Todt

[615] Todt, -er -ste, adj. et adv. welche Grade doch nur in einigen der figürlichen Bedeutungen üblich sind, dagegen in der eigentlichen die Natur der Sache sie nicht verstattet; des Lebens beraubt, gestorben.

1. Im eigentlichsten Verstande, des natürlichen oder thierischen Lebens beraubt, von Körpern, welche mit demselben begabt werden; im Gegensatze des lebendig. Todt seyn, halb todt seyn, noch nicht ganz todt seyn, völlig todt seyn. Ein todter Körper, ein todter Leichnam. Ein todtes Thier. Man sagt ihn todt, man sagt, daß er gestorben, nicht mehr am Leben sey.


Es sagte ohne alle Gnade

Die ganze Stadt Nigrinen todt,

Less.


Todt niederfallen. Sich todt fallen. Hingegen sagt man in andern Fällen nicht sich todt arbeiten, sich todt trinken, u.s.f. sondern sich zu Tode arbeiten, zu Tode trinken. Sich todt lachen und zu Tode lachen, sich todt grämen und zu Tode grämen, sich todt hungern und zu Tode hungern, sind bey nahe gleich üblich, obgleich der Gebrauch des Beywortes der Sprache des gemeinen Umganges am gewöhnlichsten ist. Jemanden todt schlagen, stechen, schießen u.s.f. wofür doch die mit er zusammen gesetzten Zeitwörter edler sind, wenn man ihrer anders hat; jemanden erschlagen, erstechen, erschießen, erhenken, erwürgen. Todt schlagen und zu Tode schlagen, sind auch noch verschieden; ersteres bedeutet mit einem oder wenigen tödlichen Schlägen des Lebens berauben, letzteres aber so lange schlagen, bis man stirbt. Todt machen, im gemeinen Leben, gewaltsam tödten, besonders von Thieren und Insecten. Ingleichen, als ein Hauptwort, ein Todter, eine gestorbene Person, welche in Absicht des Begräbnisses eine Leiche heißt. Dieses Hauptwort wird nur von verstorbenen Menschen gebraucht, da es denn als ein Masculinum von beyden Geschlechtern üblich ist. Einen Todten im Hause haben, eine vor kurzem gestorbene Person. Einen Todten begraben. Einen Todten wieder ausgraben. Wenn die eigennützige Schmeicheley ein prächtiges Denkmahl über die Gebeine des vergessenen Todten aufrichtet. Von den Todten auferstehen, eine biblische nach dem Griechischen gebildete R.A.[615] Von dem Tode auferstehen, ist der Analogie der Deutschen Sprache angemessener.

2. Figürlich, wo es theils dem lebendig, theils dem lebhaft in ihren figürlichen Bedeutungen entgegen gesetzet wird. (1) In der Theologie ist geistlich todt, des geistlichen Lebens beraubt, und darin gegründet. Todt in Sünden seyn. Todte Werke, sündliche Handlungen. (2) Des vegetabilischen Lebens beraubt. Ein todter Baum, ein abgestorbener, vertrockneter. In einem etwas andern Verstande hat man auch todtes Fleisch in den Wunden. (3) Zuweilen wird es auch von Dingen gebraucht, welche kein eigentliches Leben haben können, für leblos. Ein todtes Bild, ein todtes Holz. (4) In einem andern Verstande wird im Forstwesen das Nadelholz todtes Holz genannt, weil es, wenn es einmahl abgetrieben worden, aus dem Stamme und den Wurzeln nicht wieder ausschlägt; im Gegensatze des lebendigen oder Laubholzes. (5) Eine todte Befriedigung, welche aus einer Mauer, einem Zaune, einer Planke u.s.f. bestehet, im Gegensatze einer lebendigen, d.i. einer Hecke. (6) Eine todte Sprache, welche nicht mehr die gewöhnliche Sprache einer ganzen Völkerschaft ist, wie z.B. die Hebräische, Alt-Griechische, Lateinische u.s.f. im Gegensatze einer lebendigen. (7) Das wahre Rothe Todte, im Bergbaue, eine röthliche völlig taube Erd- oder Steinart, welche die Grundlage der Flötzgebirge ist, und den ursprünglichen Boden ausmacht, auf welchem sich die Schichten der Flötzgebirge angesetzt haben. (8) Die todte Hand, in dem Deutschen Staats- und bürgerlichen Rechte, ein Nahme immer fortdauernder Stiftungen und Anstalten, doch nur in Rücksicht auf die unbeweglichen Güter, welche sie besitzen, und ohne Plural; im mittlern Lat. Manus mortua. Etwas an die todte Hand verkaufen, an eine Kirche oder an ein Kloster. Vermittelst dieses Ausdruckes werden dergleichen Anstalten lebendigen Personen entgegen gesetzt, weil die an sie veräußerten Grundstücke nie wieder zur Veräußerung oder in Handel und Wandel kommen; folglich für den Staat todt und abgestorben sind, daher der Verkauf zur todten Hand oder an die todte Hand in den meisten Ländern weislich eingeschränket ist. (9) Todte Asche, todte Kohlen, im Gegensatze der glühenden, die man auch wohl lebendige zu nennen pflegt. (10) Eine todte Farbe, eine matte, welche weder Glanz noch Lebhaftigkeit hat; im Gegensatze einer lebhaften. Todte Augen, matte, welche weder Geist noch Leben verkündigen. (11) Ein todter Ort, wo es sehr stille und einsam ist, im Gegensatze eines lebhaften. Es ist hier sehr todt. Eine todte Gasse. Wie todt ist die Stille! (12) Eine todte Kraft, in der Mechanik, welche keine Bewegung hervor bringet, welche von einer andern in der Ruhe erhalten wird; zum Unterschiede von der lebendigen. (13) Eine todte Erkenntniß, todte Wissenschaft, welche keinen Einfluß auf den Willen hat. Ein todter Glaube, welcher sich nicht durch Werke thätig beweiset. Beydes im Gegensatze des lebendig. (14) Ungültig, unkräftig, nur noch zuweilen, besonders in den Rechten. Die Handschrift soll todt und ab seyn.

Anm. Bey dem Kero tot, bey dem Ottfried dot, im Nieders. dood, im Angels. dead. Es ist das Mittelwort der vergangenen Zeit von dem veralteten noch im Niederdeutschen gangbaren Zeitworte toden, doden, sterben, so daß es aus todet zusammen gezogen ist, und eigentlich gestorben bedeutet; woraus zugleich die Richtigkeit des dt erhellet. Da dieses Zeitwort ehedem auch toen, Nieders. doen, lautete, so läßt sich auch die alte Schreibart tot, für toet rechtfertigen. Die Zusammensetzungen mit diesem Worte werden mit den, wo das Hauptwort Tod die erste Stelle einnimmt, nicht bloß im gemeinen Leben, sondern selbst von Sprachlehrern häufig verwechselt, obgleich nur wenig Aufmerksamkeit nöthig ist,[616] die wahre Schreibart zu finden. S. Todfeind, Todkrank, Tödlich, Todschlag.

Quelle:
Adelung, Grammatisch-kritisches Wörterbuch der Hochdeutschen Mundart, Band 4. Leipzig 1801, S. 615-617.
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