kultur für sich, die unabhängig von feudaler Großmannssucht bestehen sollte. Dass das gelungen ist, zeigt Michael Holzingers Auswahl von neun Meistererzählungen aus der sogenannten Biedermeierzeit.

434 Seiten, 19.80 Euro

Ansehen bei Amazon