Maß, das

[94] Das Māß, des -es, plur. die -e, Diminut. das Mäßchen, Oberd. Mäßlein, welche Diminutiva doch nur in der folgenden[94] zweyten Hauptbedeutung eines körperlichen Maßes trockner und flüssiger Dinge üblich sind. Es ist ein sehr altes Wort, welches ehedem, und vermuthlich einer seiner ersten Bedeutungen nach, das Ende der Ausdehnung, das Ziel, die Gränze bedeutete. Wenigstens kommen Mez bey dem Ottfried und Mezz bey dem Hornegk noch oft von der Gränze eines Landes vor. Geuimez ist bey dem Ottfried die Gränze des Gaues, Landes, und Meziban in den Capitular. Carls des Großen, ein aus den Gränzen Verbanneter, ein des Landes Verwiesener. Im Schwed. bedeutet måtta zielen, so wie im Lat. Meta das Ziel. In diesem Verstande ist es veraltet, doch sagt man noch, jemanden Ziel und Maß setzen. Am häufigsten haben wir es noch in folgenden Bedeutungen.

I. Als ein Abstractum.

1. Die bestimmte Größe eines Dinges zu bezeichnen, eigentlich die durch ihre Gränzen bestimmte und eingeschlossene Größe.

1) Überhaupt, ohne das Verhältniß dieser bestimmten Größe gegen eine andere Größe zu bezeichnen; wo es doch im eigentlichsten Verstande wenig mehr üblich ist. Weißt du wer der Erde das Maaß bestimmt hat? Hiob 38, 5; wer bestimmte ihre Ausdehnung? Michael.

2) In engerer und gewöhnlicherer Bedeutung, die nach dem Verhältnisse eines andern Dinges bestimmte Größe.

(a) Eigentlich, die nach dem Verhältniß eines andern als eine Einheit angenommenen Dinges bestimmte Größe; am häufigsten von der körperlichen Ausdehnung. Das Tuch in dem Thor des Vorhofs machte er – 20 Ellen lang und 5 Ellen hoch, nach der Maaß (dem Maße) der Umhänge des Vorhofes, 2 Mos. 38, 18. Des Maß nehmen, die Größe einer Ausdehnung suchen, um ein anderes Ding darnach zu verfertigen. So nimmt der Schneider jemanden das Maß zu einem Kleide, der Schuster zu einem Paar Schuhe, der Perrücken-Macher zu einer Perrücke. Der Tischler nimmt das Maß zu einem Sarge, zu einer Fensterbekleidung u.s.f. Das Maß eines Körpers suchen, finden, bestimmen. In den Handelsschiffen sind alle Maße kleiner als in den Kriegsschiffen, alle Theile derselben haben ein kleineres Maß. Nicht selten auch von der Zeit. Das Sylbenmaß, Zeitmaß, Tonmaß.

(b) In weiterer Bedeutung. (α) Die nach der jedesmahligen Absicht, nach der Natur der Sache, nach dem Bedürfnisse bestimmte Größe, so wohl der Ausdehnung, als des körperlichen Inhaltes, als endlich auch der Intension oder innern Stärke; ohne Plural. Da er dem Winde sein Gewicht machte, und setzte dem Wasser seine gewisse Maaße, (sein gewisses Maß,) Hiob 28, 25; und dem Wasser sein Maß zu bestimmen, Michael. Bis sie ihr Maaß der Sünden erfüllet haben, 2 Macc. 6, 14. Der Schmerz hat sein höchstes Maß erreicht. Besonders der jemanden bestimmte, gleichsam zugemessene Theil. Nach dem Gott ausgetheilet hat, das Maaß des Glaubens, Röm. 12, 3. Das Maß meines Leidens ist zu groß, ich kann es nicht ertragen. Sein Maß überschreiten. Er hat sein völliges Maß. Das Maß seines Lebens war kurz. Dahin gehören auch die adverbischen Arten des Ausdruckes. Er hat es in vollem Maße gethan, Schleg. d.i. reichlich, überflüssig. Die Weisheit in einem hohen Maße besitzen. Sie empfinden die traurigen Wirkungen davon in vollem Maße, im Oberd. in voller Maße. Eine Fortsetzung dieser Bedeutung ist das folgende weibliche Wort die Maße. (β) Die Größe oder Intension eines Dinges, so fern die Größe oder Intension eines andern dadurch bestimmt wird, das Verhältniß; gleichfalls am häufigsten im Singular allein. Und so der Gottlose Schläge verdienet hat, soll ihn der Richter heißen – schlagen, nach der Maaß (dem Maße) und Zahl seiner Missethat,[95] 5 Mos. 28, 2. Einem jeglichen unter uns ist gegeben die Gnade nach dem Maß der Gabe Christi, Ephes. 4, 7. Seine Pflichten nach dem verschiedenen Maße der Besondern Bedürfnisse, Umstände und Verdienste des andern bestimmen, Gell. Nach dem Maße meiner Kräfte. Seine Achtung für die Gelehrsamkeit stieg nach dem Maße, nach welchem es ihm selbst daran fehlte. Ich schätze dich bloß nach dem Maße deiner Verdienste. S. auch Ebenmaß und Gleichmaß.

