Spiel (2), das

[196] 2. Das Spiel, des -es, plur. die -e, Diminut. welches doch nur in einigen Bedeutungen üblich ist, das Spielchen, von dem Zeitworte spielen.

1. So fern dasselbe ein unmittelbarer Ausdruck eines gewissen Lautes ist, ist Spiel,

(1) * eine Rede, ingleichen eine Geschichte; eine sehr alte Bedeutung, in welcher Spel, Spela nicht nur schon in den ältesten Deutschen Denkmahlen, sondern auch in allen mit der Deutschen verwandten Sprachen angetroffen wird. Bey dem Notker ist Spilenuorto, Schwatzhaftigkeit. Ottfried und andere gebrauchen Gotspel, häufig für Evangelium, als eine buchstäbliche Übersetzung dieses Griechischen Wortes, von got, gut, und Spel¸ Geschichte, Bothschaft, Erzählung. Doch in dieser Bedeutung ist es ganz veraltet, und nur noch in Beyspiel, Gegenspiel, Widerspiel üblich.

(2) Der Klang, besonders die hervor gebrachten harmonischen Töne vermittelst eines musikalischen Instrumentes; eine gleichfalls veraltete Bedeutung, in welcher Spil bey dem Ottfried die Musik ist. Man gebraucht es nur noch in einigen Fällen von gewissen musikalischen Instrumenten; z.B. das Glockenspiel. Bey den Soldaten wird die Trommel häufig nur das Spiel genannt.[196]

Der Tambour spannet sein Spiel zur Reveille. Das Spiel rühren, die Trommel. Mit klingendem Spiele und fliegenden Fahnen ausziehen.

(3) Lärmen, Getöse, eine nur im gemeinen Leben einiger Gegenden übliche Bedeutung. Ein gräßliches Spiel anrichten, Lärmen. Im Niedersächsischen hat man davon das Intensivum Spalk, ein Lärmen, und spalken, lärmen, welches in Preußen scherzen bedeutet.

2. Von spielen, sich leicht bewegen, ist das Spiel,

(1) Im weitesten Verstande,

(a) Eigentlich, freye Bewegung und dann eine jede bestimmte Bewegung überhaupt; ohne Plural, außer von mehrern Arten. Das Spiel des Perpendikels einer Uhr, der Stampfer in einer Stampfmühle u.s.f. Das Spiel der Hände eines Schauspielers, die in seiner Kunst gegründete Bewegung der Hände, da denn auch wohl seine Geberden und Gestus überhaupt das Spiel genannt werden. Jeder Sinn hat seine eigene schickliche Materie, welche die Nerven in das erforderliche Spiel setzet. S. Spielraum. Wenn bey den Jägern die Beize, oder die Jagd mit Falken das Federspiel genannt wird, so scheinet Spiel hier ein Jagen, eine heftige Bewegung zu bedeuten und mit dem Lat. pellere verwandt zu seyn.

(b) Ein bewegliches, sich bewegendes Ding; eine nur in einigen Fällen übliche Bedeutung. Bey den Jägern wird der bewegliche Schwanz der Aglaster das Spiel genannt. Bey den Büchsenmachern ist das Spiel ein schmales bewegliches Stück Stahl in der Nuß, welches bey dem Abdrucken des Hahnes hindert, daß die Stange nicht in die Mittelrast fallen kann; wo aber auch der Begriff eines Bleches, vom Schwed. Spjäll, ein Blech, und dieß von spellen, spalten, ingleichen einer Spiele, oder Spille, statt finden kann. Bey den Jägern werden auch die Federlappen das Federspiel oder das Spiel schlechthin genannt. Auch die zusammen gebundenen Federsittige bey der Falkenjagd, womit man den geworfenen Falken wieder an sich lockt, werden ohne Zweifel aus eben derselben Ursache das Spiel oder Federspiel genannt. Es scheinet, daß nach einer noch weitern Figur Spiel ehedem auch ein lebendiges. d.i. sich selbst bewegendes Geschöpf bedeutet habe. Denn das Federwildbret wird noch jetzt bey den Jägern das Federspiel oder Federgespiel genannt, wohin denn auch Windspiel, d.i. Windhund, gehören würde.

(2) In engerer und theils figürlicher Bedeutung ist das Spiel eine Bewegung und Beschäftigung, welche aus keiner andern Absicht als zum Zeitvertreibe oder zur Ergetzung des Gemüthes unternommen wird.

