Sprechen

[229] Spréchen, verb. irregul. Präs. ich spréche, du spríchst, er sprícht; Imperf. ich sprāch, Conj. ich sprǟche; Mittelw. gespróchen; Imper. sprích. Es ist in doppelter Gestalt üblich.

I. Als ein Neutrum, mit dem Hülfsworte haben.

1. * Im weitesten Verstande, einen Laut von sich geben, eine jetzt veraltete Bedeutung, welche aber die erste und ursprüngliche[229] ist, in welcher sprechen eine unmittelbare Nachahmung dieses Lautes ist. Darum spricht eine rauhe Fidel, nit als wol als ein polierte, in dem 1483 zu Augsburg gedruckten Buche der Natur, wo es für klingen stehet. Man gebraucht es noch in ansprechen von den Pfeifen, und den ihnen ähnlichen musikalischen Instrumenten. Eine Flöte spricht nicht rein, wenn sie keinen reinen Ton hat. Es ist in dieser weitesten Bedeutung mit brechen genau verwandt, (S. die Anmerkung) und wurde daher so wie dieses auch figürlich von dem Glanze gebraucht. Daher sagen noch die Mahler, daß eine Farbe vorspricht, wenn sie unter einer andern vorschimmert.

2. In engerer und gewöhnlicherer Bedeutung, andern verständliche Laute vorbringen, und in noch engerm Verstande, seine Empfindungen und Gedanken durch Worte merklich machen.

(1) Im weitesten Verstande, verständliche Laute hervor bringen, und in engerer Bedeutung seine Empfindungen und Gedanken durch Worte ausdrucken, in welcher Bedeutung man auch reden gebraucht. Ein Vogel spricht, kann sprechen, wenn er vernehmliche Laute vorbringen kann. Ein Kind lernt sprechen, wenn es seine Empfindungen und Gedanken durch Worte ausdrucken lernet. Figürlich und in der höhern Schreibart, vermittelst der Worte andern merklich gemacht werden. Die feurigste Zärtlichkeit spricht aus ihm. Sonnens. Lieb und Verzweiflung spricht aus beyden, Gell. Das Herz, das aus Serinen spricht, ders.


Ich fürcht, Achat, daß meine Schwäche nicht,

Wenn ich sie sprechen will, aus jeder Sylbe spricht.

Schleg.


(2) In verschiedenen engern Bedeutungen.

(a) In Rücksicht auf die Art und Weise, wie man seine Gedanken andern durch Worte mittheilet, wo es doch mehr von gewissen zufälligen Umständen, als von dem Inhalte der Rede gebraucht wird; wo man auch wohl reden gebraucht. Lang am, geschwinde, deutlich, undeutlich sprechen. Er spricht gut Französisch, schlecht Deutsch. Wo es auch active üblich ist. Eine Sprache fertig, ohne Anstoß sprechen.

(b) Mit dem ausdrücklichen Beysatze dessen, was man durch Worte bekannt macht, für sagen, wo es sich doch von diesem darin unterscheidet, daß dieses auch active mit der vierten Bedeutung, sprechen, aber mehr neutraliter gebraucht wird. Paulus antwortete und sprach u.s.f. Jesus sprach zu seinen Jüngern: habet ihr u.s.f. Wie, sprach er, ist das möglich? Gott sprach: es werde Licht! Der Vater sprach, das tauge nicht viel. Die Leute sprechen, daß unser König der frömmste liebreichste Herr von der Welt ist, Weiße. Indessen ist im gemeinen Leben und in der vertraulichen Sprechart der Hochdeutschen sagen üblicher, dagegen die Oberdeutschen in dieser Bedeutung häufiger sprechen gebrauchen. Zuweilen, obgleich nicht so häufig wie sagen, wird es hier auch active mit der vierten Endung gebraucht. Was spricht die Schrift? Gal. 4, 30. Was sprichst du dazu? – Ich spreche ja. Sprich nur ein Wort. Oft wird dasjenige, was man durch die Sprache ausdruckt, nicht unmittelbar, sondern mehr verdeckt angedeutet. Für jemanden sprechen, zu seinem Besten reden. Ja, mein ganzes Herz hat für sie gesprochen, Gell. Dazu gehört ja gar keine Tugend, einer Person etwas zu gönnen, für welche das Blut in mir spricht, eben ders. In welchem Verstande man auch wohl active sagt, einem das Wort sprechen.