2. Die Fertigkeit, die Größe eines Dinges zu bestimmen; wo es doch nur in dem zusammen gesetzten Augenmaß und ohne Plural üblich ist, S. dasselbe.

3. Die Art und Weise des körperlichen Maßes in der folgenden Bedeutung; wo der Plural nur von mehrern Arten üblich ist. Sechs Kannen Dresdener Maß. Vier Scheffel Leipziger Maß. Wofür auch das Wort Gemäß üblich ist. So auch das Weinmaß, Biermaß, Flächenmaß, Längenmaß u.s.f. Die Art und Weise, den Wein, das Bier u.s.f. zu messen.

II. Als ein Concretum, diejenige bekannte Größe, deren man sich bedienet, die Ausdehnung und Menge einer unbekannten zu bestimmen, wo dieses Wort ein allgemeiner Ausdruck so wohl aller Arten der Ausdehnung, als auch der Menge und Zeitdauer ist, wofür in einzelnen Fällen eigene und eigenthümliche Nahmen üblich sind.

1. Überhaupt; wo der Plural so wohl von mehrern Individuis, als auch von mehrern Arten üblich ist. Das Längenmaß, eine gerade Linie, oder ein Körper, welcher eine gerade Linie ist, die Ausdehnung in die Länge, Breite, Dicke, Höhe oder Tiefe darnach zu bestimmen. Von dieser Art ist das Maß der Schneider, obgleich selbiges keine bestimmte Länge hat. Das Flächenmaß, eine Fläche von bekannter Größe, eine unbekannte ihrem Flächeninhalte nach damit zu messen. Das Körpermaß, ein Körper von bekanntem körperlichen Inhalte, den körperlichen Inhalt eines andern darnach zu bestimmen. Das Zeitmaß, eine bekannte Zeitdauer, die Dauer einer andern darnach zu bestimmen. Das Sylbenmaß, eine bekannte Abwechselung langer und kurzer Sylben, andere darnach zu ordnen. So sind im Feldmessen die Kette, die Ruthe, die Schnur, der Fuß, der Zoll u.s.f. im Forstwesen der Spannring, im gemeinen Leben die Elle, die Klafter, die Spanne u.s.f. lauter Maße, die Größe der Ausdehnung zu bestimmen, so wie Stunde, Minute, Tag u.s.f. es für die Zeit, Malter, Scheffel, Kanne, Nößel u.s.f. für den körperlichen Unhalt sind. Falsches Maß und Gewicht haben. Volles, reichliches Maß geben, von Dingen, deren körperlichen Inhalt gemessen wird.

2. In engerer Bedeutung führen verschiedene Arten der Maße anstatt eigener Benennungen den Nahmen des Maßes. Das Winkelmaß, ein Werkzeug der Feldmesser und Werkleute in Gestalt eines rechten Winkels, rechte Winkel damit zu bestimmen, anderer zusammen gesetzten Ausdrücke zu geschweigen. Am häufigsten ist es von gewissen Maßen des körperlichen Inhaltes; dagegen es von einem gewissen Flächenmaße im weiblichen Geschlechte die Maße lautet, S. dieses Wort.

