Müssen

[330] Müssen, verb. reg. neutr. welches das Hülfswort haben bekommt, und in einigen Fällen sein u in ein ü verwandelt, Präs. Ich múß, du mußt, er múß, wir müssen, ihr müsset oder müßt, sie müssen; Conj. ich müsse u.s.f. Imperf. ich mußte; Conj. ich müßte; Mittelw. gemußt. Der Imperativ múß ist so wenig üblich, als das Mittelwort der gegenwärtigen Zeit, ein müssender.

1. Zu einer Handlung oder zu einem Zustande gezwungen seyn oder werden, so wohl von Personen als Sachen.

1) Eigentlich. Das Eisen muß nothwendig im Wasser untersinken. Ich habe es ihm befohlen, er muß es thun.


Am besten gern gethan, denn wer nicht will, der muß,

Opitz.


Ich muß jetzt gehen. Ihr Herz hat eine Wunde, welche ausgebeitzet werden muß. Um dieß Vergnügen muß mich ein Prinz beneiden, Gell. Sie hat so viel edles an sich, daß man sie verehren muß. Ich muß nun schon Wort halten. Sie sollen mir Zeit genug dafür büßen müssen, Weiße. Dieses Zeitwort hat in allen seinen Bedeutungen alle Mahl den Infinitiv eines andern Zeitwortes bey sich. Allein wenn derselbe eine Bewegung nach oder zu einem Orte bezeichnet und ein Vor- oder Nebenwort bey sich hat, so wird er auch oft ausgelassen. Ich muß fort. Es muß hinein. Die Sache muß wieder herbey. Um sechs Uhr muß ich in die Kirche. Er mußte nach Hause. Er muß daran. Außer diesem Falle kann der Infinitiv auch zuweilen wegbleiben, wenn er schon kurz vorher da gewesen, oder leicht zu ergänzen ist. Müssen sie denn gehen? – – Ja, ich muß. Er wollte nicht gern, aber er mußte wohl.

2) Figürlich, in einigen engern Bedeutungen. (a) Oft wird dieses Zeitwort in dringenden Bitten gebraucht, wo es aber eine gewisse Vertraulichkeit voraus setzt. Eines müssen sie mir noch versprechen. Sie müssen mir aber meine Bitte auch nicht abschlagen. Sie müssen aber auch kommen. (b) Ingleichen in dringenden Ermahnungen und Belehrungen, im belehrenden Tone. Diese Empfindsamkeit eurer Herzen müßt ihr zu einem lebendigen Gefühle alles dessen was gut, recht, wahr, löblich und[330] billig ist, heiligen, Cram. Dieser große Gedanke muß deine Seele unter ihrem Grame mächtig aufrichten, Sonnenf. Ich muß wissen, was an ihm ist. Sie müssen ihn fragen, wenn sie es wissen wollen. So auch mit der Verneinung. Mich müssen sie nicht fragen. Das müssen sie nicht von mir, sondern von ihm fordern. (c) Oft wird es auch im gebietherisch belehrenden Tone gebraucht. Wenn sie anderer Meinung sind, so müssen sie wissen, daß sie jung sind, und keine Erfahrung haben, Gell. (d) Ich muß ihnen sagen, ich muß sie fragen, u.s.f. sind in der vertraulichen Sprechart übliche Formeln, ein dringendes Anliegen zu begleiten, oft aber auch nur einer Sache ein wichtiges Ansehen zu geben. Ich muß dich doch noch etwas fragen, Gell. Ich muß ihnen sagen, daß uns vielleicht ein kleines Glück bevor stehet, ebend. Und ich muß euch doch sagen, daß mich Peter manchmahl dauert, Weiße. Ganz bin ich noch nicht fertig, muß ich ihnen sagen, Less.

2. Nothwendig seyn, im weitesten Umfange dieses Wortes, so wohl von einer physischen als moralischen Nothwendigkeit; gleichfalls mit den Infinitiv eines andern Zeitwortes.

1) Eigentlich. Man muß arbeiten, wenn man zu etwas kommen will. Du mußt Geduld haben. Es müssen einmahl verschiedene Stände in der Welt seyn. Wenn du einmahl alles kannst, was die vornehmen Weiber können müssen, Weiße. Jeder Mensch ist frey, und nie muß er es mehr seyn, als wenn es die Wahl seines Glückes betrifft.


Willst du der Frucht in Ruh genießen,

So muß es nicht der ganze Weinberg wissen,

Gell.


Es muß ja nicht seyn. Müßte der nicht mein Freund seyn, der mir widersprechen wollte? Gell. Ein Frauenzimmer muß nichts so inniglich zu Herzen nehmen, als Versehen gegen das männliche Geschlecht, Hermes. Man müßte keine Empfindung haben, wenn man das nicht fühlen wollte. Sie müßte ihren Werth nicht kennen, wenn sie dieses zu thun im Stande wäre, Gell.

2) Figürlich. (a) Mit dem Nebenbegriffe einer eingebildeten Nothwendigkeit. Er muß alles wissen, hält für nothwendig alles zu wissen, will alles wissen. Für ihn ist alles, zu seinem Vergnügen müssen alle Geschöpfe da seyn, Dusch.


Kein Blätterchen fuhr auf, die Musche mußt es decken,

Zachar.