(a) Im weitern Verstande, wo alle Beschäftigungen dieser Art Spiele genannt werden können. Indessen scheinet es, daß man jetzt nur noch diejenigen mit diesem Worte benenne, welche mit keinem eigenen Nahmen versehen sind; denn Spazieren gehen oder reiten, fechten, tanzen, jagen u.s.f. werden jetzt nicht mehr Spiele genannt, obgleich die Ritterspiele noch unter diesem Nahmen bekannt sind. Das Schattenspiel, die Belustigung des Gemüthes vermittelst gewisser durch den Schatten hervorgebrachter Figuren. Ein Kind in seinem Spiele stören. Die Spiele eines Kindes leiten. Das Soldatenspiel, Gänsespiel u.s.f. In noch weiterm Verstande ist das Spiel, doch ohne Plural, noch zuweilen so viel als ein Scherz, in welcher Bedeutung es ehedem noch gangbarer war. Sein Spiel mit jemanden haben, seinen Scherz. Rechtschaffenheit, Gewissen alles ist ihm nur ein Spiel. Sonnenf.

(b) In engerer Bedeutung von besondern Arten solcher Beschäftigungen.[197]

ά) Gewisse durch Regeln bestimmte Ergetzlichkeiten dieser Art, besonders wenn sie darauf abzielen, einen Vorzug oder gesetzten Gewinnst von dem andern zu erlangen, wo das Wort wieder in verschiedenen Einschränkungen der Bedeutung gebraucht wird.

1. Oft bedeutet das Spiel, ohne Plural, oder das Spielen collective, alle Beschäftigungen dieser Art, besonders so fern sie auf die Erlangung eines Gewinnstes von dem andern abgesehen sind. Das Spiel für unerlaubt halten. Das Spiel hassen. Im Spiele glücklich seyn. Dem Spiele ergeben seyn. 2. Noch öfter werden darunter besonders durch ihre Regeln bestimmte Arten verstanden. Glücksspiele. Das Kartenspiel, Bretspiel, Schachspiel, Würfelspiel, Kegelspiel, Pfänderspiel, Hombre-Spiel, Picket-Spiel u.s.f. Ein Spiel spielen. 3. Ingleichen, bey jedem Spiele Einer Art, die dazu gehörigen Handlungen bis zur Entscheidung des Vorzuges oder Gewinnstes. Zwey Spiele Billiard spielen. Ein Spielchen machen oder spielen, es sey nun in der Karte u.s.f. Geld auf das Spiel setzen. Es stehen zehn Thaler auf dem Spiele, es wird darum gespielet. Mein ganzes Glück stehet auf dem Spiele, figürlich, es kommt dabey auf mein ganzes Glück an. Ein Spiel gewinnen, verlieren. Das Spiel ist aus, ist zu Ende. Daher die figürlichen R.A. wo Spiel ein jedes Geschäft bedeutet. Die Hand mit im Spiele haben, bey einer Sache mit wirksam seyn.


Gott hat die Hand im jeden Spiel,

Bald gibt er wenig und bald viel,

Can.


Sich mit in das Spiel mengen, in eine Sache. Jemanden mit in das Spiel mischen. Lassen sie das unschuldige Schicksal aus dem Spiele, Less. 4. Der Zustand jedes Spielenden in Ansehung des Spieles. So sagt man z.B. in den Kartenspielen, man habe ein gutes, ein schlechtes Spiel, wenn man gute oder schlechte Karten hat. Jemanden sein Spiel verderben. 5. So viel Hülfsmittel oder Werkzeuge als zu einem Spiele jeder Art gehören. Ein Spiel Karten. Zwey Spiele Kegel. Drey Spiele Würfel. β) Die nach gewissen Regeln eingerichtete Nachahmung menschlicher Handlungen, so fern sie zur Belustigung anderer dienet. Im Oberdeutschen sagt man daher noch, in das Spiel gehen; allein im Hochdeutschen ist es für sich allein veraltet. Desto gangbarer ist es hingegen in den Zusammensetzungen Schauspiel, Trauerspiel, Lustspiel, Vorspiel, Nachspiel, Zwischenspiel, Possenspiel, Singespiel, Schäferspiel u.s.f.

Anm. Im Nieders. Spell. S. Spielen.

Quelle:
Adelung, Grammatisch-kritisches Wörterbuch der Hochdeutschen Mundart, Band 4. Leipzig 1801, S. 196-198.
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