1) Ein körperliches Maß trockener Dinge. In einigen Gegenden ist das Maß oder so viel als eine Klafter Holz, wo es mit Malter und dem mittlern Latein. Modulus, welche in gleicher Bedeutung vorkommen, gleichbedeutend ist. Im Hüttenbaue hingegen ist ein Maß Röstholz ein Haufen oder eine Zahl von 9 bis 10 Scheiten, deren jedes 5 Ellen lang ist. Noch häufiger ist es ein gewisses Maß des Getreides und anderer ähnlichen trocknen Dinge. So hält ein Mütt Getreide in Bern 12 Maß oder Mäß, jedes von 4 Immi oder 8 Achterli. In Elsaß hält ein Sester (Franz. Setier) 4 Quart oder Vierling oder 16 Mäßel; so wie in Böhmen ein Strich 4 Viertel, oder 16 Mäßel,[96] jedes zu 12 Seidel hält. In Ober- und Niedersachsen und einem Theile Oberdeutschlandes hingegen ist das Maß eines der kleinsten Getreidemaße, welches gemeiniglich der vierte Theil einer Metze ist, und in manchen Gegenden im Diminutivo Mäßel und Mäßchen lautet, dagegen in andern ein Maß wieder in 2 Mäßel oder Mäßchen getheilet wird, welche an andern Orten Nößel, Seidel u.s.f. heißen, so daß ein Scheffel, wenn er 16 Metzen hat, auch 64 Maß oder Mäßchen hält. In Thüringen hingegen, wo ein Scheffel nur 4 Metzen hat, gehen auch nur 16 Mäßchen auf einen Scheffel. In Hamburg hält ein Scheffel 2 Faß, oder 4 Himten, oder 16 Spint, oder 64 große Maß, jedes wieder zu 2 kleinern Maßen; so wie in Hessen ein Himten 4 Metzen oder 16 Mäßchen hat. In Nürnberg ist das Maß die Hälfte eines Diethäufleins, der 4te Theil eines Diethaufens, und der 16te Theil einer Metze, oder der 128ste Theil eines Malters. In Augsburg hält ein Schaff 8 Metzen, 32 Vierling, 128 Viertel, oder 512 Mäßel.

2) Ein körperliches Maß flüssiger Dinge, und zwar das gemeinste kleinere Maß derselben, welches doch so wie das vorige nicht nur in verschiedenen Gegenden von verschiedenem Inhalte ist, sondern selbst in Einer Gegend nach Maßgebung des flüssigen Körpers selbst verschieden ist. So ist ein Maß Bier oder Milch an den meisten Orten mehr als ein Maß Wein. An manchen Orten sind Quart, Quartier, Pott und Kanne für Maß üblich, dagegen sie an andern noch davon verschieden sind. In Cöln hält eine Ohm 26 Viertel, 104 Maß oder 416 Pinten, dagegen eine Tonne daselbst 160 Viertel oder 640 Maß hält. In Augsburg hält ein Fuder 8 Jez, 16 Muids, 96 Besons oder 768 Maß, jedes zu 2 Seidel oder 4 Quärtle. In Österreich hält ein Eimer Wein 4 Viertel, 40 Maß oder Achtering, jedes zu 4 Seidel. In Zürch ist ein Eimer 4 Viertel, 32 Kopf, 64 Maß, 128 Quärtli oder 256 Stotzen; 1 Zürcher Maß ist so viel als 2 Hamb. Quartier. In Bern gehen 25 Maß auf einen Eimer oder Brenten, dagegen im Würtembergischen ein Ohm oder Eimer 16 Immi, oder 160 Maß hält, jedes zu 4 Quart oder Schoppen. In Frankfurt am Main und Hessen hält eine Ohm 20 Viertel oder Quärtlein, oder 80 Maß, jedes zu 4 Schoppen. Im Osnabrückischen gehen 27 Viertel auf eine Tonne Bier, ein Viertel hält daselbst 4 Kannen, eine Kanne oder Maß aber 4 Ort oder 16 Helfchen. In der Mark Brandenburg sind Maß und Quart einerley, und jedes hält daselbst wiederum 2 Nößel.