Wo es zuweilen Unwillen verräth. Müssen sie mich denn nothwendig stören? Daß sie mich doch immer unterbrechen müssen! (b) Sehr oft wird dieses Zeitwort gebraucht, eine Begebenheit zu berichten, welche man einem Ungefähr, gleichsam einem nothwendigen Schicksale zuschreibt. Es mußte sich eben zutragen, daß er mir in den Wurf kam. Zum Glück fügte sichs, daß diesen Abend eine Mondfinsterniß einfallen mußte. Alle Tage hat sich ein Hinderniß finden müssen, Gell. Ingleichen, einen Unwillen zu begleiten. Daß er gleich kommen muß! (c) Ferner eine Versicherung einer Sache, von welcher man fest überzeugt ist, auszudrucken. Das weiß ich nicht, das müssen sie wissen. Sie müssen ja wissen, daß das ein bloßer Zufall ist. Erst zwey Uhr? es muß weiter seyn. Sie müssen mir die beste Beschreibung von ihr machen können, Gell. Wie wenig müssen sie mich kennen! ebend.


Lucinde muß es besser wissen,

Wie lange sie dich lieben wird,

Gell.


Auch im Conjunctiv. Welche Wollust müßte es seyn, ein Herz wie das ihrige zu belohnen! Gell. Denke was das für ein Himmel von Glückseligkeit seyn müßte, wenn wir unsere Liebe vor den Augen der Welt feyern könnten! Weiße.

[331] 3. Oft dienet es auch, eine Vermuthung aus Gründen zu begleiten, da es denn eine Fortsetzung der vorigen Bedeutung ist, und stärker vermuthet, als mögen. Er muß wohl sehr krank seyn. Aber die gute Frau muß ja den ganzen Tag bethen, Gell.


Das müssen wohl Maschinen seyn,

Die die Vernunft nicht kennen müssen,

Gell.


Sie muß ja wohl nahe an sechzig Jahren seyn, ebend. Du mußt dich geirret haben. Der Vater muß aber doch seine Ursachen haben, Weiße. Ihr müßt euch alle beredet haben, mir zu widersprechen, Gell.

4. Ingleichen die Ungewißheit oder Unwissenheit zu bezeichnen, besonders in Fragen, da es denn für mögen stehet. Wie viel muß es wohl kosten? Ein jeder fragte, wer dieser Herr seyn müßte? Was muß der wollen? Wer muß uns diesen Streich gespielt haben? Ich weiß nicht, wer der seyn muß. Was muß das bedeuten?

5. Wie auch, einen bloßen möglichen Fall anzudeuten, wo es im Conjunctive stehet. Das wird nicht geschehen, ich müßte denn gezwungen werden. Wir werden ihn noch heute sprechen, er müßte denn nicht kommen. Er müßte sie etwa zur Erbinn eingesetzt haben.

6. Endlich druckt es auch einen Wunsch aus, und zwar einen stärkern Wunsch, als mögen; da es denn gleichfalls im Conjunctive stehet, und am häufigsten unpersönlich gebraucht wird. Es müsse ihm nicht gelingen. Es müsse dir zum Besten dienen.

Anm. 1. Sollen und müssen sind leicht zu unterscheiden. Das letztere ist allgemeiner und druckt, wie schon Stosch angemerket hat, eine Nothwendigkeit aus, welche von dem Wesen der Sache oder von den Umständen abhängt; das erstere begreift nur einen einzelnen Fall, indem es sich alle Mahl auf ein Geboth oder auf einen Befehl beziehet.

Anm. 2. Müssen hat, wie schon oben bemerket worden, alle Mahl den Infinitiv eines andern Zeitwortes nach sich. Dieß hat vermuthlich die meisten Sprachlehrer verführet, es für ein Hülfswort auszugeben, da doch zu einem Hülfsworte noch mehr als das erfordert wird. Es tritt daher, so wie die übrigen Zeitwörter, welche einen bloßen Infinitiv nach sich haben, selbst in den Infinitiv, wenn es in einer zusammen gesetzten Zeit im Mittelworte stehen sollte. Ich habe es wohl thun müssen; nicht gemußt. Dagegen es der ordentlichen Regel folgt, wenn es allein stehet; er hat fort gemußt; wir haben wohl gemußt.

Anm. 3. Es lautet bey dem Ottfried und seinen Zeitgenossen muozzen, muazen, im Nieders. möten, im Holländ. moeten, im Engl. I must, ich muß, im Schwed. motta, im Pohln. mussze, im Böhm. musy. Ehedem bedeutete es auch können. Daz uuir dih anasehen muozzen, daß wir dich ansehen können, Willeram. Bey dem Ottfried und Notker kommt es in dieser Bedeutung mehrmahls vor, und im Angels. ist ic mot gleichfalls ich kann, und bey den ältern Schweden mada, und im Finnländ. manda, können. Auch für dürfen war es ehedem nicht ungewöhnlich, und in dem Straßburgischen Stadtrechte kommt daher auch muislich für erlaubt vor. Da es nun auch noch jetzt in einigen Fällen für mögen gebraucht wird, so erhellet daraus dessen Verwandtschaft mit diesem Zeitworte.

Quelle:
Adelung, Grammatisch-kritisches Wörterbuch der Hochdeutschen Mundart, Band 3. Leipzig 1798, S. 330-332.
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