(c) Mit näherer Beziehung auf die Person, welcher man etwas bekannt macht, wie reden, besonders von dem Sprechen und Reden im gesellschaftlichen Umgange. Mit jemanden sprechen. Mit jemanden von einer Sache, (im gemeinen Leben auch aus einer Sache) sprechen. Wir sprachen von allerley. Wir sprechen eben von der Sache. Unter uns und niemanden[230] zu nahe gesprochen. Auch wohl active, doch nur mit dem Substantivo Wort. Ich habe ein Wort mit ihnen zu sprechen, ein Weniges. Ich möchte gern ein Wort mit ihm allein sprechen. Wo es denn mit der vierten Endung der Person auch in weiterm Verstande gebraucht wird. Jemanden sprechen, ihm persönlich gegenwärtig seyn, und mit ihm sprechen. Kann ich ihn nicht sprechen? Ich konnte ihn nicht zu sprechen bekommen. Sich nicht sprechen lassen, nicht zu sprechen seyn. Er ist seit drey Tagen nicht zu sprechen. Wir sprachen einander nur heimlich. Figürlich ist gut zu sprechen, und nicht gut zu sprechen seyn, guter, nicht guter Laune seyn.

(d) In einigen Fällen, besonders der vertraulichen Sprechart, wird es so wie sagen auch für befehlen gebraucht. Hier hat er nichts zu sprechen.

II. Als ein Activum, wo es außer den bereits angezeigten Fällen, durch verständliche Worte, mit deutlichen Worten bekannt machen heißt. Etwas gut sprechen, es mit Worten für gut erklären. Jemanden heilig sprechen, ihn feyerlich für einen Heiligen erklären. Jemanden frey sprechen, los und ledig sprechen, ihn von einer Pflicht frey sprechen. Jemanden rein, unrein sprechen. 3. Mos. 13, 7. 44. Etwas recht sprechen, es für recht erklären; aber den Parteyen Recht sprechen, ihre Streitigkeiten durch gesprochene Urtheile schlichten. Ein Urtheil in einer Sache sprechen, wo man auch elliptisch sagt, in einer Sache sprechen. Den Segen sprechen, ihn mit deutlicher Stimme hersagen. Das Tischgebet, das Vater Unser sprechen. Im Oberdeutschen sagt man auch Reime sprechen, Sprüche sprechen, Reime, oder gereimte Sprüche mit deutlicher Stimme hersagen, Siehe Spruchsprecher. In weiterer und figürlicher Bedeutung in der höhern Schreibart. Der unbeseelte Thon sprach in das Aug Entzücken, Zachar.


Sey mir gesegnet, Stimme meines Heils,

Die neuen Trost in meine Seele spricht,

Gieseke.


So auch das Sprechen. S. auch die Sprache. In einigen Zusammensetzungen, z.B. Heiligsprechung ist auch das Verbale auf ung üblich.

Anm. Schon im Isidor, Kero u.s.f. sprehhan, im Nieders. spreken, im Angels. sprecan, im Schwed. språka. Daß dieses Zeitwort mit brechen verwandt ist, haben schon Frisch und andere erkannt, nur haben sie diese Verwandtschaft nicht aus dem rechten Lichte angesehen. Sprechen und brechen sind nur in so fern verwandt, als beyde ursprünglich Onomatopöien eines ähnlichen Lautes sind, der in dem ersten durch das intensive s verstärket worden. Ohne dieses intensive s ist im Ottfried anabrechon, anrufen, woraus denn erhellet, daß das Nieders. prachern, betteln, unser fragen, die Lat. precari, Praeco, Preces, das Hebr. ברך, loben, das Schwed. vräka, erzählen, verkündigen, und andere mehr, gleichfalls mit zur Verwandtschaft gehören. S. Pracht und Pracher. Nimmt man auch den Blaselaut weg, so kommt auch das veraltete rachon, wovon unser rechnen abstammt, mit in Betrachtung. Eben so ist für brechen in einigen alten Mundarten auch das intensivere sprechen üblich. Mit seinem wristum sind ausgesprochen (ausgebrochen) vnd entsprungen die Itweg, (Abgründe,) in einer alten Übersetzung der Sprüche Salomo, vom Jahre 1400. Im Schwed. ist spricka, spalten. Das Englische to speak und Angels. specan, ist nicht durch Anstoßung des r aus sprechen gebildet, sondern ein eigenes Wort, welches mit dem Angels. Swaeg, der Laut, Schall, und swaegan, tönen, Nieders. schwögen, eintönig und langweilig reden, verwandt ist.

In einigen Oberdeutschen Gegenden gehet dieses Zeitwort regulär; daß ich dießfalls so hart sprechete, in einer Österreichischen Kanzelleyschrift. In andern hat man für sprechen das gleichfalls[231] reguläre sprachen, welches sowohl für sprechen überhaupt, als besonders für vertraulich sprechen, schwatzen, üblich ist.


Das ein Esel hat gespracht, warum wundert man sich doch?

Geh aufs Dorf, geh auf den Markt, o sie reden heute noch,

Logau.


Quelle:
Adelung, Grammatisch-kritisches Wörterbuch der Hochdeutschen Mundart, Band 4. Leipzig 1801, S. 229-232.
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Faksimiles:
229 | 230 | 231 | 232
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