Anm. 1. In allen diesen Fällen, wo dieses Wort ein bestimmtes Maß des körperlichen Inhaltes trockner und flüssiger Dinge bezeichnet, bleibt es wie andere Wörter dieser Art unverändert, wenn ein Zahlwort oder ähnliches Beywort vorher. Sechs Maß Bier, nicht Maße. Ich habe an diesem Scheffel schon mehrere Maß verloren. Es sind gar viele Maß ausgelaufen. Selbst wenn sich noch ein anderes Beywort dazwischen befindet. Zehn volle, sieben rreichliche Maß.

Anm. 2. Dieses alte Wort lautet fast in allen obigen Bedeutungen im Isidor Mezssa, bey dem Kero Mez, im Notker Meze, im Engl. Measure, und mit eingeschaltetem n im Lat. Mensura. Andere Sprachen und Mundarten verwandeln den Zischlaut in das gewöhnliche t oder d, wie das Nieders. Mat, das Angels. Maete, Mat, Mitta, das Schwed. Mått, das Alban. Mata, das Lat. Modius, der Scheffel, und Meta, das Ziel, das Griech. μοδιος, und Hebr. מד, das Maß. Es ist sehr wahrscheinlich, daß der Begriff der Gränze eine der ersten Bedeutungen dieses Wortes ist, woraus zugleich dessen Verwandtschaft mit Mahl und Mark erhellet, welche Wörter nur in den Ableitungssylben verschieden sind, und daher auch mehrere Bedeutungen mit einander gemein haben, oder doch gehabt haben. Im Dän. heißt das Maß Maal. In[97] der Bedeutung eines Maßes des körperlichen Inhaltes tritt zugleich der Begriff der Vertiefung oder eines Gefäßes mit ein, wohin dem auch das alte Gothische Mes, eine Schüssel, Pohln. Misa, gehöret. S. Meste, Metze, Model, Muth in der Oberd. Bedeutung eines Getreidemaßes, Muschel u.s.f. welche insgesammt mit diesem Worte verwandt sind. In Dickmaß und Gliedmaß gehöret letzte Hälfte zu andern Stämmen.

Anm. 3. Um den gedehnten Ton des a merklicher zu machen, schreiben viele dieses Wort Maaß; allein alsdann müßten sie auch das Imperfectum des Zeitwortes ich maaß, ingleichen määßig und Määßigkeit schreiben, weil das ä als kein eigentlicher Diphthonge so wohl lang als kurz seyn kann. Da nun in den letztern Fällen noch niemand ein doppeltes aa oder ää zu schreiben für gut gefunden, so kann man es auch hier weglassen, zumahl da das ß, welches hier einen Zwischenlaut zwischen dem s und ss hat, wie aus der Verlängerung die Maße erhellet, die Dehnung des vorher gehenden Selbstlautes schon zur Genüge sichert. Im Oberdeutschen ist dieses Wort auch sehr häufig weiblichen Geschlechtes, besonders in der Bedeutung eines Concreti, oder bestimmten Maßes des körperlichen Inhaltes. Einige Sprachlehrer haben daher die Regel gegeben, daß dieses Wort in der allgemeinen Bedeutung ungewissen in der engern concreten Bedeutung hingegen weiblichen Geschlechtes sey. Diese Riegel kann vielleicht für die Oberdeutsche Mundart, nicht aber für die Hochdeutsche gelten, wo Maß nur in den folgenden Fällen weiblichen Geschlechtes ist, wo es aber auch Maße lautet.

Quelle:
Adelung, Grammatisch-kritisches Wörterbuch der Hochdeutschen Mundart, Band 3. Leipzig 1798, S. 94-98.
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